Sachlichkeit und lange Frist. Über Max Weber und die politische Verantwortung post-Brexit

Unmittelbar nach dem Brexit-Referendum der Briten am 23. Juni zogen sich die maßgeblichen Brexit-Befürworter Boris Johnson und Nigel Farage aus dem politischen Leben der Insel zurück; im Falle Johnsons dauerte dieser Rückzug lediglich bis zur Übernahme des Amtes des britischen Außenministers in der Regierung der neuen Premierministerin; Farage gab seinen Parteivorsitz ab, bezieht aber weiterhin Diäten als Abgeordneter im europäischen Parlament. Diesen Teilrückzug  erläuterte Farage mit dem Hinweis, er wolle nun sein Leben zurück haben.

Diese Scharaden lösten in Teilen der Öffentlichkeit Häme aus. Zu offensichtlich war für viele der Mangel an politischem Verantwortungsgefühl, den Johnson und Farage durch ihren Rückzug offenbarten. Ihnen wurde vorgeworfen, ihr politisches Engagement allein einem destruktiven Vorhaben gewidmet zu haben, die anschließend notwendigen Aufräumarbeiten aber anderen zu überlassen. Damit handelten sie vollkommen unverantwortlich, so das allgemeine Urteil. Was aber ist unter politischer Verantwortung zu verstehen? Was haben sich Johnson und Farage – sozusagen auf einer Metaebene – zu schulden kommen lassen?

Um die Frage zu beantworten, nehme ich (einmal mehr) bei Max Weber Zuflucht. Drei Leidenschaften sind, so Max Weber, bei einem Politiker maßgeblich: Leidenschaft, Augenmaß, Verantwortungsgefühl (vgl. Max Weber 1992: Politik als Beruf, Stuttgart, 62). Leidenschaft heißt bei Weber auf Politiker (und Politikerinnen) bezogen deren „leidenschaftliche Hingabe an eine Sache, an den Gott oder Dämon, der ihr Gebieter ist“ (ebd.). Diese Leidenschaft kann man den Brexit-Befürwortern – auch wenn man deren Sache inhaltlich nicht teilt – sicherlich nicht absprechen. Weit mehr als die Brexit-Gegner, die vorwiegend mit Zahlen, Statistiken und Drohungen hantierten, waren die Brexit-Befürworter mit Herz bei der Sache. Dass darunter im großen Stil die Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu leiden hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Beim Augenmaß muss man angesichts der populistischen Agitation der Brexit-Befürworter schon mehr Abstriche machen. Augenmaß umschreibt Max Weber nämlich folgendermaßen: Es ist die „Fähigkeit, die Realitäten mit innerer Sammlung und Ruhe auf sich wirken zu lassen , also: der Distanz zu den Dingen und Menschen“ (ebd.). Was Populisten – und Farage und Johnson werden zu dieser Spezies Politiker gezählt – Tag für Tag tun, ist vom Grunde her das Gegenteil von Augenmaß und Distanz. Sie suchen nämlich die oberflächliche Nähe zu dem gemeinen Volk und suggerieren Vertraulichkeit. Dabei nehmen sie es mit der Wirklichkeit und den Fakten nicht so ernst und legen nahe, dass komplizierte politische Problemlagen mit einem einfachen Kniff aufzulösen sind. Populisten handeln weniger aus sachlichen Erwägungen heraus als aus politischem Instinkt. Damit sind sie weit weg von den eigentlichen Problemen und sehr nahe dran an einem von Weber kritisierten „unsachlichen Machtstreben“ und an einer „rein persönlichen Selbstberauschung“ (63).

Nun zum Verantwortungsgefühl bzw. zur Verantwortlichkeit. Die politische Verantwortung ist bei Weber dadurch geprägt, dass sie vorrangig sachlich definiert ist. Max Weber spricht in Politik als Beruf vom „sachlichen Verantwortungsgefühl“ (62) und von der „Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache“ (ebd.). Verantwortung gibt es also nicht abstrakt; sie bezieht sich stets auf einen Gegenstand, auf ein Ziel, das ich als Politiker vorantreiben möchte. Dieses Ziel hat widmet sich einer konkreten Fragestellung, es hat, so Weber, sachlicher Natur zu sein. Persönliches Machtstreben gehört also ebenso wenig zu den sachlichen Zielen wie der Machterhalt für eine bestimmte politische Gruppe. Solche Zielen sind unsachlich und damit unverantwortlich.

