David Marquand und das Schicksal des britischen Liberalismus

Aus dem Urlaub in Großbritannien komme ich am Tag des hl. Dominikus mit der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Prospect“ nach Hause. Seit 1995 will die Zeitschrift ein intellektuelles, links-liberales Publikum ansprechen. 2008 erhielt „Prospect“ Konkurrenz aus dem rechts-liberalen Spektrum, wo das entsprechende Organ programmatisch „Standpoint“ heißt.

In der aktuellen Ausgabe von „Prospect“ fragt sich David Marquand, ob Großbritannien noch eine liberales Land sei (Prospect, Issue 197, Aug 2012, 44-47). Die Antwort, die Marquand gibt, ist nicht verkehrt, aber in gewissem Sinne vorhersehbar: Ja, die britische Gesellschaft sei weiterhin auf einem liberalen Pfad, man müsse aber auf der Hut sein, daß dies auch weiterhin der Fall sei.

Marquand unterscheidet zwischen zwei Arten von britischem Liberalismus, die beide auch in der derzeit mit-regierenden liberal-demokratischen Partei vertreten seien: wirtschaftlicher Liberalismus („economic liberalism“) und sozialer Liberalismus („social liberalism“). Die Unterscheidung leuchtet ein und wird so auch für den deutschen Kontext und darüber hinaus angewandt. Die einen Liberalen tendieren in Richtung eines markt-liberalen Gesellschaftsmodelles, die anderen favorisieren einen Gesellschaftstypus, der auf sozialem Ausgleich beruht.

Die ideengeschichtlichen Gegenspieler des Liberalismus seien, so Marquand keineswegs überraschende Aussage, der Konservatismus und der Sozialismus. Staunenswert ist dabei folgende Aussage: „In general, conservatism and socialism are harder, less optimistic and in an important sense less rational than liberalism“ (47). Mit „hard“ meint Marquand wohl, daß gewisse unverrückbare Wahrheiten im Konservatismus und Sozialismus eine Rolle spielen, welche diese Denktraditionen als weniger flexibel erscheinen lassen. Wenig optimistisch sind sie wohl deshalb, weil sie dem Menschen neben dem Guten auch abgrundtief Böses zutrauen, das es zu verhindern gilt. Wenig rational können Konservatismus und Sozialismus nur dann genannt werden, wenn man den rationalen Diskurs auf einen Austausch von Aussagen reduziert, die von allen (außer- und innerweltlichen) Wert- und Wahrheitsaussagen entrümpelt sind. Die Webersche Wertrationalität kommt bei Marquand nicht zum Zug.

Marquand konstatiert weiter, daß in Europa nationalistische, illiberale, populistische Parteien im Vormarsch seien (und hierzu zählt er fälschlicherweise auch die bundesdeutschen „Piraten“) und das liberale Weltbild damit in Gefahr brächten. Großbritannien habe diesen Bewegungen bisher weitestgehend widerstanden. Daraus schließt er: „For that we have to thank the longevity of liberalism as a way of life“ (47). Freilich sollte man hinzufügen, daß im britischen Fall mehr noch als ein liberaler Grundwasserspiegel das rigide Mehrheitswahlrecht für eine Bereinigung der politischen und intellektuellen Szenerei sorgt.

Trotz dieser Bewegungen sei, Marquand weiter, der Liberalismus überlebensfähig, wobei aus Marquands Sicht Liberalismus gleichbedeutend ist mit Toleranz (47). Ihm fällt aber nicht auf, daß Toleranz mit der ebenfalls hervorgehobenen Rationalität nicht viel zu tun hat. Denn Toleranz läßt auch das irrationale und widerrationale Argument stehen. So geht Toleranz dem Diskurs aus dem Weg und gibt sich damit ab, daß Rationalität von Ideologie unterwandert wird. Eine rationale Haltung, vor allem aber die Wertrationalität gehen hier konsequenter vor: Wer aktiv gegen die liberal-demokratische Gesellschaftsordnung vorgeht (das Wort „Ordnung“ käme Marquand wohl nicht über die Lippen), wird von dieser Ordnung argumentativ in die Schranken gewiesen. Einen wehrhaften Liberalismus könnte man dies nennen.

Das kann dann auch zur Folge habe, daß eine weniger tolerante Gesellschaft im Kern liberaler ist als eine sich tolerant gebende Gesellschaft, z.B. weniger Überwachungskameras im öffentlichen Raum aufstellt, Menschen mit Kapuzenpullover, sog. „Hoodies“, Einkaufszentren betreten läßt oder religiöse Quellentexte in Schulen verteilen läßt …

 

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