Sören Kierkegaards Angst vor der Öffentlichkeit

Sören Kierkegaard hatte ein zwiespältiges Verhältnis zur Öffentlichkeit. Wenn Kierkegaard, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum zweihundersten Mal jährt, als Autor und Publizist auch dauernd in der dänischen Öffentlichkeit seiner Zeit präsent war, so war er doch alles andere als ein Freund dieser Öffentlichkeit.

Über viele Jahre stand er mit verschiedenen Personen des öffentlichen Lebens in Kopenhagen und mit Presseorganen wie dem „Korsar“ auf dem Kriegsfuß. Der Kritik an seiner Person und seinen Anliegen entgegnete Kierkegaard aber nicht durch einen Rückzug aus dem öffentlichen Leben. Vielmehr setzte er mit immer neuen Publikationen, einschließlich der Pamphletreihe „Der Augenblick“, Kontrapunkte zu der von ihm empfundenen degenerierten öffentlichen Meinung.

Kierkegaards Zwiespältigkeit in Bezug auf die Öffentlichkeit läßt sich an verschiedenen Punkten festmachen. Fast schon ironisch wirkt Kierkegaards Kritik an der Öffentlichkeit und Presse zum Beispiel dort, wo er deren Anonymität verurteilt. Kierkegaard schreibt: „Die Sprungfeder in dem ungeheuren Bau des ganzen Daseins (…) ist: die Persönlichkeit, alles ist Persönlichkeit (…). Und dann hat man Persönlichkeit abgeschafft. Gott ist unpersönlich geworden, alle Mitteilung ist unpersönlich, – und hier insbesondere die beiden furchtbaren Unglücke, die eigentlich die Hauptkräfte der Unpersönlichkeit sind: die Presse – und Anonymität.“ (Sören Kierkegaard 2004: Geheime Papiere, aus dem Dänischen übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Tim Hagemann, Frankfurt: Eichborn, 89).

Diese Aussage wirkt zwiespältig und ironisch, da Kierkegaards eigene Schriften in den ersten Jahren von einem – freilich sehr durchsichtigen – Deckmantel der Pseudonymität verhüllt wurden. Erst seine späteren Schriften veröffentlicht er unter seinem wirklichen Namen. Läßt sich diese Entwicklung vielleicht so interpretieren, dass auch Kierkegaard erst lernen mußte aus dem Schatten der Anonymität zu treten und eine eigenständige Persönlichkeit, ein Einzelner im Angesicht der Masse zu werden?

Kierkegaards Angst vor der Öffentlichkeit paart sich auch mit einer Kritik an der modernen Gesellschaft als solcher. So schreibt er an anderer Stelle: „Das Steigen der Zivilisation, das Aufkommen der großen Städte, die Zentralisierungen und was all diesem entsprach und es wesentlich hervorbrachte: die Presse als Mitteilungsmittel hat dem ganzen Dasein eine völlig verkehrte Richtung gegeben. Das persönliche Existieren hörte auf“ (ebd. 142). Durch die Modernisierung der Gesellschaft, so ist Kierkegaard an dieser Stelle zu verstehen, ist die innere Reife des Individuums und dessen Integrität gefährdet. Der Einzelne droht von der „Menge“, dem „Publikum“, dem „Proletariat“ – alles Worte aus Kierkegaards Feder – verschlungen zu werden.

Für Kierkegaard steht der Einzelne höher als das Geschlecht, das Individuum ist wichtiger als das System (ebd. 176). Nur der Einzelne kann „in Wahrheit für Wahrheit wirken“ (ebd. 143). Dies führt bei dem Philosophen zu einer tiefen Skepsis gegenüber allen politischen Strömungen, welche die vielen einzelnen Menschen zu einer Massenbewegung zusammenschweißen wollen. Er schreibt: „Man muß es von nahem sehen, sonst glaubt man es nicht, wie selbst gutmütige und brave Menschen, sobald sie ‚Menge‘ werden, wie zu anderen Wesen werden“ (103).

Kierkegaards Zwiespalt hat sich in den folgenden Generationen fortgesetzt. Es ist der Zwiespalt, Kritik an der modernen Gesellschaft nur mit den Mitteln und Begriffen eben dieser Gesellschaft vollführen zu können. So umbeschreibt Heidegger den großen zerstörerischen, anonymen Akteur der Moderne mit dem unpersönlichen Fürwort „Man“ und läßt seine Kritik an diesem Man die ausdrückliche Zustimmung zur nationalsozialistischen Massenhysterie folgen. Und auch heute liegen Kritik an der modernen Gesellschaft und die Teilhabe an den Auswüchsen eben dieser Gesellschaft oft nahe beieinander. Dabei ist aber zu beobachten, dass die meisten Kritiker der Moderne heute bei weitem nicht das reflektierte und selbstkritische Kaliber eines Sören Kierkegaards besitzen.

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