Die Fortdauer des Heidentums

Auch wenn die Säkularisierungsthese in den letzten Jahren in die Kritik gekommen ist, so hält man – in Bezug auf den Westen – doch an folgender Deutung der Moderne fest: Die einstmal ganz und gar vom Christentum (katholisch bzw. protestantisch) geprägten Gesellschaften haben sich in den vergangenen zweihundert Jahren im großen Stile entchristlicht bzw. entkirchlicht. Hohe Austrittszahlen und sinkende Zahlen zu Gottesdienstbesuchern und Sakramentenempfang in vielen Ländern scheinen dies zu bestätigen.

Diese Deutung ist aber nur aufrecht zu erhalten, wenn man davon ausgeht, daß am idealtypisch vorgestellten historischen Ausgangspunkt der Säkularisierung eine ganz und gar vom Christentum durchdrungene Gesellschaft Bestand hatte. Dagegen kann man aber ins Feld führen: Sakramentenempfang und Kirchgang schützen nicht vor Heidentum. Damals nicht und heute nicht.

Michael Borgolte schildet in seinem Buch „Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n. Chr.“ (2006) an verschiedenen Stellen das „Fortleben der alten Kulte“ (109). Er schreibt: „Die Evangelisierung der Heiden hat das mittelalterliche Europa niemals flächendeckend erfaßt, und auch wo die Taufe der Völker vollzogen war, lebte der Polytheismus in kultischen Praktiken fort, die die Kirche verworfen hatte“ (218). Borgolte nennt es die „Herausforderung des Dualismus“ (ebd.), welche das Christentum über Jahrhunderte immer wieder heimgesucht habe.

Borgoltes Untersuchung bezieht sich auf das Früh- und Hochmittelalter. Es soll an dieser Stelle aber die Behauptung gewagt werden, daß auch in Spätmittelalter, Renaissance und Neuzeit heidnische Züge sich in der christlichen Gesellschaft durchgezogen haben.Dies geschah zum Beispiel in Form von fragwürdigen Ausprägungen der Volksfrömmigkeit, in denen heidnischer Polytheismus und christlicher Monotheismus miteinander in Konkurrenz standen.

Wenn das Heidentum – in freilich vielfach veränderten Gestalt – aber bis zum Beginn der Moderne durchgehalten hat, dann hat die Säkularisierung nicht die Gesellschaft entchristlicht, sondern ihr nur die christliche Haut abgezogen. Die Diagnose hieße dann: Das Heidentum hatte es sich über Jahrhunderte in der christlichen Kultur gemütlich gemacht. Ohne die bestimmende Macht dieser Kultur trat im Zuge der Modernisierung das Heidentum in der Form aller möglichen Kulte, Sekten und Mythen wieder offensichtlich zutage. Gleichzeitig hat sich das Christentum in der Moderne von Aspekten getrennt, die es numerisch vielleicht groß haben aussehen lassen, die es innerlich aber ausgezehrt haben.

Soweit meine Behauptung, die den langen Weg von der Hypothese zur These noch vor sich hat.

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2 Gedanken zu “Die Fortdauer des Heidentums

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