Was ist Demut? Weitere Gedanken zu vorgelegten Definitionen.

Der Leser Joachim Winkler hat sich die Definitionen von Demut genauer angesehen und einige Kommentare dazu verfasst. Vielen Dank!

Diese Kommentare gebe ich an dieser Stelle wieder und ergänze noch ein paar eigene Gedanken.

 

Demut ist „Ausdruck einer Selbstbeschränkung, um für Begegnung Raum zu schaffen und so Gemeinschaft zu ermöglichen.“ (Feldmeier, Reinhard (2012): Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 120).

JW: Was an dieser Definition für mich fraglich ist, ist das Raummodell des Miteinanders. Begegnung findet dadurch statt, dass sich jemand begrenzt. Es scheint auch nur eine bestimmte Größe des Raums zur Verfügung zu stehen. Ein anderes Modell wäre zu sagen, dass Gemeinschaft oder eine Verbundenheit vorgängig oder zumindest gleichrangig gegenüber dem Selbst ist. Demut also nicht von dem Selbst, sondern von der Beziehung her gedacht. Und noch ein anderer Gedanke (mit Schleiermacher): Das Ausspielen von Individualität, nicht die Zurücknahme schafft Begegnung.

BC: Die räumliche Metaphorik ist in der Tat problematisch, da es ein Nullsummenspiel suggeriert. Bei alltäglichen Begegnungen ist dies aber nicht der Fall, sondern meine Selbstzurücknahme schafft nicht schon automatisch den Raum für die andere Person. Auch kann mein „Ausspielen von Individualität“ für andere Menschen gerade auch Ermutigung und Bestärkung bedeuten. Gleichwohl: Es gibt diese Räume, die durch mangelnde Demut anderen die Luft zum Atmen nehmen. Ich denke z.B. an Parlamente in autokratischen Ländern, in denen eine Pluralität von Stimmen, ein demütiges Zuhören usw. nicht vorkommen. Es geht vorrangig um die Bestätigung und Repräsentation vorherrschender Machtverhältnisse.

 

„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütige ist.“ (Martin Luther, zitiert nach: Schütz, W. 1972: Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Band 2: D-F, Sp. 57-59.)

JW: Heißt das dann: Ich kann nicht bewusst demütig sein. Ich weiß nicht, ob ich dem zustimmen würde.

BC: Ich weiß es auch nicht. Was Luther hier formuliert, klingt etwas nach einem Bonmot, das man auf einem Kalenderblatt abdrucken kann. Freilich stimmt: Demut spielt sich nicht auf und macht sich als solche nicht selbst bekannt.

 

„Humility emerges from the recognition of what it means to be fallen, frail, and finite creatures.“ (Luke Bretherton 2019: Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, Grand Rapids: Eerdmans, 67)

JW: Hier gefällt mir natürlich die Verankerung in der weltlichen Erfahrung. Demut bekommt dann allerdings eine immer (quasi-)religiöse oder philosophische Schlagseite, wenn es um die Reflexion auf Endlichkeit, Vulnerabilität, etc. geht.

BC: Da hätte ich kein Problem damit, wenn wir davon ausgehen, dass Religion, Theologie und Philosophie auch etwas sein können, dass praktisch gelebt und nicht nur theoretisch reflektiert wird. Es gibt ein Bewusstsein von Endlichkeit und Verletzbarkeit, das sehr alltagsnah ist. Es muss nicht alles akademisch sein!

 

„Beim Menschen bezeichnet sie (die Demut, BC) ein bewußtes Verhalten, das als gehorchen, sich unterordnen, sich beugen zu beschreiben ist, nicht aber äußere Armut oder Niedrigkeit als Geschick meint“. (Preuß, Horst Dietrich 1981: Demut I, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 460).

JW: Zum einen wird hier eine starke Innen-Außen-Abgrenzung vorgenommen.
Kann Demut nicht auch internalisiert, also unbewusst sein? Gegensatz zu (2). Da habe ich Zweifel an einer nur inneren Einstellung bzw. würde fragen, wie diese im Zusammenahng mit Handeln und dem In-der-Welt-Sein steht.

