A. O. Lovejoy und der Sinn in der Ideengeschichte

Es ist heutzutage unschicklich zu behaupten, Ideengeschichte besitze so etwas wie einen Sinn oder gar eine Wahrheit. Viel eher wird davon gesprochen, daß die konkrete historische Situation den stets wandelbaren „Gehalt“ der Ideengeschichte ausmache. Diese historische Situation sei unvorhersehbarer Natur, also kontingent. Damit bestünde die Ideengeschichte eher aus einer losen Aneinanderreihung veränderlicher Befunde, nicht aus einem sinnstiftenden Gewebe.

Als Reaktion auf die geschichtsphilosophischen Übersteigerungen des 19. Jahrhunderts ist solch eine Auffassung verständlich. Weltgeschichte wurde in dieser Zeit zur Heilsgeschichte (K. Löwith) und übertrug sich in Form politischer Ideologien von der Ideen- in die Realwelt; mit tragischen Folgen, wie weithin bekannt ist.

Die Spannung zwischen der Annahme von historischer Kontingenz auf der einen Seite und der Annahme eines fortlaufenden Sinngewebes auf der anderen Seite steht auch am Beginn der ideengeschichtlichen Disziplin. Dieser Beginn wird gemeinhin mit der Gründung des Journal of the History of Ideas im Jahr 1940 durch A. O. Lovejoy gleichgesetzt. In seinem einleitenden Aufsatz Reflections on the History of Ideas (Journal of the History of Ideas Jg. 1, Nr. 1, 3-23) schreibt Lovejoy, daß „this picture of a majestic logical forward movement in history“ (20) unter seinen Zeitgenossen nur noch wenig Anerkennung genieße. Vielmehr gehe man, so Lovejoy, in seiner Zeit von einem wesentlich veränderlichen Charakter der Ideengeschichte („oscillatory character of much of the history of thought“ ebd.) aus, der mit einem logischen Grand-Design nicht viel zu tun habe.

Auf diese Diagnose hin folgt seitens Lovejoys eine bemerkenswerte Einschränkung: „But since this aspect of the matter (d.h. der veränderliche Charakter der Ideengeschichte; BC) is now in so little danger of being disregarded, it is more to the purpose to dwell upon the residuum of truth in the older view. It must still be admitted that philosophers (and even plain men) do reason, that the temporal sequence of their reasonings, as one thinker follows another, is usually in some considerable degree a logically motivated and logically instructive sequence“ (21).

Logik, Sinn, Wahrheit: Diese Begriffe drücken nicht identische Gehalte aus, doch sie weisen alle in die gleiche Richtung. Bezogen auf die Ideengeschichte sagen sie aus: Historische Kontingenz ist nicht alles. Ideengeschichte enthält auch eine diachronisch durchlaufende Sinnerzählung, die der Ideengeschichtsschreiber zu erschließen hat. So tut sich neben dem heilsgeschichtlichem Pathos des 19. Jahrhunderts und der Auflösung des Sinngewebes im 20. Jahrhundert eine Alternative auf. Weder das eine, noch das andere kann befriedigen. Ideengeschichte nimmt die Einzigartigkeit der historischen Situation ernst, sieht diese aber in eine fortlaufende Sinnerzählung eingebettet.

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2 Gedanken zu “A. O. Lovejoy und der Sinn in der Ideengeschichte

  1. Richtig: Ideengeschichte darf der Kontingenz der Moderne weder nacheifern, noch darf sie sich von ihr beeindrucken lassen. Es ist so etwas wie ihre Pflicht, verschiedene Sinnstränge dieser Kontingenz entgegen zu stellen.

    • Herr Häsler,
      über Ihr „Richtig“ habe ich mich gefreut, entschuldigen Sie bitte meine späte Antwort.
      Sinnerfahrung und Kontingenzerfahrung gehen im Leben oft nebeneinander einher. So scheint es mir auch in der Ideengeschichte zu sein. Von daher würde ich statt des Verbes „entgegenstellen“ eher von „verweben“ sprechen.
      Mit freundlichen Grüßen
      Ihr
      Burkhard Conrad

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