Vor 20 Jahren: S. Huntington und der „Clash of Civilizations“

Vor zwanzig Jahren veröffentlichte Samuel Huntington in „Foreign Affairs“ seinen wirkmächtigen Aufsatz „The Clash of Civilizations?“. In dem Aufsatz – das dazugehörige Buch erschien drei Jahre später und im Titel um ein Fragezeichen ärmer – formuliert Huntington folgende Hypothese: „It is my hypothesis that the fundamental source of conflict in this new world will not be primarily ideological or primarily economic. The great divisions among humankind and the dominating source of conflict will be cultural.“ (S. Huntington 1993: The Clash of Civilizations? in: Foreign Affairs, Jg. 72, Nr. 3, S. 22). Huntington stellte verschiedene Kulturkreise bzw. Zivilisationen vor, von denen er vermutete, daß sie in Zukunft mit Konflikten untereinander zu kämpfen hätten. Vor allem seit dem 11. September 2001 hat Huntingtons Erklärungsansatz viele Anhänger gefunden.

Die Kritiker Huntingtons kamen in den letzten zwei Jahrzehnten aber auch nicht zum Schweigen. Dies zeigte eine Tagung der „Deutschen Gesellschaft zur Erforschung des politischen Denkens“, die vom 18. bis 20. Oktober an der Universität Vechta stattfand. Das Programm der Tagung versammelte Forscher aus den politikwissenschaftlichen, historischen und philosophischen Disziplinen. Diese Interdisziplinarität stellte sicher, dass die Stärken und vor allem auch die Schwächen von Huntingtons Hypothese von verschiedenen Seiten aus beleuchtet wurden.

In einigen Beiträgen der Tagung wurde unter anderem das Konzept bzw. der Begriff der Zivilisation (bzw. Kultur – wie es in der späteren deutschen Übersetzung von Huntingtons Buch heißt) problematisiert. Während der Historiker Harald Kleinschmidt von der Universität Tokio zum Ende seines Vortrags anmerkte, dass die Menschen überall auf der Welt irgendwie „ähnlich“ seien, so bestand sein Kollege aus Hannover, Hans-Heinrich Nolte, darauf, dass sich Teilregionen der Welt durchaus identifizieren und anhand bestimmter Kriterien unterscheiden ließen. Sie seien kein Konstrukt des Forschers, sondern ein von realen Gegebenheiten abgeleitetes Rekonstrukt. Schon aus forschungspragmatischen Gründen sei eine solche Einteilung für den Weltgeschichtsschreiber vonnöten.

Wenn es auch naheliegt, dass eine regionale Einteilung der Welt aus historiographischen Gründen zweckmäßig ist, so scheint doch ein Rest der Willkür bei dieser Art der Rekonstruktion übrig zu bleiben. Denn letztlich kommt es immer darauf an, welches Forschungsziel oder politisches Interesse man verfolgt und welche Einteilung hierfür Sinn macht. Oder ist die Türkei, um ein Beispiel zu nennen, dem europäischen Kontinent, dem Nahen oder Mittleren Osten, der arabischen Welt oder vielleicht auch Westasien zuzuschlagen?

Auffallend war, dass verschiedene Beiträge zwischen den Zeilen deutlich machten, dass die Beschäftigung mit dem Zivilisationsbegriff einen schnell zum Giftschrank der politischen Ideengeschichte führt. Oswald Spengler und A.J. Toynbee sind mit ihrem biologistischen und organologischen Vorstellungen noch relativ harmlose Gestalten, wenn sie heute auch als Denker aus einer fremdgewordenen ideengeschichtlichen Epoche wirken. Nolte stellte darüber hinaus den britischen Autor Charles Wentworth Dilke vor, der in seinem Werk „Greater Britain“ eine kolonialistisch-rassistische Überlegenheit anderen Kulturen gegenüber an den Tag legte. Mit dieser Haltung war Dilke Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in keiner Weise allein, wie das Beispiel des britischen Juristen John Westlake zeigt, welches Kleinschmidt vorbrachte. Westlake war wie Dilke und viele seiner Zeitgenossen von der imperialen Überlegenheit der angelsächsischen Rasse überzeugt. Dieses überhebliche „Zivilisationsgerede“ (O-Ton H. Kleinschmidt) fand erst nach 1945 ein Ende. Die Resonanz auf Huntingtons These zeigt aber auch, dass es bis heute keineswegs verstummt ist.

