Von der Struktur des Glaubens. Über ein ekklesiologisches Missverständnis.

In der katholischen Kirche wird viel über Reformen gesprochen. Diese seien notwendig, überfällig und müssten um der Zukunft der Kirche willen zügig erfolgen meinen die einen. Diese seien eine Anbiederung an die moderne Welt und hätten zu unterbleiben meinen die anderen. Dabei geht es neben den üblichen Fragen (Zölibat, Frauen & Weiheamt usw.) auch öfters um institutionelle Themen wie zum Beispiel ein größeres Mitspracherecht für Laien in der kirchlichen Entscheidungsfindung.

Wer die Diskussion verfolgt, dem fällt auf, dass sich an verschiedenen Stellen lehramtliche, d.h. bischöfliche Stimmen melden, die stets ein ähnlich lautendes Argument anführen: Nicht institutionelle Reformen habe die Kirche vorrangig nötig, sondern eine Vertiefung des Glaubens. Gerade angesichts einer offenbaren Glaubenskrise in den westlichen Gesellschaften, habe die Kirche die Aufgabe, (neu) zu evangelisieren und nicht in Strukturdebatten zu verfallen. Spiritualität vor Strukturen heißt die Devise.

Folgendes Zitat aus einer Rede von Walter Kardinal Kasper aus dem ersten Quartal 2014 möchte ich zur Illustration anführen:

„Es wäre freilich falsch, allein die institutionelle Krise zu sehen und zu meinen, alles sei nun nur eine Frage der Reform der Kurie und der Strukturen in der Kirche. Diese in Deutschland verbreitete Ansicht ist keine Lösungsansatz, sondern im Gegenteil selbst ein Aspekt der Krise. Denn wer meint, es läge alles nur an Strukturen und es gehe vor allem darum, die Strukturen zu verändern, der weiß nicht mehr, was Kirche ist und wie Kirche ‚geht‘. Die eigentlich Krise ist der Mangel an Glaubenskraft und an Glaubensfreude wie der Mangel an missionarischem Elan.“ (Kasper, Walter 2014: Ein Jahr Pontifikat Papst Franziskus, in: zur debatte. Themen der Katholischen Akademie Bayern, Nr. 3/2014, S. 2.)

Es ist richtig mit Blick auf das Leben und den inneren Auftrag der Kirche den Glauben und dessen Verkündigung nicht den institutionellen Strukturfragen unterzuordnen. Im Selbstverständnis der Kirche haben die Strukturen dem Glauben und dessen Verkündigung zu dienen und nicht umgekehrt. Doch gerade aus der Sicht einer katholischen Ekklesiologie, d.h. Kirchentheorie, ist es nicht möglich Form und Inhalt, Struktur und Glaube gegenseitig auszuspielen bzw. voneinander zu entkoppeln. Denn eine systematische Verbindung der jeweiligen Ebenen macht ja gerade die spezifisch katholische Lehre von der Kirche aus: dass die sichtbaren Strukturen – samt den Personen, welche jene Strukturen mit Leben erfüllen  – mit Sinn und Bedeutung aufgeladen sind. Diese Strukturen sind nicht kontingenter Natur und für den Glaubensvollzug der Menschen irrelevant. Nicht nur, dass sich der Glaube in diesen Strukturen auslebt. Im katholischen Verständnis ist der Glaube – im Diesseits – ohne diese Strukturen nicht denkbar.

So spricht – um ein Beispiel zu nennen – das „Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche“ aus dem Jahr 1965 von einer „heiligen Hierarchie“ (Ad Gentes § 5), welche das Gerüst der Kirche als Institution ausmacht. Diese Hierarchie drückt sich in unterschiedlichen Ämtern und Charismen aus und wird in der katholischen Ekklesiologie aus der Heiligen Schrift und der Tradition abgeleitet. Ohne Rückwirkungen auf die Glaubenspraxis lässt sie sich nicht beliebig verändern. Die Institutionen sind „heilig“ in dem Sinne, dass sie nicht nur funktionaler Natur sind, sondern theologisch begründet und spirituell gewollt sind.