BC: Was die Definition hier meint, glaube ich, ist, dass Demut nicht einfach über äußere Armut oder durch einen niedrigen Stand quasi schon automatisch vorhanden ist. Es braucht immer eine innere Haltung, die von Demut zeugt. Es gab und gibt – z.B. in der Kirche und deren Orden – viele Beispiele von äußerlich armen und niedrigen Menschen, denen es an einer demütigen Haltung fehlt. In den Orden sind Armut und Gehorsam zwar immer schon als Mittel auf dem Weg zur Demut angesehen worden; das funktioniert aber natürlich nicht immer.

 

„Von der Demut kann in der Tat eine solche Definition gegeben werden: Die Demut ist eine Tugend durch die der Mensch sich durch die wahrhaftigste Selbsterkenntnis wertlos wird.“ (Bernhard v. Clairvaux, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut V, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 468).

JW: Würde das Zitat nicht auch funktionieren, wenn man statt „wertlos“ „wertvoll“ einsetzt? Demut könnte doch auch sein: Der Mensch erkennt seinen Wert als Mensch. Richtet es sich gegen die Vorstellung vom Menschen als „Wert an sich“?

BC: Ich sehe da eine Dialektik. Der Mensch erkennt seine Niedrigkeit, seine Verletzbarkeit, seine „Wertlosigkeit“ sub specie aeternitatis; und auch aus dieser Erkenntnis heraus gewinnt dieser Mensch Statur.  Ich glaube, diese Dialektik braucht es, um den Menschen die Mittel aus der Hand zu nehmen, willkürlich dem einen Wert zuzuschreiben und dem anderen nicht.

 

„Demuth ist das beständige Bewußtsein vom Unterschiede zwischen uns und Christo, so daß der sittliche Werth eines jeden einzelnen im Vergleiche mit dem den anderen einzelnen gar nicht in Anschlag kommt.“ (Friedrich Schleiermacher, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut VII, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 481).

JW: Es ist ein Schluss von einer im engeren Sinn religiösen Betrachtung, die dann als sittliche Betrachtung zur Geltung kommt. Demut als Defizitbewusstsein christologisch fundiert?

BC: Bei Schleiermacher bist Du der Experte! Ich verstehe Demut aber so oder so als fundamental christologisch: Hier macht es einer vor, die Demut in Form der kenosis. Demut wird so in das Verstehen von Gott eingeschrieben. Gott ist demütig; der Sohn zeigt es uns. Dem können wir mit Aussicht auf Erfolg gar nicht nachstreben. Auch daraus erwächst Demut.

 

Was ist Demut? Einige Definitionen.

Es folgen einige Definitionen von „Demut“, die mir bei der Beschäftigung mit dem Begriff begegnet sind. Ich ergänze die Definitionen jeweils um die Quellenangabe. In einem weiteren Text folgt in Kürze eine inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Definitionen.

Demut ist „Ausdruck einer Selbstbeschränkung, um für Begegnung Raum zu schaffen und so Gemeinschaft zu ermöglichen.“ (Feldmeier, Reinhard 2012: Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 120).

„Rechte Demut weiß niemals, dass sie demütige ist.“ (Martin Luther, zitiert nach: Schütz, W. 1972: Demut, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, hrsg. von Joachim Ritter, Band 2: D-F, Sp. 57-59.)

„Humility emerges from the recognition of what it means to be fallen, frail, and finite creatures.“ (Luke Bretherton 2019: Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, Grand Rapids: Eerdmans, 67)

„Beim Menschen bezeichnet sie (die Demut, BC) ein bewußtes Verhalten, das als gehorchen, sich unterordnen, sich beugen zu beschreiben ist, nicht aber äußere Armut oder Niedrigkeit als Geschick meint“. (Preuß, Horst Dietrich 1981: Demut I, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 460).

„Von der Demut kann in der Tat eine solche Definition gegeben werden: Die Demut ist eine Tugend durch die der Mensch sich durch die wahrhaftigste Selbsterkenntnis wertlos wird.“ (Bernhard v. Clairvaux, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut V, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 468).

