Was ist anekdotisches Wissen und wozu kann es dienen?

Das anekdotisches Wissen hat in der Wissenschaft einen schlechten Ruf. Und es findet dennoch dauernd Anwendung.

Als „anekdotische Evidenz“ wird das anekdotisches Wissen in dem entsprechenden Eintrag von Wikipedia bezeichnet. Der Eintrag gibt wertvolle Hinweise hinsichtlich der Struktur solchen Wissens:

Anekdotisches Wissen unterliegt einer gewissen Informalität und Alltagsnähe. Es ist nicht abgesichert, unterliegt keiner formalen, geregelten Argumentation oder basiert nicht auf einer statistischen bzw. empirischen Erhebung. Das anekdotische Wissen wird auch nicht systematisch dokumentiert und nachgehalten.  Anekdotisches Wissen zeichnet sich also durch das aus, was es nicht ist: systematisches Wissen. Das anekdotische Wissen kann zudem gegen dieses systematische Wissen in Stellung gebracht werden. Es gibt zwischen den beiden aber keine Gegnerschaft per se. Systematisches Wissen in seiner empirischen Gestalt enthält auch Anekdoten; enthält deren aber viele und bringt diese vielen Anekdoten miteinander in Beziehung. Systematisches Wissen in seiner theoretischen Gestalt ist da schon weiter weg von der anekdotischen Evidenz; in der wissenschaftlichen Praxis wird die Anekdote aber gerne als Ausweis der Relevanz von Theorien genutzt.

Anekdotisches Wissen und Wissenschaft schließen sich also nicht aus. Das anekdotische Wissen begegnet einem gerade bei mündlich vorgetragenen, mit Spontanität behafteten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dann nämlich muss die vortragende Person hemdsärmelig und schnell antworten, kann nicht lange nach empirisch validen Daten suchen oder Statistiken aus dem Hut ziehen. Dann gilt die eigene Anschauung bzw. Erfahrung plötzlich als ein unterstützendes Moment im wissenschaftlichen Gespräch. Die Anekdote – meine konkrete, aber ungesicherte Erfahrung – soll dann beispielhaft gelten für die These oder Theorie, die ich damit untermauern möchte. Nicht im Sinne eines Fallbeispiels, was schon wieder einen hohen Grad der systematischen Forschung bedeuten würde. Aber durchaus im Sinne eines Beispiels mit – zugebenermaßen – begrenzter argumentativer Reichweite. Das geht, wie gesagt, in mündlichen Beiträgen; in Aufsätzen und Büchern ist diese Art des en passant geäußerten Arguments eher weniger gern gesehen.

Das anekdotische Wissen kann – sehr produktiv – auch auf ein Forschungsdesiderat hinweisen. Quasi zeichenhaft hat man eine erste Ahnung davon, was die eigene Hypothese praktisch bedeuten könnte bzw. wo sie sich in der Wirklichkeit zeigen bzw. als wahr offenbaren könnte: „Vor drei Wochen war ich einen ganzen Tag alleine im Wald spazieren. Da habe am eigenen Leib erfahren, dass mir Stille gut tut; eine systematisch abgesicherte Aussage aber, ob Stille dem Menschen an sich gut tut, steht noch aus.“ Es wird auf dem Weg des anekdotisch vorgetragenen Wissens also eine Hypothese in den Raum gestellt, deren Vorläufigkeit gleich mit unterstrichen wird, verbunden mit dem Appell an die community, hier doch weiter zu forschen. Denn das Zeichen der Anekdote könnte einen wichtigen Weg weisen.

 

Der Augenblick: Phänomen und Fetisch

Immer wieder wird das Interesse am Augenblick geweckt. Das Phänomen des Augenblicks regt offenbar die Geister an, die konservativen wie die poststrukturalistischen. Im Augenblick vermutet man die Kraft zur Umwältzung, das revolutionäre Potential oder einfach nur ein rätselhaftes Konundrum. Der Augenblick ist die Zeit der Epiphanie, der Elevation, der Offenbarung, der Konversion oder auch das herausragende ästhetische Moment, der absolute Nullpunkt und Uranfang. Vorbildlich werden die verschiedenen Dimensionen des Augenblicks und des Zeitpunktes in einem Sammelband aus dem Jahr 1984 besprochen:  Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften, Darmstadt, hrsg. von Christan W. Thomsen & Hans Holländer).

