Gibt es christliche Politik? (Teil 2) Der christliche Politiker

Vgl. auch „Gibt es christliche Politik? (Teil 1)

Ein Christ – und ein christlicher Politiker wird stets ein Christ sein – verfügt über eine Orthopraxis und über eine Orthodoxie. Ich beginne mit dem ersten.

Orthopraxis heißt „das was rechter Praxis ist“. Damit meine ich drei Dinge: regelmäßige Teilnahme am Gottesdienst Ihrer eigenen Konfession; eine erkennbare Option für die Armen in Ihrem politischen Tun; ein öffentliches Bekenntnis zu Ihrem Glauben. Ich führe diese drei Punkte näher aus.

A) Ich bin davon überzeugt – und hierzu mögen Sie gerne mit mir streiten – dass christlicher Glaube und christliches Leben nicht ohne regelmäßige Teilnahme an Gottesdienst und Liturgie möglich ist. Diese Teilnahme versichert mich darin, dass ich meinen Glauben nicht als vereinzeltes Individuum lebe, sondern als Teil einer Gemeinschaft. In diese Gemeinschaft trete ich mit der Taufe ein. Wenn ich auch immer nur mich selbst zum Gottesdienst mitbringe, so ist unsere Feier der Liturgie stets eine gemeinschaftliche Feier. Die verschiedenen Konfessionen betonen diesen sogenannten Communio-Gedanken auf unterschiedliche Weise. Bei allen ist er aber vorhanden: „Wer glaubt ist nicht allein,“ so hat es Papst Benedikt einmal formuliert. Mit Aussagen wie „ich lebe meinen Glauben außerhalb der Kirche“ kann ich daher wenig anfangen.

B) Die „Option für die Armen“ ist – wie der Gottesdienstbesuch – für einen Christen eigentlich gar keine Option, die man annehmen oder ablehnen könnte. Als Christ kann ich mich nicht für oder gegen die Armen entscheiden. Die christliche Überlieferung ist eindeutig: „Der Glaube ist für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat“ (Jak 2, 17). Die christlichen Werke beinhalten eine eindeutige Parteinahme für die Armen. Damit sind all jene Menschen und Gruppen gemeint, die sich in ihrer Not nicht mehr selbst helfen können und denen auch niemand anders mehr helfen kann. Die Option für die Armen ist grundgelegt unter anderem in dem Wort Jesu aus Mt. 25: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt/nicht getan habt, das habt ihr mir getan/ mir nicht getan.“ Sie verwirklicht sich nicht getrennt von dem liturgischen Leben der christlichen Kirchen, frei nach der Devise: Wir feiern Gottesdienst; die hauptamtliche Caritas und Diakonie, Misereor und Brot für die Welt kümmern sich um die Armen. Gottesdienst und Dienst an den Armen gehören eng miteinander zusammen. Im Gottesdienst feiern Christen nämlich die Gegenwart von Jesus Christus in ihrer Mitte. Und aus weltlicher Sicht war dieser Jesus Christus ein am Kreuz Gescheiterter. Wir feiern also einen, der nach unseren menschlichen Maßstäben gescheitert ist. Das hat konkrete Auswirkungen auf unser Tun jenseits des „Amen“ in der Kirche.

C) Die Option für die Armen ist eine Form des öffentlichen Bekenntnisses. Das merkt man an den Gesten und Worten von Papst Franziskus sehr deutlich. Jeder Mensch, der aus seinem Glauben heraus sich in einer Suppenküche engagiert oder illegalen Flüchtlingen hilft, bekennt sich so vor anderen zu seinem Glauben. Das öffentliche Bekenntnis hat aber auch eine – und das scheuen wir manchmal anzusprechen – eine ausgesprochen verbale Form. Ich bekenne mich zu meinem christlichen Glauben als Glauben. Ich scheue nicht davor zurück als gläubiger Mensch in meinem Umfeld wahrgenommen zu werden. Ich spreche von einem Glauben, gefragt und ungefragt. Das tue ich nicht aus politischem Kalkül heraus, sondern als selbstverständlicher Ausdruck meiner persönlichen Überzeugung.

