Rowan Williams‘ öffentlicher Glaube I – Die Verantwortung des Bürgers

Mitte September wird Rowan Williams neuestes Buch erscheinen, ein Aufsatzband unter dem Titel „Faith in the Public Square“. Somit ergibt sich die Gelegenheit, das politische Denken des Theologen und Erzbischofs näher in den Blick zu nehmen.

Zum Beispiel seine Vorstellungen von dem, was den Bürger eines demokratischen Gemeinwesens ausmacht. Hinweise hierzu finden sich in einem Vortrag aus dem Jahr 2011 unter dem Titel: „Relations between the Church and state today: what is the role of the Christian citizen?„, den Rowan Williams vor Mitgliedern der Universität Manchester hielt.

Dem Bürger, so Williams, kommt gerade in einer Zeit der Austerität und der politischen Mängelverwaltung zentrale Bedeutung zu. Denn der einzelne Bürger entscheidet mit seinem Handeln oder dessen Unterlassen darüber, ob in der Gesellschaft politische Tugenden zum Zug kommen oder nicht. Unter politische Tugenden fallen bei Williams unter anderem Gegenseitigkeit, Selbstreflexion, Verantwortungsgefühl („this kind of adult, mutual, self-aware, responsible, and thoughtful virtue“, ebd.). Dabei ist es durchaus legitim, diese Tugenden als in ihrem Ursprung religiöse Tugenden zu beschreiben. Wie kommt Williams zu dieser Schlußfolgerung?

Der einzelne Bürger ist für Williams mehr als eine „Gelegenheitspolitiker“, wie es Max Weber einmal ausdrückte. Denn nicht nur der Wahlakt oder ein parteipolitisches Engagement machen den Bürger zum politischen Wesen. Er wird schon dort politisch, wo er die genannten politischen Tugenden einübt und ausübt. Denn für Williams sind Privates und Öffentlichkeit – für diesen spezifischen Fall – entgrenzt. Ein Ort, in dem Tugend auf fundamentale Art und Weise eingeübt werden ist sicherlich die Familie. Williams nennt aber noch einen weiteren Ort: die Kirche.

Dabei denkt Williams nicht zuerst an die Kirche als eine weltliche Institution mit ihren Hierarchien und Amtswegen. Diese sind oftmals ähnlich vermachtet wie die entsprechenden Hierarchien und Amtswege in der Politik. Williams denkt vielmehr an das Grundanliegen des christlichen Evangeliums, das mit klassischen geistlichen Tugenden umschrieben werden kann: Nächstenliebe, Selbstzurücknahme, gemeinsame Wahrheitssuche, Zuhören. Dieses Grundanliegen ist – da ist sich Williams sicher – in der Kirche an vielen Stellen unmittelbar gegenwärtig, lokal und global. In diesem Sinne ist die Kirche ein Ort, in dem politische Tugenden erlernt werden können: „The Church is a ‚political seminar‘, because it loves and worships a God who transforms human society not just human individuals“ (ebd.). Und vielmehr noch: Die Kirche ist ein Ort bzw. ein Kommunikationsgeflecht, von wo aus politische Tugenden in den engeren Bereich der Politik (als kollektive Entscheidungsfindung) überlaufen können.

Williams ist nicht naiv und sich über die Gefahren im Klaren, die in diesem Zusammenhang lauern. Denn es ist schnell geschehen, daß Kirche und die in ihr sozialisierten Bürger eine reine Interessenspolitik verfolgen. Williams geht also von einer ideal gedachten Kirchen-Kommunität aus. Und das heißt: Von einer Kirche, die ihrem ursprünglichen, biblischen Anspruch treu bleibt.

Das mag für Menschen fremd klingen, die nicht ohne weiteres mit christlich-theologischen Begriffen und Metaphern umgehen wollen. Deshalb versucht Williams auch eine Übersetzung im Sinne Habermas‘: Dies tut er, indem er aufzeigt, daß die christliche Botschaft „Sinnressourcen“ bereithält, die nicht nur für den Einzelnen und dessen existentielle Sinnsuche, sondern auch für das Gemeinwesen von Belang sind. Eben: Nächstenliebe, Selbstzurücknahme, gemeinsame Wahrheitssuche, Zuhören.

Bürger ist also, wer diese Tugenden eingeübt hat und sie nun in seinem Handeln aktiv Wirklichkeit werden läßt. Bürger ist aber auch der, der in den passiven Genuß dieser Tugenden kommt. Und für Williams steht außer Zweifel, daß kein Gesetz und keine prozedural korrekte Mehrheitsentscheidung dazu führen darf, daß einzelne Menschen oder gar eine ganze Gruppe von Menschen geziehlt vom Empfang dieser Tugenden ausgeschlossen werden. Zu diesem Thema hat Rowan Williams sich in jüngerer Vergangenheit in einem weiteren Vortrag geäußert.

(Fortsetzung folgt.)

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