Religion, Atheismus und Politik: Debatten in Großbritannien zum Jahreswechsel

So wie in Deutschland in den Weihnachtsausgaben von Zeitungen und Zeitschriften das Thema der öffentlichen Religion debattiert wurde (vgl. Religion und Politik: Das ewige Für und Wider), so war das auch in Großbritannien der Fall. Im Vergleich zu Deutschland werden dort die Debatten aber wesentlich polarisierter und unversöhnlicher geführt, vielleicht eine Auswirkung des antagonistisch geprägten Westminster-Parlamentarismus. Für die religionspolitische Auseinandersetzungen gilt dies ganz besonders.

Robin Ince und Brian Cox präsentieren als Gast-Herausgeber des liberalen New Statesman eine Weihnachtsausgabe zum Thema „Beweisführung“. In ihrem Editorial fordern sie, dass im öffentlichen Leben alles einer stringenten Beweisführung unterworfen sein müsse („everything be subordinate to evidence“, 23). Explizit verneinen sie es, einer Wissenschaftsreligion zu huldigen. Ihr Wunsch ist es nur, dass sich das politische Handeln an (natur-)wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren soll, auch wenn diese einer ständigen Falsifizierung im Popperschen Sinne unterliegen. Ince und Cox sehen leider nicht, dass viele politische Entscheidungen der naturwissenschaftlichen Beweisführung nicht zugänglich sind, sondern eine andere Art der Rationalisierung benötigen. Oder wie kommen wir zu einer Entscheidung hinsichtlich solcher Themen wie Sozialleistungen, dem Küstenschutz oder der Verkehrspolitik? In solchen und vielen anderen Fragen stellen wissenschaftliche Erkenntnisse nur einen Teilaspekt der Entscheidungsfindung dar.

Ince und Cox verbinden mit ihrem Anliegen einen dezidiert religionskritschen Ansatz. Dies wird daran ersichtlich, dass weitere Artikel in dem von ihnen herausgegebenen Heft die Religion bzw. den Glauben darstellen, als seien diese mit wissenschaftlichem Denken nicht zu vereinbaren. Die Stimmen von  Religionsvertretern werden folglich in der Rubrik „Lines of Dissent“ publiziert (Mehdi Hasan präsentiert klassische Gottesbeweise). Oder sie müssen apologetisch die Möglichkeit einer Harmonie von Glaube und Vernunft, Wissenschaft und Religion hochhalten. In zwei Interviews mit Vertretern des neuen Atheismus (Ricky Gervais bzw. Jim Al-Khalili) werden wiederum religionskritische Argumente vorgebracht, wie sie seit mindestes 150 Jahren im Umlauf sind. Überraschend ist, dass die Debatte im New Statesman immer wieder um die Frage kreist, ob man Gottes Existenz beweisen kann oder nicht; als wäre die prinzipielle Unbeanwortbarkeit dieser Frage nicht längst bekannt.

Im konservativen Standpoint (Jan/Feb 2013) präsentiert der anglikanische Bischof em. Michael Nazir-Ali wiederum einen Essay, der nur wenig auf die Fragen von Agnostikern und Atheisten eingeht. Im Stile eines Sermons verbindet Nazir-Ali kulturpessimistische Kommentare zum Zeitgeschehen mit zentralen Botschaften der christlichen Verkündigung. Diese Botschaften sind keineswegs falsch, aber gehen auch in keiner Weise auf die Skepsis der Zeitgenossen von Nazir-Ali ein. Sollten Ince und Cox den Text von Nazir-Ali zu Gesicht bekommen, dann werden sie sich in ihrer religionskritischen Haltung nur bestätigt fühlen. Denn für den ehemaligen Bischof von Rochester sind Repräsentanten des „humanistischen“ Denkens keine Gesprächspartner, denen man mit guten Argumenten zu begegnen hat, sondern eine Gefahr für die eigene gesellschaftliche Stellung.

Dabei gibt es an der Richtung, welche die religionspolitische Debatte in Großbritannien seit einigen Jahren nimmt, einiges auszusetzen. Nicht zuletzt deren zunehmend illiberale Tendenzen. Diese führen dazu, daß jegliche Referenz auf ein Absolutes hin im öffentlichen Diskurs für nicht legitim gehalten wird. Es bleibt einigen wenigen Personen vorbehalten (z.B. dem Erzbischof von Canterbury), die Wichtigkeit der religiösen Reflexion für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik herauszuheben. Wehe aber, diese Personen präsentieren Argumente, welche klassische Vorwurfmuster hinter sich lassen und die Debatte weiterzuführen versuchen, wie z.B. Rowan Williams. Sie werden dann als unverständlich und verschroben beschrieben.

Die Diskussion in Großbritannien verläuft nicht nur auf einer einseitig religionskritischen Schiene, sondern ist in weiten Teilen auch etwas denkfaul.

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