Dabei ist die Beschäftigung mit dem Augenblick nicht ungefährlich. Das Phänomen des Augenblicks mit seinen mal philosophischen, mal theologischen Tiefenschichten verführt den Betrachter dazu, aus einem Phänomen der Beobachtung einen Fetisch der Vergötzung zu machen. Aus dem Gesprächsstoff wird so ein Gegenstand, dem eine höhere Kraft und Macht zugeschrieben wird. Man starrt solange auf den Augenblick bis er sich in ein durch und durch geheimnisvolles Wesen mit reichlich intellektuellem Eigenleben verwandelt. Der Autor dieser Zeilen ist sich dieser Gefahr bewusst, da er selbst im Rahmen einer längeren Studie dem Augenblick der Entscheidung auf die Spur – man könnte auch sagen: auf den Leim – gegangen ist.

Mit großem Interesse las dieser gleiche Autor in den letzten Tagen das kleine Büchlein von Malte Oppermann mit dem Titel Der Augenblick (Karolinger 2020), welchem die Wochenzeitung „Die Zeit“ eine positive Besprechung widmete. Malte Oppermann vollzieht in seinen kurzen philosophischen Meditiationen Tiefenbohrungen, um den Augenblick in dessen quantitativen und qualitativen Schattierungen zu entschlüsseln, freilich unter der gleich zu Anfang zitierten Qualifizierung, dass der Augenblick an sich kaum zu entschlüsseln ist. Gleich zu Beginn schreibt Oppermann daher von der „Ungreifbarkeit und Widersprüchlichkeit“ (9) des Augenblicks. Gleichzeitig gesteht Oppermann dem Augenblick zu „eine Metapher für die Fülle der unmittelbaren Gegenwart“ (11) zu sein. Beim Augenblick handelt es sich also, das ist festzuhalten, um eine Metapher, um ein Sprachspiel, das ein beobachtetes Phänomen oder auch einen Gemütszustand auf den sprachlichen Punkt bringen möchte. Gibt es überhaupt den Augenblick an sich?

Oppermann ist aber nicht nur metaphorisch unterwegs, sondern mitunter auch durch und durch essentiell. Über den Augenblick sagt er zum Beispiel: „Die Fülle der Gegenwart liegt in ihrer Einmaligkeit“ (ebd.). Da ist er dann auch schon: der Augenblick, der Anstalten macht, vom Phänomen zum Fetisch zu werden. Dabei hat das Sprachspiel der „Fülle“ mit Blick auf das Phänomen Augenblick durchaus Tradition. Die Erfahrung der Fülle oder auch der gefühlten „Vollendung“ (23) ist im menschlichen Empfinden immer nur vorübergehender Natur. Die Erfahrung der Fülle ist ein Versprechen. In ihr drückt sich eine Hoffnung aus, dass die Dinge gut werden. Er ist also vergänglich, dieser Augenblick der Fülle. Er kommt, zieht vorüber und verschwindet wieder in einer „unendlichen Mannigfaltigkeit“ (13).

Aus dieser Vergänglichkeit versucht Oppermann aber den Augenblick zu retten, indem er dessen „Einmaligkeit“ (38) und „Individualität“ (36) betont . In Spannung dazu steht, dass die Erinnerung an den Augenblick der Fülle, die Erfahrung auch, dass sich der vollendete Moment durchaus wiederholen kann. Gibt es nicht eine Wiederholung des Augenblicks, die natürlich nichts gemein hat mit einer fabrizierten Reproduktion von Fülle und Vollendung? Freunde des Augenblicks werden hier – evtl. in Rückgriff auf Kierkegaard – sogleich Einspruch erheben. Doch – zum Glück – stellt sich die Fülle nicht nur einmal im Leben ein.

Ein Augenblick kommt selten allein. Er ist eingebettet als fast zufälliger Beobachtungspunkt in ein Geflecht der kontinuierlichen Abläufe und Prozesse. Viele, ungezählte Augenblicke, Akte, Sprachbilder, Gesten formen die Geschichte aus. Ja, wir nehmen ab und an einzelne Augenblicke besonders wahr. Sonst existieren wir aber fröhlich in einem Kontinuum der Gegenwart. Oppermann weiß das: „Stets ist nur ein winziger Ausschnitt des Geschehens Gegenwart. Trotzdem zerspringt die zeitliche Existenz nicht in einzelne Augenblickssplitter“ (26). Ganzheit kann man diese Erfahrung mit Oppermann nennen; muss diese Erfahrung aber gleich eine „verborgene Ganzheit“ (26) sein? Geht es manchmal nicht vielleicht auch ohne Mysterium und Geheimnistuerei? Da ist er wieder: der Augenblick als Fetisch.

