Das Schweigen der Prediger – Bruno Cadoré über die vita contemplativa

In einem vor einigen Monaten veröffentlichten Beitrag über die Kontemplation als einem Markenzeichen der Dominikaner, bezeichnet fr. Bruno Cadoré, derzeitiger Meister des Ordens, das Schweigen als den Vater der Prediger: „Silence, père des prêcheurs…„.

Schweigen, Stille, Kontemplation: All dies sind Weisen des Daseins, die auf den ersten Blick passiv erscheinen. So sah es auf jeden Fall Hannah Arendt, die das Schweigen – die vita contemplativa – dem Handeln – der vita activa – gegenüberstellte. Aus ihrer Sicht war das Handeln dem Schweigen vorzuziehen, vor allem, wenn es um den Raum der Öffentlichkeit geht. Dieser zeichnet sich gerade dadurch aus, daß viele verschiedene Stimmen und Handlungen aufeinander treffen und miteinander konkurrieren. Geschwiegen wird in der Öffentlichkeit herzlich wenig. Das empfänden viele, nicht nur Hannah Arendt, als einen Widerspruch in sich.

Was hat also die Stille und Kontemplation mit dem aktiven Handeln zu tun? In welcher Verbindung stehen Schweigen und das Predigen bzw. Verkündigen als „darstellendes Handeln“ (F. Schleiermacher)?

Aus der Sicht Cadorés ist das Schweigen ein ständiger Bezugspunkt jedes Sprechaktes und allen Handelns. Ohne die Fähigkeit zu Schweigen und zum Stillesein, verlieren wir die Orientierung, die unser Handeln anleitet. In diesem Punkt läßt er sich von Rowan Williams inspirieren, der die Notwendigkeit einer Verbindung von Schweigen und Reden, von Kontemplation und Aktion in einer Rede vor der römisch-katholischen Bischofssynode im letzten Jahr hervorgehoben hatte.

Jeder, der eine neue Idee ausbrütet oder einen kühnen Gedanken ausformuliert, wird die gleiche Erfahrung machen: Es braucht Zeiten des Schweigens, bevor man über das reden kann, was einem im Stillen eingefallen ist. Wer zu schnell mit der neu gewonnenen Einsicht ans Licht tritt, macht sich schnell lächerlich, muß sich hinterfragen lassen oder präsentiert nur Halbfertiges.

Cadoré macht aber zusätzlich darauf aufmerksam, daß das Schweigen nicht einfach nur chronologisch vor dem Handeln kommt. Das Schweigen bleibt im Predigen gegenwärtig. Die Kontemplation endet nicht mit der Aktion. Cadoré im (englischen) Wortlaut:

„‚Contemplare et contemplata aliis tradere’… This motto of the Order, as we know, does not describe two sequential steps in the ministry of evangelization. We do not behave in contemplation as we would when we go to the market to acquire what we can later distribute. Certainly, this motto well indicates that there can be no preaching without contemplation. However, in doing so, it indicates that evangelization proceeds from contemplation while, at the same time, the latter is somehow the most precious invitation (the gift) that evangelization can offer to humanity, thereby opening with it and through it a path for the desire for Truth.“

Cadoré spricht vom Schweigen als einem Ort, zu dem die ganze Menschheit eingeladen ist. Es ist ein Ort, an dem die Sehnsucht nach Wahrheit ihren Platz findet, vielleicht sogar gestillt werden kann. Dieser Ort des erfüllenden Schweigens bleibt auch erhalten, wenn das Stillesein in das Handeln überfließt und die Kontemplation die Aktion ausformt. Auf diese Weise kann in der Öffentlichkeit und im aktiven, politischen Leben etwas von dem gegenwärtig werden, was jenseits der machbaren Wirklichkeit liegt. 

Dominikaner sehen darin ihre Aufgabe: In das Schweigen zu gehen und das im Schweigen Gehörte dem öffentlichen Gespräch als einen möglichen Splitter der Wahrheit anzubieten.

(zum 8. August 2013, dem Festtag des hl. Dominikus)

Advertisements

3 Gedanken zu “Das Schweigen der Prediger – Bruno Cadoré über die vita contemplativa

  1. Pingback: Vita activa & Vita contemplativa – Thomas Merton, Thomas von Aquin und das “Schweigen der Prediger” | Rotsinn

  2. Keiner kommt zu dem,der da vom Himmel redet, wenn er nicht in einer schweigenden Andacht und Stille, sich auf den lebendigen und auferstandenen Christus konzentriert.
    Es heißt : „Sehet zu, daß ihr den nicht abweiset,der da redet,(Christus)
    Denn so jene nicht entflohen sind,die IHN abwiesen, da Er auf Erden redete,
    viel weniger wir , so wir den abweisen, der vom Himmel redet“ (Jesus Chris tus) Hebr.12,25
    Und Gott den Vater Jesu Christi sagt hierzu in Matth.17,5
    „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe;
    Den sollt ihr hören“.
    Dieses gilt allen Menschen, die Chris tus suchen zum ewigen Leben durch die Erösung von hren Sünden.

  3. Pingback: Das Schweigen der Prediger – Bruno Cadoré über die vita contemplativa | theolounge.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s