Ein (persönlicher) ideengeschichtlicher Kanon

Es ist eigentlich unmöglich, von einem Kanon in der Ideengeschichte zu sprechen, dafür ist das Feld zu weit und in keiner Weise eingrenzbar. Trotzdem tue ich es, und zwar mit einer Einschränkung: Ich spreche von einem „persönlichen“ Kanon. Das heißt, ich nenne Schriften, die ich aus eigenem Empfinden heraus als irgendwie wichtig erachte. „Irgendwie“?! Ja, irgendwie, weil es vermessen wäre, allgemein gültige Kriterien an die Erstellung eines Kanons anzulegen. Über die Grenzen eines Kanons lässt sich nämlich trefflich streiten. Trotzdem gehören manche Autoren und Texte irgendwie dazu, andere irgendwie eben nicht.

Irgendwie wichtig sind mir folgende Texte in Bezug auf den Bereich der Ideengeschichte, der mich besonders interessiert: das Zusammenspiel von politischem und theologischem Denken. Ich wäre den Leserinnen und Lesern von Rotsinn dankbar, wenn sie in etwaigen Kommentaren weitere Autoren und Texte nennen, die für sie selbst unverzichtbar sind.

Mein persönlicher Kanon der politisch-theologischen Ideengeschichte umfasst unter anderem folgende Werke:

1. Die Bibel (ca. 8. Jahrhundert v. Chr. bis ca. 2. Jahrhundert n. Chr.): ein Glaubensdokument, ja, aber auch ein Metaphernschatz, Zitatenfundus, eine Sprüchesammlung und ein Menschheitsbuch, ohne dessen Kenntnis kaum ernsthafte Ideengeschichte betrieben werden kann. Auch heute nicht.

2. Auch eine heilige Schrift: Immanuels Kants kurzer Text mit dem vielsagenden Titel „Was ist Aufklärung?“ aus dem Jahre 1784. Aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ gilt es sich auch heute in der postsäkularen Moderne zu befreien. Die Schleier der Voreingenommenheit und des Vorurteils hängen weiter dicht vor unseren Augen. Von daher kann man diesen Grundlagentext auch heute gut zur erbaulichen Lektüre empfehlen.

3. Ich möchte nicht allzu parteiisch wirken, darum enthält mein Kanon auch folgendes Werk: Michail A. Bakunin: Gott und Staat (1871). Dabei handelt es sich um ein kämpferisches anarchistisches und atheistisches Pamphlet, das konsequent jegliche Autorität, sei sie transzendenter oder irdischer Natur, ablehnt. Gegen Bakunin wirkt Richard Dawkins (Autor von „Gotteswahn“) wie ein Rechtgläubiger.

4. Um bei all den hitzigen weltanschaulichen Debatten des ausgehenden 19. Jahrhunderts den kühlen Kopf zu bewahren, empfehle ich Max Webers „Zwischenbetrachtung“ (1916), welcher Webers Religionssoziologie zugeordnet wird. Aus diesem Text stammt die vielzitierte Formel zur „Entzauberung der Welt“. Deren indignierte Ablehnung gehört heute zum guten Ton der Religionssoziologie, was ihre Unverzichtbarkeit geradezu unterstreicht.

5. Ohne Carl Schmitts „Politische Theologie“ aus dem Jahr 1922 geht leider gar nichts. Man muss diesen Text mit seiner Verquickung von leerem theologischen Pathos und dem Wunsch nach politischem Autokratismus nicht mögen, man sollte ihn aber wenigstens einmal – wenn auch unter Schmerzen – gelesen haben. Gerade, wenn man sich für das Feld der Politischen Theologie interessiert.

6. Gleich danach sollte aber eine Lektüre von Hannah Arendt folgen, wahlweise „Vita activa“ (1958) oder das posthum erschienenen Werk „Was ist Politik?“. Arendt singt in diesen Texten ein Lob auf die politische Pluralität und bewundert das Wunder der Kreativität, welches sie in einer funktionierenden Demokratie am Werk sieht. Carl Schmitt lässt resignieren, Hannah Arendt macht Mut.

7. Wer an die Anfänge der Ideengeschichtsschreibung zurückgehen möchte, der sei auf John Henry Newman und dessen „Essay on the Development of Christian Doctrine“ (1845) verwiesen. Das Werk wird von ideengeschichtlichen Forschern wenig rezipiert, obwohl es lange vor Quentin Skinner die kontingente Natur jeder ideengeschichtlichen Innovation aufwies; freilich unter der Maßgabe, das hinter der Kontingenz nicht die Willkür der Historie, sondern das Geschick des aufkeimenden Himmelreichs verborgen liegt.

