Die Situationsethik: von Josef Fuchs SJ bis Kari Palonen

Zwischen dem Buch des katholischen Moraltheologen Josef Fuchs „Situation und Entscheidung“ aus dem Jahr 1952 und dem Essay des finnischen Politikwissenschaftlers Kari Palonen „Politics as a Dramatic Action Situation“ aus dem Jahre 1983 liegen zwar numerisch nur dreißig Jahre. Die Aussagen der Texte liegen dennoch Welten auseinander. Noch weiter auseinander, wie die unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen der beiden Herren ohnehin schon vermuten lassen.

Pater Josef Fuchs SJ lebte von 1912 bis 2005. Lange Jahre war er Professor für Moraltheologie an der römischen Universität Gregoriana der Jesuiten. Noch als Dozent an der theologischen Fakultät St. Georgen in Frankfurt veröffentlichte er 1952 das kleine Bändchen zum Situations- und Entscheidungsbegriff. Wer unter dem Titel „Situation und Entscheidung“ (Frankfurt/Main: Knecht, 1952) eine zeitdiagnostische Schrift zur Lage der deutschen Nation in den Jahren nach 1945 vermutet, liegt gänzlich verkehrt. Auch wenn die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg für einige Anlaß zu solch einer dezisionistischen Zeitdiagnostik waren, so präsentiert Fuchs seine Schrift doch mit einem anderen Ziel. Er nimmt die damals geführten moralphilosophischen bzw. moraltheologischen Debatten um das Thema der „Situationsethik“ auf und legt sie in eine ganz bestimmte Richtung aus.

Fuchs spricht sich in dem Werk nämlich eindeutig für den Vorrang des Naturrechts vor der Entscheidungsfreiheit des Einzelnen aus. Zwar billigt Fuchs dem Menschen zu, dass dieser seine Entscheidungen stets in einer konkreten Situation zu treffen habe (13f.). Gleichzeitig ist für ihn selbstverständlich, „daß das Naturgesetz nie wegen der Besonderheit einer Einzelsituation seinen absoluten Forderungscharakter einbüßen kann“ (42). Es ist nicht die konkrete Entscheidungssituation mit ihren jeweiligen Kontextbestimmungen (sozusagen der Augenblick der Entscheidung), welcher die normative Legitimität einer Handlung bestimmt. Eine solche, später auch von Papst Pius XII. verurteilte, Art der Situationsethik lehnt Fuchs strikt ab. Das umgekehrte ist der Fall: die allgemeingültige Norm geht der Entscheidung voraus und wird in der betreffenden Situation faktisch nur noch angewandt.

Wenn das Naturrecht wirklich so „generisch und allgemein“ wäre, wie Fuchs dies in seiner Schrift behauptet (101), dann wäre sein Postulat relativ unproblematisch. Das Naturrecht wäre dann ein weit umspannender Horizont, der viel menschliche Freiheit in seiner Anwendung lassen würde. Je spezifischer und konkreter aber die gemutmaßte naturrechtliche Forderung an die jeweilige Entscheidung ist, desto mehr schrumpft die Freiheit des Menschen zu einer Fiktion. Fuchs formuliert es nicht so scharf. Doch wenn er von der Notwendigkeit einer „wirklichkeitsgetreuen Erfasssung der Situation“ (140) spricht und gleichzeitig Naturrecht und Wirklichkeit praktisch gleich setzt (vgl. 57), dann bleibt dem Menschen wenig mehr übrig, als die ihm vorauseilende naturrechtliche Wirklichkeit auch zu der Wirklichkeit seiner Entscheidungen werden zu lassen.

Der Begriff des Naturrecht begegnet einem bei Kari Palonen (*1947) nicht. Er liegt dem Denken des langjährigen Professors an der Universität Jyväskylä auch sehr fern. Palonen denkt nicht in Kategorien von Natur, sondern von Kontingenz und Chance. In Heideggerischem Duktus sagt Palonen in seinem 30 Jahre alten Essay über die Situation aus: „A situaton ‚is‘ not simply there, given for the agent, but the latter is always ‚in situation‘.“ (Politics as a Dramatic Action Situation, in: Kari Palonen: Re-Thinking Politics. Essays from a quarter-century, (ed. Kia Lindroos) Jyväskylä 2007, 17). Dieses „Je-schon-in-einer-Situation-sein“ entspricht aber nicht der Einbettung in eine vorgängige Ordnung. Es ist vielmehr das „Geworfensein“ in die Kontingenz des Augenblicks der Entscheidung und des Handelns. Diese Entscheidungssituation ist geprägt von radikaler Offenheit (18). Mit Sartre könnte man sagen, daß der Mensch zur Freiheit verdammt ist.