Unbestreitbar regen Oppermanns Meditationen an. Sie schreiten aber auch haarscharf am Grad der Fetischisierung des Augenblicks entlang. Hier und da schlittert der Tonfall ins Geraune ab. Spätestens seit Augustinus bekannter Bestimmung von Zeit („Was ist also Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemanden auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“) weiß man, dass es schwer ist, über die Zeit und das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schreiben, ohne dabei viele Fragen zu stellen. Vielleicht ist das Fragen auch die beste Weise, dem Phänomen des Augenblicks beizukommen ohne es zu fetischisieren.

 

Ein geistlicher Jahresrückblick. Rowan Williams über Glaube, Hoffnung und Liebe in Zeiten der Pandemie.

Was hat das Jahr 2020 in spiritueller Hinsicht geprägt?

Man könnte nun erstens einen Blick auf das werfen, was in Zeiten der Pandemie geistlich oft nicht möglich war: das Osterfest und – an vielen Orten auch das Weihnachtsfest – ohne öffentliche Präsenzgottesdienste, der Ausfall vieler Begegnungen, Feierlichkeiten, Bildungsveranstaltungen, fehlende Beratungen und Hilfen, finanzielle Einbrüche bei den Einrichtungen, die Glaube, Hoffnung, Liebe in die Welt hinaus tragen möchten. Diesen ersten Blick möchte ich den „Wirklichkeit als Mangel“ – Blick nennen. Um die gewaltigen Verwerfungen wahrzunehmen, welche die Pandemie auch in spiritueller Hinsicht schon verursacht hat, ist dieser Art ‚realistische‘ Wirklichkeitswahrnehmung wichtig.

Es gibt aber auch einen zweiten, anders gerichteten Blick. Diesen möchte „Wirklichkeit als Überfluss“ – Blick nennen. Wirklichkeit fließt – trotz allem – über mit guten Erfahrungen, Beziehungen, Augenblicken von Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Da ist die erhöhte Wahrnehmung  zu nennen, die Menschen für das Leben der Natur im Laufe des Jahres entwickelt haben. Da ist die Aufmerksamkeit zu nennen, die Menschen anderen Menschen selbstlos zeigten und zeigen, sicherlich noch befeuert durch eine Erfahrung akuter Körperlosigkeit in vielen unseren Beziehungen. Da ist die Kreativität  zu nennen, die in den Glaubensgemeinschaften aufgebrochen ist, um die Weiterverbreitung von Glaube, Hoffnung und Liebe unter veränderten Vorzeichen zu ermöglichen.

Wer die Wirklicheit nur als Mangel wahrnimmt, verfällt leicht in eine Rhetorik des Untergangs, des Dammbruchs, des Niedergangs. Wer die Wirklichkeit nur als Überfluss liest, wird eine allzu rosiges Bild von der Realität malen. Unser Realitätssinn muss – um ins Handeln zu kommen – den Sensus für beides haben: Wo erfahren wir Mangel in der Wirklichkeit und wie können wir diesem Mangel begegnen? Wo gibt es aber auch ein Überfließen von Wahrheit in der Wirklichkeit zu entdecken und wie können wir sicherstellen, dass möglichst Viele an diesem Überfluss teilhaben?

In seinem kleinen 2020 geschriebenen und soeben veröffentlichen Büchlein unter dem etwas gefühligen Titel „Candles in the Dark“ wirft Rowan Williams einen geistlichen Rückblick auf dieses Jahr der Pandemie. Er macht sich auf die Suche nach – wie es der Untertitel ausspricht – „Faith, hope and love in a time of pandemic“. Die 26 kurzen Meditationen  sind von März bis September im Rahmen einer Andachtsreihe entstanden, die Rowan Williams für eine Kirchengemeinde schrieb. Die Andachten haben daher einen deutlichen Zeitkern; gerade deshalb funktioniert der Band so gut als geistlicher Jahresrückblick 2020. Themen wie der Protest gegen historische Statuen im öffentlichen Raum, das Chaos beim diesjährigen universitären Zulassungsverfahren britischer Universitäten, Diskussionen um das Lied „Rule Britannia!“ und immer wieder die Pandemie – das Maskentragen, die digitalen Gottesdienste usw. – werden Williams zum Anlass für kurze, in sich abgeschlossene Betrachtungen mit zum Teil erhellenden geistlichen Wendungen.

