Wie im Himmel …

… so auf Erden.

Es ist üblich, im politisch-theologischen Denken epochenspezifische Figuren der Projektion auszumachen. Vorstellungen vom himmlischen Hofstaat und dessen hierarchischen Struktur werden auf die irdischen Herrschaftsverhältnisse übertragen. Beides wird als unmittelbarer Ausdruck des Willens Gottes interpretiert. Oder: Die irdischen Verhältnisse werden ins Göttliche projeziert, damit die Rückspiegelung wiederum zur Legitimation des Irdischen genutzt werden kann. Letzteres fasst in aller Kürze und in einer politisch-theologischen Zuspitzung das Feuerbachschen Projektionstheorem zusammen.

Ein leidenschaftlicher Leser von Feuerbach war der russische Anarchist und Aktivist Michail Bakunin (1814-1876). In „Gott und der Staat“ (hier zitiert nach der Ausgabe: Gott und der Staat und andere Schriften, hrsg. von Susanne Hillmann, Reinbek: Rowohlt, 1969) kritisiert Bakunin jede Form der organisierten Religion aufs Schärfste. In seiner Kritik greift er ebenfalls auf Figuren der Projektion zurück: Bewusst, indem er Feuerbachs Theorem in seine Argumentation einbaut, um die zeitgenössische Religion vermeintlich bloßzustellen (69).

Er benutzt das Projektionsdenken aber auch unbewußt. Das tut er dann, wenn er seine anarchistische Wut sowohl gegen Gott als auch gegen den Staat richtet. Beide – Gott und der Staat – sind für ihn gleichsam Emanationen der einen Autorität, die dem Menschen seine Freiheit rauben und daher abzulehnen und abzuschaffen sind. „Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: folglich existiert Gott nicht“ (70) sagt er an einer Stelle. An einer anderen: „So ist das Prinzip der Autorität fest aufgestellt, und mit ihm die beiden grundlegenden Institutionen der Knechtschaft: die Kirche und der Staat“ (97).

Der Widerstand Bakunins richtet sich gegen Religion und Politik und deren institutionellen Ausformungen Kirche und Staat gleichermaßen. Seine Projektionen und Analogieschlüsse irrlichtern zwischen beiden hin und her. Interessant ist, wem sich der Anarchist als Sklavenhalter verpflichtet fühlt: den Naturgesetzen. „Ja, wir sind absolut die Sklaven dieser Gesetze“ (74) Und: „Die Freiheit des Menschen besteht einzig darin, daß er den Naturgesetzen gehorcht, weil er sie selbst als solche erkannt hat“ (75).

So flüchtet sich Bakunin aus den von ihm kritisierten Projektionen unter die warme Decke des Naturalismus. Da wird der Anarchist fast schon zum Stoiker.

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