Was ist konservatives Denken?

Auch wenn ich finde, dass Frauen Priesterinnen in der katholischen Kirche werden sollten und wir uns mit einer möglichst radikalen Wende unseres Lebensstils gegen den Klimawandel stemmen sollten; auch wenn mein Drang zur Freiheit fast noch größer ist als mein Wunsch nach Sicherheit; auch wenn mein Kleidungstil sich mittlerweile informalisiert hat und ich kein CDU-Mitglied bin: Ich halte mich für einen konservativen Menschen. Besser noch: Ich halte mich für einen konservativen Denker.

Was ist das aber: konservatives Denken?

Konservatives Denken geht aus von einer formalen Ordungsvorstellung. Damit meine ich: Die konservative Ordnungsvorstellung des Denkens ist nicht bestimmt im konkreten Sinne: also keine Ständeordnung, keine Geschlechterordnung, keine hierarchische Ordnung macht das konservativen Denken zwingend aus. Vielmehr geht es dem konservativen Denken um Ordnung im Sinne eines normativen Haltepunktes. Konservatives Denken hält sich an dieser oder jener Ordnungsvorstellung fest. Von Denkerin zu Denker kann die konkrete Gestalt dieser Ordnungsvorstellung variieren. Allein aber, dass Ordnung gesucht wird, markiert dieses Denken als konservativ. Daher spreche ich von der Ordnung als Formalprinzip des konservativen Denkens. Wer also konservativ in einem Bereich ist, muss in anderen Bereichen nicht konservativ sein. Konservatives Denken ist daher in gewissem Sinne kontingent.

Konservatives Denken neigt auch zu einer Disposition des mangelndenen Enthusiasmus dem Brandneuen gegenüber. Hinter dieser Disposition steht die Überzeugung, dass die neuen Dinge sich erst einmal bewähren müssen vor dem Tribunal des Zweifels. Man kann und muss Neues ausprobieren. Man muss experimentieren. Ja, aber das Experiment kann auch zu dem Ergebnis führen, dass das Neue als unbrauchbar verworfen wird. Das Neue ist nicht per se das Bessere. Konservatives Denken hat also einen skeptischen Zug. Diesem skeptischen Zug liegt die Motivation zugrunde, vor fortdauernden Enttäuschungen bewahrt zu bleiben.

Konservatives Denken neigt zum Weltschmerz. Warum? Weil das konservative Denken die Vergänglichkeit alles Erschaffenen vor Augen hat. Das Verschwinden des Alten, das ständige Emporkommen von Neuem erweckt im konservativen Denken eine Sehnsucht nach dem Bleibenden, nach dem, was in all dem Flüchtigen hält und trägt. Die Erfahrung des konservativen Denkens ist es aber, dass diese Sehnsucht beständig enttäuscht wird. Von daher erklärt sich auch, weshalb das konservative Denken gerade in einer zeitbeschleunigten Moderne aufkam. Mit jeder Geschwindigkeitserhöhung der Verkehrs- und Kommunikationsmittel griff das konservative Denken weiter um sich. Konservatives Denken ist also durch und durch modern. Sein Weltbezug schlägt aber resignative Töne an.

Für die Kenner_innen des konservativen Denkens ist all dies nicht neu. Daher zitiere ich zum Abschluss auch noch Jens Hacke, der die Essenz des konservativen Denkens vor Kurzem schön auf den Punkt brachte:

„Insofern bleibt es das konservative Dilemma, dass eine Bastion nach der anderen im Prozess der Modernisierung und Pluralisierung geräumt werden muss. Anders als die Konkurrenzideologien kann der Konservatismus nicht auf einen normativen Grundbegriff wie den der Freiheit im Liberalismus oder den der Gleichheit im Sozialismus zurückgreifen. Deshalb bleibt der Konservatismus im Kern reaktiv und bezeichnet entweder im Sinne 〈Edmund〉 Burkes einen bestimmten Modus des abwägenden politischen Denkens und Handelns oder bezieht sich relational auf Bewahrenswertes.“ (Jens Hacke, in: Besprechung zu Biebricher, Thomas: Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus, Neue Politische Literatur 2020)

 

Nachtrag: Lesenswert zum Thema ist auch der Beitrag von Petra Bahr, der sich unter folgendem Link findet: https://tinyurl.com/ybhltsz4

 

Was mich Bücher über Geschichte Neues gelehrt haben!

