Die Würde der Politik – frei nach Yves Congar OP

Das Werk „Der Laie. Entwurf einer Theologie des Laientums“ des Dominikaners Yves Congar ist Vieles: eine Grundlegung des Laientums in der Kirche; eine Ekklesiologie (d.h. eine Lehre von der Kirche); ein systematischer Versuch der Abgrenzung zwischen weltlicher und geistlicher Sphäre.

Yves Congar veröffentlichte sein Buch 1952 in französischer Sprache. 1956 kommt die deutsche Ausgabe (Schwabenverlag/Stuttgart) auf den Markt. Das Werk erscheint also ein Jahrzehnt vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, welches das Verhältnis von Kirche und Welt neu justierte. In der theologischen Auseinandersetzung um das Spannungsverhältnis von geistlicher und weltlicher Sphäre war „Der Laie“ ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Konzil. Ganz deutlich kommt in dem fast 800 Seiten starken Band eine Wertschätzung des weltlichen Tuns zum tragen, die zehn Jahre später auch das Konzil prägen sollte.

Wer Congar genau liest, der kann darin auch einen ideengeschichtlichen Beitrag zur Eigenwürde der Politik herauslesen. Nun ist das Weltliche nicht mit dem politischen Handeln gleichzusetzen. Auch in Wirtschaft und Kultur wird eine Welt erschaffen, solange, auf jeden Fall, wie hieraus mehr Freiheit für die Menschen entsteht – so würde es wohl Hannah Arendt sehen. Vielleicht kann man die Politik bzw. das politische Handeln jedoch als das „Sakrament der Welt“ (BC) bezeichnen; denn an der Politik wird sichtbar, wie sich ein Gemeinwesen selbst versteht und welcher Natur es ist.

Man muß sich bewußt sein, daß es zur Zeit der Veröffentlichung von „Der Laie“ innerhalb von Kirche und Theologie nicht üblich war, dem Handeln in der Welt einen hohen Stellenwert beizumessen. In freundlichem Ton, aber stets konsequent räumt Congar mit dieser Geisteshaltung auf. Er stellt fest, dass aus Sicht der katholischen Theologie (er beruft sich häufig auf seinen Ordensbruder Thomas von Aquin) Welt und Politik eine unverwechselbare Würde haben. Neben den geistlichen Dingen und Zielen sind auch die weltlichen Dinge und Ziele „in ihrer Eigenexistenz von Belang“ (Der Laie, 45). Ihre Würde ist also nicht davon abhängig, dass sie in Verbindung zu der geistlichen Sphäre stehen. In sich selbst ist die Welt würdig.

Congar geht noch weiter. Er stellt fest, daß nicht nur die Kirche in einem unmittelbaren Verhältnis zu Christus ihrem Herrn stehe. Auch die Welt steht zu Christus in einem unmittelbaren Verhältnis. Auch die weltliche Macht hat, so Congar, „ein christologisches Fundament“ (132). Warum? Weil Christus zugleich Herr über die Kirche und Herr über die Welt ist. Der dominikanische Theologe schreibt: „Eine Teilnahme an der Königsherrschaft Christi (findet …) in zwei verschiedenen Linien (statt), von denen keine die andere verdrängt: als geistliche Autorität (…) in der Kirche, als weltliche Autorität in all dem, was die Ordnung dieser Welt angeht“ (134).

Aus christlich-theologischer Gesicht geht mehr nicht: Wer seine Würde unmittelbar von Christus erhält, der braucht sich nach anderen Quellen der Würde nicht mehr umzuschauen. Congars christologisches Fundament der Welt – und damit auch der Politik – ist aus theologischer Sicht also keine Vereinnahmung, sondern eine Befreiung. Wer sich als Laie in die Politik einmischt, der kann – wenn er dem gleichen Glauben angehört wie Congar – sich dem Wert und der Würde seines Handelns sicher sein. Politik ist also nicht uneigentlich. Als gestaltende Kraft ist sie, ich wiederhole mich, das „Sakrament der Welt“.

Das politische Handeln der Menschen besitzt in sich Würde. Dass dies kein Freipaß für die geistliche Überhöhung eigener Partikularinteressen ist, ist selbstverständlich. Die Würde der Politik gewinnt nämlich dadurch Kontur, daß der Politiker eine gehörige Portion Verantwortung für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt übernimmt. Denn „was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 40). Das würde wohl auch Yves Congar so sehen.

Advertisements

2 Gedanken zu “Die Würde der Politik – frei nach Yves Congar OP

  1. Pingback: Über Laien 2: Die Unterscheidung von Kirche und Welt | Rotsinn

  2. Pingback: Die Würde der Politik – frei nach Yves Congar OP « theolounge.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s