Die Politisierung der Welt II

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Begriff der „Welt“ noch weitgehend unpolitisch. Wer von der „Welt“ sprach, meinte damit moralisch-ethische Zusammenhänge, eine (bloß) geographische Größe oder auch eine ins Weite des vermuteten Ganzen ausgreifende Diskursebene. Überhaupt firmierten viele semantischen Felder unter „Welt“, die wir dort heutzutage gar nicht mehr vermuten.

Das läßt sich durch den Blick in zeitgenössische Wörterbücher anschaulich machen, z.B. das „Wörterbuch der Deutschen Sprache veranstaltet und herausgegeben von Joachim Heinrich Campe„, dessen letzter Band (U-Z) 1811 in Braunschweig veröffentlicht wurde. Über mehrere Seiten versammelt Campes Lexikon Wörter bzw. Begriffe, die allesamt Welt-Komposita sind. Viele kennt man auch noch heute. Andere sind in Vergessenheit geraten. Wieder andere legen die Vermutung nahe, daß Campe nicht nur sammelte, sondern selbst auch kreativ tätig bei der Erstellung seiner Einträge war.

Einige Beispiele:

Das „Weltall“ wird als das „All der Welt, die Welt in der weitesten Bedeutung“ wiedergegeben. Der „Weltaufruhr“ ist ein „großer allgemeiner Aufruhr“. Von einer „Weltbegebenheit“ spricht Campe im Falle einer „wichtigen, auf die ganze Erde Einfluß habende Begebenheit“ und fügt hinzu: „Die Staatsumwälzung in Frankreich ist, durch ihre Folgen, zu einer Weltbegebenheit geworden.“ Diese Begebenheiten werden in einem „Weltbuch“ erzählt, wie es einige Zeilen weiter heißt. Der „Weltbeherrscher“ kann ein „Beherrscher  eines Welttheils, d.h. eines Erdtheils“ sein, aber eigentlich ist es die Bezeichnung für einen „Beherrscher der Welt, des Weltalls, welche Benennung nur Gott zukömmt“.

Aber auch die moralisch-ethische Dimension ist reichlich vertreten: Den „Weltdank“ sollte man erst gar nicht anstreben, weil er ein „schlechter, schnöder Dank“ ist. Die „Weltehre“ ist eine „vergängliche Ehre“. Der „Weltfreund“ ist entweder ein „Freund der Menschen überhaupt (Cosmopolit)“ oder er ist ein „Freund des Irdischen, Sinnlichen“ ähnlich eines „Weltlings“. Und das „Weltgewirr“ bezeichnet „das Gewirr in der Welt, in dem geräuschvollen bürgerlichen Leben.“

Umsonst sucht man bei Campe den Begriff der „Weltpolitik“. Auch bei ihm gibt es eine Dimension des menschlichen Handelns, die sich auf die ganze Welt bezieht. Beispielsweise der wirtschaftliche „Welthandel“ bzw. der „Welthändel“ im Falle eines viele Menschen angehenden Streites. Oder die „Weltregirung“, die wiederum nur Gott zukommt. Oder die „Weltherrschaft“ desjenigen Machthabers, der einen Teil der Erde beherrscht. Doch dieses räumlich ausgreifende Handeln der Menschen ist nicht im strengen Sinne politisch. Es geht nicht mit dem Anspruch einher, die ganze Welt zum Objekt politischer Unterwerfung zu machen, auch im Zeitalter der napoleonischen Feldzüge.

Das ist zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Wir werden sehen, daß einige Jahrzehnte später die Dinge sich gewandelt haben. Kolonialpolitik und fortschreitende Demokratisierung verändern den Blick auf das Ganze der Welt. Der Blick wird politisch.

(Fortsetzung folgt.)

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Ein Gedanke zu “Die Politisierung der Welt II

  1. Pingback: Shaping the world – politically | Rotsinn

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