H. D. Thoreau: ein früher Blogger

Vor 175 Jahren, am 22. Oktober 1837, schreibt Henry David Thoreau als erste Notiz in sein Tagebuch: „‚What are you doing now?‘ he (wahrscheinlich R. W. Emerson, B.C.) asked, ‚Do you keep a journal?‘ – So I make my first entry to-day.“ (Thoreau, H.D. 1981: Journal, Vol. 1: 1837-1844, Princeton University Press: Princeton, S.5.)

Und vor sechs Monaten, am 21. April 2012, begann ich mit eben dieser Notiz „Rotsinn“.
Nicht, daß ich denken würde, daß ich mit H.D. Thoreau gleich ziehen wollte oder könnte. Das wäre vermessen. Thoreaus Tagebuch füllt inzwischen mehrere sorgsam editierte Bände von enormer Länge. Thoreau nutzte sein Tagebuch als eine Art Werkheft für seine Veröffentlichungen. Dementsprechend gibt es zwischen dem Tagebuch und den von Thoreau zeit seines Lebens veröffentlichten Büchern viele Parallelen. Eigenplagiat könnte man so etwas heute nennen.
 
Was für Thoreau sein Tagebuch war, das ist für viele Menschen heute der Blog. Mit dem Unterschied, daß der Blog nicht erst posthum an die Öffentlichkeit geht, sondern unmittelbar Öffentlichkeit herstellt. Zum Guten oder zum Schlechten. Von daher kann man Thoreau etwas verstiegen als einen frühen Blogger bezeichnen. Damit hätte man eigentlich Grund genug heute auch den Weltblogtag zu feiern. Aber wahrscheinlich gibt es diesen ja schon längst.
 
Thoreau thematisiert in seinem Tagebuch das ganze Spektrum seiner Welterfahrungen: Reiseberichte, Naturerscheinungen, sein „Walden“-Jahr, philosophische Gedanken, Begegnungen mit den Großen und Kleinen seiner Zeit, Anmerkungen zur eigenen Lektüre, politische Notizen. Kurzum: Es sind Erfahrungen des Alltags eines gänzlich außeralltäglichen Menschen.
 
Das Tagebuch-Schreiben hat für Thoreau auch eine spirituelle Dimension. Am Mittwoch, den 13. Januar 1841 schreibt er: „We should offer up our perfect thoughts to the gods daily – our writing should be hymns and psalms. Who keeps a journal is purveyor for the Gods.“ (Thoreau, H.D. 1981: Journal, Vol. 1: 1837-1844, Princeton University Press: Princeton, S.220.)
 
Wo kämen wir hin, wenn jeder Blogger heute sein öffentliches Tagebuch so führen würde, wie Henry David Thoreau es vor 175 Jahren tat  …
 
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