Fasten!

Ich mache Pause.

Ab Aschermittwoch, den 14. Februar bis mindestens Karsamstag, den 31. März ist hier und auch auf meinem Twitter_Kanal Sendepause. Im Hintergrund werde ich an dem einen oder anderen Text arbeiten. Veröffentlichen werde ich die nächsten sieben Wochen jedoch nichts.

Ich mache Pause. Ich faste. Ich erzeuge keine virtuellen Erzeugnisse, weder Langtexte noch Kurznachrichten. Ich entlaste mich einfach einmal für einige Wochen von dieser Art der Kommunikation. Vielleicht mache ich mir auch einmal wieder Gedanken über ein längerfristiges Veröffentlichungsprojekt. Oder ich überlege mir, welche Themen denn für die Zeit nach Ostern anstehen. Oder gar nichts von all dem. Denn ich pausiere nicht funktional. Ich faste nicht, um die Kreativität hervor zu zwingen. Ich faste einfach so.

Auf jeden Fall mache ich Pause. Ich kommuniziere nicht nicht. Wer mir eine Email schreiben möchte oder gar ein Brief, der wird auch eine Antwort erhalten. Doch ich gehe in die nächsten Wochen mit dem Vorsatz: Ich kommuniziere anders. Ich starte den Versuch, in meiner Kommunikation – ja was denn, … – einfach etwas kommunikativer zu sein. Das heißt auch, dass ich versuche, jede kurzfristige Selbstbehauptung fahren zu lassen. Es soll nicht um mich gehen. Sondern – und da bin ich einmal mehr ganz bei Max Weber – es geht um die Sache. Und diese Sache heißt bei einem Laiendominikaner etwas hochtrabend: Wahrheit. Daran soll mich mein Fasten erinnern.

Das sollte eigentlich immer so sein. Doch es gibt Zeiten, zu denen man sich solch ein Projekt der kommunikativen Dezentrierung besonders vornehmen sollte; und das Scheitern in und an diesen Zeiten sollte man gleich mit einkalkulieren. Fastenzeiten eben. Denn Fasten heißt: Nicht etwas nicht tun, sondern etwas anders tun (Jes. 58, 4-8).

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Was ist Berufung? (frei nach Max Weber)

Die beiden Worte Beruf und Berufung hängen im Deutschen eng miteinander zusammen, phonetisch und semantisch. Doch beide bezeichnen auch unterschiedliche Dimensionen, Dimensionen nämlich eines Nachdenkens über persönliche Lebensgestaltung.

Folgt man Max Weber, so liegen dem Begriff „Beruf“ religöse Semantiken zugrunde. Max Weber spricht zum Beispiel vom „Berufsmenschen“, als welchen er den „innerweltlichen Asketen“ (M. Weber: Wirtschaft & Gesellschaft, Tübingen 1972: 332) bezeichnet. Auch der dem innerweltlichen Asketen entgegenstehende weltabgewandte Mystiker kann seine eigene Stellung innerhalb der Ordnung der Dinge als Beruf erfahren, so Max Weber (ebd.). Im Beruf kondensiert sich also, so könnte man heute etwas fromm sagen, eine geistliche Berufung; und für Max Weber natürlich auch eine ausgesprochene „Berufsethik“ (ebd.).

Doch was ist eine geistliche Berufung? Berufung ist der Weg einer bewussten geistlichen Entscheidung. Berufung ist ein Weg, das heißt, sie ist ein lebenslanger Prozess und nie völlig abgeschlossen. Dieser Weg kennt Kontinuität, sonst wäre er nicht als ein Weg erkennbar. Der Weg kennt aber auch Diskontinuität, Unterbrechung, Neuausrichtung, die durch äußere oder auch innere Vorgänge aufgezwungen werden. Berufung ist auch eine bewusste geistliche Entscheidung, das heißt der Berufene muss diesen Weg in reiflicher Überlegung und aus freien Stücken gehen und dabei stets in Kommunikation mit seinem Gott sein. Die Entdeckung der eigenen Berufung hilft dem Berufenen also dabei, sein Leben von Gott her zu deuten. Max Weber benutzt hierfür das schöne Wort der „Heilsmethodik“ (ebd. 324). Heilsmethodik meint ein systematisches, lernendes Vorgehen in der geistlichen Gestaltung des persönlichen Lebens, von Lebensform, Lebensstand, Lebensort und Beruf.

