Heute vor 180 Jahren: John Keble und der Beginn der Oxford Movement

John Kebles Oxforder Predigt vom 14. Juli 1833 war der Beginn der sog. Oxford Movement. Diese Bewegung ließ die hochkirchliche bzw. katholische Tradition der anglikanischen Kirche in England und später auch darüber hinaus erstarken. Dies brachte es mit sich, daß die Liturgie und die Sakramente einen höheren Stellwert im Leben der Kirche und der einzelnen Gläubigen erhielten. Ab dieser Zeit entstanden auch erste geistliche Gemeinschaften und Orden innerhalb der anglikanischen Kirche. Hinzu kam eine verstärkt am bischöflichen Hirtenamt orientierte Ekklesiologie bzw. Kirchentheorie. Einige Protagonisten der Movement war all dies nicht genug und sie entschieden sich letztlich zum Übertritt zur römisch-katholischen Kirche. Berühmt ist vor allem das Beispiel des 2010 seliggesprochenen John Henry Newman, der 1845 konvertierte.

Die Oxford Bewegung war aber keineswegs eine rein innerkirchliche Angelegenheit. Sie war vielmehr auch eine dezidiert konservative Anstrengung gegen einen vermeintlich entgleisenden Liberalismus im England der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei formulierten die Ideengeber der Bewegung ihre politischen Anliegen keineswegs nur als Nebenprodukt eines geistlichen Anliegens aus. Die Motivation, welche ursprünglich zur Entstehung der Oxford Movement führte, war im Kern eine politische. Dies wird an der Predigt sehr deutlich, die John Keble, einer der führenden Köpfe der hochkirchlichen Reformbestrebungen, am 14. Juli 1833 in St. Mary’s/Oxford predigte. (Hier geht es zum Text der Predigt.)

In seiner Predigt wirft Keble der englischen Gesellschaft und Politik vor, sie begehe einen kollektiven Abfall vom christlichen Glauben, eben national apostasy. Vor dem Hintergrund einer vom Parlament angestrebten Reform der anglikanischen Church of Ireland, verwahrte Keble sich jeder politischen Einmischung in die innere Verfaßtheit der Kirche, vor allem wenn diese Einmischung liberalisierende Tendenzen hatte. Keble fürchtete sich vor einer Situation, in der unter dem Druck der verschiedenen gesellschaftlichen und kirchlichen Gruppierungen jeder Wahrheitsanspruch verloren ginge. Gemeinsam mit den anderen Vertretern der Bewegung formulierte Keble also ein antipluralistisches Anliegen, was zu seiner Zeit zum selbstverständlichen Repertoire konservativen Denkens gehörte.

Es erinnert doch sehr an heutige Debatten im Vereinigten Königreich, wenn Keble vor 180 Jahren von der Kanzel sprach: „One of the most alarming (elements of the current public discourse, BC), as a symptom, is the growing indifference, in which men indulge themselves, to other men’s religious sentiments. Under the guise of charity and toleration we are come almost to this pass; that no difference, in matters of faith, is to disqualify for our approbation and confidence, whether in public or domestic life.“ All dies führe, so Keble, letztlich zu einer zunehmenden Verfolgung der „wahren Kirche“.

Für Keble und seine Oxforder Freunde hatte England eine christliche, ja, eine anglikanische Nation zu sein. Keble spricht  in „National Apostasy“ von der „Christian nation“, die zu England gehöre, und er sieht das christliche Moment in der politischen Verfaßtheit seines Heimatlandes mehr und mehr schwinden. Er nennt es „a general tendency, as a people, to leave Him out of all their thoughts.“ Die Gottesvergessenheit zeige sich, so Keble, vor allem auch in der Art und Weise wie mit den Bischöfen und deren Rechte auf gesetzlichem Wege umgegangen werde – ein Fingerzeig auf die für die Irland angestrebten Reformen.

Für Keble und seine Mitstreiter ist unumstritten, daß sich in den politischen Ordnungsvorstellungen unsere transzendenten Ordnungsvorstellungen offenbaren bzw. ausdrücken. Politischer Relativismus führt zu religiösem Relativismus und umgekehrt. In diesem Sinne standen die Vertreter der Oxford Bewegung zur einer ausgesprochen konservativen politischen Theologie. Da wundert es nicht, daß zahlreiche hochkirchliche Geistliche der Church of England dieser Jahre die Konversion zur römisch-katholischen Kirche als eine Rettung empfanden; als die Rettung in einen Hafen, der vor den Stürmen der Zeit gefeit war. 

J.H. Newman begrüßte Kebles Predigt dann auch ausdrücklich. In seiner biographischen Rechtfertigungsschrift „Apologia pro Vita sua“ schrieb er über den 14. Juli: „The following Sunday, July 14th, Mr. Keble preached the Assize Sermon in the University Pulpit. It was published under the title of ‚National Apostasy‘. I have ever considered and kept the day, as the start of the religious movement of 1833.“

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