Begriffene Ethik. Der „Ethik-Kompass“ stellt 77 ethische Grundbegriffe vor.

Auf meinem Schreibtisch liegt der sogenannte „Ethik-Kompass“, herausgegeben von Klaus Ebeling und Matthias Gillner im Herder Verlag. In dem Buch vermessen die Autorinnen und Autoren das Feld der Ethik anhand von ausgewählten grundlegenden Begriffen. Es sind 77 an der Zahl, und die Herausgeber nennen sie „Leitbegriffe“.

In der Einführung erklären Ebeling und Gillner ihre Motivation. Es geht um eine „Klärung elementarer Begriffe und ethischer Argumentationsweisen“ (10). Das Buch soll eine „Orientierungshilfe“ (ebd.) geben, wobei unter der Orientierung eine „wohlbegründete“ und „durchdachte“ Unterstützung in den aktuellen „Krisen des Handelns“ (8) gemeint ist, wie es in dem Vorwort, das von Hans Joas beigesteuert wurde, heißt.

Die Veröffentlichung im Herder-Verlag legt nahe, dass das Buch auf christlich-katholische Traditionsbestände zurückgreift, um die unterschiedlichen Begriffsklärungen vorzunehmen. Dies ist auch der Fall; nur so erklären sich Artikel zu Begriffen wie „Kasuistik“ und „Bergpredigt“. Doch den verschiedenen Autorinnen und Autoren ist es auch wichtig, bei aller Eindeutigkeit der weltanschaulichen Orientierung einen Beitrag zu einem rationalen Diskurs über ethische Grundlagen zu leisten. Thomas von Aquin, Josef Pieper und die deutschen Bischöfe kommen somit genauso zu Wort wie Immanuel Kant, Axel Honneth und Stefan Gosepath.

Die einzelnen Beiträge in dem Buch sind höchstens zwei Seiten lang, werden von einem (mal mehr oder mal minder passenden) Bild begleitet und möchten ausdrücklich eine Leserschaft ansprechen, die in den ethischen Fachdiskursen nicht zu Hause ist. Gelegentlich gerät diese Ansprache etwas arg jugendlich – wenn zum Beispiel einzelne Artikel sich mit offenbar trendigen Song-Texten zieren möchten. Zumeist hilft der niederschwellige Sprachduktus aber bei der Vermittlung komplexer Zusammenhänge einer selbst für Fachleute unübersichtlich gewordenen akademischen Disziplin.

Die Einteilung in einzelne Begriffe macht das Buch schnell zugänglich. Dabei überzeugen die Texte nicht durchgängig, wie es bei einer solchen Publikation nicht vollends zu vermeiden ist. Der eine oder andere Abschnitt fällt etwas zu essayistisch aus (z.B. „Entscheidung“ oder „Sinn“), andere überstrapazieren niederschwellig gemeinte Anekdoten (z.B. „Recht“). Im Großen und Ganzen können die Herausgeber aber mit dem Ergebnis zufrieden sein. Der feine Grat zwischen allgemeiner Verständlichkeit und fachlicher Gründlichkeit wird meist gut gehalten.

Über die Auswahl der Begriffe lässt sich bei solch einer Publikation trefflich streiten. So vermisse ich beispielsweise einen eigenen Beitrag, welcher den Umgang mit der nicht-menschlichen Umwelt näher thematisiert; der Artikel zu „Natur“ tut dies nur beiläufig. Und ob es sich bei den „Zehn Geboten“ wirklich um einen Begriff handelt ist sehr fraglich. Doch insgesamt kann man mit der Auswahl der Herausgeber zufrieden sein. Wer nach der Lektüre des Buches nicht genug hat, kann ja noch zum „Historischen Wörterbuch der Philosophie“ oder anderen Monumentalwerken der Philosophie- und Ideengeschichte greifen.

Insgesamt ist der „Ethik-Kompass“ zu loben. Er ist handlich, lesbar, fundiert und gelegentlich sogar kurzweilig. Und von welchem philosophischen Übersichtswerk – ausgenommen natürlich Andreas Sommers ‚Lexikon der imaginären philosophischen Werke‘ aus dem Jahr 2012 – lässt sich dies wirklich behaupten?!

 

 

 

 

 

 

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