S.T. Coleridge und W. Gladstone: Was Briten im 19. Jahrhundert schon über das Böckenförde-Diktum wussten

Unter Ideengeschichtlern ist es eine gern geübte, aber auch etwas belächelte Praxis, auf Vorläufer und Vor-Vorläufer von zu einem bestimmten Zeitpunkt formulierten Gedanken, Ideen und Begriffe zu verweisen. Dies geschieht entweder aus einem archäologischen Interesse oder aus einem polemischen Interesse heraus. Der Polemiker verweist auf ideengeschichtliche Vorläufer und Vor-Vorläufer, um jede Neuheit und Originalität eines Gedankens zu bestreiten. Der Archäologe interessiert sich – als kühler Analytiker, der er ist – für die diversen, aufeinander ruhenden „Zeitschichten“ (R. Koselleck), die unter den heutigen Ideengebäuden verborgen liegen.

Ob ich nun aus archäologischem oder polemischen Interesse heraus vor kurzem Hans Maier als Vorläufer von Jürgen Habermas identifizierte sei dahingestellt. Auf jeden Fall halte ich die Praxis, nach der Geschichte einer Idee oder eines Begriffs zu forschen, für unverzichtbar. Denn durch sie kann man Heutiges besser verstehen, kritisch durchleuchten und in einen größeren Diskussionszusammenhang einordnen. So möchte ich an dieser Stelle auf eine weitere verschüttete Traditionslinie innerhalb der religionspolitischen Debatte hinweisen.

Das sogenannte Böckenförde-Diktum ist wohl eines der wenigen Zitate der jüngeren bundesdeutschen Ideengeschichte, das mit einem eigenen Eintrag bei Wikipedia glänzen kann. Diesem Eintrag entnehme ich folgenden Hinweis auf die Originalquelle des Diktums des ehemaligen Richters des Bundesverfassungsgerichts Ernst Wolfgang Böckenförde:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“ (Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.)

Dieses Diktum mag nun zahllose Vorläufer haben, von denen ich nichts weiß. Denn all jene, die in der Vergangenheit von der Existenz vorpolitischer Grundlagen für die Politik überzeugt waren, werden auf die eine oder andere Weise das Diktum ausgesprochen haben bzw. im Sinne des Diktums sich ausgedrückt haben. Zu diesen Vorläufern gehören auf jeden Fall, und das möchte ich hier festhalten, auch zwei Briten aus dem vorvergangenen Jahrhundert.

Die erste Hälfte des 19. Jahrhundert war in Großbritannien – v.a. in England – geprägt von heftigen religionspolitischen Debatten. Zum einen ging es um die Verflechtung von anglikanischer Kirche mit dem Staat und die daraus erwachsene Exklusivität des anglikanischen Bekenntnisses im öffentlichen Leben. Katholische oder freikirchlich-protestantische Stimmen wurden regelrecht marginalisiert, drangen aber immer mehr darauf, gehört zu werden und einen gesetzlich abgesicherten Status zu erhalten, u.a. im Parlament und an den Universitäten. Gleichzeitig drangen, zum zweiten, aufklärerische/politisch-liberale Kräfte darauf, die Kirche generell vom Staat zu trennen, um jeglichen konfessionellem Grabenkämpfen den Boden zu entziehen und für eine säkularistische Staatsverfassung zu sorgen.

In diese Situation hinein fallen zwei wichtige religionspolitische Publikationen anglikanischer Autoren. Die eine stammt von dem Poeten S.T. Coleridge und heißt „On the constitution of the church and state according to the idea of each with aid toward a right judgment on the late catholic bill“. Sie stammt aus dem Jahr 1830. Die zweite Schrift wurde 1838 veröffentlicht und hat als Autor den späteren Premierminister W. Gladstone: „The state in its relations with the church“. Beide Schriften sind eher staatstragend, d.h. konservativ und verteidigen das religionspolitische und staatskirchliche Arrangement in Großbritannien. Ihre Strategie der Verteidigung ähnelt sehr dem ein Jahrhundert später formulierten Satz des deutschen Verfassungsrichters.

Bei dem idealistisch angehauchten S.T. Coleridge klingt das Böckenförde-Diktum folgendermaßen:

 „The Christian Church is not a Kingdom, Realm, or State of the World; but it is the appointed Opposite to them all, collectively – the sustaining, correcting, befriending Opposite of the world! the compensating counterforce to the inherent and inevitable evils and defects of the State (…), it completes and strengthens the edifice of the state, without interference or commixture, in the mere act of laying and securing its own foundations.“ (Ausgabe von 1830, 132ff.)

Bei dem eher politisch denkenden W. Gladstone klingt es so:

„The union 〈of church and state, BC〉 is to the church a matter of secondary importance. Her foundations are on the holy hills. Her charter is legibly divine. (…) But the state, in rejecting her, would actively violate its most solemn duty, and would, if the theory of the connection be sound, entail upon itself a curse. We know of no effectual preservative principle except religion.“ (Ausgabe von 1838, 4)

Als Strategie ihrer Verteidigung wählen Coleridge und Gladstone einen Weg, den auch im 21. Jahrhundert – nun unter der Zuhilfenahme des Böckenförde-Diktums – viele Menschen in Deutschland gehen, zuletzt bei den Diskussionen um einen Gottesbezug in der Landesverfassung für Schleswig-Holstein: Es gibt vorpolitische Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, an welchen der Staat bzw. die Politik nicht rütteln darf. Coleridge und Gladstone sprechen in diesem Zusammenhang von „Christian Church“ bzw. „religion“. Böckenförde umschreibt diese vorpolitischen Voraussetzungen  mit den funktionalen Äquivalenten „moralische Substanz“, „Homogenität“ und „Regulierung“. Letztlich – und das haben Coleridge, Gladstone und Böckenförde gemeinsam – geht es bei den vorpolitischen Voraussetzungen um die Grenzen des politisch Mach- und Steuerbaren. Und es geht um das, was aus der Sicht transzendenzsensibler Menschen jenseits dieser Grenzen liegt: das Sittengesetz (vgl. Art. 2,1 Grundgesetz), das Naturrecht, oder eben „Gott“.

Die Entscheidung, ob man solche vorpolitische Grundlagen für die Politik normativ für geboten hält, hat mit Ideengeschichte freilich nicht mehr viel zu tun. Das Durchleuchten der Ideengeschichte kann aber dabei helfen, das fast unerschöpfliche Argumentationsreservoir für das Für und Wider in den heutigen religionspolitischen Debatten zu erschließen.

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