Berufung ist eine außeralltägliche Entscheidung, die sich im Alltag bewähren muss. Auf dem Weg der Berufung gibt es Zeiten der ganz bewussten Wahl eines Weges unter Ausschluss anderer Wege. Und es gibt auch Zeiten eines mitunter dramatischen (Ein-) Bruchs oder einer Öffnung. Diese Zeiten sind oft außeralltäglicher Natur. Sie gleichen einem Wunder, positiver oder negativer Natur. Und es gibt Zeiten der nicht immer ganz bewussten Bestätigung und evtl. Justierung dieser Wahl. Diese Zeiten werden auch Alltag genannt. Im Alltag erfährt die Berufene: Mein Gott geht den Weg mit, den ich wähle. Und auch: Im Alltag wächst sich eine Berufung zu einem konkreten Beruf aus. Im Alltag wird es also methodisch.

Die Zeiten der ganz bewussten, außeralltäglichen Wahl umfassen quantitativ nicht mehr als 2% des gesamten Weges, stechen in der subjektiven qualitativen Bewertung aber heraus. Die Zeiten der unbewussten Bestätigung bzw. methodischen Justierung sind quantitativ überwiegend (98%), fallen qualitativ aber weniger auf. Beide Zeiten sind aber eng miteinander verwoben, denn erst im Alltag wird der Weg der Berufung konkret, entwickelt sich ein „Alltagshabitus“ (ebd. 325).

Berufung hat Kontext, das heißt Berufungen finden stets innerhalb eines konkreten kulturellen, religiösen, systematischen und auch politischen Umfelds statt. In diesem Umfeld sind Ermutigungen möglich, aber auch Entmutigungen. Ermutigung und Entmutigung sind an andere Menschen gebunden, die durch ihr Vorbild überzeugen oder im Gegenteil auch abschreckend wirken können. Ermutigung und Entmutigung sind auch von Strukturen und einem institutionellen Klima abhängig. Dabei spielen die von Max Weber ganz nüchtern als „Berufsekstatiker“ (ebd. 799) bezeichneten Personen eine nicht unwesentliche Rolle, da sie als die sozusagen professionell Berufenen das Scharnier bilden zwischen Alltagserfahrung und außeralltäglichem Geschehen. Sie bieten Deutungen und Rituale an, die dem Berufenen helfen sollen, einen gewählten Weg weiter zu gehen oder eben auch eine neue Richtung einzuschlagen.

Die Wege der Berufung sind für die so berufenen Menschen unverfügbar und schwer zu kontrollieren. Der Berufung wohnt ein anarchisches Moment inne. Berufung stellt Kontinuität in Frage. Dem gegenüber stehen institutionelle, aber auch familiäre Erwartungen in Richtung Kontinuität und Erwartbarkeit. Deshalb gehen Berufungsgeschichten oftmals mit Konflikten einher. Deshalb ist es auch eine solch große Herausforderung alltäglichen Beruf und außeralltägliche Berufung in ein gutes Verhältnis miteinander zu bringen. Jede Leserin von Max Webers religionssoziologischen Texten – oder auch der Bibel – wird dies bestätigen können.

 

 

 

Der Sinn und Zweck von Universitäten (nach Stefan Collini)

Das Buch, auf das ich mich hier beziehe, ist schon einige Jahre alt. Es handelt sich um Stefan Collinis „What are Universities for?“ (Penguin) und stammt aus dem Jahr 2012. Collini schreibt aus einem britischen Kontext heraus; das wird besonders im zweiten Teil des Buchs deutlich, in welchem er zu verschiedenen britischen bildungspolitischen Debatten der jüngeren Vergangenheit mit spitzer Feder Stellung nimmt.