Ich lese gerne Bücher und Essays über die Geschichte. Zugegebenermaßen lese ich dabei vorwiegend Sachbücher und unter diesen meist Bücher über Orte, Menschen, Geschehen, die mir einigermaßen nahe liegen. Die Geschichte Afrikas ist mir zum Beispiel noch völlig unbekannt.

Was erwarte ich von einem solchen Buch über die Geschichte? Ich suche darin ab und an Bestätigung. Wenn ich z.B. in einem Geschichtsbuch einen Hinweis finde, der meine Hypothese von der „Fortdauer des Heidentums“ zu bestätigen scheint, dann freut mich das.

Von einem Geschichtsbuch möchte ich aber auch Erzählungen, Details, Deutungen lesen, die mich irritieren und meine Erwartungen durchkreuzen. Ja, ich habe Vorurteile, und wie H.G. Gadamer ausführt, halte ich diese Vorurteile für den Erkenntnisprozess auch für wichtig. Diese Vorurteile müssen sich aber auch darauf einstellen, gelegentlich nicht bestätigt zu werden. Die Fakten dürfen ihnen gerne widersprechen. Bücher über Geschichte helfen mir dabei etwas Neues zu lernen über die Komplexität und Vielgestaltigkeit der Vergangenheit.

Das ist ja ein Allgemeinplatz. Daher werde ich im Folgenden konkret und nenne einige ausgewählte Bücher und Texte, die mir eine bestimmte Erkenntnis, eine besondere Idee vermittelt haben. Es sind zufällige Mosaiksteine eines historischen Gedächtnisses, das sich auf einem endlosen Weg der Vertiefung und Erweiterung befindet.

Zum Beispiel:

Von Thomas Großböltings „Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945“ (2013) habe ich gelernt, dass die Glaubenspraxis in Deutschland schon lange vor der fortschreitenden Liberalisierung der Gesellschaft der 1960er Jahren am Schwinden war.

Ian Kershaw macht in „The End. Germany 1944-1945“ (2011) deutlich, dass viele Deutsche bis in die letzten Kriegstage den Terror der Nazis nicht abschütteln konnten und kaum Widerstand leisteten.

Die Existenz der Intellektuellen wird schon lange begleitet von der Klage, es gäbe keine Intellektuellen mehr. Stefan Collini schreibt hierüber mit „Absent Minds. Intellectuals in Britain“ (2006) ein sehr intellektuelles Buch.

Bei Gillian Evans „The University of Oxford. A New History“ (2010) lässt sich nachlesen, dass es in der Frühgeschichte der Universität einen dauerenden, auch handgreiflichen Streit zwischen den Universitätsangehörigen und der Stadtbevölkerung gab.

Hubert Wolf enthüllt in „Die Nonnen von Sant’Ambrogio. Eine wahre Geschichte“ (2013), wie menschlicher Makel und Verblendung im italienischen 19. Jahrhundert in der Lage war Kirchen- und Theologiegeschichte zu schreiben.

Hedwig Richter führt in ihrem Essay „Schnaps für die Wähler“ (2016) in die feucht-fröhliche und durchaus nicht immer friedliche Geschichte des Wählens in den Vereinigten Staaten ein.

In Celia Cussens „Black Saint of the Americas: the life and afterlife of Martin de Porres“ (2014) las ich, dass es gewichtige Gründe dafür gibt, diesen wichtigen Heiligen des Dominikanerordens unter die Laien des Ordens und nicht unter die Brüder zu zählen.

