Über den Séis oder: Weshalb ein gälischer Predigtgesang Gründe gegen die schottische Unabhängigkeit liefert.

In Schottland steht die Volksabstimmung für oder gegen eine Unabhängigkeit vom Rest des Vereinigten Königreichs unmittelbar bevor. Am 18. September 2014 ist es soweit. Ich habe eine klare, vielleicht zu klare Meinung in dieser Angelegenheit: Das Streben nach der Unabhängigkeit Schottlands ist ein ungleichzeitiger Nachzügler des Nationalismus‘ des 20. Jahrhunderts und als solches reichlich überflüssig. Wie komme ich zu dieser pointierten Meinung?

Es sind nicht vorrangig die wirtschaftlichen und konstitutionellen Gründe, die in vielen Kommentaren genannt werden, die mich bewegen, gegen Schottlands Unabhängigkeit zu sein. Ich glaube auch, dass sich viele Menschen nicht von diesen eminent wichtigen, letztlich aber reichlich kühlen und rationalen Gründen von einem Streben nach Unabhängigkeit abbringen lassen. Vielmehr sind es kulturelle Gründe, welche am kommenden Donnerstag über das „Yes“ und das „No, thanks“ entscheiden werden: eine jahrelang Aversion gegen „den“ reichen Süden; eine sozialdemokratische Grundgesinnung vieler Schotten gegenüber des (süd-)englischen Standesbewusstseins; die puritanische Grundsignatur in weiten Teilen der schottischen Gesellschaft.

Diese kulturellen Gründe, die sich hervorragend emotionalisieren und politisieren lassen, müssten bei Lichte betrachtet aber auch nicht zur Unabhängigkeit bewegen. Denn Großbritannien ist mittlerweile kein Land mehr unterschiedlicher Nationen, sondern ein Land unterschiedlicher Regionen. Nordengland steht dem Süden Schottlands näher als dem Süden Englands. Und die schottische Hauptstadt Edinburgh hat kulturell mehr mit einer beliebigen Großstadt in England gemein als mit den Orkney-Inseln.

Eine ganz und gar eigene Region im ganzen Vereinigten Königreich sind die Äußeren Hebriden bzw. Western Isles. Es sind vor allem zwei Punkte, in welchen sich – aus meiner Sicht – die Äußeren Hebriden vom Rest der Insel unterscheiden: das häufige Vorkommen der gälischen Sprache und die Prädominanz der „Wee Frees“ – der kleinen und kleinsten puritanischen Freikirchen. Gälische Sprache und strenger Puritanismus verbinden sich zu einer mitunter – aus der Sicht eines Außenseiters – exotisch anmutenden kulturellen Melange. Zum Beispiel begegnete mir auf den Äußeren Hebriden (genauer gesagt auf der Insel Lewis, die den gälischen Namen Leodhas trägt) ein Phänomen, das mir sonst nirgends in Schottland begegnet ist: der séis.

Beim séis (wörtlich: „Luft“) handelt es sich um eine bestimmte liturgische Intonation des Predigers, die in puritanischen Gottesdiensten gälischer Sprache vorzufinden ist und dessen Zeuge ich selber des Öfteren wurde. Vor einigen Jahren schrieb ich in einem Artikel für die kleine schottische Heimatzeitschrift Criomagan folgenden Abschnitt über dieses Phänomen:

„On the spiritual side, people refer to the séis as the work of the Holy Spirit in the preacher. On a more linguistic note, one might characterise it as a gradual rising and compressing of the pitch which focuses the full attention of the congregation towards the preacher speaking with the séis. The person employing it would treat the subject of his sermon in a rather circular manner, repeating whole sentences, leaving an issue unfinished and coming back to it again at a later stage. Important words or word-clusters would be elongated and considerable pauses implemented. Although the séis was more used in older days, maybe also because of regular outside gatherings, it may still be heard today, and is exclusively used in Gaelic services. It also seems to have some influence on how people pray publicly during the service, esp. in Gaelic but in parts also in English. Writing about the prayers of late Angus Morrisson, a local of Dail bho Thuath, one author asserts that he ‚had a remarkable gift of prayer. (…) His prayers were often passionate pleadings, in which his face bore a tense expression, sometimes outpourings of gratitude, when his face shone. (…) The passion that swept through them, the rich vocabulary that expressed them, and the freedom with which they came pouring forth gave them an air of wonder. Every word was as clear as if fresh-minted, and withal he carried the congregation up to the gates of Heaven‘ (N. MacFarlane: The ‚Men‘ of the Lews, Stornoway, 1924: 179f).“

Weshalb schreibe ich über ein so obskures Phänomen wie den séis, wenn doch viel gewichtigere Gründe dafür sprechen, dass Schottland auch weiterhin ein Teil des Vereinigten Königreichs sein sollte? Weil dieses Phänomen eben auf für mich einleuchtende Weise herausstellt, dass die kulturellen Unterschiede in Großbritannien nicht nationaler, sondern regionaler Natur sind. Der séis (wie auch das ebenso distinkte gälische Singen der Psalmen) ist mir nur auf den Äußeren Hebriden begegnet und nicht anderswo, was auch daran liegt, dass bis auf wenige Ausnahmen nur auf den Äußeren Hebriden Gottesdienste in gälischer Sprache gefeiert werden. Einem lowland-Schotten in Edinburgh oder Glasgow wird der séis genau so fremd anmuten wie einem Engländer aus Surrey oder Cornwall.

Es sind solche religiösen, sprachlichen und kulturellen Gründe, welche den unterschiedlichen Regionen Großbritanniens ihre Eigenart geben. Aber eben nicht einer politischen, ’nationalen‘ Einheit wie Schottland (oder Wales oder Nordirland) als solchem. Wohl auch deshalb haben sich die schottischen Inseln der Shetlands, Orkneys und Äußeren Hebriden im Falle einer Unabhängigkeit eine größere Autonomie vom schottischen Festland versprechen lassen. Nach einem eigenen Staat hat dort aber noch keiner ernsthaft gerufen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Über den Séis oder: Weshalb ein gälischer Predigtgesang Gründe gegen die schottische Unabhängigkeit liefert.

  1. Pingback: Über den Séis oder: Weshalb ein gälischer Predigtgesang Gründe gegen die schottische Unabhängigkeit liefert. | Rotsinn | theolounge.de

  2. Inclusion Acts und Scotland Referendum
    Das Schottland Referendum sehe ich auch unter einer tieferliegenden geschichtlichen Perspektive.
    Die Highlands waren ursprünglich von kleinen Farmen bevölkert, die Anfang 19. Jahrhundert in der frühen Viktorianischen Ära, durch Gesetz enteignet wurden (Enclosure Acts). Sie fielen an Großgrundbesitzer, die dann die Häuser vorläufig an ihre ehemaligen Besitzer „verliehen“.
    Konnten die Kleinbauern die Miete nicht bezahlen, wurde das Haus zugesperrt. Die armen Bauern gingen dann in Städte und wurden zu Proletariern. Die Grundbesitzer häuften Kapital an und konnten auch Industrien finanzieren, Der „freie Markt“ wurde so künstlich per Gesetz erschaffen. Ich kann verstehen dass die Schotten unabhängig werden wollen, und dass viele Sozialdemokraten sind. Aber wichtig ist, dass sie selbst bestimmen dürfen. Wenn sie für das Vereinigte Königreich stimmen, kann ich es auch verstehen, denn in Zeiten wie diesen ist Zusammenhalt wichtig. Aber dann erwarte ich mir von David Cameron dass er die Geschichte der
    Enclosure Acts aufarbeitet, für Schottland, Irland und auch für die enteigneten Kleinbauern in England die ebenfalls von den Enclosure Acts betroffen waren.
    Elisabeth Vondrous

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s