„Demuth ist das beständige Bewußtsein vom Unterschiede zwischen uns und Christo, so daß der sittliche Werth eines jeden einzelnen im Vergleiche mit dem den anderen einzelnen gar nicht in Anschlag kommt.“ (Friedrich Schleiermacher, zitiert nach: Zur Mühlen, Karl-Heinz 1981: Demut VII, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin & New York: De Gruyter, 481).

Thomas von Aquin und das Letztziel, oder: „Gott genießen!“

Gott genießen? Gott genießen!

Im alltäglichen Sprachgebrauch bringen wir die beiden Nomen „Gott“ und „Genuss“ kaum zusammen. Eher noch anders herum: Die Sprache von Gott und unsere Gottesbilder gehen oft einher mit Forderungen der Einschränkung, der Schuld, der Unterwerfung unter vermeintlich gottgesetze Regeln, mit fehlbaren Institutionen und deren Amtspersonen. Das Wort „Gott“ öffnet nicht weite Räume von Denkens und Lebens. Vielmehr setzt es Grenzen und verbreitet Unlust.

Es geht aber auch anders. Mystikerinnen und Mystiker sprechen schon immer von ganz anderen als regelbehafteten Gottesvorstellungen. Bilder der Versenkung, der Vergöttlichung, der Einheit prägen dann das Sprechen über Gott. Diese Bilder sind immer auch interpretationsbedürftig; sie sind stets aber Ausdruck einer Erfahrung von Gott, die das menschlich Begrenzte und Begrenzende überschreitet. Hin zu einer Erfahrung des „Mehr“.

Der Dominikaner Thomas von Aquin (ca. 1225-1274) wird allgemein nicht zu den mystischen, sondern zu den scholastischen Denkern gezählt. Dabei ist die Differenz zwischen Mystik und Scholastik ein Unterschied, den Nachgeborene in die Welt gesetzt haben, um mal die eine und mal die andere Seite zu desavourieren. Wer Eckhart und Tauler liest, staunt (auch) über deren Systematik. Und wer Thomas liest, freut sich (auch) an dessen spiritueller Tiefe.

Es stimmt, dass Thomas in einem Werk wie der „summa contra gentiles/Summe gegen die Heiden“ sehr systematisch und Schritt für Schritt vorgeht. Auf dem Weg der Argumentation stolpert man bei Thomas aber immer wieder über Aussagen, die von einer tiefen Glaubenserfahrung zeugen.

So zum Beispiel über die Aussage, dass wir Geschöpfe dazu bestimmt sind, Gott zu genießen. So schreibt Thomas im dritten Buch dieser summa, dass „im Genießen Gottes unsere Seligkeit besteht“ (in eius fruitione nostra beatitudo consistit, III,118). Und etwas weiter in der Schrift – in den Kapiteln zu Themen der Eschatologie – spricht Thomas von der „Glorie der göttlichen Schau“ (gloriam divinae visionis, IV, 86) und formuliert dann weiter:

„Mit ihrem Letztziel vereint, wird die Seele, welche die göttliche Schau genießt, in allem ihr Verlangen gestillt finden.“ (anima etiam quae divina visione fruetur, ultimus fini coniuncta, in omnibus experietur suum desiderium adimpletum, ebd.)

In der Seeligkeit erfahren wir nicht nur Gott, wir stehen nicht nur in Gottes Gegenwart und schauen Gott. Nein, Thomas spricht dezidiert vom „Gott genießen“ und nutzt dabei die lateinische Verbform „frui/genießen“, die auch für ganz weltliche Genusserfahrungen verwendet werden kann. Das Ziel ist also ein Genuss Gottes bzw. eine Erfahrung des Genuss in Gottes Gegenwart.

Freilich spricht Thomas hier von einem Ziel, das seiner vollen Entfaltung noch harrt. Er spricht von der Seeligkeit, der Ewigkeit, dem Leben nach dem Tod. Dort erwartet uns der volle Gottesgenuss. Doch wie alle Lebensziele, so die Überzeugung vieler Dominikanerinnen und Dominikaner, strahlt auch der uns versprochene Genuss Gottes schon jetzt auf das leibliche und seelische Leben im Hier und Jetzt aus. Der Genuss Gottes ist da und kann erfahren werden.