Wolfgang Schivelbusch ist in „Die Kultur der Niederlage“ (2001) der Meinung, dass Länder, die in einem Krieg unterliegen, unter Umständen als Gesellschaft einen kreativen Umgang mit dieser Niederlage zu finden.

Über Politik wird in allen möglichen Tonarten und Begrifflichkeiten, mit unterschiedlichen Intentionen und Interessen gesprochen. Wichtig aber ist: Politik ist eine Aktivität. Sie ist veränderbar und gestaltbar. Das ist das Thema von Kari Palonens „The Struggle with Time. A Conceptual History of ‚Politics‘ as an Activity“ (2014).

Europa wurde geprägt von Akteuren dreier Religionen: „Christen, Juden, Muselmanen. Die Erben der Antike und der Aufstieg des Abendlandes 300 bis 1400 n. Chr.„. Das ist in dem gleichnamigen Buch von Michael Borgolte aus dem Jahre 2006 nachzulesen.

U.v.a.m. … .

Welches historische Buch, welcher geschichtliche Text hat Ihnen auf die Sprünge geholfen?

 

 

 

 

„Bei euch soll es nicht so sein.“ Eine Radioandacht über kirchliches Statusdenken

Vor einigen Monaten hat ein katholischer Hochschulpfarrer vorgeschlagen, man möge im Rahmen des sogenannten synodalen Weges auf jegliche Titel und Amtsbezeichnungen verzichten.[1] Der „Herr Bischof“ und der „Herr Pfarrer“ wären dann passé, ebenso aber auch die „Frau Professorin“ und der „Herr Doktor.“ Der Vorschlag des Hochschulpfarrers wurde diskutiert und abgelehnt.

Das ist tief in unserer bürgerlichen Seele drin: Der Wunsch nach Anerkennung unseres Standes: Ich habe etwas geleistet, also redet mich bitte so und so an. Die Kirche hat mich auf besondere Weise beauftragt, das soll im Alltag hör- und sichtbar sein.

Der Wunsch des Menschen nach Anerkennung ist richtig und wichtig. Wir leben von der Anerkennung und der Aufmerksamkeit, die uns andere Menschen schenken. Sie gründet in der Aufmerksamkeit, die Gott uns allen schenkt. Jesus hat diese Aufmerksamkeit Gottes in großzügiger Weise an die Menschen seiner Zeit weiter geschenkt.

Jesus kannte aber auch die Versuchung, die mit dem Wunsch nach Anerkennung einhergeht.[2] Dieser Wunsch kann sich verkehren in ein ständiges „Sich-Aufblasen“.[3] Titel machen es einem leicht, sich gegenüber anderen Menschen aufzublasen, wichtig zu tun, Macht auszuspielen.

Das gehört für mich zu dem gehörigen Nervpotential, das Kirche für den Glauben bereithält. Wenn in der Kirche in Kategorien von Status und Titel gedacht und gehandelt wird, dann muss man an Kirche schon mal vorbei glauben.

Jesus hat seinen Freunden deutlich gesagt, was er von solch einem Statusdenken hält: „Bei euch soll es nicht so sein.“ (Mk. 10, 42) Ist Jesu Aufforderung wirkungslos verpufft? Der Hochschulpfarrer, von dem eingangs die Rede war, hat sich das Anliegen Jesus mit seinem Plädoyer gegen die Titelhuberei zu Eigen gemacht. Viele andere aber nicht.

Der Status der Person, meist der Männer, gilt in der Kirche weiterhin sehr viel. Hilft es dem Glauben der Menschen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Lässt es den Glauben zum Stolpern kommen? In meinem Fall ist das so.

Jesus war in seiner Ablehnung von Statusdenken und Geltungssucht sehr explizit. Jesus wusste: Menschen mit Geltungssucht stehen dem Evangelium im Weg. Wer den Menschen die Frohe Botschaft bringen möchte, darf diese nicht mit seinem Ego zu Fall bringen. Er muss verzichten lernen, auch auf Titel und Status.

