Eine Begriffsgeschichte der Globalisierung

In wenigen Tagen erscheint im Campus-Verlag das Buch „Die Erfindung der Globalisierung. Entstehung und Wandel eines zeitgeschichtlichen Grundbegriffs“ von Olaf Bach. Das Buch geht auf eine Dissertation zurück, die im Jahr 2007 an der Universität Sankt Gallen eingereicht wurde. Folgende Zeilen beziehen sich auf die mir vorliegende Druckfassung aus dem Jahr 2007 (Difo-Druck, Bamberg).

Die Untersuchung von Olaf Bach beschreibt einen Teil des Prozesses, der im Kontext dieses Blogs stets mit „Politisierung der Welt“ bezeichnet wurde. Damit ist gemeint, daß in den vergangenen Jahrhunderten – und vor allem in den letzten 150 Jahren – die äußere Welt immer mehr zu einem Objekt der politischen Formbarkeit und Beherrschbarkeit wurde, auf jedem Fall dem Wunsche nach. Olaf Bach umschreibt diesen Prozeß der Politisierung allgemein als ein „globales Ausgreifen in die Welt“ und als eine „Verdichtung und Vervielfältigung von Erfahrungen und Kontakten“ seit der Epoche der europäischen Expansion (52). Innerhalb dieser historischen Großbewegung wählt Bach als seinen Untersuchungsgegenstand die Entwicklung eines spezifischen Globalisierungsbegriffs seit der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Bach stellt heraus, daß es schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Versuche gab, die realgeschichtlichen Vorgänge internationaler Vernetzung sprachlich einzufangen. Er nennt diese Versuche eine „Globalisierungsrede avant la lettre“ (75). Von einem dezidierten Gebrauch der Vokabel „Globalisierung“ (auch engl. globalisation bzw. franz. mondialisation) kann aber erst ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Rede sein, so Bach. Durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs, durch neue Transport- und Kommunikationswege und durch eine sich verdichtende internationale Zusammenarbeit war die Erfahrung einer „Welteinheit“ (101) nun bestimmend geworden.

Dies brachte es mit sich, daß auf den Gebieten von internationaler Politik und Wirtschaft zuerst vereinzelt und später mit zunehmender Häufigkeit von der „Globalisierung“ von Politik bzw. Wirtschaft gesprochen wurde. Der Begriff wurde zunächst verstanden als ein Prozeß, der ein ausgewähltes Teilsegment der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Bildung oder Kultur) erfaßt hatte. Bach führt das Beispiel der „globalization of education“ (106) an und schreibt dazu: „Dieser spezifische frühe Einschlag der Globalisierungsrede ist keine Beschreibung und meint keine faktische Ausbreitung, sondern zielt als Forderung auf die Entwicklung einer globalen Perspektive (im Bildungsapparat, BC), die als Folge einer veränderten Welt vor Ort für nötig gehalten wird“ (ebd.).

Damit ist eine Eigenschaft des auch heute gängigen Globalisierungsbegriffes benannt: Dieser schillert nämlich beständig zwischen einer Zustandsbeschreibung auf der einen Seite und einem oft emphatischen Aufruf zum Handeln auf der anderen Seite. Hinsichtlich der 1970er und 1980er Jahre spricht Bach von einer Verstetigung und beständigen Innovation des Globalisierungsbegriffs (111ff.). „Globalisierung“ wird mehr und mehr zu einem allumfassenden Grundbegriff bzw. Schlagwort. Die neuen Möglichkeiten und Chancen in einer weltweit zusammenhängenden Welt können damit beschrieben werden, aber auch die Gefahren, die u.a. von multinationalen Unternehmen auszugehen scheinen (133ff.). Damit sind auch schon die heutigen Verhältnisse umrissen: Die einen sehen die Globalisierung als Chance für ein entgrenztes Handeln in der Weltgesellschaft. Die anderen sehen sie als eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt verwundbarer Staaten.

Letztlich stellt Olaf Bach mit seiner Untersuchung nicht nur eine Politisierung der Welt durch die explosionsartig vermehrte und kontroverse Globalisierungsrede fest, sondern auch eine „Politisierung des Globalisierungsbegriffs“ als solchem (242). Gerade diese rhetorische Aufladung des Begriffs habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu dessen Popularität beigetragen. Damit stellt Bach implizit klar: Wer über die Welt herrschen möchte, der muß auch über die Sprache herrschen, mit der wir die Welt zu beschreiben suchen. Und wer eine solche globale Hegemonie verhindern möchte, der muß für Vielfalt in Sprache und Interpretation sorgen.

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Ein Gedanke zu “Eine Begriffsgeschichte der Globalisierung

  1. Pingback: Globalisation studies – an eschatological discipline? | Rotsinn

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