Was will die Begriffsgeschichte noch erreichen? Eine Kritik.

Ende August fand die 16. internationale Konferenz für Begriffsgeschichte in Bilbao statt. Das umfangreiche Programm der Tagung zeugt von der Vielfalt und der globalen Ausrichtung der begriffsgeschichtlichen Forschung dieser Tage. Ähnliches tun die Aufsätze in der regelmäßig erscheinenden begriffsgeschichtlichen Hauszeitschrift Contributions und im Jahrbuch Redescriptions (zuletzt erschienen 2011).

In ihrer Vielfalt, Vielsprachigkeit und Globalität unterscheidet sich die aktuelle Begriffsgeschichte sehr von der Begriffgeschichte, wie sie in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts initiiert und betrieben wurde. Diese war in der Ausrichtung sehr (west-) europäisch, beschränkte sich im Wesentlichen auf einige Schlüsselbegriffe der politischen und sozialen Sprache (vgl. zum Beispiel die Einträge im Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe) und rezipierte – so eine immer wieder geäußerte Kritik – letztlich nur die Stimmen einiger weniger bedeutender Männer weißer Hautfarbe. Den Namen, den man mit diesen – trotz allem – weiterhin prägenden Anfängen der Begriffsgeschichte am meisten verbindet, ist Reinhart Koselleck (1923-2006).

Im letzten Jahrzehnt ist die Begriffsgeschichte zu einer eigenständigen (Sub-)Disziplin geworden: mit regelmäßig stattfindenden Kongressen, Sommerkursen für Nachwuchskräfte, Forschungsgruppen, Zeitschriften und einem ausdifferenzierten, interdisziplinären Forschungsprogramm in vielen verschiedenen Weltgegenden. Kaum noch einer kann von sich behaupten, er habe die Übersicht über die gesamte begriffsgeschichtliche Forschung. Das ist schon sprachlich kaum noch zu leisten, da heute in allen großen Sprachen der Welt regional gesonderte begriffsgeschichtliche Forschung betrieben wird. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, da sie – wie auch die anwachsende Forschung auf dem Feld der Globalgeschichte – eine Bewußtsein dafür schafft, daß alle Welt und (fast) jede Sprache eine Geschichte hat und Geschichte schreibt. Diese Geschichten sind auf vielfältige Art und Weise miteinander verbunden.

Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung der Begriffsgeschichte geht aber auch ein Prozeß einher, den ich zumindestens fragwürdig finde: Aus begriffsgeschichtlichen Texten ist kaum noch herauslesbar, ob diese mit einem Anspruch auf weiterreichende Schlußfolgerungen geschrieben werden. Verstanden werden will letztlich nur noch der kleine Ausschnitt der eigenen Fallstudie. Epochenüberschreitende Narrationen werden gemieden. Gemäß der heutigen Forschungsmaxime ist jede Begriffsprägung situativ zu verstehen. 

Reinhart Koselleck ging davon aus, daß in der Begriffsgeschichte Prozesse der Verzeitlichung, Ideologisierung, Politisierung und Säkularisierung abgebildet sind (vgl. dessen Einleitung zum ersten Band der Geschichtlichen Grundbegriffe aus dem Jahr 1972). Mit dem Epochen-Begriff der „Sattelzeit“ wagte es Koselleck zudem, begriffliche Umschreibungen und langfristige Geschichtserzählung miteinander zu verbinden. Quentin Skinner hingegen – und mit ihm ein Gros der derzeitigen begriffsgeschichtlichen Forschung – geht von einer „radical contingency in the history of thought“ aus: „There is nothing (…) lying beneath or behind such uses [of ideas and concepts, BC]; their history is the only history of ideas to be written.“ (Rhetoric and Conceptual Change, in: Finnish Yearbook of Political Thought, Jg. 3 1999, 61f.) Kari Palonen stimmt diesem Urteil zu und schreibt in diesem Zusammenhang von einer “Entsubstantialisierung der Begriffe” (Die Entzauberung der Begriffe, Münster 2004, 11) und stellt bei Koselleck notwendigerweise eine “onthologisierende Tendenz” (ebd., 334) fest.