Mir scheint, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.

 

Dieser Text entstand als Teil einer Reihe von Morgenandachten für die Sender NDR Info und NDR Kultur, vgl. www.radiokirche.de

 

[1] https://www.katholisch.de/artikel/24608-pfarrer-berentzen-darum-braucht-es-eine-kirche-ohne-titel (Zugriff 15. April 2020).

[2] Vgl. Mt. 4, 1-11.

[3] Feldmeier, Reinhard 2012: Macht, Dienst, Demut. Ein neutestamentlicher Beitrag zur Ethik, Tübingen: Mohr Siebeck, 33.

Geschichte und Gedächtnis – ein Gedanke zu einem Gedanken von Maria Stepanowa

Einen interessante Gedanken habe ich bei der russischen Essayistin Maria Stepanowa gefunden. In der Literaturzeitung „Sinn und Form“ (2020/1) schreibt Stepanowa:

„Wie verhält sich das persönliche, mit Affekten und Projektionen dichtbesetzte Gebiet des Gedächtnisses zum faktenbasierten Reich der Geschichte? Sind ihre Territorien identisch? Haben sie zumindest eine gemeinsame Grenze? In welche Beziehung stehen sie zueinander?“ (ebd. 22).

Ich lese den Satz von Stepanowa so, dass sie von einer idealtypischen Unterscheidung ausgeht, nicht von zwei sich nie zusammenfindenden Polen. Denn objektive Geschichte und subjektives Gedächtnis sind so weit nicht voneinander entfernt. Das Allgemeine und das Besondere sind ja immer schon miteinander verquickt.

Der Hintergrund von Stepanowas Frage steht Feststellung, dass sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten der persönliche Antrieb, familiäres, örtliches Gedächtnis zu rekonstruieren enorm ausgeweitet habe. Menschen versuchen ihre eigene Geschichte zu schreiben und bemühen sich auf diesem Wege, Teil einer größeren Erzählung zu werden. Stepanowa schreibt:

„Jenseits des individuellen zeichnen sich die Konturen eines größeren Projekts ab, und mit einem Mal fühlt man sich aufgehoben in einem Gemeinschaftswerk.“ (19)

Solch eine – in nenne es einmal – Sinnsuche ist im Zeitalter der modernen Entwurzelung und nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts mehr als verständlich. Das Individuum sucht seine eigenen Wurzeln in den Irrungen und Wirrungen des Weltgeschehens. Kritisch wird es nur, wenn diese Sinnsuche dazu neigt, Geschichte zu glätten, Ungereimtes, Unschönes aus der Erzählung zu verbannen. Die russische Essayistin kann hier auf Erfahrungen aus ihrem eigenen Land verweisen.

Geschichte und Gedächtnis, vermeintlich Objektives und vermeintlich Individuelles bleiben aber stets aufeinander bezogen. Ich kann, wie Stepanowa es herzhaft tut, das eine nicht als dezidiert wichtig und das andere als gänzlich unwichtig bezeichnen (vgl. 22). Geschichte und Gedächtnis geben sich jeweils die Klinke in die Hand. Es handelt sich um eine Erzählung, freilich mit vielen unterschiedlichen Dimensionen.

Geschichte im Singular, wie Reinhart Koselleck einmal feststellt, besteht aus Geschichten im Plural. Denn das Gedächtnis, das ich mithilfe meines Familienstammbaumes mir aufbaue, ist verbunden mit den Höhen und Tiefen der Weltgeschichte, mit Kriegen, Migrationsbewegungen, Missernten, Neuanfängen. Und die objektive Weltgeschichte existiert nicht jenseits der menschlichen Handlungen, ist selbst wieder eine konstruktive Kreatur unserer Taten und Untaten, unseres Segens und Fluchens. 

Was heißt und ist Tagespolitik?