Verantwortung hat auch eine zeitliche Dimension. Ein paar Seiten weiter spricht Max Weber nämlich auch von der „Verantwortung vor der Zukunft“ (66), die ein Politiker haben sollte. Diese ergibt sich gerade aus den erwähnten Sachlichkeitserwägungen heraus. Denn, wer einer Sache dient, der ist in der Regel langfristig an dieser Sache interessiert. Wer ein langfristiges Ziel verfolgt, der gestaltet mit, kämpft weiter, möchte den sachlichen bestmöglichen Erfolg in Bezug auf sein Ziel erreichen, jetzt und auf Dauer. Ihn interessiert nicht nur, wie er sich im Augenblick der Entscheidung persönlich fühlt, in interessiert auch, was dieser Augenblick der Entscheidung mit ihm und der Welt macht. Er ist interessiert sich für die zeitlich nachgelagerten „Folgen“ (70) von politischen Entscheidungen. Für die Folgen seines eigenen Handelns hat man „aufzukommen“, so Weber in einem für ihn durchaus typischen fatalistischen Tonfall (ebd.). Man ist persönlich für sie verantwortlich. Politische Verantwortung nimmt also die lange Frist dieser Folgen in den Blick. Kurzfristige Geländegewinne und Profite mögen die eigene Klientel ruhig stellen, sie sind aber nicht im letzten Sinne verantwortlich.

Ein Rückzug nach dem vollbrachten Zerstörungswerk ist daher unverantwortlich. Boris Johnson und Nigel Farage mögen daher vielleicht einer Sache gedient haben (EU-Austritt), an den langfristigen Folgen ihres politischen Handeln, an dem zukünftigen Ergehen ihres Landes außerhalb der EU haben sie aber anscheinend kein Interesse. Es fallen einem noch weitere Kandidaten (und Kandidatinnen) ein, die es an politischer Verantwortung (nach Max Weber) mangeln lassen. Überall dort, wo nicht mehr die Sache, sondern der reine Machterhalt oder – gewinn und nicht mehr die langfristigen Folgen, sondern der kurzfristige Gewinn im Vordergrund stehen, überall dort sucht man vergeblich nach gelebter politischer Verantwortung.

Schwierig wird es natürlich dann, wenn Politiker ganz bewusst auf die destruktiven Folgen ihres Handelns hoffen, wenn sie sich sozusagen ganz und gar einem langfristigen Zerstörungswerk gewidmet haben. Zur Verteidigung der politischen Verantwortung muss dann mit wesentlich normativerem Pulver geschossen werden, als das es das Werk Max Webers hergibt.

Samuel Moyn: Christian Human Rights – eine Besprechung.

Samuel Moyn, Christian Human Rights, University of Pennsylvania Press Philadelphia 2015, 248 S., € 25,-

Das Buch des Harvard-Professors für Rechtsgeschichte wartet mit einer interessanten These auf. Moyns These lautet: Die Rede von den Menschenrechten hat als Grundlage eine bestimmte Vorstellung von Menschenwürde. Diese Vorstellung entstammt einem christlich-konservativen Denken, das sich in den 1930er und 1940er Jahren mehr und mehr verdichtete; zu eben jener Rede von den universalen Menschenrechten. Somit ist die Idee der universalen Menschenrechte, wie sie in sich in entscheidenden Texten des Völkerrechts findet, ein ausgesprochenes konservatives Projekt, sozusagen eine Rolle rückwärts nach dem Debakel von Nationalsozialismus und Stalinismus.

(…)

Die ganze Besprechung ist zu finden in: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft, 57 Jg. Nr. 3, 2016

oder unter

https://www.academia.edu/27736539/Review_of_Moyn_Samuel_Christian_Human_Rights

 

 

siehe auch:

Universale Menschenrechte – eine Erfindung des konservativen Denkens?

