Robert Menasse und der Unsinn des „nation-building“

In der Postkonfliktforschung waren in den vergangenen Jahren zwei englische Begrifflichkeit dominierend: das „state-building“ und das „nation-building“.

Der erste Begriff, „state-building“ bzw. Staatsaufbau, meint die kontinuierliche Schaffung konkreter staatlicher Strukturen – Bürokratie, Polizei, Armee, Volksvertretung usw. – an einem Ort, wo diese nur mangelhaft vertreten sind. In allen Postkonfliktsituationen der jüngeren Vergangenheit – z.B. Irak, Afghanistan, Kosovo – ist dies für sich genommen schon eine große Herausforderung.

Der zweite Begriff, „nation-building“, meint etwas wesentlich Diffuseres. Er meint die Überwindung ethnischer Partikularitäten und die Schaffung eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls. Eigentlich ist dies ein hehres und wichtiges Ziel. In der historischen Betrachtung ergibt sich aber folgende Beobachtung: Prozesse der Nationenbildung sind oft einher gegangen mit der Unterdrückung von Minderheiten, mit deren Vernichtung oder Vertreibung. Dies trifft sowohl auf das 19. Jahrhundert als auch für das 20. Jahrhundert zu. Gleichzeitig ist es auch bei gewordenen Nationen weiterhin reichlich schwierig, die konkreten positiven Merkmale auszumachen, die eine Nation zu einer solchen machen.

Wer also in heutiger Zeit in Postkonfliktsituationen das „nation-building“ vorantreiben möchte, der weiß nicht, auf was er sich einläßt. Diese Beobachtung greift Robert Menasse in seiner kleinen Streitschrift „Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas“ (2012) auf. Die gegenwärtige europäische Krise beschreibt er weniger in finanzieller Hinsicht. Für Menasse ist die gegenwärtige Situation eine krisenhafte Zuspitzung aufgrund eines um sich greifenden Nationalismus in der Europäischen Union.

Menasses Kernfrage ist: „Wie kann das Nie-Dagewesene aussehen, dieses historisch völlig Neue, das weltweit innovative, kühne europäische Avantgarde-Projekt: die nachnationale Demokratie“ (95)? Vielleicht geht Menasse etwas arg fahrlässig mit unseren nationalen Demokratien um. Seiner Meinung nach stellen sie sich in den Weg einer fundamentalen Demokratisierung von Europa und einer endgültigen Überwindung des Nationalismus.

Doch in der Bewertung des „nation-building“ kann man Robert Menasse uneingeschränkt zustimmen. Wer heute noch die Bildung von Nationalstaaten als erstrebenswert ansieht, der nimmt die mit der Nationswerdung einhergehenden Gewaltexzesse billigend in Kauf. Der Nationalstaat erscheint uns heute als selbstverständlich und wohltuend stabil. Er ist es aber nur, weil die großen Differenzerfahrungen, d.h. Minderheiten, daraus verbannt wurden. Nationalstaaten wurden regelrecht „herbeigebombt“, wie es Menasse in Bezug auf Jugoslawien ausdrückt (97).

Menasse findet es absurd, daß der Aspekt der „Nationswerdung“ in Europa weiterhin eine Rolle spielt. Vor allem wenn man bedenkt, daß es von Selbstbewußtsein strotzende Nationen waren, die einen ersten und zweiten Weltkrieg, Vertreibung und Völkermord hervorbrachten. Deshalb darf „nation-building“ in der europäischen Politik keinen Platz mehr haben. Menasse schreibt: „Das ist natürlich völlig grotesk, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass es beim europäischen Projekt um die Überwindung des Nationalismus ging und geht“ (97).

Es ist Zeit, daß auch in der Postkonfliktforschung und den angelehnten Forschungsfeldern das „nation-building“ zu Grabe getragen wird. Mit „state-building“ hat man schon genug zu tun.

 

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