Charles Mathewes und die Liturgie der Bürger

Bürgerinnen und Bürger, deren Handeln im öffentlichen Raum als Liturgie bezeichnet wird?

Dieser Gedanke liegt gar nicht so fern, wenn man sich daran erinnern läßt, daß Liturgie im Griechischen ursprünglich den Dienst meint. In der dritten Auflage des Lexikons „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ (1960) liest man zu dem Stichwort: „In seinem ältesten Gebrauch bezeichnet Leiturgia im Griechischen ein verantwortliches öffentliches Amt, eine Pflicht oder einen Dienst (…).“

Heute hat der Begriff der Liturgie eine enger umrissene Semantik und bezeichnet vor allem die Praxis des Gottesdienstes oder mitunter auch diesen Gottesdienst selbst. Mit der umfassenderen griechischen Bedeutung im Hinterkopf wundert es aber nicht, daß der amerikanische Theologe Charles Mathewes in seinem Buch „A Theology of Public Life“ (Cambridge 2007) wiederholt von einer Liturgie der Bürgerinnen und Bürger spricht.

Charles Mathewes schreibt: „Citizenship is usefully understood as a liturgy“ (26). Erklärend fügt der anglikanisch-episkopale Theologe von der Universität von Virginia hinzu: Politisches Handeln von Bürgern ist Liturgie „not only as a communal activity (…), but also because, by engaging in apparently political activity, we are participating in properly theological activities as well“ (ebd.).

Politisches Handeln ist liturgisches, d.h. theologisches Handeln. Für viele Leserinnen und Leser wird dies eine zumindest ungewohnte Sicht sein, neigt man doch gewöhnlich dazu, die zwei Handlungssphären Politik und Kirche/Theologie voneinander fern zu halten. Zu sehr fürchtet man, daß entweder die Theologie die Politik erdrücke oder die Politik die Theologie verbiege.

Mathewes kennt diese Furcht und geht in seinem Buch an verschiedenen Stellen darauf ein. Sein Ansinnen ist es jedoch, wie der Titel seines Buchs impliziert, das bürgerliche Engagement im öffentlichen Raum theologisch aufzuwerten. Politisches Handeln hat eben nicht nur einen Wert an sich, sondern beinhaltet einen Überschuß an Sinn, den man nicht aus den Augen verlieren sollte. Politisches Handeln kann von dem Bürger, dem eine solche Motivation wichtig ist, auch als ein geistliches Tun verstanden werden. Und solch ein geistliches Tun im öffentlichen Raum bezeichnet Mathewes als eine Liturgie der Bürgerinnen und Bürger.

Zum besseren Verständnis sei noch einmal aus Mathewes Buch zitiert: „I think here of such activities as working in soup kitchens, setting up alliances with other churches and religious groups, possibly demonstrating for political causes. All of this becomes intelligible as a „liturgy“ of the church“ (103). Liturgie geschieht also nicht nur im Innern der Kirche, an dem Ort, an dem sie das Gedächtnis ihres geistlichen Wesens feiert. Liturgie geschieht auch dort, wo die Kirche nach außen tritt; wo ihre Mitglieder als Bürgerinnen und Bürger die Gesellschaft im Sinne der christlichen Botschaft zu formen beginnen.  

Mathewes Ansatz will eine Theologie des „öffentlichen Lebens“ sein und nicht strenggenommen eine Theologie des „politischen Lebens“. Dennoch überrascht es, daß er den politischen Akt, der noch am meisten einer Liturgie bzw. eines Ritus gleicht nicht in den Blick nimmt: die Wahl. Vielleicht schreckt Mathewes letztlich doch davor zurück, an diesen urpolitischen aller Akte sein theologisches Begriffsinstrumentarium anzulegen.

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4 Gedanken zu “Charles Mathewes und die Liturgie der Bürger

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  2. »Politisches Handeln ist liturgisches, d.h. theologisches Handeln.«

    In der Tat eine sperrige Aussage, übersetzt man ‚das Politische‘ nicht als gesellschaftliches (oder an der res publica orientiertes) Handeln, was es ja einmal war, so heute aber nicht mehr verstanden werden will.