Eine diesem Gerede zuwiderlaufende Strategie liegt in einer konsequenten Universalisierung von Institutionen und Lebenswelten und ihrem ideellen Hinterland. Eines der erfolgreichsten Universalisierungsprojekte der letzten Jahrzehnte ist die fortschreitende europäische Integration, die institutionell vor allem innerhalb der Europäischen Union vor sich geht. In einem detailreichen Vortrag stellte Michael Gehler aus Hildesheim die historische Genese der EU dar. Gehler machte aber auch deutlich, dass die europäische Union seit der Entstehung der Montanunion einer technokratischen Vision folge, die nur bedingt mit den Visionen eines europäischen Friedensreiches übereinstimmte, wie sie unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Umlauf waren. Henning Hahn (Kassel) wiederum stellte den weltweiten Menschenrechtsdiskurs vor und wies darauf hin, dass dieser globale Auswirkungen habe. Er machte deutlich, dass im Menschenrechtsdiskurs kulturrelativistische Argumente an ihre Grenzen kämen, weil in einer großen Zahl von Kulturen ähnliche Vorstellungen von grundsätzlichen Rechten (und Pflichten) vorhanden seien. Hahn verwahrte sich einem naturrechtlichen Ansinnen, seine Argumentation lief jedoch auf ein ähnliches Ergebnis hinaus: mögliche „zivilisatorische“ Unterschiede an der Oberfläche sprechen nicht gegen eine Transkulturalität der Menschenrechte im Wurzelwerk der verschiedenen Kulturen der Welt.

Am Ende der Tagung war sich der Hörer nicht sicher, ob Samuel Huntingtons These – ähnlich wie auch Francis Fukuyamas zeitgleicher Gegenentwurf von dem „Ende der Geschichte“ – nur noch ideengeschichtlich von Interesse ist oder zur Betrachtung der heutigen Welt tatsächlich noch etwas taugt. Ausgehend von den Vorträgen der Tagung ist vom ersteren auszugehen. Die spannende Frage lautet zudem, ob es zwischen der konfliktiven Politisierung der Weltkulturen im Stile Huntingtons und der tendenziellen Entpolitisierung der Weltpolitik im Sinne angedachter Universalisierungen einen gangbaren Weg gibt: eine normative Politikidee jenseits von Identitätsfragen?!

Die Fortdauer des Heidentums – Anmerkungen aus Großbritannien

Im August des vergangenen Jahres veröffentlichte ich an dieser Stelle einen Artikel unter dem Titel „Die Fortdauer des Heidentums„. In dem Text gehe ich auf die wissenschaftliche Hypothese ein, daß sich auch nach der Christianisierung Europas weite Teile der Bevölkerung zu Glaubensinhalten heidnischen Ursprungs bekannten, und dies für ein sehr lange Zeit. Christliche und heidnische Glaubensinhalte und Ausdrucksformen hatten sich vermischt, so daß zu Beginn der Neuzeit keineswegs von einem durch und durch christlichen Europa gesprochen werden kann. Soweit diese Hypothese.

In der Septemberausgabe der britischen Zeitschrift „Prospect“ erschien nun ein Artikel, der sich des Neuheidentums in Großbritannien annimmt (Edward Docx: Here come the druids, Prospect September 2013, 52-54). Es geht darin um eine explizite Form des Heidentums, die sich auch selbst zum Heidentum bekennt, und nicht, wie im oben beschriebenen Fall, um ein implizites Heidentum, das als etwas anderes firmiert.

Der Essay von Docx ist aus zwei Gründen interessant:

Erstens wird in dem Text diskutiert, ob das heutige Heidentum ein Neuheidentum ist oder ob es sich um ein Wiederaufleben des alten Heidentum handelt. Dabei geht aus dem Text eindeutig hervor, daß das derzeit praktizierte Heidentum in Großbritannien ein „revival“ ist und kein „survival“, wie es ein von Docx befragter Teilnehmer einer heidnischen Versammlung ausdrückt. Die heutigen Heiden haben ihren Glauben und die dazugehörigen Praktiken nicht von ihren Ahnen übernommen, sondern lernen von anderen Menschen auf heidnischen Treffen (z.B. in Stonehenge), lesen Bücher oder das Internet und sind oft Autodidakten. Es ist also keine kollektiv gewachsene Glaubensart, sondern eine aus dem individuellen Wollen und Wünschen heraus entstandene. Docx stellt darüber hinaus fest, daß die Zahl der praktizierenden Heiden auf den britischen Inseln zunehme, von 42.000 im Jahr 2001 auf ca. 75.000 zehn Jahre später.

