Ideengeschichte – mehr als Selbstvergewisserung

„Ideengeschichte dient der Vergewisserung der eigenen Herkunft.“

So schreibt es Hans Michael Heinig in der heutigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4. August 2014, S. 6). Heinig schreibt weiter:

„Deshalb ist es sinnvoll, wenn sich die Bürger eines freiheitlichen Verfassungsstaates der theologischen Stränge seiner Entwicklungsgeschichte erinnern. Jedoch sollten die Kirchen davon Abstand nehmen, in das Grundgesetz eine ‚jüdisch-christliche Leitkultur‘ hineinzulesen. Sie verfehlten die Pointe demokratischer Selbstverständigung moderner Gesellschaften.“ (ebd.)

Zu den religionspolitischen Vorschlägen, die Heinig in seinem Artikel mit Bezug auf die Bundesrepublik macht, werde ich hier keine Stellung nehmen. Doch den eingangs zitierten Satz möchte ich nicht unkommentiert lassen.

Ideengeschichte mag durchaus zur Vergewisserung der eigenen Herkunft beitragen. Aber im Fortlauf seines Zitates deutet Heinig selbst schon eine zweite Dimension von Ideengeschichte an, benennt sie aber nicht eigens. Diese steht im scheinbaren Widerspruch zur Selbstvergewisserung. Denn: Ideengeschichte verunsichert und stellt Selbstverständlichkeiten in Frage. Durch den Rekurs auf Quellen und die analytische Untersuchung vermeintlich mythologischer Ursprünge betreibt Ideengeschichte Kritik an den Strategien unkritischer Selbstvergewisserung. Sie gibt sich gegenüber sicheren Trutzburgen der Identitätsfindung kühl und gelassen, zersägt sie, wenn es sein muss, Stück für Stück. So legt Ideengeschichte die Kontingenz der eigenen Identität – kollektiv wie individuell – offen.

Hierzu ein passendes Zitat aus einer Schrift von Rowan Williams:

„Good historical writing (…) is writing that constructs that sense of who we are by a real engagement with the strangeness of the past, that establishes my or our identity now as bound up with a whole range of things that are not easy for me or us, not obvious or native to the world we think we inhabit, yet which have to be recognised in their solid reality as both different from us and part of us.“

(aus: Rowan Williams: Why Study the Past. The Quest for the Historical Church, London, 2005, 23f.).

 

 

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