Vor allem auch: Die Rede vom Gottesgenuss kann uns dazu verhelfen, anders von Gott und dem Glauben an Gott zu sprechen. Trotz aller Widrigkeit des Lebens in einer fehlbaren Welt gilt nach Thomas: Es macht Lust, bei Gott zu sein. Gott zu erfahren heißt zu genießen. Gott schenkt sich uns im Genuss.

Was ist postheroische Demokratiegeschichte?

Die Geschichte unserer Gesellschaft wird gemacht von einzelnen Menschen, ihren Entscheidungen, ihren Handlungen, ihrem Zögern, ihren Sprechakten. Die Geschichte wird aber auch gemacht aus den einzelnen sich ergebenden Situationen und Chancen und Zufällen heraus, die sich auftun und schließen wie von Geisterhand. Und es gibt auch von Menschen geschaffene Institutionen und Strukturen, die wiederum Handeln der einzelnen Akteure beschränken, lenken und vorherbestimmen.

In diesem Sinne ist das Anliegen der Historikerin Ute Daniel in ihrem schmalen Bändchen „Postheroische Demokratiegeschichte“ (Hamburg 2020) zu verstehen: Sie möchte dazu anregen, die Geschichte der Demokratie nicht nur von der Akteursperspektive her zu sehen. Und sie plädiert zudem dafür, die Intentionen und Motivationen dieser Akteure der Demokratiegeschichte nicht nach Maßstäben des 21. Jahrhunderts normativ zu überhöhen.

Die Geschichte der Demokratie ist Produkt von Zufällen wie sie auch Folge von zielstrebigem menschlichem Handeln war und ist. Und dieses Handeln hatte nicht immer das hehre Ziel vor Augen, die Teilhabe möglichst vieler Menschen am politischen Geschehen zu ermöglichen. Manchmal war es auch schlicht schnödes Parteiinteressen, das hinter einer Wahlrechtserweiterung stand. Aus der deutschen und britischen Demokratiegeschichte des 19. Jahrhunderts bringt Daniel einige Beispiele an. Daraus folgert Daniel:

„Wahlrechtserweiterungen waren, wo es sie gab, Teil dieser sich verändernden Praktiken und hatten das Ziel, Parlamente zu bilden, mit denen regiert werden konnte.“ (11)

Die Regierbarkeit stand im Vordergrund, so Daniel, und nicht eine demokratietheoretische Vision.

In diesem Sinne ist dann auch das Wort „postheroisch“ zu verstehen: Die Geschichte der Demokratie ist keine Geschichte der gesellschaftlichen Underdogs, die gegen die Mächtigen „dort oben“ sich Schritt für Schritt ihre Rechte erkämpfen. Es gibt und gab immer wieder demokratiegeschichtlich relevante Vorkämpferinnen und -kämpfer für die Teilhaberechte der Vielen; zu Heldinnen und Helden wurden sie erst von der Nachwelt, von uns gemacht. Die Politiker (zumeist Männer) des 19. Jahrhunderts waren zumeist nicht getrieben von normativen Zielvorgaben, sondern von konkreten Problembewältigungsstrategien. Demokratiegeschichte ist also (auch) eine Geschichte der Lösungsstrategien von Menschen, die mit konkreten Herausforderungen zu kämpfen hatten. Ute Daniel dazu:

„Was immer Politiker für Wünsche und Pläne haben mochten, ihr praktisches Tun richtete sich nach den Problemen, die sie aktuell jeweils hatten.“ (13)

Wir suchen im 21. Jahrhundert gerne nach Heldinnen und Helden der Demokratie: synchron in der Gegenwart und diachron in der Vergangenheit. Was uns heute an demokratischer Kultur als gefährdet scheint, das versuchen wir dadurch abzusichern, indem wir die besonders kühnen Frauen und Männer der Demokratie auf das Podest der gesellschaftlichen Anerkennung heben und auf Briefmarken abdrucken. Diese Strategie ist nicht gänzlich verkehrt, denn Helden erfüllen diese essentiellen Funktion der Integration und Fokussierung von Gesellschaft.

