Carl Schmitts Politische Theologie – ein Beitrag zur Begriffsgeschichte?

„Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.“ So beginnt das dritte Kapitel von Carl Schmitts Schrift „Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität“ (7. Auflage, Berlin 1996, S. 43).

Der Satz und die daraus sich entwickelnde Argumentation bei Schmitt werden oft als ein Beitrag zur Geschichte von Ideen und Begriffen verstanden. Schmitt legt hierzu selbst einige Fährten, denen die Interpreten willig folgten und folgen. So schrieb Friedrich Gogarten 1933 eifrig von Schmitt ab, als er seinen Vortrag bzw. Aufsatz „Säkularisierte Theologie in der Staatslehre“ (in: Ders. 1988: Gehören und Verantworten. Ausgewählte Aufsätze, Tübingen, S. 126-141) verfasste.

Als ein begriffsgeschichtlicher Beitrag macht Schmitts sogenannte „Soziologie juristischer Begriffe“ aber wenig Sinn. Schmitt liefert einige Analogien und mehr oder minder wechselseitige Entsprechungen auf den Gebieten von Staatslehre und Theologie. Das reicht aber in keinster Weise aus, um eine diachron orientierte Begriffsgeschichte zu schreiben.

Zu welchem Schluß kommt der, der Schmitts falschen Fährten nicht folgt?

Das erwähnte Kapitel aus „Politische Theologie“ darf nicht diachron, sondern muß synchron gelesen werden. Das heißt: Staatstheoretische und theologische Begriffe stehen nicht in einem geschichtlichen Verhältnis zueinander, wie es eine oberflächliche Lektüre des Kapitels vielleicht nahelegt, sondern in einem synchron sich bedingenden Verhältnis. Die geistlichen Ordnungsvorstellungen einer Zeit entsprechen den gleichzeitig herrschenden politischen Ordnungsvorstellungen. Monarchisches Gottesbild bedingt ein monarchisches Staatsverständnis; die Anerkennung vielfältiger möglicher Gottesbilder entspricht einer pluralen politischen Ordnung. Die beiden Vorstellungen entstehen jeweils aus den Herausforderungen der Zeit heraus. J.H. Newman nennt dies in seinem „Essay on the Development of Christian Doctrine“ an verschiedenen Stellen eine Ideengeschichte „according to the need“. Die Ideengeschichte treibt diejenigen Vorstellungen hervor, die notwendig sind, um in der Realgeschichte als Individuum und Kollektiv bestehen zu können.

So gelesen machen die Ausführungen Schmitts durchaus Sinn. So gelesen hätte sich aber auch die Diskussion um die Bedeutung Carl Schmitts für die Begriffsgeschichte erledigt: Es gibt sie nicht.

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