Die Frage nach dem Sinn und Zweck von Universitäten stellt sich dem Ideengeschichtler und Literaturwissenschaftler aus Cambridge vor allem angesichts der zunehmenden Ökonomisierung des akademischen Lebens, wie sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten in enormen Maße um sich gegriffen hat, in Großbritannien, aber auch darüber hinaus. Das Diktat der Ökonomisierung lässt sich (unter Zuhilfenahme von den Collini verhassten „bullet-points“) knapp folgendermaßen umreißen:

  • Studierende = Kunden;
  • Universitäten = Unternehmen;
  • vorrangige Bildungsziele = Einkommensmaximierung & Beitrag zum nationalen Wirtschaftswachstum;
  • Verhältnis von Akademikern/Universitäten untereinander = Konkurrenz.

Diesem Bildungsideal – das wenig mit Idealen und schon gar nichts mit Bildung zu tun hat – stellt Collini sein hochschulpolitisches Ideal gegenüber, das er folgendermaßen beschreibt:

„Universities provide a home for attempts to extend and deepen human understanding in ways which are, simultaneously, disciplined and illimitable.“ (195)

Was meint Collini mit „disciplined and illimitable“?

An Universitäten wird nicht irgendwie und irgendwas geforscht. An Universitäten wird das erforscht, was entsprechend ausgebildete Menschen als wichtige und interessante Frage und Themen erkannt haben. Die Fragen und Themen, um die es dabei geht, werden von der akademischen Welt also selbst ausgewählt. Das geschieht in dem Wissen, dass die akademische Welt – trotz aller Vorurteile – nicht einem Elfenbeinturm gleicht. Vielmehr gleicht die universitäre Welt einem Sieb, das in fast grenzenloser Weise mit den sie umgebenden Welten in dauernder Kommunikation steht. Akademiker entnehmen ihre Fragen der diesbezüglich endlos erscheinenden, unendlich nach Antwort suchenden Welt. Zusätzlich werden diese Fragen und Themen auf methodisch und hermeneutisch abgesicherte Weise bearbeitet. Die jeweilige Methodik und Hermeneutik des wissenschaftlichen Arbeitens unterscheidet sich je nach Disziplin und ist jeweils auch einer Diskussion ausgesetzt. Es werden also nicht nur Themen und Fragen bearbeitet und diskutiert, sondern auch die Art und Weise der Bearbeitung wird ständig neu hinterfragt.

Mit „illimitable“ meint Collini, dass diese universitären Forschung und Lehre in erster und zweiter Ordnung (45) sich nicht in einem bestimmten, konkreten Zweck erschöpft. Sie trägt freilich zur beruflichen Ausbildung von Richtern, Ärztinnen, Ingenieuren und Lehrerinnen bei. Doch die universitäre Forschung und Lehre erfüllt ihren letzten Zweck nicht in dieser Ausbildung. Sie geht stets über die konkrete Zweckerfüllung hinaus und stellt offene Fragen des adäquaten Verstehens, stellt Fragen nach dem guten Leben, Fragen nach dem Sinn und der Natur der Welt, Fragen nach der Stellung des Fragestellers in all dem. Die offene Fragen, die man sich an Universitäten stellt, werden ergänzt durch die Offenheit und Vorläufigkeit jeder Antwort auf diese Fragen. Collini im Wortlaut:

„Human understanding, when not chained to a particular instrumental task, is restless, always pushing onwards, though not in a single or fixed or entirely knowable direction, and there is no one moment along that journey where we can say in general or in the abstract that the degree of understanding being sought has passed from the useful to the useless“ (55).