Ja, das Jahr war von der Pandemie geprägt; wer aber genau hinschaut, der entdeckt in der Wirklichkeit trotz der offensichtlich „großen Erzählung“ eine Vielfalt anderer, relevanter Begebenheiten. Rowan Williams schaut also genau hin. Die deutsche Leserin würde im Rückblick sicherlich auch auf andere Begebenheiten von Belang stoßen. Williams Buch hat also nicht nur einen Zeitkern, sondern auch einen (kulturellen) Kontextkern. Gerade das aber ist die Spitze: Die Schule der Aufmerksamkeit ist eine Schule des Blicks für das, was hier und jetzt, in Raum und Zeit an Wirklichkeit und Wahrheit sich zeigt. Im konkreten Alltag – auch politisch, gesellschaftlich, religiös, kulturell, wirtschaftlich –  ereignen sich öfters als erwartet Epiphanien, Augenblicke der Offenbarung. Diesen Offenbarungen ist Rowan Williams mit seinen kurzen Texten auf der Spur.

Die Markierungen des liturgischen Kirchenjahres – Ostern, Corpus Christi, Festtage der Heilige & Märtyrern – tauchen bei Candles in the Dark neben tagespolitischen Ereignissen in großer Regelmäßigkeit auf. Darin offenbart sich Williams spirituelle Prägung, die reformatorische, katholische und auch orthodoxe Einflüsse aufzeigt. Darüber hinaus wird einem aber auch klar, was für einen Schatz das liturgische Kirchenjahr darstellt. Es rhythmisiert das Leben von Außen, was gerade in dem zu Ende gehenden Jahr als Segen erfahren werden konnte. Auch wendet das liturgische Jahr immer wieder den Blick von einem selbst, von der eigenen Situation weg, hin zu einem größeren Rahmen, wenn man so will: hin zu einer noch größeren Erzählung, einer Art Geschichte noch größerer Aufmerksamkeit und Zugewandtheit. Der Gedenktag des heiligen – aber weitgehend unbekannten – Matthias motiviert Williams bspw. zu einem Lob der unscheinbaren, vertrauensvollen Zeitgenossenschaft, einer „undramatic routine of kindness“ (26), die Rowan Williams an allen Ecken und Enden in diesem Jahr feststellen konnte. Und das Fest der Verklärung Christi am 6. August – engl. transfiguration – das in diesem Jahr gleichzeitig der 75. Gedenktag des Atombombenabwurfs von Hiroshima war, führt Williams zu dem Gedanken: „We can turn from greedy self-interest, we can say no to the glamour of violence and domination, we can listen to God’s Son and follow his way of hope-full vulnerability“ (69). Im Verlauf eines Jahres begegnen einem also andauerend Anlässe, die einladen, über das eigene Leben und das Leben unserer Gesellschaft nachzudenken.

Überhaupt bedeutet „spirituell“ bei Williams nicht „individuell“. Es geht nicht um die Vervollkommnung persönlicher Heiligkeit. Es geht um eine Dezentrierung des persönlichen Blicks auf Wirklichkeit und Wahrheit, damit sich mit mir auch mein Umfeld verändern kann. Die Pandemie hat persönlich wie gesellschaftlich zu einer großen Verunsicherung geführt, eine Verunsicherung, die sich aus einer geteilten Erfahrung von Verwundbarkeit speist. Diese individuelle und kollektive Verunsicherung kann nur auf dem Weg der gesellschaftlichen und globalen Solidarität überwunden werden. Es gibt in dieser Wirklichkeit und Wahrheit etwas für uns alle zu entdecken, und zwar, so Rowan Williams, „the possibility of discovering real community on the far side of recognizing a vulnerability in which we’re all involved“ (95). Die Erfahrung von Schwäche und Verwundbarkeit leitet über nicht in Egoismus, sondern in eine Praxis der Solidarität und Gemeinschaft.

Wirklichkeit und Wahrheit: Aus der Sicht eines christlichen Autors wie Rowan Williams sind sie keine abstrakten Größen. Vielmehr steht uns im Rückblick auf ein dunkles Jahr eine freilich schwierige Möglichkeit offen: Die Wirklichkeit und Wahrheit des gewachsenen Glaubens, der weiter reichenden Hoffnung und der heller scheinenden Liebe wahrzunehmen. So kann man 2020 auch abschließen, die prägende Kraft des vergangenen Jahres anerkennen, aber auch weitergehen in Vertrauen, denn: „We have learned; we have grown. The past is never over, but it is not everything“ (89).

Am Anfang ist der Anfang – frei nach Hannah Arendt

Alles hat einen Anfang.

