Der Körper des Politikers – frei nach Kari Palonen

Kari Palonen hat einen Faible für Politiker. Dies machte der finnische Politikwissenschaftler mit seinem Kommentar zu Max Webers Schrift „Politik als Beruf“ deutlich, den er 2002 unter dem Titel „Eine Lobrede auf Politiker“ (Opladen) veröffentlichte. Im vergangenen Jahr legte er nun nach und publizierte den Band „Rhetorik des Unbeliebten“, dessen Untertitel ebenfalls vom Anliegen Palonens zeugt. Dieser heißt nämlich „Lobreden auf Politiker im Zeitalter der Demokratie“ (Baden-Baden 2012). In diesem Band zitiert Palonen rhetorische Einwürfe in französischer, englischer und deutscher Sprache aus den letzten 150 Jahren, die sich löblich über das politische Handwerk äußern. Gleichzeitig läßt er aber auch durchblicken, daß er selbst Loblieder auf Politiker zu singen bereit ist, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Stimmen im Land.

Politiker gibt es für Kari Palonen überhaupt nur dort, wo demokratische Zustände herrschen. Nämlich nur dort kann das einzelne Mitglied einer Volksvertretung Widerspruch einlegen. Nur dort kann es seine Meinung sagen, auch wenn es nicht zur Mehrheit gehört. Nur dort gibt es eine Pluralität und einen wechselseitigen Austausch und Disput der Ansichten. Nur dort muß das Mitglied mit der kontingenten Situation umgehen lernen, die jede Wahl neu mit sich bringt. In allen anderen politischen Systemen gibt es vielleicht die Ausübung von Macht, strenggenommen existieren dort aber keine Politiker. Palonen im Wortlaut: „In diesem Sinne gibt es etwa in kommunistischen Regimes – unabhängig davon, dass auch dort der Begriff des Politikers verwendet wird – keine Politiker“ (29).

Unter den Politikern in der Demokratie schätzt der finnische Politikwissenschaftler nicht nur jene, die anhand von hehren Idealen und persönlicher Integrität ihrem parlamentarischen Tun nachgehen. Diese sind ihm eher suspekt, da sie mit ihrem Hang zu absoluten Normvorstellungen die Politik zu entpolitisieren drohen. Palonens Faible für die Politiker erstreckt sich dagegen auf alle Formen des (gewaltlosen) Kampfs im politischen Alltag. Allein die Tatsache, daß es Frauen und Männer gibt, die sich dem oftmals langwierigen und aufreibenden parlamentarischen Ringen um politische Entscheidungen aussetzen, ist Palonen für seine Lobreden genug.

Von daher läßt ein Satz des jüngst erschienen Buches mit Bezug auf die relativ seltenen Parteiwechsel von Politikern besonders aufhorchen: „Parteiwechsel unter Politikern waren selten: …, verkörpern doch die Politker mit ihrer eigenen Person im Laufe der Zeit politisch unterschiedliche Entwürfe“ (42). Politiker als Verkörperung eines politischen Programms? Als physische Repräsentation eines Sets von politischen Vorstellungen, Ideen oder auch Idealen? Das klingt nicht nach reiner Pragmatik.

In die ähnliche Richtung weist ein weiterer Satz von Palonen, den er in Anlehnung an eine Quelle von Jean Paul Sartre formuliert. Palonen schreibt: „Für die Wähler geht es nicht nur um die Wahl zwischen Kandidaten, sondern auch um die Wahl der politischen Identität in einer bestimmten politischen Konstellation“ (92). Daraus folgt die Einsicht, daß es in der Politik um mehr geht als die Herbeiführung „kollektiv bindender Entscheidungen“ (N. Luhmann). Es geht auch nicht um die, wie es Palonen nennt, „mimetische Repräsentation“ von Wählerinteressen, wie es etwa imperative Mandate oder Ständevertretungen vorsehen. Die im Parlament versammelten Politiker verkörpern nicht eins zu eins die Interessen und Anliegen des sie wählenden Volkes oder einer bestimmten Gruppe. Palonen fordert von den Politikern vielmehr, sie mögen das Wagnis eingehen, „sich als Politiker nicht mit der Allgemeinheit zu identifizieren“ (95).

Das ist so zu verstehen, daß Politiker im Typus des Berufspolitikers sich selbst in die Waagschale werfen. Max Webers Plädoyer der „leidenschaftlichen Hingabe an eine Sache“ anführend (104), spricht Palonen in Hinsicht auf die politische Tätigkeit von „Selbstaufopferung“ (ebd.). Politker verzichten zugunsten ihrer Tätigkeit auf viele Annehmlichkeiten: zum Beispiel den Schutz der Privatsphäre oder eine selbstbestimmte Zeitplanung. Dies nehmen sie auf sich, um sich in oft kleinteiliger parlamentarischer Arbeit und beim Einsatz im Wahlkreis ihrer Sache zu widmen.

Dieses Engagement hat durchaus eine unmittelbar physische Dimension. Nicht nur, weil es oft mit der Schindung des eigenen Körpers einhergeht, wie es die Geschichten über Schlafentzug, die von der verstorbenen britischen Premierministerin Thatcher und der derzeitigen Bundeskanzlerin erzählt werden, deutlich machen. Letztlich ist auch jeder Wahlakt der Politik daran gebunden, daß Politiker und Politikerinnen (oder auch Wähler und Wählerinnen) physisch präsent sind. Sie können sich im Normalfall nur selbst repräsentieren und sich nicht einander vertreten. Nicht nur stehen sie also mit Herz und Seele – mit Leidenschaft – hinter einer Sache. Vielmehr stellen sie sich auch noch mit ihrem eigenen Körper ganz in den Dienst des Politiktreibens.

Vielleicht lohnt sich im Zugehen auf die kommende Bundestagswahl ein Blick auf die müden Augen und schlaffen Gesichtszüge der Tag und Nacht wahlkämpfenden Politiker, um zumindestens etwas Mitleid, wenn nicht sogar Hochachtung für sie und ihre Tätigkeit aufzubringen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s