 

Das Schweigen der Prediger – esse contemplativus in praedicatione

Aus Anlass des Gedenktages des hl. Dominikus ein kleiner Abschnitt aus: Burkhard Conrad 2014, Das Schweigen der Prediger. Von der Gegenwart der Kontemplation in der dominikanischen Verkündigung, in: Thomas Eggensperger/ Ulrich Engel (Hg.): Dominikanische Predigt, Leipzig, S. 119-134.

So ist die Kontemplation in der Predigt bleibend gegenwärtig:

Ich vergesse mich selbst in der Verkündigung und bin doch ganz und gar gegenwärtig. Ich spreche von der geoffenbarten Wahrheit, ohne zu enthüllen oder gar zu wissen, dass ich sie selbst geschaut habe. Ich spreche mich ganz aus, ohne auch nur einmal das Wort „ich“ in den Mund zu nehmen. Solche Predigt „unterbricht die Unmittelbarkeit der religiösen Erfahrung“[1]. Sie verweigert mir, von meiner kontemplativen Erfahrung „unübersetzt“ zu sprechen. Sie ist frei gewählte Selbstverleugnung und Selbstvergessenheit in der Verkündigung, und sie ist nicht so sehr die nachträgliche Frucht der Kontemplation, sondern deren Wieder-holung. Die Kontemplation wird in die Predigt hinein geholt und ist als Akt des Schauens gleichzeitig mit dem Akt der Verkündigung.

So wie sich in der Kontemplation ein Spalt zur unanschaulichen Wahrheit auftut, so fällt aus diesem Spalt auch ein Lichtstrahl der Wahrheit in das Sprechen des Predigers. Der Strahl unterbricht den Redeschwall, schafft einen Raum für Mehr als menschliche Worte und kognitives Verstehen. Die hörbaren Worte sind verkündigenden Sprechakte meiner Selbst als einem dezentrierten, schweigenden Prediger. Die Predigt der Prediger wird zusammengehalten von einer kontemplativen Tiefensemantik: der contemplatio, der unanschaulichen Schau göttlicher Wahrheit. So kann von Mitgliedern des Ordens der Prediger gesagt werden: Sie sind contemplativus in praedicatione.

 

[1] Engel, Ulrich (o.J./2010): Gott der Menschen. Wegmarken dominikanischer Theologie, Ostfildern, 49.

 

Liberal Decisionism – a Carl Schmitt legacy

Wer Interesse hat an einem älteren Text zu Carl Schmitt und dessen ideengeschichtlichem Nachwirken in der Bundesrepublik, der sei auf beiliegende Einführung und den weiterführenden Link verwiesen. Aufgrund einer negativen Begutachtung wurde der Text nie veröffentlicht. Vor einiger Zeit habe ich ihn dann auf der Plattform academia.edu hochgeladen. So war die Arbeit daran nicht ganz umsonst.

Carl Schmitt continues to haunt German political thought and intellectual life. In that, the name Carl Schmitt represents a number of pre-2nd World War ideas, concepts and programmes which have been met with a mixture of reverence and loathing by post-war intellectuals in Germany. On the one hand, Schmitt’s work and biography have been interpreted as an affirmative approach towards totalitarianism which is the cause of some embarrassment even today. On the other hand, we may identify a rise of political and philosophical reasoning that draws upon the work of Carl Schmitt positively. This rise is very much also an international phenomena with the work of Giorgio Agamben and Chantal Mouffe being indicative of a constructive, if critical, approach towards Schmitt and the way of thinking he came to represent.

This article will concentrate on the shadow which the work of Carl Schmitt still casts upon the intellectual setup in Germany. As research on Schmitt has grown tremendously since the late 1970s and many facets of his life and thinking have been analysed by focusing on Schmitt’s notion of the ‘decision’ and the post-Schmittian development of this concept. For the ‘decision’ has proved to be a stumbling block in post-war intellectual debates about the political make-up of German society. A number of authors have dealt with Schmitt’s concept of the ‘decision’ and both polemic as well as constructive contributions may be identified. Turning one’s attention to the importance of decision-making within a (German) democracy always had to go along with a pronounced distance from the authoritarian ‘decisionism’ – as this trait of thought came to be called – which Schmitt represented. As a result, every kind of decisionism was (and often still is) suspected of being elitist, anti-democratic or outright fascist.