Das Leben hat einen Anfang. Die Schule hat einen Anfang. Das Studium hat einen Anfang. Die Liebe hat einen Anfang.

Manche Anfänge sind ganz klar als solche erkennbar. Das Geschrei des Säuglings. Die Schultüte. Der Umzug an den Studienort. Der berühmte erste Blick.

Andere Anfänge sind eher schleichend. Der eigentliche Beginn des Anfangs liegt im Dunkeln. Wann habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben? Ich weiß es nicht. Wann habe ich angefangen zu beten? Ich weiß es nicht.

Hannah Arendt schreibt dazu: „Es ‚geschieht nicht Neues unter der Sonne‘, es sei denn, dass Menschen das Neue, das in die Welt kam, als sie geboren wurden, handelnd als einen neuen Anfang in das Spiel der Welt werfen.“ (Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Auflage, München 2006, 259). Wir handeln also, und es geschieht etwas Neues, ein Anfang entsteht.

Alles, was einen Anfang hat, hat aber auch ein Ende. Auf eine Geburt folgt irgendwann ein Tod.

Das ist manchmal traurig, aber notwendig. Was wäre denn, wenn dauernd nur Gottesdienste anfangen würden, diese aber nie aufhörten?! Was wäre, wenn wir unsere Klausuren immer nur beginnen würden, diese aber kein Ende fänden?! Was wäre, wenn aller Menschen Leben in dieser Zeit unendlich wären?

Natürlich gibt es auch Dinge die aufhören, von denen wir uns wünschen, dass sie immer wieder neu anfangen könnten: die Liebe natürlich; die Freude am Glauben; aber auch die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt Dinge, die sollten eigentlich nie ein Ende nehmen dürfen, so fühlen wir es.

Irgendwann – da kennen sich die Physiker_innen unter uns aber besser aus – macht auch einmal der Kosmos schlapp. Das können wir uns zwar nicht recht vorstellen, aber das heißt ja gar nichts. Was ist dann mit der Liebe, mit dem Glauben, mit der Gerechtigkeit?

Was anfängt und nie aufhört, davon ist der christliche Glaube überzeugt, ist diese Geschichte des Glaubens selbst, ist dieses sogenannte Evangelium, ist dieser Jesus Christus. Der Glaube glaubt, dass die Geschichte von Jesus Christus, deren Anfang wir in diesen Tagen feiern, nicht schlapp macht. Jesus Christus kommt nicht zum Ende.

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“, heißt es im Markusevangelium gleich zu Beginn.

Die Natalität – so Hannah Arendt – ist das Urbild eines neuschöpfenden Handelns. Es kommt etwas in die Welt, was die Dinge verändert. So geschehen mit Jesus Christus. Und der Glaube glaubt: Diese Geburt hat kein Ende. Dieser Anfang hört nicht auf. Diese neuschaffende Handlung ist der Anfang aller Anfänge. Und das macht mir Hoffnung in diesem besonderen Advent.

Erneuerung & Kerngeschäft: Über pastorale Floskeln

Wer aufmerksam das Leben der Kirche begleitet, stellt fest, dass die kirchliche Kommunikation von vielen sprachlichen, pastoralen Floskeln begleitet wird. Hiervon war an dieser Stelle schon einmal die Rede. Bei einer pastoralen Floskel handelt es sich um einen rhetorischen Allgemeinplatz kirchlicher Sprache, der sich beim näheren Hinsehen als semantisch unbestimmt, wenn nicht sogar als leer erweist.

Das ist zum Beispiel der Fall, wenn in der Kirche davon die Rede ist, man möchte mit Personen außerhalb der Kirche – diese werden oft mit dem Kollektivsingular „Welt“ beschrieben – im Gespräch bleiben. Was heißt das genau? Ist damit gemeint, dass der Pfarrer mit der Bürgermeisterin abends sich in Kneipe zum Plausch trifft? Oder ist damit gemeint, dass viele innovative, kreative und möglichst junge Geister mit der Kirchengemeinde oder einer anderen kirchlichen Einrichtung viele innovative, kreative und möglichst jugendlich anmutende Projekte umsetzen? Wohl scheint die Rede vom „im Gespräch bleiben“ die positiv gewandete Formel für die Einsicht zu sein, dass man irgendwie den Anschluss an viele Milieus und Kommunikationsräume verloren hat. Oder meint ihn verloren zu haben, weil man das eigene Kirchenvolk nicht mehr kennt. Im Gespräch bleiben möchte man, da man den Eindruck hat, dass Kirche – soziologisch nicht unrichtig – mit anderen gesellschaftlichen Kommunikationsräumen oder „Blasen“ kaum noch Gemeinsamkeiten hat. Ein Desiderat wird damit ausgewiesen, von dem man aber auch keine richtige Ahnung hat, wie man es konkret aufarbeiten soll.

