Ideengeschichte – ökonomisch

Ideengeschichte wird überall dort betrieben, wo es eine Geschichte von Ideen zu erzählen gibt. Das heißt, dass prinzipiell jede wissenschaftliche Disziplin offen ist für eine Geschichte der Ideen dieser Disziplin. Faktisch hat sich innerhalb einiger Fächer die Ideengeschichte aber weiter verbreitet als in anderen Fächern, in der Politikwissenschaft beispielsweise weiter als in der Chemie.

In der Volkswirtschaftslehre dient die Ideengeschichte – bzw. Dogmengeschichte, wie sie dort interessanterweise oft genannt wird – sogar als eine Art ‚cleavage‘ – als ein Frontverlauf zwischen verschiedenen Ausprägungen eines Faches. Die Haltung zur Ideengeschichte entscheidet darüber, wie man sich als Ökonom und damit die Ökonomie als wissenschaftliche Disziplin versteht: als verstehende Geisteswissenschaft oder als erklärende Naturwissenschaft. Die einen arbeiten mit einem unbestimmten, historisch wandelbaren Menschenbild und verorten ihre Erkenntnisse in geschichtlichen Zusammenhängen. Die anderen gehen von einem zweckrationalen homo oeconomicus aus und postulieren ewig gültige Wahrheiten über das wirtschaftliche Verhalten der Menschen. Selbstverständlich gibt es auch hier viele Grautöne, die vor allem in den letzten Jahren zu Tage getreten sind. Hierbei denke ich zum Beispiel an verhaltensökonomische Ansätze, welche zunehmend von der Vorstellung eines absoluten homo oeconomicus abrücken und experimentelle Züge annehmen.

Die ökonomische Ideengeschichte wird in der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Die Volkswirtschaftslehre taucht dort meist in Form von gesamtwirtschaftlichen Prognosen oder – in den Jahren der Euro-Krise –  als mehr oder minder kontrovers geführte finanzwissenschaftliche Debatte auf. In den letzten Monaten fanden aber gleich zwei einschlägige Artikel ihren Weg in die überregionale Presse, welche die ökonomische Ideengeschichte in den Blick nahmen. Beide wurden freilich von der gleichen Autorin in ein und dem selben Medium innerhalb weniger Tage veröffentlicht, und zwar von Karen Horn in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Bei dem einen Text handelt es sich um die Besprechung des Buches von Steven Kates „Defending the History of Economic Thought“ („Bessere Ökonomen“, FAZ vom 14. Oktober 2013, S. 18), bei dem anderen handelt es sich um einen Bericht zur Tagung der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft („Der Ökonom als Hans im Glück“, FAZ vom 21. Oktober 2013, S.18). Aus beiden Text geht deutlich hervor, dass sich die ökonomische Ideengeschichte innerhalb der Wirtschaftslehre marginalisiert sieht und um ihre Anerkennung ringt.

Dies tut sie nicht erst seit kurzer Zeit, sondern eigentlich schon seit dem Aufkommen der sogenannten exakten, d.h. mathematischen Methoden in der Ökonomie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Ökonom Edgar Salin sprach 1944 von der „Versuchung … die neue ‚technische‘ Theorie für ‚die‘ Theorie zu halten und mit ihrer Aufstellung das Ziel der Volkswirtschaftslehre als erreicht anzusehen“ (Edgar Salin: 1944: Geschichte der Volkswirtschaftslehre, 3. Auflage, Bern, 195). Salin unterscheidet eine „rationale“ und eine „anschauliche“ Volkswirtschaftslehre (202) und merkt an, „daß eine Richtung, die eine eigene Verfahrensweise anwandte, die Benutzer und Verfechter einer anderen Methode ablehnte oder angriff oder als unwissenschaftlich verdammte.“ Hinter dem ökonomischen Methodenstreit verbirgt sich also schon immer eine grundlegende Auseinandersetzung über das Wesen und den Zweck von Wissenschaft an sich.

Salin versucht den wissenschaftstheoretischen Konflikt in seiner Zunft zu entschärfen, indem er sowohl rationale als auch anschauliche, d.h. ideengeschichtliche, Verfahrensweisen als legitime volkswirtschaftliche Methoden gelten lässt (210). Salin folgert: „Gesamterkenntnis der Wirtschaft fordert stets nicht nur logische Richtigkeit, sondern auch historische oder aktuelle Gültigkeit“ (218). Das heißt: Auch eine mathematisch gewonnene Erkenntnis über das Entscheidungsverhalten von Käufern ist historisch eingebettet. Umgekehrt haben die mathematisch exakten Verfahren die Ökonomie zu wichtigen Einsichten geführt.

Karen Horn ist es in ihren erwähnten Texten aus der FAZ ein merkbares Anliegen, die Ideengeschichte als einen integralen Bestandteil der Volkswirtschaftslehre in Erinnerung zu rufen. Von der Dogmengeschichte ihres Faches schreibt sie in ihrer Buchbesprechung: „Sich mit der Ideengeschichte zu befassen wecke die Neugier, schärfe die Logik, trainiere das kritische Denkvermögen, steigere die Kreativität, erweitere das Arsenal an theoretischen Zugangspunkten zu neu aufkommenden Problemen und zwinge dazu, Konzepte in Worte zu fassen und zu erklären“ (FAZ vom 14. Oktober 2013).

Teilt man diese etwas hehren Versprechungen bezüglich der Ideengeschichte, dann kann man nur bedauern, dass seit der Veröffentlichung von Edgar Salins Lehrbuch die Dogmengeschichte im Verhältnis zu den mathematischen Anteilen der Volkswirtschaftslehre weit ins Hintertreffen gelangt ist, auch was die Ausstattung mit Lehrstühlen und Lehrdeputaten anbelangt.

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