Die universitäre Neugier ist also endlos, so endlos wie die Fragen der Menschen, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Wer den Universitäten diese Neugier austreiben möchte im Interesse einer wie auch immer gearteten Nützlichkeit, der muss wissen, dass er nicht nur die akademische Neugier beerdigt, sondern die Universitäten gleich mit. Der Sinn von Universitäten liegt also gerade darin, dass sie keinen unmittelbaren Zweck haben. In Forschung und Lehre schießen Universitäten tagtäglich über alle Zwecke hinaus.

sentire cum ecclesia – zu einem Gedanken von Ignatius von Loyola

„Indem wir jedes eigene Urteil beiseite setzen, müssen wir unseren Geist bereit
und willig halten, in allem der wahren Braut Christi unseres Herrn zu gehorchen, die da ist unsere heilige Mutter, die hierarchische Kirche.“

(Ignatius v. Loyola: Geistliche Übungen, aus den Regeln über die rechte kirchliche Gesinnung)

 

sentire cum e.

 

Mitgefühl

 

wie Nadeln von Kiefern

liegt es zwischen uns

 

es sticht mich

es sticht dich

 

keinen

wird die Wahrheit

ungestochen

davonkommen lassen

 

 

© Burkhard Conrad

Die Geltung des Naturrechts aus der Kommunikation. Zu einem Gedanken von Jochen Bung.

Das Naturrecht ist nicht tot. Davon bin ich immer mehr überzeugt. Ein Aufsatz von Jochen Bung, Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Hamburg, unter dem Titel „Naturrecht, Völkerrecht, Weltrecht. Der Code des Hugo Grotius“ (Archiv für Völkerrecht, Bd. 55, 125-147, 2017) bestärkt mich noch einmal in dem Vorhaben, weiter für den Gedanken des Naturrechts als eine die menschlichen Absprachen und Handlungen transzendierende Norm zu werben.

Bung stellt richtig fest, dass viele „Gerüchte über das Naturrecht in die Welt gekommen sind“ (127). Diese Gerüchte haben nicht zuletzt etwas mit einem arg zementierten und zum Teil kasuistischen Naturrechtsverständnis zu tun, wie es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch von katholischen Vertretern propagiert wurde. Doch Bungs Arbeit macht implizit darauf aufmerksam, dass ein krummer Blick auf das Naturrecht noch lange nicht alle möglichen Blicke illegitim macht.

Bung setzt dann auch gar nicht bei einer offenbarten göttlichen Norm oder bei einem unmissverständlichen Wertekanon als der Quelle des Naturrechts an. Gleichzeitig stellt er – fast im Sinne des vinzenzinischen Kanons – klar: „Naturrecht kann nur sein, was zu allen Zeiten an allen Orten dieser Welt als richtig und verbindlich einleuchtet“ (127). Der Gedanke des Naturrechts beruht damit auf der heutzutage durchaus wagemutigen Einsicht in das „universell Richtige“ (ebd.). Ein wohltuend optimistischer Universalismus wird hier offenbar.

Naturrecht ist also das Recht, das überall auf der Welt und – nach unserem heutigen Dafürhalten – auch durch alle Zeiten hindurch von einer großen Mehrheit der Menschen intuitiv für richtig gehalten wird. Das Naturrecht gleicht damit einer Art „Weltrecht“ (128), das sich von dem ausformulierten Völkerrecht sowohl unterscheidet als auch mit ihm in Verbindung steht. Doch wenn nicht eine göttliche Offenbarung oder die höhere Vernunft Quellen des Naturrechts sind, wo ist diese Quelle dann zu suchen? Bung formuliert diese Frage wie folgt: „Gibt es eine proto-kontraktuale Kraft, die die Geltung der Verträge – das Vertragsrecht – sichert, bevor sich außervertragliche, dafür eigens autorisierte Instanzen mit der Sicherung der Verträge befassen?“ (129)

Anders formuliert: Warum halten wir eine klassisch naturrechtliche Formulierung wie „pacta sunt servanda“ unmittelbar für einsichtig? Um den ersten Einwand gleich aus der Welt zu räumen, schreibt Bung: „Wichtig ist nur zu erkennen, dass die Bedeutung  des natürlichen Rechts sich nicht im Nutzen erschöpft“ (131). Wir halten unsere Verträge (in der Regel) also nicht nur, weil wir uns von deren Einhaltung einen persönlichen Vorteil versprechen. Wir halten die Verträge auch ein, weil eine höhere Norm zu tragen kommt. Bung identifiziert die Quelle dieser Norm in einer kommunikativen Metaebene.