Die Formel, man möchte die Menschen mit der Botschaft der Kirche – oft als „Evangelium“ bezeichnet – in Berührung bringen wird immer wieder gern genutzt, wenn einem das „im Gespräch bleiben“ irgendwie als zu wenig ambitioniert erscheint. Es geht hier dann nicht um einen ergebnisoffenen Dialog zwischen zwei oder mehreren Personen , sondern um das Ansinnen des kirchlichen Personals, die vermeintlich andere Seite von der guten Qualität des eigenen Produkts zu überzeugen. Das hier eigentlich übliche Vokabular einer dezidierten „Mission“ wird aber gescheut, weil man – dem Beutelsbacher Konsens folgend – von einem Überwältigungsverbot ausgeht. Das ist ja auch gar nicht verkehrt, wenn denn auch wirklich jedes offensive missionarische Anliegen ausgeschlossen werden könnte. Das ist aber nicht Fall, ja, kann in der Kirche überhaupt nicht der Fall sein, wenn man den Missionsbefehl aus Mk. 16 noch Ernst nimmt. Wer über das Evangelium spricht, wünscht sich, dass dieses Evangelium Menschen überzeugt und zum expliziten Glauben führt. So ausdrücken will man es aber wiederum auch nicht, deshalb formuliert man es eher unbestimmt und metaphorisch mit in Berührung bringen. Der Kontakthypothese folgend, hofft man dann insgeheim, dass die Berührung die Fremdheit der Botschaft gegenüber abbaut.

Hier wähnt man sich dann auch nahe an dem, was oft das Kerngeschäft der Kirche genannt wird. Die Metapher vom Kerngeschäft lege nahe, dass es Tätigkeitsbereiche gibt, die eher dem Auftrag der Kirche entsprechen als andere Bereiche. Die Katholikin sieht vor ihrem inneren Auge dann vielleicht einen Altar, und der Protestant wird einer Kanzel gewahr. Um Altar und/oder Kanzel sammeln sich die Aufgabenfelder der Kirche in konzentrischen Kreisen; es gibt ein Näherdran und ein Weiterweg. Doch wer den ernsthaften Versuch startet die wichtigen von den weniger wichtigen kirchlichen Aufgabenfelder theologisch sauber voneinander zu trennen, der wird feststellen: Das ist gar nicht so einfach. Es gibt Elemente des Kircheseins, die unverzichtbar sind, im katholischen Kommunikationsraum spricht man dann von den Grundvollzügen martyria, leiturgia, diakonia. Doch können diese theologischen Begrifflichkeiten dafür genutzt werden, ganz praktisch bestimmte Tätigkeitsfelder aus dem kirchlichen Spektrum auszuschließen? Die Kirche ist eben kein Konzern, der nach belieben dazukaufen kann oder abstoßen kann. Wer Kirche auf ein Kerngeschäft reduzieren möchte – aus theologischer Überzeugung, aus finanzieller Not – der reduziert dadurch nicht nur die Vielfalt des Kircheseins. Reduziert wird auch – langfristig viel gewichtiger – der vielfältige Zeugnischarakter der Botschaft als solcher.

Wenn die Reduzierung auf ein vermeindliches Kerngeschäft absehbar wird, greift man in der Kirche gerne zum Begriff der Erneuerung. Das Wort drückt die Hoffnung aus, dass so etwas wie ein Ausbruch aus der zunehmenden Isolation möglich ist. Man wünscht sich frömmere Menschen, die mehr beten, mehr über den Glauben reden, mehr gute Taten tun, überhaupt bessere Christinnen und Christen sein. Das Wort der Erneuerung reicht den Veränderungsdruck von der Institution Kirche an die einzelnen Kirchenmitglieder weiter. Die Institution sagt zum Einzelnen, die Struktur zum Individuum: Verändere du dich, ich mag es nicht tun. Dabei ist jedem klar, dass der rhetorische Rückgriff auf die Erneuerung immer auch den Charakter eines Ablenkungsmanövers hat. Nicht, dass man die Erneuerung sich nicht wirklich wünschte; meist ist der Druck zur Veränderung und zum konkreten materiellen Opfer aber schon so groß, dass von frei gewählter Erneuerung im eigentlichen Sinne einer Umkehr von Struktur und Individuum keine Rede mehr sein kann. Erneuerung bewirkt dann das Gegenteil von dem, was erhofft wurde.