This suspicion also holds true for liberal readings of Carl Schmitt’s decisionism which will be at the core of this article. On the one hand a liberal interpretation of Schmitt stresses that the political decision – both as a concept and as a phenomenon ­– is a crucial element of democratic societies. On the other hand is, however, the rejection of the emphatic decisionism which was fashionable during the 1920s.

Continue reading at https://www.academia.edu/6130286/Liberal_Decisionism or send me an email at rotsinn(at)gmx.de and I’ll send you the file.

„Ein Gedanke ist etwas so Wirkliches wie eine Kanonenkugel.“

„Ein Gedanke ist etwas so Wirkliches wie eine Kanonenkugel.“ Diesen Satz von dem französischen Denker Joseph Joubert (1754 –1824) las ich vor einigen Tagen in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Sinn und Form (04/16). Spontane Gedanken dazu:

„Ein Gedanke ist wirklich.“ In der Tat: Wirklich ist nicht nur das äußerliche Leben, sondern auch das innerliche, mentale, kognitive Leben. Ein Gedanke besitzt ja für’s Erste nur eine innere Realität. Er wohnt in meinem Kopf. Er wohnt dort aber nur solange in seiner Eremitage, wie ich diesen Gedanken nicht weitergebe. Solange ich mit diesem Gedanken nichts anfange – durch Wort oder Tat – hat er nur eine kognitive Wirklichkeit. Natürlich kann der Gedanke auch in mir für Veränderungen sorgen. Er kann weitere Gedanken anrühren, die dann eine Depression auslösen oder Glücksgefühle bewirken können. Ein Gedanke bleibt also selten allein. Er bringt weitere Gedanken zur Welt.

„Wie eine Kanonenkugel.“ Der Gedanke besitzt eine kognitive Wirklichkeit, kann sich aber auf die äußere Wirklichkeit auswirken, und zwar äußerst vehement. Joubert’s Metapher verweist auf die zerstörerische Kraft des Gedankens. Tritt ein böser Gedanke nach außen, kann dies böse Folgen haben. Das bringt das weisheitliche Wort aus Psalm 50 zum Ausdruck: „Dein Mund redet böse Worte und deine Zunge stiftet Betrug an.“ Zerstörerisch sind eben nicht nur äußere Taten. Auch Gedanken, die in Sprechakten nach außen treten, können eine üble Kraft entwickeln.

„Wie eine Kanonenkugel.“ Joubert’s Metapher kann aber auch weniger martialisch gelesen werden. Dann bringt der Satz zum Ausdruck: Achte den Gedanken nicht gering. Eine Gedanke kann eine Welle von Veränderungen und Verwandlungen auslösen, zum Bösen und zum Guten. Zum Bösen: Der Gedanke des reinen Volkes sorgt für Spaltung und Hass. Zum Guten: Der Gedanke der Freiheit hat schon manche Revolution ausgelöst. Der Gedanke der Humanität spornt Menschen an, Unterdrückung zu bekämpfen. Böse oder gut: Auf jeden Fall ist der Gedanke so wirklich, wie wirklich eben die Wirklichkeit ist.

So hat nicht nur jeder Gedanke eine Adresse, sondern der Gedanke hat immer auch eine Wirkung. Wir sollten ihn nicht gering schätzen.

Zuhause im Iftar der Anderen – ein persönlicher Erfahrungsbericht

Für einen Moment kehre ich zurück zum Vertrauten:

Ich schließe die Augen, spreche still ein Gebet : „Herr, segne diese Gaben … .“ Ich mache das Kreuzzeichen. Damit bin ich hier recht allein. Das weiß ich. Ein Moment Vertrautes, inmitten dem Fremden, dem Ungewohnten, dem Anderen, Grenzüberschreitenden. Nach dem Kreuzzeichen beginne mit dem Essen.