Man sollte sich aber – so verstehe ich Ute Daniels Ansatz – die Situationen, in denen sich die politischen Akteure wiederfinden, stets realistisch einschätzen. Politische Interessen, materielle Zwangslagen, spontan sich ergebende Gelegenheiten bestimmen das Handeln von Akteuren in gleicher Weise wie normative, heroische Visionen. Heldinnen zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie zum richtigen Zeitpunkt die richtige Zielvorstellung mit dem richtigen Maß an Kompromissfähigkeit mit Leidenschaft und Augenmaß ins Spiel bringen.

Es gehört also ein gewisses Maß an Demut zur Demokratiegeschichte: Das Wirken der einzelnen Person, so überzeugend und emanzipatorisch sie uns heute erscheinen mag, war und ist stets eingebunden in ein Geflecht von Zielen und Interessen, kontingenten Chancen und Situationen. Wirkliche Veränderung braucht für gewöhnlich mehr als die Initiative des heldenhaften Individuums. Es braucht auch dessen Einsicht in die eigenen Grenzen und das Vertrauen in die Möglichkeiten anderer und die Macht des rechten Augenblicks.

Frühe Neuzeit – haptisch

Es ist selten, dass ich im Alltag – beruflich wie privat – mit der Geschichte vor ca. 1850 unmittelbar in Berühung komme.

Ich hatte nun das seltene Glück, in beruflicher Kapazität zahlreiche frühneuzeitliche Drucke bzw. Büchern einer ehemaligen kirchlichen Bibliothek in Augenschein zu nehmen und einer würdigen Bestimmung entgegen zu führen.

Ideengeschichte und Realgeschichte kommen da zusammen. Wissensbestände werden gesichert. Geschichte wird geschrieben bzw. nachvollzogen.

Das Ergebnis dieser Arbeiten findet sich kurz zusammengefasst auf dem Blog der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Viel Spaß beim Lesen und Schauen!

Erfahrungen eines Bloggers nach 10 Jahren Schreibarbeit

Seit 10 Jahren blogge ich auf und als „rotsinn“. Begonnen habe ich im April 2012 meinen „ideengeschichtlichen Blog eines Laiendominikaners“ mit einem Zitat von Henry David Thoreau, das vom Anfang seiner Tagebücher stammt:

„What are you doing now?“ he asked, „Do you keep a journal?“ – So I make my first entry to-day. (Thoreau, H.D. 22. Oktober 1837)

Weiterhin gilt, dass ich eher als Laiendominikaner schreibe als über dominikanische Themen. Darin zeigt sich wohl auch mein kirchliches Grundverständnis, nämlich dass wir viel eher als konkrete Menschen Zeugnis von unserem Glauben ablegen als durch die Besetzung von bestimmten spirituellen Themen. Idealerweise, freilich, gehört beides zusammen.

Weiterhin gilt, dass ich mich für die Ideengeschichte von Glaube und Politik interessiere. Es ist nicht immer leicht, das einmal gewählte Profil eines Blogs über mehrere Jahre beizubehalten. Ich möchte nicht sagen, dass es mir immer gelungen ist, aber ich habe stets versucht, nicht allzu weit abzuschweifen. Vor allem achte ich darauf, nicht zu viel „gläubiges“ Material zu verarbeiten.

Weiterhin versuche ich eine poetische, leicht spielerische Art der Kommunikation zu pflegen. Erkenntnis über Welt und Gott erwächst auch über Assoziationen, Wortklänge, Bildworte, Lücken usw. Diese Art der poetischen Kommunikation wurde mir, das fällt mir auf, mit den Jahren immer wichtiger.

Weiterhin gilt, dass mich die Texte, die ich im Rahmen von wissenschaftlichen oder auch feuilletonistischen Recherchen lese, zu Beiträgen auf dem Blog inspirieren. Daher hat sich über die Jahre eine Bandbreite von Themenfelder auf rotsinn angesammelt: Naturrecht, Rowan Williams, Augenblick, Demokratie, Gelassenheit, Sinn, Gebet, Poesie usw.