„Tagespolitik“ – das Wort mag in den letzten Wochen wenig Verwendung gefunden haben, da in Ausnahmesituation wenig von dem Alltäglichen gesprochen wird. Doch unter normalen Umständen – zu denen man ja hofft, bald zurückkehren zu können – wird das Wort häufig im Mund geführt.

Dabei kommt die Tagespolitik semantisch in (mindestens) zwei Bedeutungen vor:

 

„Tagespolitik“ beschreibend (deskriptiv)

Wenn jemand beschreibend über die Tagespolitik spricht, dann tut er dies meist aus der Sicht der politisch Handelnden. Es geht um das konkrete „Politiktreiben“, was Kari Palonen einmal mit dem Neologismus „politicking“ umschrieb (in: Four Times of Politics: Policy, Polity, Politicking, and Politicization, Alternatives, Jg. 28, Nr. 2, 2003).

Es geht in diesem Fall des „politicking“ dann erstens um das alltägliche Handeln von politischen Institutionen und den Menschen in diesen Institutionen. Es geht um Sitzungen, Anträge zur Tagesordnung, erste und zweite und dritte Lesung, kleine und große Anfragen, Redebeiträge zu unterschiedlichen Gesetzesvorhaben usw. In der Lokalpolitik geht es auch um die politische Befassung mit der Ausweisung neuer Baugebiete oder Naturschutzgebiete, die Vorbereitung auf eine Kommunalwahl, das mündliche und schriftliche Beantworten von Bürgerfragen u.v.a.m. Das Repertoire der tagespolitischen Aufgabenfelder und der konkreten Tätigkeiten – der Performanz – ist umfangreich, gerade in einem föderalen Staat mit seinen unterschiedlichen politisch-institutionellen Ebenen. Wer einen exemplarischen Eindruck gewinnen möchte von der Komplexität der Tagespolitik als alltäglichem politischen Handeln, der lese regelmäßig die Wochenzeitung Das Parlament. Oder man schaue sich auf der Internetseite der heimischen Kommune und deren Gremien, Räte, Ausschüsse um nach den Tagesordnungen, Anträgen, Verwaltungsschreiben usw.

Die Tagespolitiken (Plural!) in den jeweils anderen Settings (Länder, Kulturen, Traditionen) unterscheiden sich im konkreten Aussehen und Anfühlen zum Teil deutlich voneinander.  Das ist dann Gegenstand der vergleichenden politischen Forschung. Das gilt, zweitens, auch für die Tagespolitik, die an anderen Orten als den einschlägigen politischen Institutionen geschieht und oft nicht als Politik erkannt wird. Es handelt sich dabei um die Tagespolitik, die „Gelegenheitspolitiker“ (Max Weber) – die Aktvistin, der betroffene Bürger, die NGO, der Ortsverein – auf dem Feld der kollektiven Entscheidungsfindung treiben. Denn – eine Banalität – Politik wird nicht nur von den sog. Berufspolitikerinnen und -politikern betrieben, sondern von jedem Menschen, der sich über sein familiäres Umfeld hinaus in der kollektiven Meinungsbildung und Entscheidungsfindung engagiert. So gibt es also auch eine Vereinspolitik, Kirchenpolitik, Kulturpolitik und andere Tagespolitiken von Gelegenheitspolitiktreibenden.

 

„Tagespolitik“ wertend (evaluativ)

Es gibt die „Tagespolitik“ dann aber auch noch in einem wertenden Sinne. Wer evaluativ über die Tagespolitik spricht, tut dies meist aus der Sicht eines Beobachters. Man spricht dann „über“ die Politik, nicht als Teil der Politik.

