Thomas von Aquin und die Politik

Zwei Vorträge in Köln untersuchten kürzlich das Verhältnis, das Thomas von Aquin mit der Politik bzw. dem politischen Denken verbindet. Im Rahmen eines Festaktes zur Verleihung des akademischen Ehrentitels „Magister in Sacra Theologia“ sprach Tiemo Rainer Peters OP (Münster) über „Thomas von Aquin und die Politische Theologie der Welt“, während sich Walter Senner OP (Rom) der verwandten Frage widmete: „Thomas und die Politik – eine Nicht-Beziehung?“. Die Vortragenden waren zugleich auch jene, die an diesem Abend geehrt wurden.

Sowohl Peters systematischer Zugriff als auch Senners historischer Ansatz ließen deutlich erkennen, dass Thomas von Aquin keineswegs ein weltfremder, theologischer Glasperlenspieler war. Walter Senner drückte es folgendermaßen aus: Thomas war zwar kein politisch handelnder Mensch, aber er war durchaus ein politisch denkender Mensch.

Hierzu passte Tiemo Rainer Peters Stellungnahme, dass Thomas sich in seinem Denken bewusst den Dingen und Erscheinungen der Welt zugewandt hätte, so auch der Politik. Peters zog hierbei die „Summa contra Gentiles“ heran, in welcher Thomas jenen Leuten widerspricht, welche sagen, „es komme für die Wahrheit des Glaubens nicht darauf an, was man über die Geschöpfe meine, wenn man nur in bezug auf Gott die richtige Meinung habe (…). Denn der Irrtum über die Geschöpfe geht über in eine falsche Meinung von Gott.“ (2,3). Die Wahrheit ist also nicht (nur) jenseits des Zeitlichen zu finden, sondern lässt sich schon im Hier und Jetzt der geschaffenen Welt erspüren.

Thomas habe, so Peters, die Welt aus einem damals grassierenden Weltpessimismus herausführen wollen. Seine Bejahung der Welt sei dabei einhergegangen mit der Gewissheit, dass die Welt in allem stets nicht-göttlich sei und bleibe. Sie ist mit einem eschatologischen Vorbehalt versehen. Für den Schüler von Johann Baptist Metz liegt hier – in der Bejahung der Welt trotz ihrer Vorläufigkeit – eine Spur, welche durch die (Neue) Politische Theologie im Gefolge der Katastrophen des 20. Jahrhunderts weiterverfolgt und ausformuliert wurde. Diese Spur macht empfindlich für all das, was der Wahrheit widerspricht: Ungerechtigkeit, Unterdrückung, gewaltsamer Tod.

Walter Senner verdeutlichte diesen Weltbezug des Thomas, indem er klar stellte, dass der Aquinate – von Aristoteles herkommend – stets in Kategorien der Ordnung und des Gesetzes dachte. Dabei ging Thomas von einem zeitlichen/weltlichen und einem ewigen/kirchlichen Ordnungsbereich aus, welche beide getrennt voneinander agierten. Freilich, so Senner über den Aquinaten, habe die Kirche eine „potestas indirecta“, eine mittelbare Macht über die Dinge der Welt. Man kann hinzufügen: Für Thomas hat die Kirche nur eine indirekte Macht, als unmittelbare weltliche Macht hat sie nicht aufzutreten.

Die Politik ist in ihrer Gesetzgebung, so Senner in seinen Erläuterungen des Thomas weiter, aber nicht vollkommen frei. Sie kann nicht nach Gutdünken positives Recht setzen. Die Politik hat sich, und hier zeigt sich das erwähnte Ordnungsdenken deutlich, dem natürlichen Gesetz bzw. der Schöpfungsordnung zu unterwerfen. Weltliches Recht und Naturrecht sind nicht ein und dasselbe. Dem ersten werden durch das zweite Grenzen gesetzt. Das muss jedem einleuchten, dessen Rechtsempfinden gegen die in formaler Hinsicht legalen Willkürherrschaften diktatorischer Regimes auch heutzutage rebelliert. Senner verwies in diesem Zusammenhang unter anderem auf die neueren Arbeiten des Rechtsphilosophen John Finnis.

Thomas „theonomer“ Gesetzesbegriff gehe, so Senner weiter, mit einer Politikkonzeption einher, die den Sinn des Politischen darin sieht, Frieden zu stiften und zu wahren. Wozu? Damit sich der einzelne Mensch ungestört der Betrachtung der Wahrheit widmen kann. Während der Rechtspositivismus  aus Senners Thomas-Lektüre als klarer Verlierer hervorgeht – er bewahrt nicht einmal im Ansatz vor einem Abrutschen der Ordnung in Unterdrückung und Tyrannei – so bewährt sich ein Ordnungs- und Politikbegriff, der normativ Stellung nimmt: für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

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3 Gedanken zu “Thomas von Aquin und die Politik

  1. Pingback: Thomas von Aquin und die Politik | theolounge.de

  2. Ein Leser schreibt:
    „Danke für Ihren Blog, der gut ist, wenn auch, für meinen Geschmack, zu “thomistisch” und zu wenig “thomanisch”. So ist, jedenfalls nach meiner CG-Lektüre, die Wahrheit nur im Durchgang durch die Welt/Geschichte zu erfassen, wodurch sie, die Wahrheit, selbst bewegt ist (sage ich an der Seite Adornos); jenseits des Zeitlichen “gibt” es sie gar nicht (sage ich mit Bonhoeffer/Metz), wie ich ohnehin meine, Thomas nicht in sich selbst, sondern nur in lebendigem Austausch mit gegenwärtigem Denken aneignen zu können.“

  3. Hallo!
    Obwohl wir in verschiedenen geistigen Welten leben, freue ich mich über Ihren gehobenen Eintrag. Ich schätze den Aquinat besonders, als Fortführung der aristotelischen Linie (allerdings endet sie für mich nicht bei einem Schöpfer, sondern bei Ayn Rand.)
    Nette Grüße

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