Wer nun behauptet, dass Glaubens- und Strukturfragen voneinander zu trennen seien, der macht sich – eine Ironie – für eine eher protestantische Ekklesiologie innerhalb der katholischen Kirche stark. Denn in dieser wird schon lange zwischen einer sichtbaren und einer unsichtbaren Kirche unterschieden. Karl-Heinz Menke spricht in aller Deutlichkeit von einer „Dissoziation von unsichtbarer und sichtbarer Kirche“ in der lutherischen Theologie (in: Sakramentalität. Wesen und Wunde des Katholizismus, Regensburg, 2012, 144). Diese beiden Ebenen sind dabei nur lose miteinander verbunden, auf keinen Fall aber systematisch, vielleicht sogar heilstheologisch (extra ecclesiam nulla salus) verkoppelt. Veränderungen an der Struktur können jederzeit vorgenommen werden ohne theologische Reibungsverluste befürchten zu müssen; was nicht heißt, dass auf einer phänomenologischen Ebene institutionelle Reformen in den protestantischen Kirchen durchaus auch Auswirkungen auf die Praxis des Glaubens haben können.

Für die katholische Ekklesiologie sollte sich ein abschätziger Umgang mit Forderungen nach Strukturreformen eigentlich ausschließen. Dafür steht schon theologisch zu viel auf dem Spiel, für konservativ wie auch für liberal gesinnte Zeitgenossen. Der Sinn und die Bedeutung der Institution „katholische Kirche“ drückt sich eben auch in ihren Strukturen aus. Diese sind eine wichtige Facette der sogenannten „Sakramentalität der Kirche“ (vgl. Menke a.a.O. 126ff.). Strukturdebatten sind folglich immer auch Glaubensdebatten.

Und ein demokratietheoretischer Nachtrag:

Es lässt sich natürlich fragen, ob die Institutionen der (katholischen) Kirche ihrem Sinn- und Bedeutungsgehalt nach wirklich singulär sind. Ich zweifle nämlich an, dass staatliche Institutionen einen rein funktionalen Charakter haben. Ein Parlament, zum Beispiel, muss sich freilich daran messen lassen, was es leistet und an Gesetzgebung vollbringt. Doch der Sinn einer Volksvertretung erschöpft sich nicht in dieser legislativen Funktion. Sie hat vielmehr noch einen Wert an sich: In ihr wird das Volk vertreten und kann – wenn auch nur repräsentativ und nicht imperativ – an der kollektiven Entscheidungsfindung teilhaben. Jenseits aller funktionalen Möglichkeiten bringt das demokratisch gewählte Parlament damit das geäußerte Selbstbewusstsein eines Volkes zur Darstellung.

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3 Gedanken zu “Von der Struktur des Glaubens. Über ein ekklesiologisches Missverständnis.

  1. Das ist mir schon klar, aber jeder denkende besitzt das Potential für Fortschritte.
    „Die menschliche Existenz…[…]…lassen sich nicht auf Verstand & Vernunft beschränken.“
    Bitte geben Sie mir etwas geistigen Kredit: Selbstverständlich ist die Natur die größte Komponente. Für seine Leben ist jedoch der Einzelne verantwortlich.

  2. Diese Debatten lenken von dem Wichtigsten ab. Der Mensch braucht mehr Vernunft und weniger Glauben. Sämtliche staatlichen Unterstützungen – oder Verbindungen – sollten aufhören. Die Kirchen können als private Klubs weitermachen, wie die Freimaurer oder Rotarier, und sich nicht in gesellschaftliche oder gar private Belange einmischen und so tun, als gäbe es neben dem Verstand einen parallelen Weg zum Handeln.

    • Sie können sich denken: Ich teile Ihre Meinung nicht. Die menschliche Existenz und das gesellschaftliche Zusammenleben lassen sich nicht auf Verstand & Vernunft beschränken. Das ist reduktionistisch.

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