Ich habe den Eindruck, dass die wertende Rede über Tagespolitik eigentlich fast immer eine abwertende Rede ist. Die Evaluation besteht meist aus einer rhetorischen Disqualifikation.  Metaphorisch wird dann von den „Niederungen“ oder dem „Geschäft“ der Tagespolitik gesprochen. Und von manchen politischen Ämtern – Monarch, Präsident usw. – wird behauptet, sie würden sich nicht mit der Tagespolitik beschäftigen bzw. über der Tagespolitik stehen. Das ist dann richtig, wenn man damit meint, dass diese Ämter auf bestimmte Formate der Tagespolitik – z.B. parlamentarische Prozedere – wenig formalen Einfluss haben. Gleichzeitig geht hier begriffliche Augenwischerei vor sich, da auch ein repräsentativ gedachtes Präsidentenamt zu jeder Stunde eine Tagespolitik eigenen Typus betreibt, nämlich die Tagespolitik eines repräsentativ gedachten Präsidentenamtes: Reden schreiben & halten, Besuche abstatten, Korrespondenz usw.

Die „Tagespolitik“ wird auch gerne den sogenannten grundlegenden – z.B. ethisch imprägnierten – politischen Fragen gegenüber gestellt. Diese rhetorische Gegenüberstellung übersieht aber, dass schon die Einteilung in tagespolitisches Geschäft und grundlegende Fragen eine politische Entscheidung ist, die man so treffen kann, aber nicht so treffen muss. Zudem ist der Übergang von tagespolitischen zu grundlegenden Fragen fließend, da auch jede grundlegende Frage im Rahmen des tagespolitischen Geschäfts besprochen, entschieden und letztlich umgesetzt werden muss und tagespolitische Themen schnell ein grundlegende Seite offenbaren.

Evaluativ steht „Tagespolitik“ für alles, was gemeinhin an dem vermuteten Alltag der Politik nicht geschätzt wird. „Tagespolitik“ als imaginierter Raum des Schlechten an der Politik stellt das Reservoir für gesellschaftliche Politikerschelte und Politikverdrossenheit dar. Dabei verdeckt die evaluative Lesart von „Tagespolitik“ die deskriptive Lesart fast vollkommen. Das eigentliche Tagesgeschäft der politisch Handelnden wird unter der Ab-/Wertung nicht mehr sichtbar. Ebenso verdrängt wird der Umstand, dass wir alle zu einem gewissen Maß Politik treiben: zu unterschiedlichen Gelegenheiten, an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Gruppierungen. Der rhetorische Vorwurf, das sei ja alles nur Tagespolitik, fällt damit schnell auf den Urteilenden zurück.

Das dritte Gedicht. Zur Metaphysik der Übersetzung.

Vor zwanzig Jahren begann ich, zu Weihnachten ein Gedicht zu schreiben und als Gruß zu verschicken. Statt Karten sozusagen. Die Zeit von Mitte November bis Mitte Dezember war ich mit dem Schreiben beschäftigt. Anschließend gin-gen die Briefe an Freunde und Familie. Dieser Rhythmus wiederholte sich Jahr für Jahr, stets mit einem neuen Gedicht.

Das Studium brachte mich um die Jahrtausendwende nach Schottland und in die Vereinigten Staaten. Zurück kam ich mit den Namen einiger neuer, englisch-sprachiger Bekannter in meinem Adressbuch. Der Verteiler für meinen Weihnachtsversand wurde damit internationaler. Das brachte die Notwendigkeit mit sich, den Versand des jährlichen Gedichts in sprachlicher Hinsicht barrierefrei zu gestalten. Ich begann also, meine Verse zu übersetzen. Auf der linken Seite des Blatts stand das deutsche Original, rechts eine englische Übersetzung. Diese Übersetzung war zu Beginn mehr als hemdsärmelig. Irgendwann fand sich eine kompetente Übersetzerin, die sich den englischen Text durchsah und die gröbsten Fehler beseitigte.

(…)

Es handelt sich hier um den Beginn eines Textes, der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Geist und Leben. Zeitschrift für christliche Spiritualität“ (2/2020) erschienen ist. Hier geht es zur Ausgabe.

Wer Interesse am ganzen Text hat, melde sich bei mir bitte per Email.

Siehe auch den älteren Beitrag Die Welt zwischen den Sprachen.