8. Reinhart Kosellecks Vorwort zu dem Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ aus dem Jahr 1972 weist der Begriffs- und Ideengeschichte mit den Stichworten „Verzeitlichung“, „Beschleunigung“, „Säkularisierung“ und „Sattelzeit“ den Weg. Auch in Bezug auf diesen Text gilt: Man muss nicht Kosellecks Meinung sein, was dessen Systematisierung der begriffenen Geschichte anbelangt, man muss diesen Aufsatz aber mindestens einmal ordentlich zur Kenntnis genommen haben, um mitreden zu können.

9. Augustinus „De civitate dei“ aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. Augustinus‘ Unterscheidung in einen göttlichen und einen irdischen Herrschaftsbereich hat das politisch-theologische Denken über viele Jahrhunderte hinweg geprägt. Jeder prüfe selbst, ob er dieser Schrift heutzutage mehr als theologiegeschichtliche Relevanz beimisst.

10. Bei diesem Buch genügt es fast, wenn man sich den Titel merkt: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ von Pierre Bayard (2007). Bayard spricht in seinem Band eine Grundfertigkeit an, welche jeder Ideenhistoriker besitzen muss. Hätte ich dieses Buch nicht gelesen, würde ich mich heute nicht mehr auf die Straße wagen…

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3 Gedanken zu “Ein (persönlicher) ideengeschichtlicher Kanon

  1. Pingback: “Die 100 besten christlichen Bücher” | Rotsinn

  2. Meine Empfehlungen zu Büchern:

    Augustinus Vom Gottesstaat, Übertragung aus dem Lateinischen von Wilhelm Thimme.
    Bitte die ungekürzte Version lesen, damit man selbst entscheiden kann was wichtig ist.
    Der Gottesstaat unterscheidet sich vom Weltstaat nicht durch Herrschaftsbereiche denn Gott ist überall, sondern durch die Prioritäten. Was liebe ich am meisten?

    Buch Bereschit mit Kommentaren von Rabbiner Josef Herman Hertz, Morascha Verlag, Schweiz

    Heimatland Erde, (terre patrie) von Edgar Morin

    Menschheit am Wendepunkt, von Mihailo Mesarović und Eduard Pestel –
    2. Bericht an den Club of Rome zur Weltlage“, 1974

    Der geplünderte Planet, von Ugo Bardi – „Bericht an den Club of Rome“ 2013

    Eine Globale Prognose für die nächsten 40 Jahre bis 2052, von Jorgen Randers –
    „Bericht an den Club of Rome“ , 2012

    Chronik des 20. Jahrhunderts, Chronik Verlag im Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Lünen

    Die Evolution der Physik, von Albert Einstein und Leopold Infeld, 1956

    seriöse (gibt leider viel unseriöse Pseudowissenschaft) fortlaufende Berichterstattung über Naturwissenschaft: (auch Webseiten und apps dazu)

    Kosmos Himmelsjahr von Hans Ulrich Keller,
    erschienen im Kosmos Verlag Stuttgart,

    Astronomy Now Magazine, UK

    National Geographic Magazine (erscheint in vielen Sprachen)

    Liebe Grüße
    Elisabeth Vondrous
    aus einer neuen dominikanischen Laiengruppe in Wien

  3. Max Webers Zwischenbetrachtung ist sicher ein eminent wichtiger Text, für mich aber eher religionssoziologisch denn ideengeschichtlich. Das weltumgreifende Missverständnis bezüglich der Bedeutung der Entzauberung der Welt, ihre Missdeutung als ein Verschwinden der Religion, zeigt vielleicht wie eine falsche Idee Verbreitung findet, sollte aber ich einen Weber Text für diesen Kanon bestimmen, so wäre es Wissenschaft als Beruf. Nicht wegen seines ersten Teils, dessen Lektüre einen darauf verweist, wie wenig sich doch im deutschen Universitätswesen verändert hat, sondern aufgrund des zweiten Teils und der darin enthaltenen Diagnose der Moderne. Die Idee einer zutiefst irrationalen Rationalität stellt für mich die zentrale Pointe Webers dar – aber selbstverständlich ist auch dies eine rein subjektive Bewertung.

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