Weiterhin gilt, dass ich mich für den geschichtlichen Werdegang von Ideen und Praktiken interessiere. Alles kommt irgendwo her. Und nur, wenn wir die Geschichte der Ideen und Praktiken besser verstehen, können wir auch etwas Belastbares über deren Gegenwart wissen.

Von daher rührt auch meine Abneigung gegen eine akualistische, emotionalisierte Kommentierung der Gegenwart. Es gilt immer die Contencance zu bewahren. Und wenn man mal zu einer aktuellen Entwicklung pointiert Stellung nimmt, dann hoffentlich unter Bezug auf einen ideengeschichtlich abgeleiteten Erhellungszusammenhang.

Manche Texte von mir sind Schnellschüsse und verdienen kaum der Beachtung. Auf andere Texte bin ich auch noch nach Jahren Stolz, so z.B. auf einen Beitrag zum versteckten protestantischen Kirchenbild der katholisch Strukturkonservativen oder auf die verschiedenen Überlegungen zum hintergründigen Thema Alltag.

Ich freue mich über jeden Klick und jeden Kommentar, über Rückmeldungen und neue Leserinnen und Leser. Doch rotsinn ist keine Massenware; das stelle ich fest. Einige Texte werden vom Netz aus jedoch öfters aufgesucht – Renner sind derzeit die Stichworte „Ungleichzeitigkeit“, „Tagespolitik“, „anekdotisches Wissen“, „vita contemplativa“, „Rituale und Routinen“ und seit neuem „konservatives Denken“.

Doch meist führe ich auf rostinn ein stilles, kontemplatives Weltdasein. Und das tut diesem ideengeschichtlichen Blog eines Laiendominikaners eigentlich ganz gut.

 

 

 

 

Verzichtet! Über ein liberales Fasten.

Wir werden in einigen Tagen Ostern feiern. Doch man muss es leider sagen: Das Ende der Fastenzeit ist noch lange nicht in Sicht. In der Tat: Eine wahrlich „Große Fastenzeit“ steht uns bevor. Vor uns liegen (mindestens) 40 Jahre des Verzichts.

40 Jahre Verzicht. Was für die vielen religiösen Fastenzeiten gilt, das gilt auch für die vor uns liegende Große Fastenzeit: Wir können sie bewusst angehen. Wir können sie gestalten und, das beste daraus machen, uns durch sie vorbereiten auf einen nächsten, evolutiven Schritt, quasi eine Auferstehung von den Toten. Oder wir ignorieren alle Zeichen der Zeit, die Warnungen und die Worte der Prophetie. Wir stellen uns taub, und machen so weiter wie bisher. Dann kommt der Verzicht als radikaler Zwang, wie ein Dieb in der Nacht, schneidet uns Stück für Stück das Fleisch von den Rippen, das Leben aus dem Herz, den Zusammenhalt aus der Gemeinschaft.

Ja, es geht um den Klimawandel und unsere Haltung dazu. Es geht aber um noch mehr. Russlands Krieg gegen die Ukraine und das Verhalten der aggressiv Mächtigen weltweit zeigt uns (einmal mehr), was eine wahre Große Fastenzeit ebenfalls von uns erfordert: den vollkommenen Verzicht auf Machtgier und Geltungssucht. Ja, die Große Fastenzeit erfordert das, was wir in der religiösen Sprache das Opfer nennen oder – so würde sich der Dominikaner und Mystiker Johannes Tauler ausdrücken – die „Vernichtung“, die Zunichtemachung der eigenen Ansprüche. Der Mensch muss sich innerlich ganz neu erfinden. Oder sind wir die Raubtiere, ohne Fähigkeit der Selbstreflexion und Selbstkontrolle, als die sich einige unter uns derzeit benehmen? Um diese Selbstreflexion, Selbstkontrolle und Selbstzurücknahme geht es. Es geht um die Rückgewinnung der Freiheit, uns selbst im Lichte der Wahrheit zu erkennen, uns zu sehen sub specie aeternitatis.

