Lernen mit Jürgen Habermas und Rowan Williams

Jürgen Habermas und Rowan Williams haben nicht viel gemeinsam. Das zeigt sich unter anderem daran, daß der eine – Habermas – die „radical orthodoxy“ scharf kritisiert (in: J. Habermas 2005: Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt: Suhrkamp, 153). Der andere – Williams – schreibt für prominente Sammelbände zu diesem Thema anerkennende Vorworte (in: D. Creston/ J. Milbank/ S. Zizek (Hrsg.) 2005: Theology and the political: the new debate, Durham: Duke UP, 1ff.).

Dennoch gibt es auch Überschneidungen zwischen dem Philosophen und dem Erzbischof. Eine solche Überschneidung liegt darin, daß beide den Teilnehmern eines öffentlichen Diskurses Opfer abverlangen. So spricht Habermas von „komplementären Lernprozessen“, die religiösen und säkularen Bürgern eines Gemeinwesens im gemeinsamen, nach Verständnis strebenden Gespräch aufgetragen werden (Naturalismus und Religion: 146). Auch spricht er von einer „Zumutung“ und von einer „Bürde“, welche die Repräsentanten der beiden Gruppierungen als Staatsbürger auszuhalten hätten, wenn sie Argumente des jeweils Anderen in Betracht ziehen möchten (144f.). Weder die einen noch die anderen können – so Habermas – einfach auf ihrer Meinung beharren. Wenn in einer pluralistischen Gesellschaft eine Verständigung zwischen den verschiedenen Gruppen möglich sein soll, dann ist es notwendig, daß die Bürger die Dinge mit den Augen des Anderen zu lernen beginnen.

Rowan Williams liegt da so fern nicht. In einer Ansprache von 2010 („Faith and Enlightenment: Friends or Foes?“ Annual Isaiah Berlin Lecture 2010) fordert er die Heranbildung bestimmter politischer Charaktereigenschaften ein. Williams schreibt: „It is (…) to assume a shared willingness to bracket out any fantasies of what would maximally fulfil my wishes as an individual and to allow those to be overridden by the vision of a possible common good equally owned by myself and my neighbour.“ Explizit spricht Williams von einem „sacrifice“, von einem Opfer, das unabdingbar sei, wenn das pluralistische Gemeinwesen überleben möchte.

In verschiedenen Sprachen drücken Habermas und Williams Ähnliches aus: Das öffentliche Leben setzt in seinem Gelingen auf die Lernbereitschaft der Bürger. Diese Lernbereitschaft beinhaltet die fortdauernde Relativierung der eigenen Vorstellungen und Wünsche; indem ich diese in Beziehung setze mit den Vorstellungen und Wünschen Anderer.

Um diese empatische und wechselseitige Lernbereitschaft zu beschreiben, greift Williams zu der biblischen Metapher des „Bundes“. Gehe ich recht in der Annahme, daß hier die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Denkern aufhören oder hätte Habermas dafür eine geeignete „Übersetzung“ parat?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s