Sind Politiker Evangelisten? David Cameron über das Sendungsbewusstsein von Politikern.

Mit einer am 9. April veröffentlichten Rede, die vor Vertretern der christlichen Kirchen gehalten wurde, brachte der britische Premierminister David Cameron eine Debatte in seinem Land ins Rollen, welche seither die religionspolitischen Gemüter auf religiöser wie auf atheistischer Seite bewegt. Wer sich für diese Debatte interessiert, sei auf die informative, deutschsprachige Zusammenfassung unter Katholisch.de verwiesen.

Die Debatte darum, inwiefern in Bezug auf Großbritannien von einem „christlichen Land“, so wie es Cameron getan hatte und wie es seine Kritiker bestreiten, gesprochen werden kann, interessiert mich an dieser Stelle weniger. Vielmehr möchte ich auf eine Passage der Rede Camerons eingehen, in welcher er die Evangelisierung der Kirchen mit der Politik vergleicht und damit einen Einblick in sein Politikverständnis bietet.

Ich zitiere David Cameron: „What we both (d.h. Staat und Kirche, BC) need more of is evangelism. More belief that we can get out there and actually change people’s lives and make a difference and improve both the spiritual, physical and moral state of our country, and we should be unashamed and clear about wanting to do that. And I’m sure there are people here of all political persuasions and no political persuasions, and I’m certainly not asking you to agree with everything the government does, but I hope you can see – hopefully more than moments, but real moments of evangelism, enthusiasm and wanting to make our world a better place.“

Ich gebe gerne zu, dass das Wort „evangelism“, also Evangelisierung, aus dem Munde eines Politikers, der zudem noch Regierungschef ist, seltsam klingt. Vor allem, wenn das Wort, wie bei Cameron, so unmittelbar auf das politische Handeln bezogen wird. Camerons Wortwahl hat unter den säkularistischen Stimmen im Vereinigten Königreich für eine ‚gewisse‘ Verstimmung gesorgt. Sie vermuten darin eine politisch-theologische Grenzüberschreitung, als ob die Politik aktiv die Durchsetzung des christlichen Glaubens im post-säkularen Vereinigten Königreich betreiben solle.

Wenn man sich aber genau anschaut, was Cameron unter Evangelisierung versteht, dann kommt man bei einer fast schon klassischen Definition von Politik heraus: „to make our world a better place“. David Cameron möchte mit seiner Politik, die Welt zu einem besseren Ort machen. Er möchte verändern. Er möchte sich nicht mit den gegebenen Zuständen abfinden. Er möchte den Weg seines Landes von der Gegenwart in die Zukunft mit seinen politischen Entscheidungen mitgestalten. Das drückt er mit dem emphatischen Wort ‚evangelism‘ aus.

Cameron gibt zu, dass viele Menschen ihm und seiner Partei in den gewählten Methoden und Weisen der Weltverbesserung nicht zustimmen werden. Dass sie auch mit der „Big Society“, wie sie Cameron immer wieder ins Gespräch bringt und von der er in seiner Rede sagt, Jesus Christus habe sie vor 2000 erfunden, nichts anfangen werden können. Doch das tut hier nichts zu Sache.

David Cameron möchte die Welt zu einem besseren Ort machen. Das nennt er ‚Evangelisation‘. Nun gibt es Menschen, die gehen in die Politik, um sich zu bereichern; in einer ausgereiften Demokratie wie der britischen, spielt diese Art der Motivation eine eher untergeordnete Rolle. Es gibt auch Menschen, welche Politik treiben, um des exzessiven Machtrausches willen; auch dies ist im Westen ein wohl eher ein Randphänomen. Ich möchte – ähnlich wie Cameron – behaupten, dass die meisten Politikerinnen und Politiker ihren Beruf ausüben, weil sie in der Tat die Welt verändern möchten. Weil sie die Welt zum Guten hin verändern wollen, sei es auch nur in kleinen Schritten. In diesem Sinne gleicht der Beruf der Politik einer Berufung, wie es schon Max Weber beobachtete. Man muss mit Argumenten, mit Rhetorik, mit seinem Charakter die Menschen (Wähler) von seiner Sache überzeugen wollen. Man muss, eben, evangelisieren.

Auch Kari Palonen, sicher kein Evangelist unter den Politikwissenschaftlern, spricht in Bezug auf die Politik von einer „weltverändernden Aktivität“ (in: Rhetorik des Unbeliebten. Lobreden auf Politiker im Zeitalter der Demokratie, Baden-Baden: Nomos, 2012, 171). Bei Palonen ist die Richtung dieser Veränderung – im Gegensatz zu Cameron – nicht auf den ersten Blick erkennbar. Der Finne spricht in Bezug auf das politische Handeln viel von Kontingenz und Offenheit, weniger von unbedingten Überzeugungen. Doch im Kern meint Palonen Ähnliches wie der britische Premier: Politik treiben ist keine technokratische Verwaltungsangelegenheit. Es ist ein Handeln, das die Umstände, unter denen wir leben – und manchmal auch leiden – verändern möchte.

Man kann David Cameron nun eine unglückliche Wortwahl vorwerfen – obwohl es gerade das Wort „evangelise“ war, welches die Hörerinnen und Hörer seiner Rede aufhorchen lies. Man kann Cameron aber keineswegs vorwerfen, er habe ein überzogen religiöses Politikverständnis. Cameron möchte als Politiker die Welt verändern. Wer dies nicht tun möchte, der bleibe der Politik fern und ziehe sich in die „kontemplative Friedhofsruhe des bürgerlichen Lebens“ (Palonen, a.a.O., 190) zurück.

 

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3 Gedanken zu “Sind Politiker Evangelisten? David Cameron über das Sendungsbewusstsein von Politikern.

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  2. To make the world a better place…
    Das wäre schon richtig, aber ist David Cameron ehrlich? Sind nicht schon viele gescheitert, die das ehrlich wollten? Der Realsozialismus? Die Sozialdemokraten? Die Christlichsozialen? Die Grünen? Greenpeace? Die Friedensbewegung? Die 68er Bewegung?
    Ich habe ein Buch gelesen das ich gerne empfehle: False Dawn, the delusions of Global Capitalism of oder auf Deutsch Die falsche Verheissung, geschrieben von John Gray, dem ökonomischen Berater von Margareth Thatcher. Er war ein Ex-Parteikollege von David Cameron.
    Zum Weltverbessern muss man auch ausreichen Demut besitzen auf die Basis zu hören, und Umkehr zu üben wenn man einen falschen Weg gegangen ist. Gray hat erlebt wie seine Politik, z.B. Privatisierung von Wohnhäusern, zum Gegenteil geführt hat, es gab dann weniger Wohnraum.
    Er machte einen mutigen Schwenk zu Centre Left Politik wie z.B. Sozialdemokratie.
    Elisabeth Vondrous

    • Ehrlichkeit, Demut, Umkehr: In der Tat sind dies Tugenden, welche die Öffentlichkeit bei Politikern und Politikerinnen vermisst; wohl auch, weil man sie bei sich selbst vermisst. An dem Anspruch, die Welt zu verbessern bzw. zu verändern kann man nur scheitern. Sollte man es trotzdem lassen? Ich bin der Meinung: Man sollte es stets versuchen, aber sich stets gewiss sein, dass die eigenen Mittel begrenzt sind.

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