Isaac Williams, Søren Kierkegaard and the Poetic Vision of Communicating Religious Knowledge (an abstract)

I am very pleased that the journal „Religion & Literature“ (University of Notre Dame) is going to publish my article with the above title in the coming year 2023. Here comes the abstract as a sort of teaser.

The poet, theologian and member of the Oxford Movement Isaac Williams (1802-1865) and the Danish intellectual Søren Kierkegaard (1813-1855) never communicated with each other. However, they shared not only contemporaneity but also a common interest in the question of how to communicate the “truth” to a society that is seemingly ignorant of this “truth”? Remarkably, both Williams and Kierkegaard developed very similar concepts as an answer to this question, namely that truth can only be adequately communicated in a reserved (Williams) or indirect (Kierkegaard) manner. Using a comparative approach, this article identifies common points and differences between the concepts of reserve and indirect communication. The article claims that ultimately both approaches share a romantic vision . Confronted with an increasingly skeptical mid-19th Century audience, Williams and Kierkegaard seem to suggest, that religious truth-claims are best communicated poetically.

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Metaphysik am Meeresstrand

Wer am Meer, am Strand entlang geht, der kennt das Gefühl nie endend wollender Weite. Das Stoffliche (hier: Wasser, Wellen, Wind, …) scheint dem Umendlichen entgegen zu streben. Es erstreckt sich immer noch weiter. Der Horizont rollt fort und fort. Es kommt immer noch etwas, oftmals auch etwas Unbestimmtes, Unbekanntes, Ungeahntes. Dort hin erstreckt sich unsere irdische Sehnsucht.

Diesem Mehr hinter dem Meer ist dieses Kurzgedicht gewidmet. Es mag für den einen oder die andere auch eine Einladung formulieren, im kommenden Jahr nach dem Mehr im eigenen Leben, im eigenen Alltag zu suchen.

Metaphysik

dahinter ist

immer das

Meer

zu finden

© Burkhard Conrad

Über Gelassenheit. Zu einer Predigt von Johannes Tauler OP.

Gelassenheit – sie ist fast schon zu einem Modewort der Wohlfühlindustrie geworden. Gerne wäre man relaxed, entspannt, gelassen. Und gerne macht man sich – mittels Meditation, Körperübungen, Massage usw. – auf den Weg zu mehr Gelassenheit. Der Weg zur Gelassenheit, zur „wahren“ Gelassenheit ist aber weit. Sie fällt einem nicht einfach so zu.

Gelassenheit hängt nämlich eng mit dem „Lassen“ und „Loslassen“ zusammen, vor allem auch mit dem „sich Lassen“ und dem „sich Überlassen“. Darauf weist der Dominikaner Johannes Tauler (1300-1361) in einer seiner Predigten hin. In seiner Predigt zum 3. Sonntag im Advent (veröffentlicht in: Johannes Tauler: Predigten. Band 2, übertragen und hrsg. von Georg Hofmann, Einsiedeln: Johannes 1987, 590ff.) macht Tauler deutlich: Gelassenheit kostet viel. Sie ist schwer zu erringen und harte Arbeit. Gelassenheit ist nämlich gleichbedeutend mit einer inneren Haltung des Loslassens des eigenen Wollens und Begehrens.

Woher kommt eigentlich unsere beständige Nicht-Gelassenheit? Tauler: „Das kommt allein davon, daß wir etwas sein wollen“ (592) Es kommt davon, dass wir sagen: „Ich bin etwas.“ (593) Statusdenken jeglicher Art gebiert Ungelassenheit. Vielmehr sollten wir. so Tauler prägnant, von und zu uns sagen: „Ich bin nichts“ (593).Ich. Bin. Nichts.

Gelassenheit ist also keine oberflächliche Entspannung von Geist und Körper – das gehört ab und an auch dazu. Gelassenheit ist vielmehr eine innere Haltung, die vollkommen von sich absieht. Ich lasse mich los und überlasse mich – im Falle Taulers – Gottes Willen. Und da Gottes Willen für mich nicht hier oder da konkret ausformuliert ist, resultiert die Haltung der Gelassenheit auch nicht in einer Stasis. Vielmehr mache ich mich auf die Suche und verliere auf dieser Suche immer mehr: nicht meine Persönlichkeit, aber meinen Wunsch, an mir festhalten zu müssen, meinen Willen durchsetzen zu müssen, einen gesellschaftlichen, kirchlichen usw. Status erlangen zu müssen. Gelassenheit macht innerlich frei, ja, aber es ist keine billige, selbstbezügliche Freiheit, sondern gerade das Gegenteil: Ich werde frei von mir selbst als statusgierigem Menschen.