Diese „sprachphilosophische Fundierung des Naturrechts“ (130) kommt – so Bung im Anschluss an Grotius – zum Beispiel im Versprechen zu tragen. Das Versprechen  (ebd. 132ff.) lässt – anders als der Vertrag – keine einem Dritten gegenüber einklagbare, sanktionierbare Verbindlichkeit entstehen. Trotz diesem Mangel enthält jedes Versprechen das unhintergehbare Versprechen seiner Einlösung. Indem ich meinem Gesprächspartner gegenüber ein Versprechen äußere, verpflichte ich mich auch ganz ohne staatliches Recht dazu, alles Mögliche zu tun, um dieses Versprechen Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn ich das nicht tue oder das Versprechen gar bewusst breche oder leichtfertig äußere, mache ich mich sozusagen sprachlich schuldigt. Die Sprache bzw. der Sprechakt generiert also meta-kommunikative „Bindungskräfte“ (131), die freilich durch die Kommunikation selbst in die Welt gebracht werden. Bung formuliert in aller Vorsicht: „Diese Bindungskräfte belegen womöglich die Realität eines natürlichen Rechts, ohne dass dafür unvermittelt auf Gott oder Vernunft zugegriffen werden müsste“ (131).

Bung verbindet mit diesem auf die Kraft der Sprechakte verweisende Vorstellung des Naturrechts die Hoffnung, einen „modernen Begriff des Naturrechts (zu) begründen“ (134).  Mit diesem modernen Begriff lassen sich dann durchaus auch konkrete Aussagen zu aktuellen Fragen formulieren, wie es Bung im weiteren Verlauf seines Textes unter Verweis auf Themen wie Widerstandsrecht, Souveränität und Migration tut.

Bung formuliert letztlich ein mögliches Argument, auf dessen Basis man aus guten säkularen Gründen von der Wirkmächtigkeit eines Naturrechts sprechen kann; gleichzeitig beansprucht Bung aber nicht, sämtliche Facetten eines modernen Naturrechtsbegriffs im Blick zu haben. Gerade aber der Blick auf die unterschiedlichen möglichen Begründungsmuster lassen es für mich immer wahrscheinlicher erscheinen, dass an dem Gedanken des Naturrechts etwas dran ist.

 

Der verzweifelte Lobgesang des Schweigens – Notiz zu einem Gedicht von Friedrich Hölderlin

Schweigen kann Ausdruck des politischen Protests sein; darüber hatte ich an anderer Stelle schon einmal geschrieben. Das Schweigen eines Menschen kann aber auch Ausdruck eines noch ganz anderen, nämlich metaphysischen Protests sein. Ausdrückliches Schweigen kann eine verzweifelte Antwort sein auf die sprichwörtlich unsägliche Penetranz, mit der die Theodizee-Frage den Versuch eines Glaubens ständig hintergeht.

In seinem Gedicht „Die Bücher der Zeiten“ legt Friedrich Hölderlin (1770-1843) den Finger gewollt oder ungewollt in die Wunde. Das Gedicht setzt an als „bebender Lobgesang“ jenem zu Ehren, der „dort oben/ In all der Himmel höchstem Himmel“ wohnt: Gott. Hölderlin spricht weiter von zwei Büchern, in beiden sind verzeichnet „All die Millionenreihen/ Menschentage“. In dem ersten Buch steht geschrieben, so Hölderlin:

„Länderverwüstung und Völkerverheerung,/ Und feindliches Kriegergemetzel,/ Und würgende Könige -/ Mit Roß und Wagen,/ Und Reuter und Waffen,/ Und Szepter um sich her;/ Und giftge Tyrannen,/ Mit grimmigem Stachel,/ Tief in der Unschuld Herz. (…) Des heitern, rosigen Mädchens/ Grabenaher Fieberkampf;/ Der Mutter Händeringen,/ Des donnergerührten Jünglings/ Wilde stumme Betäubung.“

Diese finstere Beschreibung aller menschlichen und natürlichen Übel ist mehrere Seiten lang. Dann steht die Regieanweisung an den Leser „eine Pause im Gefühl“, wonach des Dichters Frage sich Bahn bricht, weshalb Gott diesem ganzen Treiben nicht ein Ende bereitet: „Warum vertilgt mit dem Flammenschwert/ All die Greuel von der Erde/ Der Todesengel nicht?“ Und die Antwort des Dichters lautet:

Aber sieh, ich schweige – / Das sei dir Lobgesang!/ Du, der du lenkst/ Mit weiser, weiser Allmachtshand/ Das bunte Zeitengewimmel.

Mit Verweis auf Jesu Kreuzestod folgt im Gedicht das zweite Buch und eine Rehabilitierung des Allmächtigen und auch des Menschen. Alles hat irgendwie seine Ordnung. Trotzdem bleibt für den aufmerksamen Leser die Frage hängen: Wie reagiert der Gläubige auf den großen Zweifel, der christliche Glaube habe es mit einem undurchsichtigen und den Menschen ganz und gar nicht wohlgesonnenen Gott zu tun?

Hölderlin gibt eine mögliche Antwort auf diese Frage: Schweige! Schweige ganz bewusst. Schweige und verstehe dein Schweigen als einen göttlichen Lobgesang!

Dieser Lobgesang soll nicht sarkastisch sein, mit Häme oder im Wahn Gott vor den Latz geknallt werden. Ich schweige aus Verzweiflung. Angesichts des Leids der Welt kann ich nur schweigen. Mit meinem Schweigen ziehe ich mich aber nicht zurück. Mein Schweigen wende ich hin zu dem einen nur möglichen Adressaten: Gott. Diesen Adressaten Gott lasse ich wissen:

Ich schweige Dir zum Lobe. Mehr geht gerade nicht. Vorerst. Und wenn sich die Verhältnisse bessern und ich ganz deutlich Deine gute und gerechte Hand am Werk in der Welt sehe, dann, ja dann werde ich vielleicht auch in der Lage sein, meinen Lobgesang des Schweigens zu transponieren in eine für alle hörbare Melodie.

Was die deutsche Gesellschaft zusammenhält!

Was uns als Gesellschaft zusammenhält ist nicht das, was uns dem Wesen nach eint; davon gibt es jenseits der Sprache eh viel zu wenig. Was uns zusammenhält ist vielmehr das, was uns miteinander im Gespräch hält.

Der Zusammenhalt der Gesellschaft – um ihn sorgen sich derzeit viele. Dabei sind es oft „Werte“, die beschworen werden. Werte, die unsere Gesellschaft zusammenhalten sollen. Werte, die den Kitt ausmachen, der kleistern und kleben soll, was anderweitig offenbar nicht beieinander bleiben möchte. Dabei wissen wir gar nicht, ob diese beschworenen Werte überhaupt eine objektive Wirklichkeit besitzen. Werte werden beschworen. Aber wie bei allen Dingen, die erst nach einer Beschwörung auftauchen, ist man sich auch bei den Werten nicht recht sicher, welche Substanz man dem so Beschworenen zuschreiben möchte. Der Philosoph Andreas Urs Sommer hat in seinem Buch „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt.“ Zweifel daran geäußert, dass Werte eine Wirklichkeit außerhalb der Kommunikation besitzen. Unter anderem nennt er sie „Projektionsflächen“ (Sommer: Werte, Stuttgart 2016, 173.) unserer Bedürfnisse.