Ich bin auf einem Iftar, einem muslimischen Fastenbrechen an einem der längsten Tage im Jahr. In einer Unterkunft für Flüchtlinge im Hamburger Osten kommen Menschen aus allen Herren Länder zusammen. Ihr Glaube verbindet sie im gemeinsamen Mahl. Schon früh bin ich da, um mit den Organisatorinnen von kulturkaviar für alle e.V. den Saal für das Essen vorzubereiten. Wir räumen Mobiliar zur Seite und legen den Boden mit einer schützenden Folie aus, an einer Stelle; an einer anderen Stelle rollen wir Teppiche in den Raum fürs Gebet. Wir verteilen Blumen, Kerzen, Servietten. Die Gäste werden Platz finden auf dem Boden. Sich dort niederlassen, um das tägliche Hungern und Dürsten zu beenden.

Neugierige Kinder kommentieren durchs Fenster gelehnt einen jeden unserer Handgriffe.  Die ersten Besucher kommen, schauen und gehen wieder. Tee kochen wir, Brot wird geschnitten, Süßes wird zurecht gemacht, Servietten gefaltet. Dazwischen drücken sich Gespräche, wie man sie selten führt. Über das Fasten, selbstverständlich, das christliche und das muslimische. Über rituelles Speisen an sich und überhaupt die Rolle des Essens in den Religionen: das Iftar, die Speisesegnung zu Ostern, über das Mahl der Christen: Doch kaum versuche ich es in kurze verständliche Worte zu fassen, spüre ich an mir selbst das „Ärgernis“ (1. Kor. 1, 23), das für einen Nicht-Christen im Erfassen dieses Mahles liegen muss. So bleibt mein Satz „Wir Christen nehmen den Leib und uns das Blut Jesu Christi zu uns“ fürchterlich haltlos im Raum der kleinen Küche hängen. Interreligiöse Begegnung im kargen, geschäftigen Wohncontainer, Dialog sozusagen „zwischen den Kochtöpfen“ (Theresa v. Avila).

Unterbrochen werden wir an diesem Abend dauernd in unseren Gesprächen. Das stört keinen; es ist ja viel zu tun. Die Gäste treffen langsam ein. Bald reiht sich eine Zahl von locker mit Kopftuch gerüsteten Frauen am Rand des Saales auf. Kinder kreisen um sie herum. Junge Männer aus verschiedenen Ländern kommen hinzu. Der eine oder andere Gast von außen erscheint auch.

Um kurz vor Zehn werden Teile aus dem Koran rezitiert, ein Gebet wird gesprochen. Anschließend bricht man das Fasten, mit einer Dattel und einem Schluck Wasser. Essen wird aufgetragen. Ich spreche mein persönliches Tischgebet, das mit dem Kreuzzeichen. Verwirrung entsteht, da in der international zusammengesetzten Gruppe unterschiedliche Zeiten kursieren, zu denen das Fasten gebrochen werden darf. Die einen tun es um 22 Uhr, die anderen um 22: 30 Uhr. Satt werden alle. Und es bleibt genug für die Daheimgebliebenen, den eigenen Kühlschrank.

Wie ein „Diener an den Tischen“ (Apg 6, 1ff.) fühle ich mich an dem Abend. Den Frauen das Geschirr reichend. Das Fladenbrot zerteilend. Die Blumen arrangierend. Wie ein Diener der Menschen: jener, die mich eingeladen haben mit zu gehen, mit zu machen; jener muslimischen Frauen, Kinder, Männer, die hier wohnen und ihren Glauben leben. Ich fühle mich auch wie ein Diener an meinem eigenen Glauben, ein Glaube der sich ganz dem Dienen verschrieben hat, denn auch „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen.“ (Mt 20, 28). Hier beim Iftar wacht ein Glaube auf, der sich nicht dauernd selbst bestätigt. Ich blicke – nur ein klein wenig – über den christlichen Tellerrand und sehe dort: eine weiten Raum, intellektuell wie spirituell. Neuland eben.