Johannes Tauler kennt dieses Statusdenken gerade auch aus seiner Kirche gut und formuliert hart dagegen an: „Hier muß ein Sterben, ein Zunichtewerden, ein Vernichten geschehen, hier muß ein ‚Ich bin nichts!‘ statthaben“ (595). Und da Tauler in Straßburg und damit in unmittelbarer Nähe des Flusses Rhein diese Predigt hält, schlägt er seinen Hörerinnen und Hörern bildhaft vor: „Geh in deinen Grund, und prüfe, was dich am meisten hindert, dich zurückhält (Gott zu suchen, BC); darauf richte den Blick, den Stein wirf in des Rheines Grund“ (596).

Gelassenheit ist also ein Loslassen von eigenen Vorstellungen und Wünschen, eine tiefgreifende Dezentrierung des Ichs. Das macht Gelassenheit so schwer. Auch weil man sie nicht als einfaches Rezept an andere Menschen weiterreichen kann. Gelassenheit ist ein sehr persönlicher Weg des Suchens und Lassens. Auf jeden Fall ist es aber ein Weg weg von mir, hin zu dem/der, den/die Tauler ‚Gott‘ nennt.

Über den Begriff der Teilhabe. Eine Notiz zu Thomas von Aquin.

Der Begriff der Teilhabe bzw. Partizipation gehört inzwischen zum Alltag eines emanzipatorischen Sprachgebrauchs. Der Begriff der Teilhabe wird oft genutzt, um eine politische Forderung nach „mehr“ auszudrücken: mehr Teilhabe für Menschen mit Migrationshintergrund am Bildungswesen; mehr Teilhabe für Menschen mit Behinderungen am gesellschaftlichen Leben; mehr Partizipation der Jugend an den Entscheidungen der Volljährigen; … . Teilhabe & Partizipation drücken also die Hoffnung auf ein Mehr an Beteiligung aus.

Doch woher kommt der Begriff der Teilhabe bzw. der Partizipation? Diese Frage werde ich hier nicht beantworten. Ich möchte aber darauf verweisen, dass die beiden Begriffe eine lange Tradition haben. Die Begriffsgeschichte reicht (mindestens) 800 Jahre zurück. So stieß ich bei der Lektüre der „Summa contra gentiles“ des Thomas von Aquin (erschienen um 1260) auf den Begriff der Teilhabe bzw. participatio (lat.).

Teilhabe bedeutet bei Thomas die mögliche Partizipation der geschaffenen Dinge an dem Wesen des Schöpfers. So wie der Schöpfer – Gott – gut ist, so können auch die geschaffenen Dinge teilhaben an diesem Gutsein. Thomas: „Denn jedes geschaffene Gute ist (gut) aus Teilhabe an der göttlichen Gutheit.“ (cum quodlibet bonum creatum sit ex participatione diviniae bonitatis; 3, 21). Teilhaben an Gott können wir, so Thomas, u.a. durch die „unmittelbare Schau Gottes“ (visio immediata Dei; 3, 51). Von dieser Schau schreibt er: „Gemäß dieser (unmittelbaren) Schau aber werden wir Gott im höchsten Maße verähnlicht (assimilamur) und haben an seiner Seligkeit teil (eius beatitudinis participes sumus; ebd.)“.

Teilhabe beginnt also dort, wo der Mensch an Gottes Wesen, Wahrheit, Seligkeit, … partizipiert. Gleichzeitig bedeutet diese Teilhabe nie, dass der teilhabende Mensch dieses Wesen, Wahrheit, Seligkeit, … in Gänze in sich aufnimmt. Teilhabe bleibt Teil-Habe. Teilhabe ist nie das Ganze. Das Ganze ist immer mehr als die vielen teilhabenden Teile. Auch das unterstreicht Thomas: „Offensichtlich sind alle Teile auf die Vollkommenheit des Ganzen hingeordnet; denn das Ganze ist nicht um der Teile willen, sondern die Teile sind um des Ganzen willen da.“ (… non enim est totum propter partes, sed partes propter totum sunt; 3, 112).

Der Begriff der Teilhabe hat – folgt man Thomas – also immer eine doppelte Dimension: Erstens die ‚emanzipatorische‘ Dimension einer Teilhabe des Einzelnen am Ganzen (im Falle Thomas: Gott). Gleichzeitig existiert auch die ‚demütige“ Dimension einer Teilhabe als ’nur‘ Teil-Habe, als die Einsicht des Einzelnen an der Begrenztheit der eigenen Partizipationsmöglichkeiten. Denn der Mensch, jeder Mensch bleibt auch trotz der Möglichkeit der Teilhabe ein Wesen mit Begrenzungen und Einschränkungen. Teilhabe gleicht daher einem Horizont: Sie ist Begrenzung und Entgrenzung des Einzelnen zugleich.

