Die Fortdauer des Heidentums – eine Randnotiz aus Niedersachsen

Schon gelegentlich vertrat ich hier folgende Hypothese:

Das Heidentum –  nicht despiktierlich, sondern beschreibend gemeint – wurde seit dem Frühmittelalter bis in die Neuzeit hinein in weiten Teilen Europas durch das Christentum nicht verdrängt, sondern nur überlagert. Zuletzt am 17. Oktober 2013 schrieb ich, „daß sich auch nach der Christianisierung Europas weite Teile der Bevölkerung zu Glaubensinhalten heidnischen Ursprungs bekannten, und dies für ein sehr lange Zeit. Christliche und heidnische Glaubensinhalte und Ausdrucksformen hatten sich vermischt, so daß zu Beginn der Neuzeit keineswegs von einem durch und durch christlichen Europa gesprochen werden kann.“

Nun finde ich einen weiteren Beleg für diese Hypothese. In seiner „Geschichte Niedersachsens“ in der Reihe „Wissen“ vom C.H. Beck Verlag aus dem Jahr 2009 schreibt der Historiker Carl-Hans Hauptmeyer über die Missionierungsbemühungen auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsens im 9. Jahrhundert: „Wichtig für die fränkische Herrschaft war, die sächsischen Führungsgruppen durch das Bekenntnis zu dem einen Gott und die anschließende Taufe für das Christentum zu gewinnen. Das traditionelle germanische Gefolgschaftswesen half sodann, diese Mission weiterzuführen, ohne dass damit eine Verbreitung des Christentums als gelebte Lehre gewährleistet wurde. Ein dichtes Netz von Pfarrkirchen ist in Niedersachsen erst nach 1300 belegbar“ (19).

Die massenweise Taufe von Heiden, die in der Zeit der ersten Missionierung Mitteleuropas die Regel war,  war nicht Zeichen eines inneren Sinneswandels der einzelnen Menschen, sondern die Folgeerscheinung der Taufe von Stammesoberen. Und auch deren Taufe war bei weitem nicht nur eine Überzeugungstat, sondern oftmals auch politisch motiviert. Religiöser Glaube war in jener Zeit – ganz im Gegensatz zu heute – nicht die private Überzeugungstat von Individuen, sondern konstitutiv für ein Gemeinwesen: für dessen Ordnung, Einheit und Fortbestehen. Das wichtige an dem eigenen Bekenntnis zu einer Religion war der damit ausgedrückte Gemeinschaftssinn. Die individuelle Überzeugung war sekundär. Dies sollte bis in die Neuzeit hinein auch so bleiben.

Doch was heißt das, wenn bis weit in das hohe Mittelalter hinein, gewöhnliche Menschen nur selten mit den Verkündigern und „Virtuosen“ (Max Weber) des Glaubens (Mönchen, Nonnen, Weltgeistlichen) in Kontakt waren? Nichts anderes bedeutet ja Hauptmeyers Hinweis, dass ein Netz von Pfarrkirchen erst nach 1300 belegbar sei. Es ist kaum vorstellbar, dass ohne einen solchen ortsnahen Kontakt zu den Missionaren, der christliche Glaube das alltägliche Leben der Menschen und deren innere Überzeugungen wirklich prägen konnte. Folgt man dieser Spur, so führt dies einen letztlich zu der Schlußfolgerung: Die Menschen in Niedersachsen waren bis ins 13. und 14. Jahrhundert (und vielleicht sogar noch länger) nur in formaler Hinsicht Christen, informell blieben sie Heiden bzw. praktizierten ein fast schon postmodernes Gemisch von christlich-heidnischen Frömmigkeitsstilen.

Sollte diese Hypothese zutreffen – und ich bin weiter auf der Suche nach Belegen – dann bekommt der Befund einer schleichenden neuzeitlichen „Entchristlichung“ bzw. Säkularisierung westeuropäischer Gesellschaften Risse. Denn dort, wo das Christentum nie originär verankert war – originär im Sinne einer inneren und alltagsprägenden Überzeugung vieler Menschen – dort läßt sich auch kaum von einer Entchristlichung der Gesellschaft sprechen. Die Menschen entledigten sich nicht des Christentums, sondern der Pflicht, überhaupt eine religiöse Überzeugung und Praxis gleich welchen Ursprungs zu haben.

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2 Gedanken zu “Die Fortdauer des Heidentums – eine Randnotiz aus Niedersachsen

  1. Ein Leser schreibt:
    das ist sehr, sehr interessant. Letztens las ich irgendwo einen Artikel, dessen Autor davon ausging, dass der mittelalterliche Kirchenbesuch vermutlich unter dem heutigen lag, allerhöchstens gleich. Ich bin nicht mehr sicher, um was für einen Aufsatz es sich handelte. Spannend wäre nun in der Tat hier systematisch-theologisch weiterzudenken.

  2. Pingback: Die Fortdauer des Heidentums – eine Randnotiz aus Niedersachsen | Rotsinn | theolounge.de

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