Dieses Heidentum ist offenbar wenig homogen. Vielmehr sucht sich, so kann man bei Docx lesen, jeder Gläubige Inhalte und Praktiken aus unterschiedlichsten „Traditionssträngen“ zusammen, die für ihn selbst Sinn machen. So bezeichnet sich der eine als keltischer Druide, die andere als germanische Hexe. Eine Heidin wird im Text zitiert und man hört zwischen den Zeilen eine Kritik an den etablierten Religionen heraus: „We pagans are not confined to doctrine.“ Ein anderer: „There are lots of rituals. Whether they are real or not is another matter. But they are a way of making you feel better.“ Es geht beim Neuheidentum um ein Weg der Selbstheilung bzw. -verwirklichung, die auf sehr individuelle Art und Weise abläuft. Damit macht sich das heutige Heidentum als eine sehr moderne Bewegung kenntlich.

„Ursprünglich“ heidnisch ist das Neuheidentum jedoch dann, wenn es dahin zurückkehrt, das Sichtbare als Objekt der Verehrung und Anbetung zu betrachten. Ein Heide kommt in dem Text mit der Äußerung zum Wort: „If you have to worship something, it might as well be the earth – at least we know it exists.“ Die Frage ist, ob die „alten“ Heiden sich einen Begriff von der Erde machen konnten, wie es die „neuen“ Heiden im 21. Jahrhundert zu tun scheinen. Auch ist interessant, daß die Verehrung des Sichtbaren als eine Art Fortschritt angesehen wird.

Der Text ist aber auch noch unter einem anderen Aspekt interessant. Liest man ihn in einer Art Beobachtung zweiter Ordnung, stellt man fest, daß der Autor Edward Docx kein Problem damit hat, das Neuheidentum zusammen mit allen anderen Religionen als Unsinn abzutun. Docx schreibt: „The new pagans, it seems to me, are well-intentioned folk who like to dress up, while maintaining old customs and creating new ones as they try to make sense of their lives. In this they are no crazier than the Archbishop of Canterbury et. al.“

Für Docx sind alle Religionen unvernünftig und unlogisch. Da gleicht er vielen anderen seiner britischen Zeitgenossen, die mit Religion weder persönlich noch wissenschaftlich umzugehen wissen. Für Docx hört die Vernunft dort auf, wo sie sich reflektierend und praktizierend dem Unanschaulichen und Lückenhaften annähert. Da ist es ihm auch egal, ob ein Baumgeist oder ein trinitarisch gedachter Gott im Mittelpunkt der Anbetung steht. Letztlich kann man sich fragen, ob Docx der geeignete Kandidat war, um einen Bericht über ein so komplexes Phänomen wie das Heidentum unserer Tage zu verfassen.

Was die Begriffsgeschichte noch erreichen will – ein Nachtrag

Im Nachgang zu meiner Kritik vom 2. Oktober möchte ich noch einige Zitate aus einem Interview mit Martin van Gelderen zitieren. Dieser hatte in einem Gespräch vom Dezember 2012 im Europäischen Hochschulinstitut in Florenz einige Bemerkungen gemacht, die meinen eigenen Beitrag gut ergänzen. Oder besser: Mein Beitrag ergänzt die Bemerkungen des mittlerweile ans Göttinger Lichtenberg-Kolleg umgezogenen Historikers. Das Interview findet sich in voller Länger unter: http://www.zeitenblicke.de/2013/1/Gelderen (Zugriff am 2. Oktober 2013).

Van Gelderen bestätigt, dass der politischen Begriffs- und Ideengeschichte ein kritischer Stachel innewohnt. Er formuliert es so: „The study of political thought was never art for art’s sake; history of political thought always aims at opening up historical perspectives that may have been forgotten and that could shed light on debates that we are involved in today.“ (§ 33) Vor diesem Hintergrund fordert van Gelderen die Historiker dazu auf, die politischen Debatten nicht zu scheuen. Er greift als Beispiel Diskussionen zur Identität Europas auf: „Today, I find it quintessential for intellectual historians to recover what other kind of European values have been constitutive for the current debates on Europe.“ (§38) Daraus folgert er: „I cannot imagine doing history of political thought without being engaged or taking an interest in current politics; I cannot imagine any kind of history that has no political ramifications.“ (§44)