Dass die Teilhabe bei Thomas mit einem hintergründigen Ordnungsdenken und einer ausgesprägten Hierarchievorstellung einhergeht, werde ich in einem Folgebeitrag anreißen.

Summa contra gentiles zitiert nach der Gesamtausgabe in einem Band, Lateinisch und deutsch, Darmstadt: WBG, 3. Auflage 2009)

Vgl. zum Thema auch die Publikation von Andrew Davison Participation in God: A Study in Christian Doctrine and Metaphysics. Cambridge: Cambridge University Press, 2019.

Über das Ideal wissenschaftlicher Forschung und Lehre. Eine Anekdote zu Michael Th. Greven.

Im 2003 beendete ich die Arbeit an meiner Magisterarbeit unter dem Titel In-/Formale Politik. Zur Politik in der Weltgesellschaft. Da ich Mitglied der kleinen „Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung“ an der Universität Hamburg war, wurde der Text dort als Arbeitspapier veröffentlicht.

Im folgenden Wintersemester 2003/2004 sah ich mir wie üblich das Vorlesungsverzeichnis des Instituts für Politikwissenschaft an. Michael Th. Greven – zu der Zeit noch Professor für Regierungslehre, kurz vor seinem Wechsel auf die Professur für Politische Theorie & Ideengeschichte – hatte ein Seminar unter folgendem Titel im Angebot: „Informalisierung von Politik zwischen Legitimität und Effizienz“.

Passt ja wie die Faust aufs Auge, dachte ich bei mir. Kurzentschlossen marschierte ich durch die Gänge des „Pferdestalls“ zum Büro von Herrn Greven, der mir bislang nur flüchtig bekannt war. Die Tür stand auf, ich klopfte an. Michael Th. Greven saß an seinem Schreibtisch. Ich stellte mich kurz vor, sprach ihn auf sein Seminar an und drückte ihm ein Exemplar meiner Magisterarbeit in die Hand. Ich war nicht länger als fünf Minuten in seinem Büro.

Schon wenige Stunden später erhielt ich von Hr. Greven per Email – die mir leider nicht mehr vorliegt – eine Antwort. Sehr spannender Text, schrieb er, passe wirklich gut zu dem geplanten Seminar. Und: Wolle ich nicht gemeinsam mit ihm die Lehre des Seminars übernehmen. Ohne Verpflichtung bei jeder Sitzung dabei sein zu müsssen oder bei der Bewertung der Seminararbeiten mitzuwirken.

Ich war verblüfft und erstaunt ob dieser Spontanität und Offenheit. Ich nahm mit Hr. Greven Kontakt auf und stimmte der Idee zu. Wir klärten einige formale Fragen. Auf meine Anregung stellte er hier und da noch einmal den Seminarplan um und ließ das Vorlesungsverzeichnis noch um meinen Namen ergänzen – zu dieser Zeit noch ein dankbar unbürokratischer Akt. Und so veranstalteten wir im Wintersemester 2003/04 ein Co-Teaching-Seminar avant la lettre.

Soll heißen: Es braucht eigentlich nur ein bisschen Offenheit, Interesse für das Werk und die Ideen der Anderen und – nicht ganz unentscheidend –  bürokratische Flexibilität und wir kommen dem Ideal guter bzw. „exzellenter“ Forschung und Lehre an der Universität etwas näher. Das hat mich der 2012 verstorbene Michael Th. Greven gelehrt. Ich bin ihm dankbar dafür.

Ludwig Wittgenstein und die „bestimmten Umstände“ des Sinns

Ich lese gerade Ludwig Wittgenstein „Über Gewißheit“ (Frankfurt 1970, hier zitiert nach der 15. Auflage 2020). Wittgenstein geht es in diesem Buch um die Frage, inwiefern man berechtigterweise davon ausgehen kann, dass man etwas mit Gewissheit wisse und behaupte.

Ich bin kein Wittgenstein-Experte und werde daher nur auf ein Detail eingehen, das mir bei der Lektüre aufgefallen ist. Nämlich:

Wittgenstein sagt, dass Sätze bzw. Äußerungen – in seiner Terminologie „Sprachspiele“ – nur „unter bestimmten Umständen“ Sinn machen. Sätze und Äußerungen sind also nicht grundsätzlich wahr und richtig. Sie sind wahr und richtig – d.h. „gewiss“ – nur in bestimmten Kontexten und Situationen. Ich zitiere Wittgenstein:

Die Laut-oder Schriftzeichen ‚2 x 2 = 4‘ könnten im Chinesischen eine andere Bedeutung haben oder aufgelegter Unsinn sein, woraus man sieht: nur im Gebrauch hat der Satz Sinn. Und ‚Ich weiß, daß hier ein Kranker liegt‘, in der unpassenden Situation gebraucht, erscheint nur darum nicht als Unsinn, vielmehr als Selbstverständlichkeit, weil man sich verhältnismäßig leicht eine für ihn passende Situation vorstellen kann und weil man man meint, die Worte ‚Ich weiß, daß …‘ seien überall am Platz, wo es keinen Zweifel gibt (also auch dort, wo der Ausdruck des Zweifels unverständlich wäre). (§10)

