Ideengeschichte im New Bell Prison, Douala, Kamerun

Brother G. ist ein schmächtiger, junger Mann in weitem Gewand. Er fährt seinen Geländewagen forsch durch die überfüllte Innenstadt von Douala, vorbei an unzähligen Marktständen, umschwärmt von ebenso unzähligen Motorrädern.

Brother G. ist ein Gefängnisseelsorger der katholischen Kirche. In seiner Arbeit wird er von einem deutschen Hilfswerk unterstützt. Heute besuchen wir mit ihm das New Bell Prison inmitten der kamerunischen Hafenstadt. Das Gefängnis wurde ursprünglich für ca 750 Personen gebaut. Heute hausen darin ca. 2500 Gefangene, zumeist junge Männer.

Bevor Brother G. mit seiner Arbeit begann, waren über 4000 Menschen dort gefangen. Monatlich starben zwei bis drei Personen an Krankheit, Hunger und Gewalt. Es gab keine Registratur. Niemand wusste, wer in Haft war und wer wann entlassen werden sollte. Mit der ausländischen Unterstützung konnte Brother G. dem Gefängnis helfen, eine einfache Verwaltung aufzubauen. Das führte dazu, das mit der Zeit über 1500 Personen entlassen wurde, die ihre Haftstrafe oft schon lange verbüßt hatten.

Als wir durch den großen Innenhof des Gefängnisses gehen, werden wir von jungen Männern umlagert. In der Luft liegt ein Gestank von Schweiß, Essen, Fäkalien und anderem. Viele schlafen ohne Dach überm Kopf auf dem harten Betonboten. Wenn sie Glück haben werden die Gefangene von Verwandten jenseits der Gefängnismauern versorgt. Innerhalb der Mauern gilt das Gesetz des Stärkeren. Darin mischen sich die Aufseher wenig ein. Mein Begleiter raunt mir zu: „Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“

Ich jedoch habe große Schwierigkeiten mir Schlimmeres vorzustellen. Auch wenn ich von anderen, noch unmenschlicheren Anstalten, Gefängnissen, Lagern der Geschichte und der Gegenwart weiß. Vieles geht mir in dieser Stunde und in den Tagen dannach durch den Kopf. Unter anderem auch die Frage: Was soll die Beschäftigung mit Ideen und Begriffen, wenn die Wirklichkeit der Menschen so aussieht? In ein konventionelles Gegensatzpaar gebracht: Weshalb treibe ich Theorie, wenn die Empirie der Menschen so düster ausschaut?

Nach einer gewissen Zeit tauchen aber auch andere, weitergehende Fragen auf: Ist es nicht eine solche Wirklichkeit, die unserem Sinn für Menschenwürde elementar widerspricht, die uns zur Ausformulierung von grundlegenden Ideen und Begriffen anregt? Gehen diese Ideen und Begriffe – Gerechtigkeit, Freiheit, Frieden, Gleichheit, Brüderlichkeit, Menschenwürde – nicht wieder in unseren politischen Sprachschatz ein? Helfen uns diese Ideen und Begriffe nicht dabei, politische Forderungen auf den Punkt zu bringen und Veränderungen anzustoßen? Eine Option für die Armen zu ergreifen, um eines der politisch relevantesten Theoreme der jüngeren Theologiegeschichte zu nennen?

In seinem Essay „The Development of Christian Doctrine“ aus dem Jahr 1845 kommt John Henry Newman zu einer in diesem Kontext hilfreichen Folgerung. Newman meint, daß Ideen und Begriffe aus den Notwendigkeiten einer bestimmten historischen Situation bzw. Konstellation heraus erwachsen. Newman nennt dies die „doctrine according to the need“. „Doktrin“ steht also nicht für sich, ist nicht zeitlos, sondern ist die Antwort auf die konkrete Wirklichkeitserfahrung von Menschen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit.

Die Wirklichkeit im New Bell Prison in Douala verfolgt mich weiter. Die daraus sich ergebenden Handlungsnotwendigkeiten praktischer und theoretischer Art auch. Was für diesen Ort heute gilt, das gilt für jeden Ort und jede Zeit der Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Ideen und Begriffe lassen uns verstehen (und gelegentlich auch mißverstehen). Ideen und Begriffe geben uns aber auch die Instrumente in die Hand, eine gerechte, friedensfördernde, menschenwürdige Politik zu formulieren und durchzusetzen.

Vielleicht ein bißchen viel Menschenrechtspolitik für gewöhnliche Ideengeschichtler …

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2 Gedanken zu “Ideengeschichte im New Bell Prison, Douala, Kamerun

  1. Ein Leser des oben stehenden Artikels schreibt mir:

    „Im selben Jahr wie Newman hat ja ein anderer den berühmten Satz geschrieben “ Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt drauf an, sie zu verändern“. Karl Marx glaubte an eine allmächtige revolutionäre Praxis. Ich glaube nicht daran: Zu brauchstückhaft und widersprüchlich ist das reale Erleben. Gibt es eine Begrifflichkeit für eine Begegnung mit dem Unfassbaren (das Sie beschreiben), die die Menschenwürde befestigt und nicht auflöst?“

  2. Pingback: Ideengeschichte im New Bell Prison, Douala, Kamerun « theolounge.de

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