Angesprochen auf die methodischen Debatten innerhalb der Begriffsgeschichte, wie ich sie in meinem Beitrag anhand des Sinnbegriffs aufgegriffen habe, ermutigt van Gelderen ausdrücklich zu solchen. Zum einen fordert er eine stärkere Verknüpfung mit der politischen Theorie (vgl. § 35). Zum anderen formuliert er in Bezug auf postmoderne Ansätze: „The postmodernists asked pertinent questions about crucial notions such as objectivity, truth and meaning; they widened the scope of the political and brought to our attention a much richer notion of culture. Postmodernism has raised a number of questions that historians have refused to engage with. I think that is a vital failure; to withdraw oneself from these methodological debates. Postmodernism, though, probably did not give many answers, it mainly raised questions. The challenge for your generation lies in this: more clashing, no more methodological stillness. Historians are way too happy withdrawing into their empirical canon.“ (§20)

Ich bin gespannt , auf welche Beiträge zum tieferen Sinn der Begriffs- und Ideengeschichte ich in Zukunft noch stoßen werde.

Was will die Begriffsgeschichte noch erreichen? Eine Kritik.

Ende August fand die 16. internationale Konferenz für Begriffsgeschichte in Bilbao statt. Das umfangreiche Programm der Tagung zeugt von der Vielfalt und der globalen Ausrichtung der begriffsgeschichtlichen Forschung dieser Tage. Ähnliches tun die Aufsätze in der regelmäßig erscheinenden begriffsgeschichtlichen Hauszeitschrift Contributions und im Jahrbuch Redescriptions (zuletzt erschienen 2011).

In ihrer Vielfalt, Vielsprachigkeit und Globalität unterscheidet sich die aktuelle Begriffsgeschichte sehr von der Begriffgeschichte, wie sie in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts initiiert und betrieben wurde. Diese war in der Ausrichtung sehr (west-) europäisch, beschränkte sich im Wesentlichen auf einige Schlüsselbegriffe der politischen und sozialen Sprache (vgl. zum Beispiel die Einträge im Lexikon Geschichtliche Grundbegriffe) und rezipierte – so eine immer wieder geäußerte Kritik – letztlich nur die Stimmen einiger weniger bedeutender Männer weißer Hautfarbe. Den Namen, den man mit diesen – trotz allem – weiterhin prägenden Anfängen der Begriffsgeschichte am meisten verbindet, ist Reinhart Koselleck (1923-2006).

Im letzten Jahrzehnt ist die Begriffsgeschichte zu einer eigenständigen (Sub-)Disziplin geworden: mit regelmäßig stattfindenden Kongressen, Sommerkursen für Nachwuchskräfte, Forschungsgruppen, Zeitschriften und einem ausdifferenzierten, interdisziplinären Forschungsprogramm in vielen verschiedenen Weltgegenden. Kaum noch einer kann von sich behaupten, er habe die Übersicht über die gesamte begriffsgeschichtliche Forschung. Das ist schon sprachlich kaum noch zu leisten, da heute in allen großen Sprachen der Welt regional gesonderte begriffsgeschichtliche Forschung betrieben wird. Diese Entwicklung ist zu begrüßen, da sie – wie auch die anwachsende Forschung auf dem Feld der Globalgeschichte – eine Bewußtsein dafür schafft, daß alle Welt und (fast) jede Sprache eine Geschichte hat und Geschichte schreibt. Diese Geschichten sind auf vielfältige Art und Weise miteinander verbunden.

Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung der Begriffsgeschichte geht aber auch ein Prozeß einher, den ich zumindestens fragwürdig finde: Aus begriffsgeschichtlichen Texten ist kaum noch herauslesbar, ob diese mit einem Anspruch auf weiterreichende Schlußfolgerungen geschrieben werden. Verstanden werden will letztlich nur noch der kleine Ausschnitt der eigenen Fallstudie. Epochenüberschreitende Narrationen werden gemieden. Gemäß der heutigen Forschungsmaxime ist jede Begriffsprägung situativ zu verstehen. 