Es überrascht vielleicht, dass Wittgenstein sogar die mathematische Gleichung einklammert und das „Gewiss-über-deren-Richtigkeit-Sein“ nur in bestimmten Situationen gelten lassen möchte. Das macht aber gerade die Tiefe seines Zweifels aus; dieser Zweifel ist nicht mit einem beständigen Anzweifeln jeder Gewissheit, die Kommunikation ermöglicht, zu verwechseln. Vielmehr scheint es ein Zweifel zu sein, welcher vor einer vorschnellen Gewissheit und (Selbst-)Sicherheit in der Kommunikation schützen möchte; eben auch der Kommunikation einer mathematischen Gleichung.

Es gilt: Unsere Sätze machen nur „unter bestimmten Umständen“ (§622) oder gar „unter sehr besondern Umständen Sinn“ (§413). Auch scheinbar unauffällige Tatschenbehauptungen können keine universale und ewige Gültigkeit beanspruchen. Ein Satz wie „Das ist ein hölzerner Tisch“ macht in einem Möbelhaus und auf der Tischsuche ungleich mehr Sinn als im Verlauf eines Gesprächs im Rahmen eines  geselligen Abendessen, wo er sehr deplaziert wirken kann. Wir können uns bei unseren Sätzen bzw. Sprachspielen also nicht darauf zurückziehen, dass wir evtl. eine faktische Wahrheit ausgesprochen haben („Das ist ein hölzerner Tisch.“); unsere Sätze und Sprachspiele müssen sich auch unter den Umständen und in den Situationen, in denen sie verwendet werden, bewähren.

Im O-Ton Wittgensteins:

Wie ich aber den Satz außerhalb seines Zusammenhangs sage, so erscheint er in einem falschen Licht. (§554)

Satz und Kontext, Sprachspiel und Situation gehören immer zusammen. Nur wenn dieses Zusammenspiel bedacht ist, können Sätze und Sprachspiele so etwas wie Gewissheit beanspruchen; nur dann sind sie sinnvoll.

Was das Naturrecht mit einer Bundestagswahl zu tun haben könnte – eine kurze Notiz

Das Naturrecht ist eine schwierige Größe, eher missverstanden als verstanden und von daher in der diskursiven Handhabe oftmals fehlplaziert. Darauf hat mich Bernhard Kohl vor einigen Monaten in einigen Kommentaren zu einem hier veröffentlichten Text zu recht hingewiesen.

Trotzdem folge ich einer spontanen Intuition und verbinde das Naturrecht mit der anstehenden Bundestagswahl bzw. jeder anderen politischen Wahl. Ich stelle die Frage: Kann einem das Naturrecht bei einer politischen Wahl hilfreich sein? Ich sage: Ja.

Unter Naturrecht verstehe ich nun nicht einen Katalog von positiven, gesatzten Rechtssätzen, quasi nachzulesende Wahlprüfsteine, welche man einfach mit den Programmen verschiedener Parteien abgleichen könnte. Ich verstehe unter Naturrecht über den Dingen schwebende, außeralltägliche Prinzipien des Denkens und Urteilens. Ich meine ein Naturrecht als Methode. Bezogen auf eine politische Wahl: Das Naturrecht sagt mir nicht, welche Partei ich wählen soll. Das Naturrecht nennt mir ein übergeordnetes Prinzip, nachdem ich meine Wahlentscheidung ausrichten kann.

Ein solches Prinzip kam mir nun spontan in den Sinn. Es lautet:

„Wähle so, dass die nächsten Generationen auch noch die Möglichkeit zur Wahl haben.“

Das Naturrecht sagt also nicht: Wähle Klimaschutz, das ist wichtig. Es sagt auch nicht: Wähle Lebensschutz, das ist wichtig. Es sagt auch nicht: Wähle wirtschaftliches Wachstum, das ist wichtig. Das Naturrecht schweigt zu all diesen Themen.

Das Naturrecht gibt mir aber ein Prinzip mit in die Wahlkabine, das sagt, ich möge bei meiner Wahl im Blick haben, dass meine Kinder und Kindeskinder ebenso die Möglichkeit haben sollen, eine Wahl zu treffen. Die nächste Generation soll in ihren Wahlmöglichkeiten nicht durch meine Wahl eingeschränkt werden. Sie sollen morgen das genießen können, was ich heute genieße: Wahlrecht und Wahlmöglichkeit.

Frage: Macht so ein Prinzip Sinn? Und: Kann man es als Naturrecht bezeichnen?