Zukunft für das konservative Denken?

Sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland fragen sich Kommentatoren, welche Zukunft konservatives Denken in der modernen Gesellschaft haben kann. Aktueller Anlaß ist in beiden Fällen die Diskussion hinsichtlich der rechtlichen Gleichstellung homosexueller Menschen und die Schwierigkeiten, die konservative Parteien mit dieser Frage zu haben scheinen.

In einem Meinungsartikel für den britischen „Guardian“ kommt der Kolumnist John Harris zu dem Urteil, daß konservative Menschen in Großbritannien keine eigentliche Heimat mehr haben würden, seitdem die Conservative Party in vielen Belangen den gesellschaftlichen Mainstream vertrete, so auch im Bereich der Lebensstandpolitik (vgl. No mainstream party in England truly understands conservatism, 4. März 2013). Konservative Bürgerinnen und Bürger zeichnen sich für Harris durch einen skeptischen Charakterzug aus. Harris schreibt: „Boilded down, their take on the world amounts to a gentle though occasionally tetchy scepticism.“ Dieser Skeptizismus läßt konservativ eingestellte Menschen gesellschaftspolitischen Neuerungen gegenüber vorsichtig reagieren. Dies geschieht vor allem dann, wenn durch diese Neuerungen das wertekonservative Menschen- und Weltbild dieser Menschen in Frage gestellt wird.

Folgt man Bernd Ulrichs Argumentation in einem Artikel in „Die Zeit“ vom 7. März 2013 (S.9), dann ist auch hierzulande der Skeptizismus ein Merkmal des konservativen Denkens. Wie Harris, so kann auch Ulrich nur wenig Sympathie für konservatives Denken aufbringen. Der „Zeit“-Autor schreibt, daß Konservative in „keiner öffentlichen Debatte mehr wirklich standhalten“ könnten. Ulrich ist überzeugt: „Spätestens beim zweiten Gegenargument fallen sie auseinander.“

Für Ulrich zeichnen sich Konservative vor allem dadurch aus, daß ihr Denken mit Ressentiments gespickt ist. Er rät den Konservativen, ihre Werte und Einstellungen auf eine möglichst hohe Abstraktionsebene zu transponieren, um so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten: statt einem Plädoyer für Ehe und Familie die Parteinahme für Bindung als solcher (David Camerons Option); statt der klaren Aussage für den christlichen Glauben (im Falle der CDU) eine Wendung hin zu einer „höheren Macht“, wie es Ulrich formuliert.

Daß sich konservatives Denken oft an einer mehr oder minder expliziten Ordnungsvorstellung orientiert, ist weder bei Harris noch bei Ulrich zu lesen. Ordnung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht unbedingt die Stilllegung gesellschaftlicher bzw. ideengeschichtlicher Entwicklungen, obwohl diese fundamentalistische Versteifung dem konservativen Denken nicht gänzlich fremd ist. Der Rekurs auf Ordnung bezeichnet aber die Vorstellung, einer aller Politik vorgängigen objektiven Seinswirklichkeit.

Vor dem Hintergrund einer solchen Ordnungsvorstellung – zu nennen wäre hier zum Beispiel der etwas angestaubte Naturrechtsgedanke – ist es durchaus nachzuvollziehen, daß konservative Bürgerinnen und Bürger bei ausgewählten gesellschaftlichen Diskussionen einen gewissen Skeptizismus walten lassen. Solche Konservative fürchten nicht unbedingt, dass die Gesellschaft wegen der einen oder anderen politischen Entscheidung auseinanderfällt, wie es Ulrich vermutet. Sie lassen es sich aber nicht nehmen, das aktuelle politische Handeln mit kritischer Reflexion zu begleiten und mit ihrer jeweiligen Ordnungsvorstellung in Bezug zu setzen.

Sollten konservative Menschen die erwähnte fundamentalistische Versteifung vermeiden können, tun sie der Gesellschaft durchaus einen Dienst: Sie reflektieren, wo andere schon zu Ende gedacht haben. Sie gleichen die Macht der faktischen Weltordnung mit der Vision einer anderen, vorgängigen Ordnung ab.

Freilich müssen Konservative je auch ihre eigene Ordnungsvorstellung auf den Prüfstand stellen. Sie müssen sich fragen lassen, ob diese Ordnung mehr ist, als die Verlängerung von Gewohnheiten und Brauchtum, von Eigeninteressen und Furchtsamkeit. Wo das kritische Nachdenken über gesellschaftliche Fragen und die Selbstreflexion zusammenkommen, da hat konservatives Denken durchaus noch eine Überlebenschance. Und da ist es egal, welches Thema gerade die gesellschaftspolitische Debatte bestimmt.

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