Reinhart Koselleck ging davon aus, daß in der Begriffsgeschichte Prozesse der Verzeitlichung, Ideologisierung, Politisierung und Säkularisierung abgebildet sind (vgl. dessen Einleitung zum ersten Band der Geschichtlichen Grundbegriffe aus dem Jahr 1972). Mit dem Epochen-Begriff der „Sattelzeit“ wagte es Koselleck zudem, begriffliche Umschreibungen und langfristige Geschichtserzählung miteinander zu verbinden. Quentin Skinner hingegen – und mit ihm ein Gros der derzeitigen begriffsgeschichtlichen Forschung – geht von einer „radical contingency in the history of thought“ aus: „There is nothing (…) lying beneath or behind such uses [of ideas and concepts, BC]; their history is the only history of ideas to be written.“ (Rhetoric and Conceptual Change, in: Finnish Yearbook of Political Thought, Jg. 3 1999, 61f.) Kari Palonen stimmt diesem Urteil zu und schreibt in diesem Zusammenhang von einer “Entsubstantialisierung der Begriffe” (Die Entzauberung der Begriffe, Münster 2004, 11) und stellt bei Koselleck notwendigerweise eine “onthologisierende Tendenz” (ebd., 334) fest.

Wenn die Begriffsgeschichte überhaupt noch einen über ihren nackten Gegenstand hinausgehenden Anspruch formuliert, dann liegt er in deren nicht zu verneinenden kritischen Potential. In dem schon zitierten Buch von Palonen schreibt der finnische Politologe der Begriffsgeschichte zu, sie betreibe eine „Subversion der normativen politischen Theorie“ (336). Sie schaffe dort heilsame Unordnung, wo viele Denker nur nach Ordnung strebten (ebd.). Auch entthrone sie die großen Namen und verhelfe den Kleinen zu ihrem Recht, gehört zu werden (The Struggle with Time, Münster 2006, 31). So wirke die Begriffsgeschichte als „ein Instrument der Kritik der politologischen normal science“ (ders.: Begriffsgeschichte und/als Politikwissenschaft, in: Archiv für Begriffsgeschichte, Bd.44 Jg. 2002, 221.)

Auf ähnliche Weise formuliert Hans-Georg Gadamer das Ziel der Begriffsgeschichte als einer Art Ideologiekritik. Gadamer schreibt: „Begriffsgeschichtliche Reflexion bedeutet (…)  eine gesteigerte kritische Bewußtheit gegenüber der geschichtlichen Überlieferung und eine Gewinnung ihres sachlichen Gehalts“ (in: Die Begriffsgeschichte und die Sprache der Philosophie, Opladen 1971, 9). Bei Gadamer finden sich aber noch weiterführende Gedanken. Vor allem taucht bei ihm hinsichtlich des Begriffs des Begriffs die Vorstellung auf, daß Begriffe einen Sinn haben. Er schreibt: „Die Begriffe der Philosophie erhalten ihre Sinnbestimmtheit nicht durch eine willkürliche Bezeichnungswahl, sondern aus der geschichtlichen Herkunft und der Sinngenese der Begriffe selbst, in denen sich das philosophische Denken bewegt, weil es immer schon in sprachlichen Gestalten sich vollzieht“ (ebd. 8). Und unter Zuhilfeahme eines treffenden Bildes fügt er hinzu: „Die begriffsgeschichtliche Provenienz eines Begriffs gehört dem Begriff ebenso an wie etwa die Obertöne einem Ton zugehören“ (ebd. 18).

Wenn ich auch in der Gefahr stehe, im Gefolge von Gadamer als „Sinnhuber“ abgetan zu werden, so weckt die Lektüre seiner Ausführungen einen Gedanken bei mir auf: nämlich die Erinnerung an ein Netz der Sinnbildung, das dem konkreten Begriffs-, Metaphern- und Wortgebrauch vorausgeht, auch in der politischen und sozialen Sprache. Das heißt nicht, daß Begriffe keine neue Prägung erhalten könnten. Diese neue Prägung muß sich aber sinn-voll in die Vorgeschichte eines Begriffs einfügen, sonst wird sie nicht verstanden und setzt sich somit auch nicht fort. Kreativität in der Begriffsbildung wurzelt also in der Kontinuität von Sinnbildung. Nur wo diese gegeben ist kann vernünftigerweise von Begriffsgeschichte – und eben nicht nur von Wortgebrauchsgeschichte – gesprochen werden.

Ich halte es für wichtig, daß neben der regionalen und sprachlichen Ausweitung der begriffsgeschichtlichen Forschung auch eine innere Vertiefung stattfindet, sozusagen als eine mitlaufende Debatte über den außerwissenschaftlichen Sinn der eigenen Disziplin. Zur Zeit sehe ich für eine solche Debatte wenig Anzeichen.