Zum Abschluss eine Bitte:

Benutzt weniger Ausdrücke, von denen Ihr nicht wisst, was sie genau bedeuten. Sprecht möglichst konkret, von dem was ist und sein soll. Durchdenkt Eure Metaphern, bevor Ihr sie aussprecht.

 

Über die Vielfalt in der Welt

Es gibt auf der Welt viele Dinge, viele Menschen, viele Lebewesen, viele Erscheinungen, viele Erfahrungen, viele Ereignisse. Von allem ist genug Vielfalt vorhanden. Es grenzt fast an Banalität, diese Tatsache ins Gedächtnis zu rufen.

Diese Vielfalt ist nicht nur eine Vielfalt in quantitativem Sinne. Sie ist auch eine Vielfalt in qualitativer Hinsicht. Die vielen Dinge, Menschen, Lebewesen, … sind nämlich auch voneinander verschieden. Der eine Stein unterscheidet sich von einem anderen Stein; ein Mulch ist etwas anderes wie eine Giraffe; der eine Mensch hat Schuhgröße 37, bei dem anderen sind es 41. Es gibt Laub- und Nadelbäume. Es gibt als Vieles und dieses Viele ist auch noch Verschieden. Noch so eine Banalität.

Ebenso banal ist die Feststellung, dass diese vielen Verschiedenen untereinander in vielerlei Beziehungsverhältnissen stehen. All die Dinge, Menschen, Lebewesen, … stehen nicht einfach nebeneinander herum in der Welt, sondern sind Teil eines komplexen Gewebes von Relationen. Das eine Tier jagt das andere Tier; der Mensch erntet den Weizen; meine Traurigkeit weckt in einer anderen Person das Mitleid; der Sturm an der Nordsee verändert die Küstenlinie; der Baum, der im Wald fällt, reißt eine Lücke und gibt anderen Pflanzen Licht; usw.

Würde jemand widersprechen, wenn ich behaupte, diese Vielfalt ist nicht nur faktisch vorhanden, sondern sie ist auch notwendigerweise vorhanden? Mit notwendig meine ich jetzt nicht sogleich eine Notwendigkeit im Sinne einer höheren Vorsehung. Das könnte ein zweiter Schritt der Reflexion sein. Vielmehr meine ich Notwendigkeit so: Die Vielfalt ist vorhanden, weil ohne die Vielfalt, nichts vorhanden wäre. Vielfalt ist notwendig für das Dasein der Dinge, Menschen, Lebewesen, … . Leben und Existenz, wie wir es kennen, gibt es nur dort, wo Vielfalt ist.

Thomas von Aquin kommt in seiner „Summe gegen die Heiden“ genau auf einen solchen Gedanken. Die „Unterschiedenheit der Dinge“ (distinctio rerum) ist, so Thomas, kein Zufall (Summa contra gentiles, II, 39). Die Vielfalt ist notwendig. In Thomas Logik ist es so: Alle Schöpfung versucht seinem Schöpfer – Gott – nachzuahmen. Da die einzelnen endlichen Schöpfungen dem unendlichen Schöpfer in keiner Weise aus sich heraus ähnlich sein können, benötigt es eine quantitative und qualitative Vielfalt der einzelnen endlichen Schöpfungen. Die fast unendliche Vielfalt der in sich endlichen Schöpfungen ahmt die Fülle des unendlichen Schöpfers nach. Thomas schreibt: „Unterschiedenheit in den geschaffenen Dingen gibt es also deshalb, damit sie auf vollkommenere Weise Ähnlichkeit mit Gott erlangen: durch mehreres und nicht nur durch ein einziges.“ (ebd., II, 45). Vielfalt ist also ein Ausdruck von Gottähnlichkeit.

Nur in der Vielfalt, also, übersteigt das Einzelnen die eigenen Grenzen und bewegt sich gemeinsam mit Vielen auf eine Ähnlichkeit Gottes zu. Überrascht es da, dass Hannah Arendt ihre hohe Sicht der Politik als der Möglichkeit der handelnden Neuschöpfung mit der Pluralität der menschlichen Gesellschaft begründet? Zu Beginn ihres Fragments „Was ist Politik?“ schreibt Arendt: „Politik beruht auf der Tatsache der Pluralität der Menschen.“ Und: „Politik handelt von dem Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen.“ (in: Hannah Arendt 2007: Was ist Politik? Fragmente aus dem Nachlass, 3. Auflage, München: Piper: 9). Nur dort, wo Menschen verschiedene Interessen und Neigungen, Ziele und Wege kennen, ist es notwendig, auf dem Weg der kollektiven Entscheidung, diese verschiedenen Interessen und Neigungen, Ziele und Wege aufeinander abzustimmen. Politik zu treiben setzt Vielfalt des Verschiedenen voraus.

