Über pastorale Floskeln

Floskeln in der pastoraltheologischen Sprache der Kirche sind häufig. Viele Floskeln wurzeln in einem gut gemeinten und meist auch theologisch reflektieren Anliegen. Doch wenn man die Floskeln zu häufig nutzt, verbrauchen sie sich, worunter auch das dahinter liegende Anliegen leidet. Und was für Floskeln überhaupt gilt, trifft auch auf pastorale Floskeln zu: Sie ersetzen häufig das Denken.

Was heißt es zum Beispiel, wenn von der Kirche gesagt wird, sie müsse einen „Dialog mit der Welt“ führen? In Zeiten der sog. Neuevangelisierung ist dies eine gern genutzte Wendung. Letztlich stammt dieses Anliegen aus der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils; die Wendung steht für den interessierten Blick von der Kirche nach außen. Doch wer führt hier einen Dialog mit wem? Die Kirche kann als ein Kollektiv und selbst – eine biblische Metapher – als Leib Christi selbst keinen Dialog führen. Schon gar nicht kann dies die Welt als solche. Hier stehen sich zwei abstrakte Einheiten gegenüber, denen – außerhalb der Theologie – nur eine kognitive Wirklichkeit beigemessen werden kann. Und wie kommt man eigentlich dazu, die Kirche als etwas zu verstehen, das – in dieser kognitiven Wirklichkeit – nicht Teil der Welt ist, mit der man meint im Dialog zu stehen?

Oder wie steht es um den Ausdruck, die „Kirche muss auf die Menschen zugehen“? Schon wieder taucht der ominöse Kollektivsingular ‚Kirche‘ auf, von dem gedacht wird, er könne irgend etwas aus sich selbst heraus tun. Dabei ist klar, dass aus handlungstheoretischer Sicht, auch in der Kirche Handlungen nur von Menschen ausgeführt werden. Diese Menschen werden von allerlei Motivationen getrieben, auch geistlichen. Doch es handelt nach außen hin nicht die Kirche an sich. Es handeln die Menschen, die sich als Glied der Kirche verstehen. Wenn Menschen der Kirche im Bewusstsein ihrer Kirchlichkeit mit anderen Menschen sprechen oder mit ihnen auf andere Weise im direkten Austausch stehen, dann geht „Kirche“ auf die Menschen zu. Jenseits dieser persönlichen Ebene ist der Kontakt von Kirche mit Menschen eine Fiktion.

Eine weitere, freilich sehr unscheinbare Floskel ist das in kirchlichen Stellungnahmen oft auftauchende „immer wieder“. In gehäufter Dichte findet es sich in Texten und Reden, die ein besonderes Maß an gutem Willen ausdrücken möchten. So zum Beispiel in der Rede von Walter Kardinal Kasper vor dem Kardinalskonsistorium vom Februar diesen Jahres (erschienen als: Walter Kardinal Kasper 2014: Das Evangelium von der Familie. Die Rede vor dem Konsistorium, Freiburg: Herder). Innerhalb weniger Sätze kommt hier das „immer wieder“ gehäuft vor: Die Familie sei „immer wieder“ von Hartherzigkeit bedroht. Sie müsse daher „immer wieder“ den Weg der Umkehr gehen. Dafür sei ein neues Herz notwendig, das „immer wieder“ neue Herzenbildung verlange. Nachsicht sei „immer wieder“ nötig, „immer wieder“ Zeichen des Wohlwollens. Letztlich: Das Band der Ehe sei „immer wieder“ neu zu festigen (ebd. 41f.).

Das „immer wieder“ ist die pastoraltheologische Formulierung für das heideggerische „je neu“. Beide Wendungen fordern eine nicht nur oberflächliche Veränderung in der Haltung des Adressaten ein. Nicht nur einmal ist etwas zu leisten, sondern in jedem Augenblick, „immer wieder“ ist die neue Haltung zu realisieren und die neu gewonnene Einsicht ins Bewusstsein zu rufen. Hinter der Floskel liegt, wie in den anderen Fällen pastoral-theologischer Floskeln, also durchaus ein berechtigtes Anliegen: Es geht um die Internalisierung einer reifen Menschlichkeit durch die nachhaltige Veränderung von Denken und Handeln. Ist man aber einmal auf das „immer wieder“ als eine gern gebrauchte Wendung aufmerksam geworden, stolpert man über die zwei Worte in (zu) vielen kirchlich-pastoralen Beiträgen. Gleichzeitig erkennt man: Möchte ich das „immer wieder“ verhindern, muss ich einiges an Denkleistung vollbringen, um das damit gemeinte, mit anderen, weniger floskelhaften Worten auszudrücken.

Wer zu viele Floskeln benutzt, der wird irgendwann ignoriert. Vielleicht ist das der Grund, weshalb viele gutgemeinten, pastoralen Texte von einem großen Teil der Öffentlichkeit nicht beachtet werden. Es gilt: Wer gehört werden will, muss immer wieder nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchen …

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