Das ist der eine große Verzicht, der unbedingt 40 Jahre lang nötig ist: der Verzicht des Menschen auf die eigene Überheblichkeit, was die Frage der politischen Macht anbelangt und was die Frage der natürlichen Umwelt anbelangt. Beide Fragen gehören unbedingt miteinander verbunden; sind zwei Seiten der einen anthropologischen Medaille: Können wir Menschen das Bild von uns selbst so verändern, dass dieses Bild nicht mehr unweigerlich in einen gesellschaftlichen und natürlichen Raubbau führt? Können wir Nachhaltigkeit leben, wie es Udo Di Fabio kürzlich angeregt hat (FAZ vom 21. März 2022, S. 7), mit Blick auf unseren Umgang mit Macht und mit Blick auf die (Um-)Welt, deren Teil wir sind? Ich schaue mich um und hege große Zweifel.

Verzicht ist liberal!

Es wird immer wieder behauptet, man möge den Menschen nicht den Verzicht predigen, das sei nicht populär. Technologische Innovation sei nötig, damit der (westliche) Mensch seinen Lebensstil nicht ändern müsse. Daran glaube ich inzwischen nicht mehr. Technische Innovation ist nötig, der Verzicht ist noch viel nötiger. Der Verzicht auf unsinnigen Energieverbrauch, der Verzicht auf Höchstgeschwindigkeit, der Verzicht auf Just-in-time, der Verzicht auf billiges Fleisch, der Verzicht auf übervolle Kleiderschränke, der Verzicht auf Flugreisen, der Verzicht der Reichen darauf, jeden Wunsch befriedigen zu müssen, der Verzicht darauf, den Liberalismus rein mit Blick auf die wirtschaftlichen, individuellen Möglichkeiten in der Jetztzeit auszulegen, der Verzicht auf unser inzwischen tief verankertes Verständnis der Welt als unseren Privatbesitz. Liberalismus, das ist ein Kollektivgeschäft der Freiheit, das aus der Vergangenheit lernt, in der Jetztzeit gelebt wird, für die Zukunft sorgt.

Wer nicht verzichtet, ist nicht liberal. Denn unsere Ablehnung von Verzicht heute, schränkt die Möglichkeiten der Menschen und aller anderen Geschöpfe morgen in einem Maße ein, dass im Morgen nicht mehr von Liberalismus gesprochen werden kann. Der uneingeschränkte Liberalismus heute, untergräbt die Zukunft des Liberalismus morgen. Darum Alle, die Ihr Eure vermeindlichen Freiheiten liebt: Verzichtet darauf, die Freiheit nach Lust und Laune auszuleben. Reduziert Euren Ressourcenverbrauch drastisch. Ändert Euren räuberischen Lebensstil. Kehrt um. Damit auch in Zukunft die Menschen sich noch liberal nennen, Freiheiten genießen und leben können.

Die Große, Liberale Fastenzeit erfordert menschliche Selbstbeschränkung. Russlands Krieg gegen die Ukraine macht einmal mehr deutlich, was uns blüht, wenn Macht nicht beschränkt wird und Menschen und Netzwerke ihre Machtgelüste hemmungslos und blind ausleben können. Das Gebot heißt also: Verzichtet. Und das ist nicht nur ein Gebot an den Einzelnen. Das ist ein Gebot an unsere Gesellschaft, an Politik, Wirtschaft, Religionsgemeinschaften usw., an die Strukturen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. All das muss von der Selbstzurücknahme, vom Verzicht, ja, von Demut geprägt sein.

Wer dazu nicht in der Lage ist, spielt der Machtlust der Mächtigen, der Gier der Gierigen, der Selbstsucht der Egoisten in die Hände. Selbstgewählter, bewusster Verzicht ist der Kitt einer liberalen Gesellschaft. Mehr davon braucht es, nie weniger. Um der Freiheit willen. Um der Menschen willen. Um der Welt und der Zukunft willen.

(Amen.)