Andreas Sommer und die Ironie in der Ideengeschichte

Vor zwei Jahren schrieb ich an dieser Stelle einen Text über das damals neu erschienene Buch von Andreas Urs Sommer: Lexikon der imaginären philosophischen Werke. Ich bin gelegentlich ein sehr gemächlicher Leser, daher sitze ich noch immer an der Lektüre dieses schönen Buches. Ich bin gerade auf Seite 157, beim Buchstaben K.

Manchmal bin ich sehr dankbar für die Langsamkeit der Lektüre. Denn mit der langsam verfließenden Zeit gehen einem Dinge auf, die beim schnellen Lesen nicht auffallen würden. Sommers Buch über fiktive Werke der philosophischen Ideengeschichte hinterlässt beim langsamen Lesen einen bleibenden Eindruck. Ich frage mich nämlich zunehmend: Was macht die Fiktionalität dieses Lexikons mit mir, dem Leser? Wie viel Selbstverständlichkeit stellt es bei mir in Frage?

Normalerweise suche ich in einem Lexikon schnell zugängliches und zuverlässiges Wissen. Sommers Buch entspricht der Form nach einem Lexikon. Doch was finde ich dort? Ist es schnelles, zuverlässiges Wissen?

In einem der zurückliegenden Beiträge, die ich vor einigen Tagen in dem Lexikon las, ging es um das (fiktionale) Werk ‚Für die Jugend/Pro juventute‘ von Seneca. Sommer zitiert in seinem Artikel eifrig aus dem nicht existenten Buch. Er erläutert dieses Frühwerk des klassischen römischen Philosophen im Zusammenhang mit dessen gesamten Werk. Er setzt es ab von Senecas „späterer Hinwendung zur Stoa“ (155) und stilisiert es geradezu zu einer jugendlichen Polemik gegen die stoische Weltsicht der Alten. Der junge Seneca wird so zum Kritiker seines eigenen Alters.

Der Artikel zu Senecas ‚verschollener‘ Frühschrift ist – wie das gesamte Buch von Sommer – voll von polemischen Spitzen. Mit Hilfe der Fiktion ironisiert Sommer das ‚reale‘ Werk des Römers. So tut er es auch bei vielen anderen Beiträgen: zu Hegel, Kant, Fichte, Schopenhauer, Nietzsche, Schmitt, Heidegger usw.

Mit seiner ironisierenden Vorgehensweise stellt Sommer die Frage nach der Ernsthaftigkeit der Ideengeschichte. Denn wenn man in die Werkbiographie eines Denkers ohne viel Fantasie ein erfundenes Buch einschmuggeln kann, wie wertvoll ist dann der reale Rest des Werkes? Und leistet Sommer mit seinem Buch vielleicht auch selbst einen Beitrag zur Ideengeschichte des Denkens, auch wenn das Lexikon aus nichts anderem als Erfundenem besteht? Letztlich fragt man sich: Wie real ist überhaupt die wirkliche Ideengeschichte? Wie viel frei Erfundenes oder nur marginal Wirkliches hat sich mit der Zeit in die reale Ideengeschichte eingeschlichen?

Ich stelle fest, dass ich Sommers ‚Lexikon der imaginären philosophischen Werke‘ mit einer gewissen inneren Distanz lese. Ich finde die Texte anregend und auch vergnüglich, doch so richtig ernst kann ich sie nicht nehmen. Ich muss mich präzisieren: Den fiktionalen Inhalt der einzelnen Beiträge kann ich nicht ernst nehmen, deren ironisches Potential aber durchaus.

So verstehe ich auch das Buch und seine Intention: Es lässt die Ernsthaftigkeit und manchmal arg bodenschwere Eigentlichkeit vieler ideengeschichtlicher Beiträge ins Leere laufen. Diese Ironie hebt das Denken in eindeutigen Kategorien, Namen, Werken aus den Angeln. Denn es hätte ja auch ganz anders kommen oder geschrieben werden können.

Durch die Lektüre von Sommers Lexikon stellt sich beim Leser eine ironische Distanz zu allem Gedachten ein. Man muss aber nicht das Kinde mit dem Bade ausschütten und an aller Substanz und an jedem Inhalt zu zweifeln beginnen. Mit innerer ironischer Distanz geht man im Anschluss an die Lektüre des Lexikons gerne wieder an die ideengeschichtlichen Quellen zurück. Eine gesunde Mischung aus ironischer Distanz und wissbegieriger Ernsthaftigkeit stellt sich dann fast von alleine ein.

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