Wahrheitsliebe in der Politik. Eine Collage.

Ich denke an den Politiker in einer pluralen Gesellschaft und einer parlamentarischen Demokratie. Ich denke an den Politiker, der Menschen repräsentiert, die auch in den grundlegenden Fragen nicht einer Meinung sind. Die sich aber darauf einigen können, daß ein bestimmter Mensch für ihre Interessen und Ansichten in der Volksvertretung einstehen soll. So unterschiedlich sie auch seien. Ich denke an den Politiker, der sich in seiner Ausübung der Repräsentation aber nicht an ausformulierte Vorgaben halten muß. Der nicht unter einem imperativen Mandat handelt. Es geht also um den Politiker, der seine Verantwortung für die Bürger nur dadurch verwirklichen kann, indem er im freien Spiel der Mächte Entscheidungen trifft, die er vor seinem Wahlkreis und vor seinem eigenen Gewissen verantworten muss.

Und natürlich denke ich auch an sie, die wahrheitsliebende Politikerin.

Der wahrheitsliebende Politiker entdeckt sein Gewissen. Er ist nicht so sehr einer theoretischen bzw. erkenntnismäßigen Wahrheit verpflichtet, einer Wahrheit, die sich als Angleichung zwischen den Dingen auf der einen und dem Verstand auf der anderen Seite versteht, wie es unter anderem Thomas von Aquin formulierte. Der wahrheitsliebende Politiker ist einer praktischen Wahrheit verpflichtet, einer Wahrheit, die Gewissen und Handeln miteinander in Übereinstimmung bringen möchte.
Es mag sein, daß Politik und Wahrheit in der modernen Gesellschaft keine Freundschaft miteinander eingehen (sollen). Davon sprechen auf jeden Fall zeitgenössische politikwissenschaftliche Stimmen. Tine Stein formuliert: „Wahrheit ist keine Kategorie, die in den Zuständigkeitsbereich der Politik fällt.“ (Stein, Tine 2009: Die Bergpredigt als das ganz Andere der – modernen – Politik, in: Zeitschrift für Neues Testament, Jg. 12 Nr. 24, S. 50). Ebenso klar äußerte sich Michael Th. Greven, der von einer notwendigen „Entkopplung von Wahrheit und Politik“ spricht (Greven, Michael Th. 2000: Kontingenz und Dezision. Beiträge zur Analyse der politischen Gesellschaft, Opladen: Leske & Budrich, S. 61).

Diese Entkopplung bedeutet aber noch lange nicht, daß einzelne und wahrscheinlich gar nicht wenige Politiker sich andauernd Wahrheitsfragen stellen. Für die Politik mag die Wahrheit keine relevante Größe sein. Für Politiker, die sich über ihre Verantwortung klar werden möchten, ist es selbstverständlich eine relevante Größe. Denn welcher Mensch möchte von sich sagen, daß ihn die Wahrheit nicht interessiere? Daß sie sein Handeln nicht anleiten möge? Schwierigkeiten entstehen erst dort, wo die Wahrheit ausformuliert werden soll. Schwierigkeiten entstehen dort, wo sie konkret wird. In der Situation.

Der wahrheitsliebende Politiker handelt in Situationen. Er handelt konkret. Für ihn ist Wahrheit nicht theoretisch, sondern praktisch. Das hat zur Folge, daß die Wahrheit ihm eine Leitschnur für sein eigenes Handeln ist, eine Leitschnur aber, die ihm nur scheinbar Orientierung gibt. Denn die praktische Wahrheit legt ein bestimmtes Handeln nahe. Die Weite der Handlungsmöglichkeiten bleibt aber bestehen. So hat der wahrheitsliebende Politiker beständig die Aufgabe, das Weite, das Mögliche, das Kontingente mit dem konkreten, schmalen, wahren Weg zu vereinen. Doch läßt sich dieser Pfad finden? Läßt sich in jeder Situation unbedingt wahrheitsliebend entscheiden und handeln?

Die Situation ist kein unschuldiger Begriff. Sie hat es schon auf die Liste der Begriffe geschafft, die in Form der Situationsethik seitens des päpstlichen Lehramtes verurteilt wurden.

Wahrheitsliebe ist nicht unvernünftig. Der wahrheitsliebende Politiker kennt zwei Arten von Gründen, seine Argumente herzuleiten. Dabei handelt es sich um Vernunftgründe, die er mit allen vernünftigen Menschen teilt. Dabei handelt es aber auch um Gewissensgründe, die sich aus seiner Wahrheitsliebe speisen. Diese sind durchaus auch kommunizierbar bzw. „übersetzbar“, wie man dies mit Jürgen Habermas ausdrücken könnte. Aber Gewissensgründe lassen sich eben nicht in Gänze aufrechnen. Sie deuten auf Unabgegoltenes innerhalb einer Entscheidung hin. Der Glaube durchleuchtet sozusagen die Vernunftsgründe und befragt sie nach ihrem Verhältnis zu der Wahrheit. Und die Vernunft durchleuchtet den Glauben und säubert ihn von der Selbstverkrümmung.

Der Politiker, von dem ich spreche, liebt folglich sowohl eine Wahrheit, die sich am Ganzen orientiert, als auch die politische Vernunft, die sich auch mit Bruchstücken zufrieden geben kann. Keine von ihnen wird von ihm verachtet, was ihm mitunter das Leben und das Entscheiden schwer macht. Denn Wahrheitsliebe und politische Vernunft sind nicht immer miteinander in Einklang zu bringen. Die Wahrheit mag das eine nahelegen, die politische Vernunft das Andere. Bevor er zu einem politischen Kompromiss in der Lage ist, muss der Politiker für sich zuerst den übergeordneten Kompromiss zwischen Vernunft und der Wahrheit herstellen. Er kann bei seinen Entscheidungen nicht einfach das eine oder das andere opfern. Das muss denen klar sein, die immer nur nach Pragmatismus rufen, aber auch jenen, die ewig nur Prinzipientreue einfordern.

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2 Gedanken zu “Wahrheitsliebe in der Politik. Eine Collage.

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