Über Laien 2: Die Unterscheidung von Kirche und Welt

Im kirchlichen (katholischen) Kommunikationsraum ist es üblich, von den Laien als von den gläubigen Menschen zu sprechen, die „in der Welt“ leben. So ist zum Beispiel im Dekret über das Laienapostolat Apostolicam Actuositatem des Zweiten Vatikanischen Konzils zu lesen: „Da es aber dem Stand der Laien eigen ist, inmitten der Welt und der weltlichen Aufgaben zu leben, sind sie von Gott berufen, vom Geist Christi beseelt nach Art des Sauerteigs ihr Apostolat in der Welt auszuüben.“ (§2).

Im Schreiben des dominikanischen Ordensmeisters Bruno Cadoré über die Laien vom vergangenen Dezember stößt man auf folgende Formulierung: „They (d.h. die Laien) know the difficulty of witnessing the faith in a specific manner: in many places in the contemporary world, the habitual situation of a lay person brings her/him face to face with indifference, scepticism and unbelief, in a very different way from religious.“

Diese zwei Textbeispiele – viele weitere könnten ergänzt werden – machen deutlich, dass der kirchliche Sprachraum sehr auf einer binären Unterscheidung (im Sinne Niklas Luhmanns) ruht. Auf der einen Seite die Kirche, auf der anderen Seite die Welt. Auf der einen Seite die Kleriker und die Religiosen, auf der anderen Seite die Laien. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein fiel diese Unterscheidung rhetorisch sehr markant aus. „Welt“ wurde ganz im Sinne des Johannesevangeliums („In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Joh 16, 33 – Luther) verstanden: Die Welt ist der vergängliche Ort der Sünde, in den die Menschen notgedrungen gestellt sind, der aber keinen eigenen inneren Wert besitzt. Die Welt ist Ort der Prüfung und Bewährung, das Eigentliche aber findet jenseits der Welt statt.

Diese ausschließlich despektierliche Haltung der Welt gegenüber hat sich verändert. Mittlerweile wird innerhalb der Kirche auch das Wirken „in der Welt“ als wertvoll angesehen, wenn es im christlichen Sinne geschieht. Wesentlicher Anteil an dieser Umorientierung im kirchlichen Sprachraum hatten Theologen wie der französische Dominikaner Yves Congar OP, der in seinem Werk „Der Laie“, das Wirken der Laien „in der Welt“ stark aufwertete (vgl. Die Würde der Politik). Die Welt besaß von nun an eine Würde an sich, so auch das Wirken in ihr.

Aber sowohl Yves Congar als auch die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils und viele weitere Texte und Stellungnahmen seit dieser Zeit halten an der grundsätzlichen Unterscheidung von Kirche und Welt fest; und auch an der generellen Zuordnung der Laien zu der Welt. Apostolicam Actuositatem spricht in Bezug auf Kirche und Welt von zwei „Ordnungen, die man gewiß unterscheiden muß“ (§5). Und Yves Congar stellt fest, Jesus habe „eine klare Unterscheidung gesetzt zwischen der Kirche, dem innerlichen Reich des Glaubens, und der natürlichen Welt der Menschen und der Geschichte.“ (Der Laie, Stuttgart 1956: 130f.). Freilich verwirrt Congar auch durch Sätze wie diesen: „Von daher gibt es für ihn (den Christen) in der Welt eine Transzendenz und eine Immanenz, ein Leben, ausgerichtet auf den absoluten Wert des Endes, zugleich aber auch einbezogen in die Relativität der Geschichte.“ (ebd. 376). So scheint die Welt doch ein Ort zu sein, indem „weltliche“ und transzendente Erfahrungen gemacht werden können. Die Welt ist nicht auf ihre Weltlichkeit festgelegt.

Meine Frage ist: Geht es nicht auch ohne die Unterscheidung von Kirche und Welt?

Diese Unterscheidung ist ohnehin nur gedacht. Denn: Wer wagt heute noch davon zu sprechen, dass in dem Kloster selbst eines kontemplativen Ordens die „Welt“ fern sei. Sie ist selbstverständlich dauernd präsent, und nicht nur durch den Einlass von Informationen von „außen“. Welt ist auf viel fundamentalere Art und Weise präsent: Jeder Mensch ist je schon in der Welt gegenwärtig (man verzeihe mir die Heideggerische Ausdrucksweise) und nimmt die Welt, seine Welt mit sich, wohin auch immer er sich wendet. Es gibt für den Menschen sozusagen kein Außerhalb der Welt. Es gibt „nur“ verschiedene Räume innerhalb der Welt, die der Mensch beleben kann, und die jeweils unterschiedliche Handlungs- und Kommunikationslogiken entwickeln – bis hin zum dauernden Schweigen der Karthäuser. Die Welt steht also niemandem gegenüber, wenn ich von der eschatologischen und für uns Menschen daher gänzlich unzugänglichen Gegenüberstellung zwischen Gott und Seiner Ewigkeit und der Welt und ihrer Zeit absehe. Ich kann mich nicht entscheiden, die Welt zu verlassen (ohne den Tod in Kauf zu nehmen), so wie ich mich auch nicht dazu entschieden habe, die Welt zu betreten.

Selbstverständlich gibt es Arbeits- und Wirkungsfelder innerhalb der Institution Kirche mit den ihnen eigenen Handlungszusammenhängen wie z.B. der Liturgie. Und es gibt Arbeitsfelder außerhalb der Institution Kirche: das Handwerk, die kommunale Verwaltung usw. Doch seitdem es Bücher wie Yves Congars „Der Laie“ gibt, ist man auch im kirchlichen Kommunikationsraum davon abgekommen, diesen „weltlichen“ Arbeitsfeldern jegliche geistliche Tiefe abzusprechen: Es kommt stets darauf an, was man auch ihnen macht!

Aber nur, weil eine soziologische Unterscheidung in Kirche, Staat, Wirtschaft und dergleichen Sinn macht, heißt das noch lange nicht, dass auch die Unterscheidung von Kirche und Welt Sinn macht. Diese Unterscheidung will nämlich onthologisch sein, d.h. sie stellt grundlegend verschiedene Seinswirklichkeiten fest, von denen ich mir sehr unsicher bin, ob diese außerhalb unserer Gedankenwelt wirklich existieren. Auf jeden Fall dann nicht, wenn man mit Ludwig Wittgenstein behauptet: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ (Tractatus logico-philosophicus § 1).

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