Die Fortdauer des Heidentums – Anmerkungen aus Großbritannien

Im August des vergangenen Jahres veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Artikel unter dem Titel „Die Fortdauer des Heidentums„. In dem Text gehe ich auf die wissenschaftliche Hypothese ein, daß sich auch nach der Christianisierung Europas weite Teile der Bevölkerung zu Glaubensinhalten heidnischen Ursprungs bekannten, und dies für ein sehr lange Zeit. Christliche und heidnische Glaubensinhalte und Ausdrucksformen hatten sich vermischt, so daß zu Beginn der Neuzeit keineswegs von einem durch und durch christlichen Europa gesprochen werden kann. Soweit diese Hypothese.

In der Septemberausgabe der britischen Zeitschrift „Prospect“ erschien nun ein Artikel, der sich des Neuheidentums in Großbritannien annimmt (Edward Docx: Here come the druids, Prospect September 2013, 52-54). Es geht darin um eine explizite Form des Heidentums, die sich auch selbst zum Heidentum bekennt, und nicht, wie im oben beschriebenen Fall, um ein implizites Heidentum, das als etwas anderes firmiert.

Der Essay von Docx ist aus zwei Gründen interessant:

Erstens wird in dem Text diskutiert, ob das heutige Heidentum ein Neuheidentum ist oder ob es sich um ein Wiederaufleben des alten Heidentum handelt. Dabei geht aus dem Text eindeutig hervor, daß das derzeit praktizierte Heidentum in Großbritannien ein „revival“ ist und kein „survival“, wie es ein von Docx befragter Teilnehmer einer heidnischen Versammlung ausdrückt. Die heutigen Heiden haben ihren Glauben und die dazugehörigen Praktiken nicht von ihren Ahnen übernommen, sondern lernen von anderen Menschen auf heidnischen Treffen (z.B. in Stonehenge), lesen Bücher oder das Internet und sind oft Autodidakten. Es ist also keine kollektiv gewachsene Glaubensart, sondern eine aus dem individuellen Wollen und Wünschen heraus entstandene. Docx stellt darüber hinaus fest, daß die Zahl der praktizierenden Heiden auf den britischen Inseln zunehme, von 42.000 im Jahr 2001 auf ca. 75.000 zehn Jahre später.

Dieses Heidentum ist offenbar wenig homogen. Vielmehr sucht sich, so kann man bei Docx lesen, jeder Gläubige Inhalte und Praktiken aus unterschiedlichsten „Traditionssträngen“ zusammen, die für ihn selbst Sinn machen. So bezeichnet sich der eine als keltischer Druide, die andere als germanische Hexe. Eine Heidin wird im Text zitiert und man hört zwischen den Zeilen eine Kritik an den etablierten Religionen heraus: „We pagans are not confined to doctrine.“ Ein anderer: „There are lots of rituals. Whether they are real or not is another matter. But they are a way of making you feel better.“ Es geht beim Neuheidentum um ein Weg der Selbstheilung bzw. -verwirklichung, die auf sehr individuelle Art und Weise abläuft. Damit macht sich das heutige Heidentum als eine sehr moderne Bewegung kenntlich.

„Ursprünglich“ heidnisch ist das Neuheidentum jedoch dann, wenn es dahin zurückkehrt, das Sichtbare als Objekt der Verehrung und Anbetung zu betrachten. Ein Heide kommt in dem Text mit der Äußerung zum Wort: „If you have to worship something, it might as well be the earth – at least we know it exists.“ Die Frage ist, ob die „alten“ Heiden sich einen Begriff von der Erde machen konnten, wie es die „neuen“ Heiden im 21. Jahrhundert zu tun scheinen. Auch ist interessant, daß die Verehrung des Sichtbaren als eine Art Fortschritt angesehen wird.

Der Text ist aber auch noch unter einem anderen Aspekt interessant. Liest man ihn in einer Art Beobachtung zweiter Ordnung, stellt man fest, daß der Autor Edward Docx kein Problem damit hat, das Neuheidentum zusammen mit allen anderen Religionen als Unsinn abzutun. Docx schreibt: „The new pagans, it seems to me, are well-intentioned folk who like to dress up, while maintaining old customs and creating new ones as they try to make sense of their lives. In this they are no crazier than the Archbishop of Canterbury et. al.“

Für Docx sind alle Religionen unvernünftig und unlogisch. Da gleicht er vielen anderen seiner britischen Zeitgenossen, die mit Religion weder persönlich noch wissenschaftlich umzugehen wissen. Für Docx hört die Vernunft dort auf, wo sie sich reflektierend und praktizierend dem Unanschaulichen und Lückenhaften annähert. Da ist es ihm auch egal, ob ein Baumgeist oder ein trinitarisch gedachter Gott im Mittelpunkt der Anbetung steht. Letztlich kann man sich fragen, ob Docx der geeignete Kandidat war, um einen Bericht über ein so komplexes Phänomen wie das Heidentum unserer Tage zu verfassen.

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