Es gibt viele Worte und Begriffe, freundliche und unfreundliche, für das, was nicht unseres ist, was nicht meines ist. Für diese Erfahrung der Differenz. Es klingt arg pädagogisch und floskelhaft, doch ist es wahr, dass das Eigene nur durch die Begegnung mit dem Anderen, dem Differenten wachsen kann. Um das eigene Leben verrückt zu bekommen, mit Worten und Begriffen richtig verstehen zu lernen, muss man ab und an aus dem Zentrum treten. Sich aus dem Zentrum rücken lassen. Dieser Zumutung kann man sich nicht auf ewig entziehen.

Irgendwann breche ich auf. Ich muss meinen Zug zurück bekommen. Das Essen ist noch voll im Gange. Das süße Baklava wird gerade zurecht geschnitten. Davon kleben mir die Finger. Ich verabschiede mich. Mache mich auf ins vertraute Zuhause. Durch die geöffneten Fenster sehe ich die Menschen essen, reden. Ich gleite fort in die Dunkelheit einer kurzen Nacht.

Burkhard Conrad OPL

Das aktive Leben als bewusstes Wirken. Notiz zu einer Predigt von Meister Eckhart.

Das Zusammenspiel zwischen dem kontemplativen und dem aktiven, politischen Leben habe ich an dieser Stelle schon häufiger thematisiert. Nun bin ich im Lukasevangelium (10, 38-42) auf folgende Episode gestoßen:

„Sie zogen zusammen weiter und Jesus kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“

In der Auslegung dieser Stelle kam es in der Vergangenheit oft vor, dass Maria synonym für das kontemplative Leben stand und Martha synonom für das aktive Leben. Die Aussage Jesu „Maria hat das Bessere gewählt“ wurde dann dergestalt interpretiert, dass das kontemplative Jesu beständig betrachtende Leben höher zu bewerten sei als das aktive Leben in den Geschäften der Welt. Das heißt letztlich dann auch, dass das Gebet wichtiger ist als das politische Handeln. Und wichtiger ist es deshalb, weil es uns näher zu Gott bringt.

In einer seiner Predigten (Intravit Jesus in quoddam castellum) legte Meister Eckhart diese Textstelle anders aus. Eckhart unterläuft die herkömmliche Auslegung, indem er für die aktive Martha festhält, dass sie das seltene Beispiel einer Person ist, die im bewussten Wirken unterwegs ist. Dabei sagt Eckart: „Bewusstes Wirken nenne ich das, wo man lebendige Wahrheit mit fröhlicher Gegenwärtigkeit in guten Werken verbindet.“ Wo sich das bewusste Wirken mit einem geordneten und vernunftsgeleiteten Wirken verbindet, wie im Falle Marthas, da gilt laut Eckhart: „Da bringen uns Werke ebenso nahe zu Gott und sind uns genauso förderlich wie alles verzückte Schwelgen Maria Magdalenens.“

Maria mag für sich persönlich den besten Teil ausgewählt haben, so Eckhart, aber Martha war schon einen Schritt weiter. Sie hatte kontemplatives Schauen und aktives Wirken in ihrem Leben zu einer vollkommenen Einheit verbunden. Sie war über die reine Verzückung hinaus geschritten und wünschte sich, dass Maria ebenso über sich hinaus wachsen möge. Eckhart schreibt: „Martha war so im Wesentlichen, dass alle Wirksamkeit sie nicht hinderte und dass alles Tun und alle Geschäftigkeit sie auf ihr ewiges Heil hinleitete.“ Und in einer scheinbaren Umkehrung der mutmaßlichen Aussage des Bibeltextes ergänzt er: „Maria musste erst eine Martha werden.“

Ich möchte Meister Eckhart folgendermaßen verstehen:

Bewusstes Wirken, auch in der Politik, geschieht dort, wo in der Gegenwart des guten Lebens das kontemplative Schauen nie fern ist. Im bewussten Wirken fließt die Kontemplation in die Aktion über, nicht chronologisch, sondern beständig. Aber auch das aktive Handeln kontaminiert fortdauernd die Kontemplation. Die nur scheinbar getrennten Welten von Schau und Tun sind so aufs Engste miteinander verschachtelt. Unrecht tut nicht der, der persönlich das eine dem anderen vorzieht. Unrecht tut der, der normativ das eine höher als das andere bewertet.  Genau das zeigt einen Mangel an „Bewusstsein“ im Wirken und Beten.