Ich möchte daher im Folgenden auch nicht von Werten oder anderen Wesen reden. Vielmehr schlage ich vor, alltagsnähere Gesprächsgegenstände als den Kitt der Gesellschaft zu umschreiben. „Dinge“ bzw. Phänomene sind dies, die durch Wiederholung, Regelsetzung, Ritualisierung größere Teile einer Gesellschaft erfassen und auf die gleiche Bahn lenken – ob diese es wollen oder nicht. Denn, was unsere Gesellschaft zusammenhält, ist nicht unbedingt das, was alle Menschen für gut und befinden. Es ist nicht der explizite Konsens über Wesentliches. Was unsere Gesellschaft zusammenhält, ist vor allem das, was in das Alltagsleben vieler Menschen hinein ragt an äußeren Ordnungen und Gesprächsgegenständen, die ich nur bedingt beeinflussen kann. Das heißt: Wer an einem Zusammenhalt der Gesellschaft interessiert ist, der darf diese äußeren Einflüsse und Ordnungen nicht mit dem Wunsch nach größerer individueller Freiheit zur Seite schaffen. Diese anti-liberale Pille muss man schlucken.

Einige ausgewählte Phänomene seien genannt. Diese Liste könnte um viele weitere Punkte erweitert werden, aber eben nicht um Wesenhaftes.

Sonntag

Die deutsche Gesellschaft wird vom Sonntag zusammengehalten. Ich nehme damit keinen religiösen Standpunkt ein, sondern vertrete eine zeitpolitische These. Die gesetzlich geschützte Sonntagsruhe ist der zeitliche Marker im Alltag aller Menschen in diesem Land. Mit dem Sonntag haben alle Menschen etwas zu tun: weil sie nicht arbeiten und sich eine sinnvolle Beschäftigung suchen müssen; weil sie arbeiten müssen, während viele andere dies nicht tun; weil sie auf dem Fußballplatz herumstehen und sich beim 2:6 ihrer Kreisligaheimmannschaft die Füße in den Bauch stehen; weil sie zu Hause den Kuchen vom Konditor verspeisen; weil sie mit Kind und Kegel eine Fahrradtour machen; weil sie vor den geschlossenen Türen eines Supermarkts stehen und sich fragen, in was für einem komischen Land sie leben.

Ich bin gegen jede weitere Liberalisierung des Sonntagsschutzes, weil dieser zeitlicher Marker für unsere Gesellschaft wichtig ist. Das Leben aller wird rhythmisiert, geprägt von dieser erzwungenen Ruhe eines Großteils des Geschäftslebens. Der Sonntag sorgt für Gesprächsstoff, sortiert den Terminkalender breiter Gesellschaftsschichten. Er hat Befürworter und Gegner und (fast) nur Profiteure. Wer sich hier mehr Freiheiten wünscht, der wünscht sich gleichzeitig auch den sozialen, zeitlichen Zusammenhalt weg. Dessen muss man sich im Klaren sein.

Fußball

Ich bin kein Freund der lauten Kommerzmaschine Fußball. Sie generiert Unsummen an Geld, Unsummen an Korruption, Unsummen an Kosten. Sie füllt unsere Züge und Bahnhöfe regelmäßig mit einer Horde alkoholisierter Männer (und gelegentlich Frauen) und hält die Polizeibeamten davon ab, wichtigeren Aufgaben nachzugehen bzw. ihr Wochenende zu genießen.

