Religion und Politik: Das ewige Für und Wider

Vielleicht liegt es an der Jahreszeit: In den aktuellen politischen und philosophischen Magazinen ist ein Thema sehr beherrschend. Es geht um die Rolle der Religion in der Politik. Dabei kommen jene zur Sprache, die auf einen offenen und konstruktiven Umgang mit der Religion auch im öffentlichen Leben setzen. Und es gibt jene, die diesen Umgang eher auf das Notwendigste beschränken wollen.

Gleich zwei Hefte widmen sich diesem Thema in der Gegenüberstellung sich offenbar widersprechender Meinungen. Die aktuelle Ausgabe des CICERO (12/2012) – ein „Magazin für politische Kultur“ – läßt auf der religionsfreundlichen Seite Alexander Kissler und auf der religionsskeptischen Seite Richard Herzinger zu Wort kommen. In dem neu sich am Markt befindlichen „philosophie Magazin“ (01/13) treten Jean-Claude Guillebaud (pro) und Avishai Margalit (contra) gegeneinander auf.

Die Argumente derjenigen, die in der Religion einen wichtigen Beitrag zum öffentlichen Leben sehen, sind stets ähnlich, auch im vorliegenden Fall. Kissler und Guillebaud verweisen auf den historisch gewachsenen Beitrag der Religion – vor allem der jüdisch-christlichen – zur Entwicklung der gesellschaftlich als wertvoll erachteten Tugenden und Rechte. Kissler verweist darauf, daß Religionen „der beste Schutz vor der Selbstüberhebung des gegenwärtigen Menschen“ seien (Religion sozusagen als Ideologiekritik). Guillebaud wiederum betont den geschichtlichen Zusammenhang zwischen dem Ursprung des jüdisch-christlichen Glaubens und den Menschenrechten.

Die religionspolitischen Skeptiker argumentieren verblüffenderweise ähnlich, nur unter umgedrehten Vorzeichen. Für Margalit und Herzinger ist die aus dem Glauben an ein Absolutes erwachsene Ideologiekritik ein „Giftzahn“ (Herzinger), der dem politischen Dikurs zu ziehen ist. Religion in der Öffentlichkeit neigt für sie zu Fundamentalismus und zur Verunmöglichung gesellschaftlicher Kompromißsuche (Margalit). Aus der Sicht der Skeptiker sind zudem die Menschenrechte den Kirchen und großen religiösen Institutionen in einem langen Kampf der Aufklärung und Entkonfessionalisierung abgerungen worden.

Wer die religionspolitische Diskussion etwas verfolgt, der kennt diese Argumente und weiß darum, daß sie in beide Richtungen funktionieren. Es mag an der Vorliebe des Journalismus an eindeutigen und gegensätzlichen Positionen liegen, daß dieses Pro und Contra als unüberwindbar erscheint. Dabei ist klar: Religion kann einen wertvollen, konstruktiven Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Religion kann in der Form des Fundamentalismus aber auch destruktiv wirken. Und: Die Menschenrechte sind auch aus der Emanzipation von religiösen Vorstellungen entstanden. Sie sind aber ebenso auch aus ihnen erwachsen (wenn man überhaupt zu solch essentialistischen Überlegungen greifen möchte).

Die Frage „Brauchen wir Gott in der Politik?“ (so das „philosophie Magazin“ auf S. 52) führt daher in die Irre. Denn: Wir brauchen Gott. Und wir brauchen ihn nicht. Gott ist schon drin in der Politik. Und er ist es nicht. Jeder einzelne religiöse Mensch, der in die Politik geht, bringt „Gott“ ins politische Geschäft mit hinein. Ob wir es wollen oder nicht. Man kann selbstverständlich verlangen, der Einzelne möge seine politischen Urteile ohne Zutun seines religiösen Glaubens fällen. Aber verlangen wir von einem Sozialdemokraten oder einem Konservativen in der Politik auch, er möge seine polititischen Entscheidungen unter Ausschluß seiner Weltanschauung treffen?

Es gibt das Pro und Contra im religionspolitischen Diskurs. Wer etwas mitdenkt weiß aber auch, daß dieses Pro und Contra in seiner auschließlichen Reinform nur im Journalismus (oder in einer journalistisch verkürzten Wissenschaft) existiert. Denn das wahre Leben flackert ständig zwischen dem Pro und dem Contra hin und her.

 

 

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9 Gedanken zu “Religion und Politik: Das ewige Für und Wider

  1. Pingback: Religion, Atheismus und Politik: Debatten in Großbritannien zum Jahreswechsel | Rotsinn

    • Liebe Emma,
      für Ihren Kommentar danke ich.
      Hilft es Ihnen, wenn ich sage, daß auch in einem offenen Ende ein eigener Standpunkt verborgen liegen kann? Dass mein Standpunkt eben nicht auf der einen oder der anderen Seite der Diskussion sich befindet?
      Dies eben macht die Destruktivität des Fundamentalismus aus: Er schlägt sich auf eine beliebige Seite der Diskussion und verneint im Folgenden den anderen Seiten das Recht zur Existenz.
      Mit freundlichen Grüßen
      Burkhard Conrad OPL

    • Aber es ist doch so: es gibt nun mal Diskussionen bei denen eine Seite einfach Recht hat. Wenn ich zum Beispiel behaupte, dass ich, wenn ich vom Dach springe fliegen kann. So habe ich nun mal schlicht und einfach unrecht.

    • Liebe Emma,
      vielen Dank für Ihren Kommentar.
      Im naturwissenschaftlichen Bereich – und Ihr Beispiel nimmt auf diesen Bereich Bezug, da der Flug vom Dach u.a. durch die Gravitationskraft der Erde verunmöglicht wird – läßt sich schneller zu einem Urteil von richtig und falsch kommen als im sozial- bzw. geisteswissenschaftlichen Bereich. Auch hier gibt es ohne Zweifel wahre und falsche Aussagen, doch diese unterliegen schnell auch einem persönlichen Werturteil. Im vorliegenden Beispiel (vgl. die von mir zitierten Äußerungen in meinem Blog-Eintrag) ist dies meines Erachtens der Fall.
      Mit freundlichen Grüßen
      Burkhard Conrad opl

    • Besten Dank auch für den Hinweis auf Ihre Buchbesprechung. Der Band war mir in seiner englischen Fassung („The Power in Religion in the Public Sphere“, 2011) schon bekannt.
      Noch bin ich mir unsicher, weshalb in den vergangenen Jahren religiöse Themen zunehmend prominenter diskutiert werden. Ist es die Frage nach der Gewalt, die alle anderen religiösen Themen mit sich in den Vordergrund holt? Ich möchte es nicht so recht glauben.
      Burkhard Conrad OPL

  2. Pingback: Religion und Politik: Das ewige Für und Wider « theolounge.de

  3. Auch in der „Zeit“ vom 29. November 2012 wird der Frage nach dem öffentlichen Charakter der Religion in einem Pro und Contra nachgegangen. Der „Pro“-Autor ist Patrick Schwarz, die „Contra“-Autorin Elisabeth von Tadden. Während von Tadden den bekannten Vorwurf wiederholt, öffentlich artikulierte Religion neige zur Gewalt, verweist Schwarz auf die heilsame Provokation des christlichen Glaubens.

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