    Die Grenzziehung zwischen Politik und Theologie gebiert sich heute ähnlich verzweifelt, wie die der Psychologie zur Theologie. Reziprok meinen die Protagonisten der einen Wissenschaftsdisziplin, in der anderen mitreden zu können, weil es ohne Zweifel eine gewisse Schnittmenge der vermittelten Inhalte gibt. Das führt zu einer zeitgeistlichen Verwirrung, die womöglich den Priester zum Therapeuten und den Therapeuten zum transzendenten Deuter formen mag.

    Nicht ohne Grund sind ‚psycho-theologische‘ Interpreten (Manfred Lütz, Wunibald Müller, Anselm Grün u.a.) sicher auf den Bestseller-Listen, und Methewes mag sich anschicken, es ihnen gleichzutun. Er profiliert sich vorerst dem Fachpublikum mit einer neuen Semantik, der ‚Theologie des öffentliches Lebens‘ und bleibt doch (wie alle anderen) echte Beiträge zur Liturgie in seiner Entwicklungsperspektive schuldig.

    Die Reihe Politik – Liturgie – Theologie kann nicht ernsthaft Abfolge sein, außer in Anbiederung protestantischer Gesinnung. Die universale (katholische) Denkweise geht genau gegenteilig: Die Theologie (unter anderem, doch zwingend ergänzt in Kombinationen transzendenter, sich der Wissenschaft weitgehend entziehender Felder, etwa der Volksfrömmigkeit, jahrhundertelanger erprobten Traditionen usw.) begründet das *rituale liturgia* und beides gut vollzogen, ermöglicht erst ein wirklich an der Gemeinschaft orientiertes (politisches) Wirken.

    Die indes vom Autor gewünschte Deutung kann nicht aufgehen, denn politisches Handeln formt sich nie Theologisch aus. Wenn es auch Belege in Gegenwart und Vergangenheit geben mag, das sich insb. totalitäre System gern religiöser Anleihen bedienten und sie damit missbrauchten, kann daraus geschlossen werden, sie begründeten ipsa ipsum etwas Theologisches. Deshalb verbieten sich m.E. auch Vergleiche, wie zum Beispiel die Atmosphäre in einer Fußball-Arena mit gottesdiensthaften Elementen oder gar die Gleichstellung mit Liturgie und (Fußball)Gott.

    Oder aus einer anderen Sicht: Folgt die Theologie der Politik, kann ich mir die Homilie sparen und höre besser Parlamentsreden zu.

    Methewes Wirken, in allen Ehren, ist ein ausgearbeiteter Beitrag zur aktuellen wissenschaftlichen Diskussion über die Wechselwirkungen dieser Trias, doch plausibler ist mir beispielhaft die Deutungsentwicklung wie sie Ratzinger, Joseph »Gesammelte Schirften-Theologie der Liturgie«, Herder Freiburg i.Br., 2. Aufl. 2008, ISBN 978-3-451-29947-6) nachzeichnet.

    Vielen Dank, Burkhard, dass Du mich mit Deinem Blog-Beitrag zum Nachdenken darüber angeregt hast.

    • Ich verstehe Matthews so: Gläubige Menschen müssen ihr politisches Engagement für Gerechtigkeit und Frieden nicht als eine rein weltliche Sache verstehen. Sie können es als etwas betrachten, das aus dem Inneren des Glaubens und der Kirche nach Außen tritt. Dabei wissen sie: „Vollendung“ werden sie nie herstellen. Diese bleibt dem eschatologischen „Reich Gottes“ vorbehalten. Genau dies haben die politischen Religionen des 20. Jahrhunderts mißachtet.

  3. Ich halte es hier mit Hans Urs von Balthasar, der in seiner Schrift „Die Wahrheit ist symphonisch.Aspekte des christlichen Pluralismus“, Einsiedeln ²2008 einen Ausgleich der Blickwinkel fordert. Das paulinisch-petrinisch geprägte Denken im Blick auf kirchliches Handeln erscheint ihm unzureichend. Er fordert eine Erweiterung auf ein Denkquadrat Petrus-Paulus-Maria-Johannes. Ähnlich könnte man im o.g. ursprünglichen Sinne die feste Zuordnung von Martyria, Leiturgia, Diakonia und Koinonia auf feste Lebensbereiche als bürgerlich-neuzeitliches Phänomen sehen. Christen leben permanent in dieser Sinfonik der Seinsaspekte. Ich bin immer verkündigend, Gott-dienend, dem Nächsten zugewandt und den anderen herzlich zugetan. So bin ich auch politisch aus der spirituellen Mitte heraus.

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