D) Ein christlicher Politiker handelt aber nicht nur auf eine bestimmte Art und Weise. Er handelt und denkt auf eine bestimmte Art und Weise. Er besitzt Orthodoxie, also, einen „rechten Glauben“. Mit Orthodoxie meine ich jetzt nicht, dass ich jeden Satz meines Bischofs oder des Katechismus’, von Luthers Bekenntnisschriften oder EKD-Denkschriften mir wortwörtlich zu eigen mache. Dennoch habe ich den Anspruch, dass ein christlicher Politiker die historischen und aktuellen Stellungnahmen seiner Kirche und vor allem jene der Bibel mehr nur als zur Kenntnis nimmt. Zur persönlichen Orthodoxie gehört vielmehr, daß ich meine eigene Meinung mit diesen Stellungnahmen abgleiche. Nicht in dem Sinne, daß ich mein Gewissen kirchlichen Aussagen unterordne. Aber schon in dem Sinne, daß die Aussagen der Kirche mein eigenes Gewissen mit formen und prägen. Das heißt: Ich schlucke die Stellungnahmen der Kirche nicht einfach nur runter. Vielmehr zerkaue ich sie ordentlich, schmecke sie gründlich und verdaue sie und komme auf diese Weise zu einer eigenen ausgewogenen Meinung.

Ein Fazit: Christliche Politik ist ein abstrakter Begriff für eine Wirklichkeit, die Sie durch Ihre unterschiedlichsten Worte und Taten schaffen. Christliche Parteien können aus sich heraus keine christliche Politik machen. Es liegt immer an den konkreten Menschen, dies zu tun.

Wer christliche Politik treibt, der wird in unserer pluralen Gesellschaft stets zu kämpfen haben. Nicht etwa, weil andere ihn aufgrund seines Glaubens anfeinden. Der Kampf trägt sich vielmehr oft im Innern zu: Wie kann ich mit meiner „unbedingten Überzeugung“, mit meinem Glauben ehrliche Politik treiben? Welche Kompromisse sind mir möglich? Wie kann meine ehrliche Politik als Christ aussehen, ohne Fundamentalismus, aber auch ohne persönlichen Glaubensverlust?

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3 Gedanken zu “Gibt es christliche Politik? (Teil 2) Der christliche Politiker

  1. @lotharson: müssen wir gleich wieder in diese Kiste greifen? Es geht auch weniger dramatisch. Manche Menschen kommen auch einfach allgemein schlecht mit den sozialen Gefügen einer Pfarrgemeinde zurecht, zerstreiten sich mit dem Priester oder anderen wichtigen, oder sich für wichtig haltenden Persönlichkeiten und werden zu heimatlosen Gottesdienstvagabunden, die mal hier, mal dort und mal garnicht zum Gottesdienst erscheinen. Und es gibt auch solche, deren Glaube unter Routine leidet, statt zu wachsen, deshalb nur erscheinen, wenn sie das Gefühl haben, auch mit ganzer Seele bei der Sache sein zu können.
    Die sind alle Christen aus vollster Überzeugung. Klaro: mit den Kandidaten, die einen rein innerlichen Glauben an der Bettkante praktizieren kann ich auch nicht viel anfangen, Identifikation und zumindest sporadische Teilhabe mit und an einer Gemeinschaft ist konstituierend für ein christliches Leben, aber Regelmäßigkeit würde ich nicht zwingend postulieren.

  2. „Ich bin davon überzeugt – und hierzu mögen Sie gerne mit mir streiten – dass christlicher Glaube und christliches Leben nicht ohne regelmäßige Teilnahme an Gottesdienst und Liturgie möglich ist.“

    Das würde ich in der Tat bestreiten. Menschen, die geistlich missbraucht wurden, können während Jahren weit von der Kirche bleiben, obwohl sie in ihrem Herz immer noch an Jesus glauben.

    Liebe Grüsse aus Lothringen.

  3. Pingback: Gibt es christliche Politik? (Teil 2) Der christliche Politiker | theolounge.de

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