Ein Versuch über die körperliche Präsenz

Wir erleben derzeit einen großangelegten Feldversuch: Was heißt es, über einen längeren Zeitraum körperliche Distanz zwischen Menschen zu wahren? Wir sind derzeit aufgefordert, uns von Menschen zu distanzieren, uns von anderen fern zu halten. Dieses Gebot der Distanz bzw. Distanzierung bezieht sich auf die körperliche Nähe von (anderen) Menschen, denn von dieser körperlichen Nähe geht in Zeiten einer Pandemie eine unkalkulierbare Gefahr aus. Diese körperliche Distanz geht vielfach einher mit dem Bestreben, den Mitmenschen auf andere Weise als körperlich nahe zu sein: per Telefon, per Brief, per Videounterhaltung … .

So trifft man sich statt in einem physischen Raum in einem virtuellen Raum zu Besprechungen unter abwesenden Körpern. Man hört und schaut sich aber auch Konzerte auf dem Rechner an, die Musiker vom heimischen Wohnzimmer aus geben. Man sieht sich beim virtuellen Rundgang in einem Museum um. Und man schaut sich den Livestream eines Gottesdienstes an. In all diesen Geschehnissen ist man also irgendwie mit dabei, ist und nimmt teil ohne körperlich selbst präsent zu sein. 

Daniel Deckers schreibt in Bezug auf die daraus resultierenden Fragen für die Religionsgemeinschaften in der FAZ vom 11. April (S.1):

„Religion als kollektives, auf symbolische Kommunikation angelegtes und sich in gemeinsamen Körperpraktiken materialisierendes Sinnsystem ist aus der Öffentlichkeit nahezu vollkommen verschwunden. Das Internet ist dafür nur ein schaler Ersatz. Kein Bild kann Religion in ihrer Sinnlichkeit ersetzen, kein Ton das Überwältigende der Erfahrung gemeinsamen Hörens, Sprechens und vor allem des Singens ersetzen.“

Man muss Daniel Deckers in seinem apodiktischen Ton nicht folgen, doch seine grundlegende Diagnose des Problems scheint mir korrekt, und zwar nicht nur für die Religionsgemeinschaften: Die fehlende Körperlichkeit entzieht unseren religiösen, kulturellen, ästhetischen, intellektuellen Erfahrungen einen guten Teil ihrer Sinnhaftigkeit. Die Versuche der ausgebauten Online-Aktivitäten sind nie das Original, sondern der Ersatz.

Warum vollzieht sich beim Nicht-Original dieser Entzug von Sinn? Warum fühlt sich das Original „voller“ und „wirklicher“ an als der Ersatz?

Ein Vorschlag: Es fehlt beim Ersatz die mit der Körperlichkeit einhergehende Erfahrung von Aura. Man könnte auch sagen, die Atmosphäre geht verloren, wenn ich die Dinge  rein visuell und/oder akustisch wahrnehme ohne körperlich anwesend zu sein.  Damit geht die freilich bestreitbare Beobachtung einher, dass in seiner konkreten Leiblichkeit  der Mensch eine konkrete Situation auf spezifische Weise erfährt. Diese Spezifik bezieht sich auf das Besondere der zeitlichen und auf das Besondere der räumlichen Erfahrung. Beim Original wird nicht nur eine Auswahl von Sinnen angesprochen; alle Sinne tragen zur Erfahrung der Situation bei.

Christian Frevel buchstabiert dieses leibliche Erfahrungswissen in Bezug auf dessen biblische Quellen aus: Mund, Angesicht, Ohr usw. sind kommunikative Mittel. Aber sie sind auch mehr als das, da sie in ihrer Körperlichkeit weitergehende Sinnerfahrungen im kommunikativen Austausch mit der Umgebung ermöglichen (Christian Frevel 2016: Körper, in: Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt, 5. Auflage, 297ff.). Die Sinnesorgane sind keine kommunikativen Abstrakta. Sie sind konkrete Leiblichkeit. Sie sind Körper(teile), die mit ihrer Umgebung kommunizieren. Sie sind sozusagen leibhaftig.

