Ist eine Trennung von Religion und Politik möglich?

Schon gelegentlich habe ich mich zu dieser Frage geäußert (vgl. Die Schwelle). An dieser Stelle möchte ich es noch einmal tun, auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. 

Ganz zu schweigen davon, ob eine Trennung von Religion und Politik wünschenswert ist, ist sie denn möglich?

Ich vernehme oft Stimmen, gerade in der scharf geführten britischen Debatte zwischen den sog. „neuen“ Atheisten und Vertretern der Glaubensgemeinschaften, welche diese Frage kontrovers bearbeiten. Die einen fordern die rigide Trennung zwischen Religion und Politik, da die Religion in einem modernen Staat nichts zu suchen habe und Sache bloß der Privatsphäre sei. Die anderen halten solch eine Trennung nicht für wünschenswert, da damit die gemeinwohlorientierten Ressourcen der Glaubensgemeinschaften aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen würden.

In diese normative Debatte möchte ich mich an dieser Stelle nicht einmischen. Ich halte aber schon aus rein sachlichen Gründen eine Trennung von Religion und Politik für ein Ding der Unmöglichkeit. Warum?

Vielleicht ist es möglich – wenn man es denn normativ für erstrebenswert hält – die institutionellen Sphären von Kirche und Staat voneinander zu trennen. Kirche und Staat verfügen über Schwellen, die man identifizieren kann: ein übertragenes Amt, Orte der Entscheidung und der institutionellen Selbstverständigung, Eide und Rituale. Es gibt ein große Bandbreite an Möglichkeiten, wie das Trennungs- und Verbindungsverhältnis von Kirche und Staat in den heutigen Gesellschaften gelebt werden kann. Der eine Pol wird durch staatskirchliche oder theokratische Modelle repräsentiert und der andere Pol durch streng laizistische Modelle. Bei uns in Deutschland findet keines dieser Modelle Anwendung. Doch darum geht es hier nicht.

Es geht hier vielmehr um die Trennung zwischen Religion und Politik. Wer hiervon spricht, muss eines beachten: Religion und Politik sind Begriffe, die nicht auf unterscheidbare Institutionen verweisen. Religion und Politik haben keine Schwellen, die den einen von dem anderen auf klare Weise abkoppeln. Die beiden gehen fließend ineinander über. Genauer gesagt: Während Kirche und Staat institutionelle Sphären sind, sind Religion und Politik Handlungsbereiche. In ihnen finden sich eine Vielzahl an Motivationen, Begründungsmuster, Sprechakte und Handlungen. Institutionen lassen sich voneinander unterscheiden. Bei Handlungsbereiche ist dies nur analytisch möglich, nicht aber in der Praxis.

Jeder Bürger, der sich als „Gelegenheitspolitiker“ (M. Weber) aus seinem Glauben heraus für illegale Flüchtlinge einsetzt; jede Kommunalpolitikerin, die sich aus ihrem Glauben heraus für eine qualitativ gute Kinderbetreuung in ihrer Stadt engagiert; und jedes Mitglied des deutschen Bundestags, das sich aus seinem Glauben heraus für eine uneigennützige Entwicklungszusammenarbeit stark macht: Diese Menschen sorgen mit ihren Handlungen und Motivationen dafür, dass Religion und Politik miteinander in Berührung kommen. Das macht übrigens auch der, der aus einer säkularen Weltanschauung heraus genau für diese von mir als unmöglich bezeichnete Trennung von Religion und Politik eintritt.

Wenn ich religiös musikalisch bin und ein politisches Amt antrete, so fällt die Trennung von Religion und Politik in sich zusammen. Niemand kann von mir fordern, meine ureigenen Handlungsmotivationen vor den Toren des Parlaments abzugeben (so auch J. Habermas). Ich übertrete dessen Schwelle und begebe mich mit meinen Überzeugungen und Weltanschauungen in die Debatte über die Zukunft unserer Gesellschaft.

Was anderes ist es, wenn ich als kirchliche Amtsperson (z.B. Pfarrer) danach strebe, ein Amt im Staat innezuhaben. Hier besteht zurecht die Forderung, ich möge mich für die Tätigkeit in der einen oder in der anderen Institution entscheiden. Doch hier sind wir wieder bei Kirche und Staat angelangt. Und eben nicht bei Religion und Politik. Von diesen behaupte ich: Sie lassen sich nicht voneinander trennen.

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3 Gedanken zu “Ist eine Trennung von Religion und Politik möglich?

  1. Pingback: Die “Übersetzung” – von Hans Maier zu Jürgen Habermas | Rotsinn

  2. Pingback: Ist eine Trennung von Religion und Politik möglich? | theolounge.de

  3. Ein Leser schreibt:
    Selbstverständlich lassen sich die Felder auf der institutionellen Ebene und in der systemischen Koordination sozialen Handelns trennen, jedoch nicht auf der Mikroebene, also im sozialen Handeln des Einzelnen. Das Ganze ist meiner Ansicht nach eine Frage des level of analysis.

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