Palonen klassifiziert die politische Entscheidung als eine ganz besondere Handlungssituation. Der Politiker handelt, um Wandel hervorzubringen, nicht, um bestimmte Werte zu verwirklichen. Er verhält sich antagonistisch – also nicht im Einklang mit einem natürlichen Recht – und handelt dezidiert gegen etwas: eine Meinung, eine andere Partei, ein Gesetzesvorhaben. Daraus folgt für Palonen: „No politics without adversary and resistance“, wobei Carl Schmitts „Der Begriff des Politischen“ nicht umsonst im Literaturverzeichnis des Essays vermerkt ist.

Politisches Handeln enthält für Palonen beides: eine Radikalisierung der Kontingenz und Offenheit und eine Radikalisierung des Neuigkeitswertes, der durch die Handlung hervorgebracht wird (vgl. 21). Der Politiker kann sein Handeln aus dieser Sicht gerade nicht auf einer von ihm unabhängigen Ordnung aufbauen. „There cannot exist in politics anything which could be experienced as valid on the basis of an universal intersubjectivity judgement, for basically anybody may question the validity of any policy“ (24). Eine „richtige“ Politik kann es von daher nicht geben (vgl. 26). Wer reine Politik treibt, tut dies ohne „a pre-written manuscript“ (33). Die Sicherheit, mit der Palonen von der Nicht-Existenz einer wie auch immer gearteten Grundierung unseres Zusammenlebens ausgeht – Ordnung wäre hier schon zuviel gesagt – ist überraschend.

Der Graben zwischen Fuchs‘ und Palonens Aussagen könnte kaum breiter und tiefer sein. Wobei beide ihre Meinung im Laufe der Jahre überarbeiteten und modifizierten. (Vgl. u.a. Josef Fuchs: Kirchlicher Gehorsam und personale Entscheidung, in: Stimmen der Zeit, Jg. 216 (1998), Nr. 9, 640-642 bzw. Kari Palonen: Das ‚Webersche Moment‘. Zur Kontingenz des Politischen, Opladen (Westdeutscher Verlag) 1998, 209-216). Man könnte diese Modifikation einen Ausdruck von Altersmilde nennen, die auf beiden Seiten des Grabens zu bemerken ist. Vielleicht enthält diese auch eine tiefere Erkenntnis: daß Entscheidungen frei sind und gebunden; daß die Wirklichkeit Ordnung und Neuschöpfung enthält; daß von uns letztlich die Ordnung gesucht werden muß, die uns für verantwortliche persönliche und kollektive Entscheidungen möglichst viel Freiheit läßt.

Advertisements

3 Gedanken zu “Die Situationsethik: von Josef Fuchs SJ bis Kari Palonen

  1. Pingback: Wahrheitsliebe in der Politik. Eine Collage. | Rotsinn

  2. Pingback: Die Situationsethik: von Josef Fuchs SJ bis Kari Palonen « theolounge.de

  3. Situation und Kontingenz: Dann noch einmal radikaler gewendet in der „Internationale Situationniste“. In der ersten Ausgabe der gleichnamigen Zeitschrift aus dem Jahr 1958 findet sich folgende Bestimmung des Schlüsselbegriffes dieser künstlerischen aber auch politischen Gruppierung: „Situation construite. Moment de la vie, concrètement et délibérément construit par l’organisation collective d’une ambiance unitaire et d’un jeu d’événements.“ Situation verweist hier nicht nur auf Kontingenz als Umstand politischer Handlung; die Situation ist das Produkt, in der menschliche Handlungen unter dem Umstand von Kontingenz Freiheit realisieren. Sie ist nicht Diagnose, sondern Forderung. [Siehe natürlich auch: Guy Debord, Rapport sur la construction des situations et sur les conditions de l’organisation et de l’action de la tendance situationniste internationale, 1957]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s