Aura und Atmosphäre durch körperliche Präsenz geschieht einfach. Das ist aber einfacher gesagt als belegt. Wir erfahren Aura nämlich, ohne dass wir empirisch irgendeine Übertragung (Wellen, Strahlung, …) zwischen Körpern oder zwischen einem Körper und einem Gegenstand (z.B. einem Kunstwerk) belegen können. Aura haftet an den Dingen. Atmosphäre klebt an der konkreten zeitlichen und räumlichen Situation. Und dies beim Original viel mehr als bei der Kopie.

Weshalb pilgern Jahr für Jahre Tausende zur Mona Lisa in den Louvre, wenn man sie sich auch jederzeit als Poster ins Zimmer und als Hintergrundbild auf den Rechner holen kann? Weil sich Aura und Atmosphäre im körperlichen Mitdabeisein entwickelt und viel weniger in der (virtuellen) Vermittlung bzw. Repräsentation über Distanz hinweg. Diese distanzüberwindende Vermittlung ist keineswegs wertlos. Sie kann als vorübergehender Platzhalter wirken bzw. hilft bei funktional notwendiger Kommunikation sehr gut aus. Doch sie ist eben nicht das Original. Es handelt sich um eine Mangel-Erfahrung, die letztlich von der physischen Abwesenheit des Gegenübers perforiert ist.  Medien holen das Ferne in meine Gegenwart. Sie können die faktische Ferne aber nicht aus der Welt schaffen. Auf dem Weg der Vermittlung gehen die Dinge und auch die Menschen damit auch ihrer Aura verlustig.

Körperliche Präsenz und die damit einhergehende Erfahrung von Aura lassen sich also (noch ) nicht virtualisieren. Um die Aura des Anderen zu erfahren, muss ich in dessen räumliche Nähe treten. Ich muss mich sozusagen auch verbindlich dazu bekennen, für diesen Moment an Ort und Stelle zu sein. Ich pflege um des Anderen willen die vorbehaltlose Anwesenheit, auf jeden Fall äußerlich. Wenn ich in der Zeit und vor Ort in einer solchen Situation der Anwesenheit und Präsenz stecke, dann hat dies zur Folge, dass ich mich dieser Situation nur schwer entziehen kann. Ein Klick genügt nicht zum Entzug, sondern ich muss mich körperlich in Raum und Zeit bewegen und entfernen, dem Anderen gegenüber herausreden, der Situation sprichwörtlich den Rücken zu kehren. Die Verbindlichkeit der körperlichen Präsenz ist also in einem doppelten Sinn gegeben: Es braucht mein zeitliches und räumliches Bestreben, den Anderen nahe zu sein, in ihrer Anwesenheit zu sein. Es braucht aber auch einen ausgesprochen Willensakt, wenn ich diese Präsenz abbrechen möchte. Körperliche Präsenz schafft so Verbindlichkeit, ob ich es will oder nicht.

Das ist das Opfer körperlicher Präsenz: Ich setze mich der Macht der Aura des Anderen aus und gebe mein implizites Einverständnis, von dieser Aura womöglich verändert zu werden. Der willentliche Entzug dieser Aura durch körperliches Entfernen birgt ebenso die Gefahr, Opfer von Verletzung zu werden.  Das macht die körperliche Anwesenheit so wertvoll. Gleichzeitig wächst die Versuchung, dem Veränderungs- und Verletzungsrisiko, die mit der Aura des Anderen einhergehen, im virtuellen Raum aus dem Weg zu gehen. Wir halten uns die Dinge dann sprichwörtlich vom Leib. Für eine gewisse Zeit kann man dies machen. Auf die Dauer freue ich mich wieder auf die Atmosphäre des Originals: im Museum, im Gottesdienst, im Fußballstadion, im Leben überhaupt.

Österlicher Nachtrag: