Kurt Flasch und die „ewigen Menschheitsprobleme“

„Doctrine according to the need.“ So nennt es John Henry Newman in seinem Essay „On the Development of Christian Doctrine“. Newman bezeichnet damit das Aufkommen von theologischen Ideen aufgrund deren Brauchbarkeit im Kontext einer konkreten historischen Debatte.

„Context is all.“ Mit diesem Satz meint Rowan Williams 150 Jahre nach Newman, daß die Legitimität einer Argumentation nicht nur von deren reinem Gehalt abhängt, sondern auch von dem jeweiligen geschichtlichen Diskussionszusammenhang, in welchem diese Argumentation verfolgt wird (Faith in the Public Square, 2012, 148).

Kurt Flasch würde den beiden genannten Theologen sicher in vielen Punkten widersprechen. Ein grundlegendes Anliegen jedoch teilt er sowohl mit Newman als auch mit Williams: Die Einsicht in die historische Bedingtheit jeder ideengeschichtlichen Episode. Begriffe und Ideen fallen eben nicht vom Himmel. Sie durchziehen auch nicht wie Flöze von Kohle die verschiedenen Stadien der historischen Entwicklung, sozusagen als langgestreckte Abbaumasse, die nur auf den Schaufelradbagger der ideengeschichtlicher Sinnsucher wartet. Begriffe und Ideen unterliegen stets historischer Bedingtheit und lassen sich aus dieser Bedingtheit nicht ohne Verlust herauslösen.

In „Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire“ (Frankfurt 2008) wendet sich Flasch gegen ein Denken, das sich an „ewigen Menschheitsproblemen“ (ebd. 70) abarbeitet; Probleme also, die scheinbar Generation um Generation von Forschern umtreiben und die sich ihrem Wesen nach kaum verändern. Flasch gibt zu, dass dem Vokabular nach, bestimmte Probleme in der Tat epochenübergreifend diskutiert werden. Freiheit und Notwendigkeit, Glaube und Vernunft, Revolution und Reform: Diese und ähnliche Begriffspaare tauchen in der Ideengeschichte immer wieder auf. Trotzdem eignen sie sich nicht, so Flasch, in eine ungebrochene Kontinuität der „Problemgeschichte“ eingezwängt zu werden. Flasch schreibt hierzu: „Das ‚problemgeschichtliche‘ Verfahren läßt Individuen in den ewigen Lichtkreis überzeitlicher ‚Probleme‘ treten; es analysiert nicht das Entstehen dieser Probleme aus der Spannung von Situationen und Traditionen“ (ebd.). Ein solcher problemgeschichtlicher Ansatz fördere „die Enthistorisierung der Geschichte“ (71), folgert Flasch weiter.

Kurt Flasch möchte nicht von der Hand weisen, daß es sinnvoll sein kann, in der Geschichte mehr zu suchen, „als ein Sammelsurium zufälliger Tatsachen“ (ebd.). Diese Suche nach Sinn und Wahrheit in der Geschichte darf aber nicht so weit gehen, daß die Eigenarten historischer Debatten, ihrer Autoren und Werke vernachlässigt werden. Diese Gefahr sieht Flasch aber, wenn zu sehr auf die großen Linien der Ideen- und Dogmengeschichte geschaut wird und das Situative und Konkrete jeder Diskussion außer Acht bleiben.

Überhaupt ist der Begriff der „Situation“ für Flaschs hermeneutischen Zugang unverzichtbar. Denn Ideen reifen in bestimmten geschichtlichen Situationen und deren besonderen Zusammenhänge. So entschließt sich Flasch in seinem Buch dazu, die historischen Debatten stets als einen Kampf zwischen zwei bestimmten Kontrahenten zu skizzieren: Albert der Große gegen Averroes, Erasmus gegen Luther, Voltaire gegen Pascal u.v.m.

Flasch bezeichnet sich als „Historiker des Denkens“ (352). Er sieht seine Aufgabe darin, das „philosophische Denken in variablen Netzwerken“ (ebd.) zu zeigen. Denkhistoriker wie er holen die prägenden Diskussionen der vergangenen Jahrhunderte „herunter auf den geschichtlichen Boden, in eine konkrete, in eine örtlich und zeitlich begrenzte Konstellation“ (352f.), eben in eine ideengeschichtliche Situation, die es mittels detailreicher Studien zu entschlüsseln gilt.

Eine Frage bleibt: Wie sichert Flasch sich dagegen ab, daß die Ideengeschichte damit nicht doch in ein völlig zufälliges und unzusammenhängendes Geschehen abrutscht? Macht es noch Sinn von Wahrheit zu reden, wenn alles, aber auch alles historisch bedingt ist? Flasch weiß von dieser „Angst vor dem Relativismus“ (72), die auf die eine oder andere Art auch Newman und Williams umtreibt. Letztlich, so könnte man Flasch verstehen, bleibt einem nichts weiter übrig, als die historischen Situationen in ihrer Eigenart ernst zu nehmen. Überzeitliche Lehren aus diesen Situationen zu ziehen, dagegen wehrt sich Flasch.

Für den, der es trotzdem wagen möchte, in der Ideengeschichte nach Spuren von Wahrheit zu suchen, der kann von Flasch vielleicht eines lernen:  Man greife nicht zum Schaufelradbagger. Als ideengeschichtliches Abräuminstrument eignen sich eher Pinzette und Lupe.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s