Dennoch möchte ich auch nicht den Fußball abschaffen. Der Fußball taucht in seiner nationalen Form jedes Wochenende neu auf; in seiner internationalen Form alle zwei oder vier Jahre. Samstags 15:30 Uhr hängen viele an den Radios, schauen Fern oder gehen ins Stadion. Leider hat die Streckung der Spieltage von Freitag bis Montag dazu geführt, dass auch hier der zeitliche Zusammenhalt, das wiederkehrende Ritual geschwächt wurde. Fußball generiert Freunde und Fanatiker; er schafft aber auch Feinde. Er ist trotz allem, der am meisten verbreitete Sport. Auch jenseits der Sportplätze und Stadien wird auf den Straßen und auf den Bolzplätzen gekickt. Kaum ist ein Ball vorhanden, flippen Väter und Söhne aus; und immer mehr auch die Töchter. Das Phänomen Fußball zeigt ganz deutlich, dass der Zusammenhalt einer Gesellschaft nicht von Dingen bestimmt wird, die alle vereinen, sondern von Dingen, die alle – ob sie es wollen oder nicht – berühren. Auch wer den Fußball nicht ausstehen kann, wird zugeben müssen, dass er für unser Selbstverständnis wichtig ist.

Erinnerung an Auschwitz

Einen gesellschaftlichen Zusammenhalt schafft auf ganze andere Weise auch die ständige Erinnerung an das größte deutsche Versagen, für das der Name Auschwitz steht. In Teilen der Gesellschaft sorgt diese immer wieder stattfindende Vergegenwärtigung des Scheiterns zwischen 1933 und 1945 für Unmut. Man möchte das Positive, das Würdige, das Glorreiche der Geschichte betont wissen in der Erinnerung. Da kann man dann aber lange suchen; oder welches Ereignis der deutschen Geistes- und Realgeschichte ist frei von Zwiespältigkeiten, Anrüchigkeiten, Schmerz?!

Dabei schweißt nichts mehr zusammen, als das kollektive Leid: das Leid, das man selbst erlebt, aber auch das Leid, das man anderen zufügt. Aus beiden versucht man Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Die Zeit des Nationalsozialismus ist eine solche Zeit des geteilten und des zugefügten Leids. Ich möchte sogar die Aussage wagen, dass ohne das Wissen um diese doppelt- und gegenläufige deutsche Leidensgeschichte ein Verstehen und eine Teilhabe an der deutschen Gesellschaft kaum möglich ist. Dabei geht es in Bezug auf das, für was Auschwitz steht, um mehr als um ein beliebiges Sich-Verhalten zu einem geschichtlichen Datum. Es geht um einen erinnerungspolitischen Dauerdiskurs, ohne den man Deutschland nicht verstehen kann. Gerade die Erinnerung an Auschwitz hält die Gesellschaft zusammen. Wer dies nicht wahrhaben möchte, dessen identitätspolitisches Haus ist auf Sand gebaut.

Schule

Wiederum auf einer ganz anderen Ebene steht die Schule als institutioneller Motor des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Wenn es gut geht – oft genug ist das nicht Fall – dann treffen in Schulen Kinder und Erwachsene (als Lehrer_innen und Eltern) ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus zusammen. Sie kommen nicht nur zusammen, sondern sie arbeiten auch gemeinsam an dem komplizierten und hoch politisierten Projekt der Bildung von Kindern. Bildungspolitik trifft hier auf Schulhof, hehre Ideen vermengen sich mit der unübersichtlichen Wirklichkeit von Familien- und Unterrichtsalltag.

In Deutschland besteht Schulpflicht. Zurecht. Denn die Schule bringt zusammen, was sonst kaum miteinander zusammengebracht wird. Schule bewirkt Inklusion und Integration schon bevor man sie mit jedweden Programmen und Projekten überzieht. Schule bildet, ja, zum Beispiel über den Nationalsozialismus. Aber Schule schweißt auch zusammen, schafft Beziehungen, sorgt für geteilten Frust und Gesprächsstoff unter Nachbarn, Bekannten und Unbekannten. Schule ist in diesem Sinne eine „Lebensform“ (Christian Polke), da öffentliche Institution, private Lebenswelt, Rituale und Rhythmen sich miteinander zu einem Gespräch verdichten, der Gesellschaft und Individuum prägt. Und solche prägenden Gesprächsstoffe halten unsere Gesellschaft zusammen.