Die Politisierung der Welt III

Die Politisierung der Welt ist ein Vorgang der Ideengeschichte. Als solches bedeutet sie die rhetorische Entgrenzung eines politischen Besitzanspruches. Als solches bedeutet sie auch die Identifzierung des Globus‘ als eines Gegenstandes politischer Debatten und Interessen.

Die ideengeschichtliche Politisierung der Welt hat aber realgeschichtliche Hintergründe. So wie jeder ideengeschichtliche Prozess eine Anbindung an die Realgeschichte besitzt bzw. jeder realgeschichtliche Augenblick von ideengeschichtlichen Überlegungen begleitet wird.

In diesem Zusammenhang erweckte das Interesse der Forschung in den letzten Jahren unter anderem die Entwicklung der Kartographie. In einem jahrhundertelangen Prozess ist in der Erstellung von Karten eine immer „realistischere“ bzw. detailgenauere Darstellung der topographischen Eigenarten der Kontinente festzustellen. Gleichzeitig faszinieren die zeit- bzw. kulturspezfischen Besonderheiten in der Kartographie, sei es eine ungewohnte Ausrichtung des Kartenmaterials oder die Erwähnung von Fabelwesen, die sich zum Teil auch noch in neuzeitlichen Karten am Rande des jeweils bekannten Raumes tummelten. Ebenfalls wundert man sich heute mitunter über die starke Vermischung zwischen der kartographischen Darstellung der Welt und der darin eingegossenen politischen Interessenslage einer Zeit. Wenn all diese Themen in opulent gestalteten Bänden mit einem bündig geschriebenen Text aufgegriffen werden, dann können Bücher zu diesem Thema auch mehrere Auflagen erreichen (vgl. unter anderem Ute Schneider 2004: Die Macht der Karten. Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Darmstadt).

Ein weiterer realgeschichtlicher Prozeß, welcher der Politisierung der Welt zugrunde liegt, ist die zunehmende Beschleunigung des Transports von Güter und Menschen. Diese Beschleunigung nahm im frühen 19. Jahrhundert seinen Anfang und war ebenfalls schon Thema zahlreicher Untersuchungen (vgl. unter anderem Wolfgang Schivelbusch 1989: Geschichte der Eisenbahnreise: zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert, Frankfurt/Main).

Eine Quelle, die in diesem Zusammenhang oft zitiert wird, ist der Sozialökonom Friedrich List (1789-1846). In zahlreichen Werken und Pamphleten zum Transportwesen tat List zweierlei: Er widmete sich der Darstellung der erfolgten Fortschritte in diesem Bereich, nur aber um in Deutschland und darüber hinaus im gleichen Atemzug weitere Anstrengungen zur Verbesserung der Transportinfrastruktur zu fordern. Denn: „Der wohlfeile, schnelle, sichere und regelmäßige Transport von Personen und Gütern ist einer der mächtigsten Hebel des Nationalwohlstandes und der Civilisation nach allen Verzweigungen“ (Friedrich List 1838: Das deutsche National-Transport-System in volks- und staatswirthschaftlicher Beziehung, Altona & Leipzig, S. 2; zitiert nach Wikisource).

Straßen, Kanäle und der Schienenverkehr gehören für List zur Grundausstattung eines entwickelten Landes. Immer wieder streicht er heraus, daß heute alles viel schneller gehe als früher und wie bereichernd diese Tatsache für Wirtschaft und Staat doch sei: „Wenn die productiven Kräfte und die Reichthümer der Nation durch ein vollkommenes Transportsystem in so außerordentlicher und mannigfaltiger Weise vermehrt werden, (…) so gewinnt auch der Staat in seiner Gesamtheit in hundertfältiger Beziehung.“ (ebd. S. 18).

Eine Parellele zu den Entwicklungen in Kartographie und Transportwesen bis zum 19. Jahrhundert ist – uns zeitlich näherliegend – die zunehmende Nutzung der digitalen Medien zum Ende des 20. Jahrhunderts hin. Auch hier gehen realgeschichtlicher Prozeß und ideengeschichtliche Reflexion miteinander einher. Daraus kann man folgern: Die Politisierung der Welt im Reich der Ideen ist eng mit der Präzisierung und Beschleunigung der Kommunikation im Reich der Tatsachen verknüpft.

(Fortsetzung folgt.)

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