Das eine ist also das faktische Argument: Es gibt die Verschiedenheit der Dinge in der Welt und ohne diese Verschiedenheit gäbe es diese Welt nicht. Verschiedenheit ist also faktisch notwendig. Das andere ist das normative Argument: Diese Verschiedenheit der Dinge ist richtig und wichtig und Grundlage eines so wichtigen menschlichen Handlungsmusters wie des politischen Handelns. Denn aus dem kreativen Umgang mit der Verschiedenheit der Dinge, aus dem Handeln wächst Neues hervor (vgl. Hannah Arendt 2006: Vita activa oder Vom tätigen Leben, 4. Auflage, München: Piper, 226f.). Und das Neue ist der Anfang noch größerer Vielfalt und damit, aus Thomas Warte betrachtet, noch größerer Gottähnlichkeit.

Was ist gute Geschichtsschreibung? Zu einem Zitat von Rowan Williams.

„Good historical writing, I suggest, is writing that constructs that sense of who we are by a real engagement with the strangeness of the past, that establishes my or our identity now as bound up with a whole range of things that are not easy for me or us, not obvious or native to the world we think we inhabit, yet which have to be recognised in their solid reality as both different from us and part of us.“

(Rowan Williams 2005: Why Study the Past. The Quest for the Historical Church, London, 23f.)

Was meint Rowan Williams mit diesem Zitat?

Williams ist auf jeden Fall davon überzeugt, dass es so etwas wie gute Geschichtsschreibung gibt. Es gibt Qualitätsmaßstäbe anhand derer wir gute von schlechter Geschichtsschreibung voneinander unterscheiden können. In diesem Zitat führt Williams als Qualitätsmaßstäbe nicht vorrangig wissenschaftliche Kriterien wie z.B. gründliches Quellenstudium an. Das ist für ihn, so vermute ich, eine Selbstverständlichkeit. Vielmehr sagt Williams:

Gute Geschichtsschreibung zeichnet sich dadurch aus, dass sie uns mit der Diskontinuität und Brüchigkeit unserer eigenen Geschichte und Identität bekannt macht. Gute Geschichtsschreibung zerlegt dadurch aber nicht unsere Geschichte, Geschichten bzw. Identität, Identitäten in unkenntliche Einzelteile. Gute Geschichtsschreibung offenbart unser eigenes Wesen als das, was jedes Wesen auch ist: als brüchig. Sie vermittelt Ehrlichkeit, Demut und schafft dadurch einen Raum größerer Offenheit und Freiheit.

Gute Geschichtsschreibung erschafft keine Mythen, erzählt keine Heldengeschichten und baut keine große Monumente. Gute Geschichtsschreibung entlarvt die Kontinuität von Geschichte und Identität als Fiktion. Und sie entlarvt das politische Streben nach dieser Kontinuität als ein Abweichen von der Wahrheit, als Lüge.

Denn die Wahrheit dieser Welt ist oftmals für den, der sie sucht, höchst unbequem. Wenn ich lange genug in meine Geschichte hinein schaue – meine eigene Geschichte, die Familiengeschichte, die Geschichte meiner Kommune, meines Landes, meiner Religionsgemeinschaft, meines Sportvereins, … – je länger und gründlicher ich schaue, desto bunter und vielfältiger und damit fremder wird das Bild. Selbstverständlichkeiten lösen sich auf.

Die Geschichte wird dadurch aber nicht weniger meine Geschichte. Nein: Die Geschichte mag mir durch mein genaues Hinschauen fremd geworden sein, aber sie ist auch reicher an Detail; sie ist lebendiger; sie ist menschlicher. Gute Geschichtsschreibung hat also durchaus einen Blick für das Detail, da in diesem Detail das Wissen meiner um mich selbst facettenreicher wird, Monotonität verliert.

Schlechte Geschichtsschreibung ist grotesk langweilig. Gute Geschichtsschreibung überrascht jedoch eins ums andere Mal mit den wilden Schattierungen des echten Lebens.