Wenn die Begriffsgeschichte überhaupt noch einen über ihren nackten Gegenstand hinausgehenden Anspruch formuliert, dann liegt er in deren nicht zu verneinenden kritischen Potential. In dem schon zitierten Buch von Palonen schreibt der finnische Politologe der Begriffsgeschichte zu, sie betreibe eine „Subversion der normativen politischen Theorie“ (336). Sie schaffe dort heilsame Unordnung, wo viele Denker nur nach Ordnung strebten (ebd.). Auch entthrone sie die großen Namen und verhelfe den Kleinen zu ihrem Recht, gehört zu werden (The Struggle with Time, Münster 2006, 31). So wirke die Begriffsgeschichte als „ein Instrument der Kritik der politologischen normal science“ (ders.: Begriffsgeschichte und/als Politikwissenschaft, in: Archiv für Begriffsgeschichte, Bd.44 Jg. 2002, 221.)

Auf ähnliche Weise formuliert Hans-Georg Gadamer das Ziel der Begriffsgeschichte als einer Art Ideologiekritik. Gadamer schreibt: „Begriffsgeschichtliche Reflexion bedeutet (…)  eine gesteigerte kritische Bewußtheit gegenüber der geschichtlichen Überlieferung und eine Gewinnung ihres sachlichen Gehalts“ (in: Die Begriffsgeschichte und die Sprache der Philosophie, Opladen 1971, 9). Bei Gadamer finden sich aber noch weiterführende Gedanken. Vor allem taucht bei ihm hinsichtlich des Begriffs des Begriffs die Vorstellung auf, daß Begriffe einen Sinn haben. Er schreibt: „Die Begriffe der Philosophie erhalten ihre Sinnbestimmtheit nicht durch eine willkürliche Bezeichnungswahl, sondern aus der geschichtlichen Herkunft und der Sinngenese der Begriffe selbst, in denen sich das philosophische Denken bewegt, weil es immer schon in sprachlichen Gestalten sich vollzieht“ (ebd. 8). Und unter Zuhilfeahme eines treffenden Bildes fügt er hinzu: „Die begriffsgeschichtliche Provenienz eines Begriffs gehört dem Begriff ebenso an wie etwa die Obertöne einem Ton zugehören“ (ebd. 18).

Wenn ich auch in der Gefahr stehe, im Gefolge von Gadamer als „Sinnhuber“ abgetan zu werden, so weckt die Lektüre seiner Ausführungen einen Gedanken bei mir auf: nämlich die Erinnerung an ein Netz der Sinnbildung, das dem konkreten Begriffs-, Metaphern- und Wortgebrauch vorausgeht, auch in der politischen und sozialen Sprache. Das heißt nicht, daß Begriffe keine neue Prägung erhalten könnten. Diese neue Prägung muß sich aber sinn-voll in die Vorgeschichte eines Begriffs einfügen, sonst wird sie nicht verstanden und setzt sich somit auch nicht fort. Kreativität in der Begriffsbildung wurzelt also in der Kontinuität von Sinnbildung. Nur wo diese gegeben ist kann vernünftigerweise von Begriffsgeschichte – und eben nicht nur von Wortgebrauchsgeschichte – gesprochen werden.

Ich halte es für wichtig, daß neben der regionalen und sprachlichen Ausweitung der begriffsgeschichtlichen Forschung auch eine innere Vertiefung stattfindet, sozusagen als eine mitlaufende Debatte über den außerwissenschaftlichen Sinn der eigenen Disziplin. Zur Zeit sehe ich für eine solche Debatte wenig Anzeichen.

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4 Gedanken zu “Was will die Begriffsgeschichte noch erreichen? Eine Kritik.

  1. Pingback: The Purpose of Conceptual History | Rotsinn

  2. Pingback: Was die Begriffsgeschichte noch erreichen will – ein Nachtrag | Rotsinn

  3. Ein Leser schreibt:
    „Vielen Dank für Deinen neuesten Blogeintrag. Gerne gestehe ich, dass mir diese „Sinnhuberei“, wie Du schreibst, sehr sympathisch ist – ich würde sogar so weit gehen, dass die BG bei aller Bescheidenheit und bei aller Vorläufigkeit von Forschung überhaupt sogar in den von Dir angesprochenen Dimensionen erst richtig interessant wird; und erst richtig wertvoll als Komplementär für andere historiographische Zugriffe. Indem man den Kopf wieder hebt und von den Miniaturen des Wortgebrauchs die „lange Dauer“ oder die „Zeitschichten“ von Sinngehalten erzählend verknüpft geht man natürlich auch ins Risiko, aber das ist kein Grund es nicht zu versuchen, im Gegenteil.“

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