Rowan Williams‘ öffentlicher Glaube III – Wahrheit und Politik

Auf das politische Denken von Rowan Williams machte ich schon im Vorwege des Erscheinens seines neuen Aufsatzbandes „Faith in the Public Square“ aufmerksam. Nachdem das Buch nun auf meinem Schreibtisch liegt, möchte ich auf eine kleine Passage eingehen, die sich im Vorwort des Bandes findet. Das Vorwort selbst stammt vom Juni 2012, und es ist der einzige Text des Buches, der noch nicht an anderer Stelle veröffentlicht wurde. Die meisten in „Faith in the Public Square“ enthaltenen Aufsätze finden sich auch auf der Netzseite des (Noch-)Erzbischofs von Canterbury.

In dem Vorwort faßt Williams einige seiner Gedanken zum Thema Religion/ Glaube und Politik zusammen. Es geht um die Ermöglichung einer fürsorglichen Gemeinschaft, um die Abwehr eines falsch verstandenen Säkularismus, um Pluralismus und Demokratie und um die Rolle der Kirche und des Glaubens in einer modernen Gesellschaft.

In diesem Zusammenhang findet sich auch folgender Satz: „Without respect for the possibility of criticizing the state on the grounds of a truth that does not change at elections, without the possibility of arguing with some things the state thinks are reasonable or self-evident, the chances of radical social change are threatened.“ Und er fügt an: „In times of political crisis and corruption, we need to know what resources there are to resist what a government decides is ‚rational'“ (Faith in the Public Square, 3).

Ähnlich wie Habermas versteht Williams Religion und Glaube an dieser Stelle funktional: Sie können etwas für Staat und Gesellschaft leisten. Dabei fällt auf, daß Williams das kritische Element des religiösen Glauben betont. Dieser Glaube mag vielerorts Sicherheit verschaffen, wohl am ehesten in existentiellen Fragen. In Dingen des kollektiven Zusammenlebens ist der Glaube aber nicht einfach ein Wertelieferant für vom Pluralismus überforderte Menschen. Vielmehr funktioniert der Glaube hier als der Stachel im Fleisch einer selbstgenügsamen Gesellschaft.

Der Glaube sichert also nicht nur. Er entsichert und verunsichert auch. Und er tut dies, indem er mit einer Wahrheit ausgestattet ist, die sich eben nicht nach parteipolitischen oder ideologischen Winden dreht. Wer in einer Wahrheit und damit auf einem „Fundament“ steht, der urteilt anhand von mehr oder minder transparenten und konstanten Kriterien. Und er kritisiert das, was dieser Wahrheit auffällig entgegensteht.

Wahrheit hat aber nicht nur ein kritisches Potential. Sie hat auch ein ermöglichenendes Potential. Durch ihre Kritik tritt sie in festgefahrenen Situationen für Kontingenz ein („the chances of radical social change“). Das ist eine Überraschung. Warum? Weil gemeinhin der religiöse, wahrheitsliebende Mensch als Kontingenzblocker gilt, manchmal gar als Fundamentalist. Daß es diesen Menschen gibt ist ohne Zweifel richtig.

Williams kennt aber auch die andere Möglichkeit: Gerade das Bestehen auf einem festen Fundament bringt die Dinge ins Fließen. Kontingenz kann erst dort aufbrechen, wo den politischen, religiösen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Kontingenzblockern der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Und wer tut so etwas am besten? Williams Antwort: der Glaube an die Wahrheit.

Doch welche Wahrheit ist damit gemeint?

(Fortsetzung folgt.)

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