Praktische Hinweise zur Gestaltung der Kar- und Ostertage zu Hause

Wie kann man die Kar- und Ostertage verbringen, wenn keine Gottesdienste in den Kirchen gefeiert werden?

Anbei folgen einige praktische Hinweise – von einem Laien für die Laien – mit denen man sehr individuell umgehen kann.  Wählen Sie einfach aus, was zu Ihnen und Ihrer Situation passt.

Im folgenden steht EG für Evangelisches Gesangbuch und GL für katholisches Gotteslob. Sie können die Bibelversion nutzen, die Sie gewohnt sind, gerne auch online. Die abgedruckten Gebete stammen entweder aus dem katholischen Benediktionale oder aus dem katholischen Messbuch.

Palmsonntag

Nutzen Sie einfach einen der vielen Vorschläge im Netz für Hausgottesdienste, z.B. die hilfreichen Tipps des Bistums Hildesheim bzw. des Erzbistums Freiburg. Hinweise zu den Lesungen für die Kar- und Ostertage gibt es auch beim Katholischen Bibelwerk. Wenn Sie mögen, schneiden Sie sich den Zweig eines Buchsbaums oder einer anderen immergrünen Pflanze aus dem Garten und legen sie ihn auf den Tisch.

Gründonnerstag

Auch hier können Sie wieder einen der vielen liturgischen Vorschläge nutzen, z.B. jene des katholischen Deutschen Liturgischen Instituts.

Sie können aber auch ganz sparsam vorgehen und einfach nur das Evangelium vom Gründonnerstagabend gemeinsam lesen; gerne auch in verteilten Rollen: Erzählerin, Jesus, ein Jünger, Pilatus, … .

Zum Tagesevangelium passt in diesem Jahr besonders der Ritus der Fußwaschung. Diese kann man auch zu Hause durchführen. In diesen Zeiten der sozialen und körperlichen Distanzierung ist es sogar ein schönes Zeichen, wenn man anderen Menschen in der Hausgemeinschaft die Füße wäscht. Vorschlag: Sollten Sie alleine zu Hause sein, können Sie auch ein warmes Fußbad nehmen.

Sie können in den Abendstunden ein schönes Essen, sozusagen ein „Abendmahl“, gemeinsam einnehmen. Beten Sie vor und nach der Mahlzeit ein Tischgebet. Im Verlauf des Essens können Sie eines der anderen Evangelien zum Abend lesen, z.B. Markus 13, 12-25. Gönnen Sie sich ein Glas Wein oder Traubensaft und denken dabei an den Abend, den Jesus mit seinen Jüngern bei Tisch verbrachte. Wenn Sie alleine sind, können Sie sich telefonisch oder über Skype mit einer anderen Person verabreden und so gemeinsam den Abend verbringen. 

Für den späteren Abend eignet sich eine „Nachtwache“.  Diese kann beliebig lang sein. Setzen Sie sich einfach, wenn bei Ihnen Ruhe eingekehrt ist, auf einen bequemen Stuhl, zünden eine Kerze an (gerne auch LED) und lesen z.B. Mk. 13, 26-72. Anschließend halten Sie etwas Stille. Auf diese Weise hat man Anteil an der Geschichte des Leidens und Sterbens Jesu Christi: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt.“ (Mk 14, 38). Wer will kann zu Beginn und zum Abschluss den schönen Taizé-Gesang „Bleibet hier“ singen (EG 787, 2/ GL 286).

Karfreitag

Soweit es Ihnen in der momentanen Situation möglich ist: Nutzen Sie den Tag für einen Spaziergang. Besuchen Sie vielleicht eine Kirche, die offen steht. Essen Sie zu Mittag nur eine Suppe. Schränken Sie Ihre Medien- und Smartphonenutzung ein.

Legen Sie zur Todesstunde Jesu (15:00 Uhr) ein Holzkreuz in Ihre Mitte. Lesen Sie eine der Passionsgeschichten, z.B. Lk. 22, 39 – 23, 55, gerne wieder in verteilten Rollen.

Beten Sie anschließend für andere Menschen:

  • für Menschen, die das Wirken der Kirche(n) mittragen,
  • für Menschen in Ihrer Kommune und Nachbarschaft,
  • für Menschen in Not,
  • für kranke Menschen und jene, die sich um sie kümmern, besonders für alle Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind und deren Helferinnen und Helfer,
  • für Ihre Familienangehörigen und befreundete Personen,
  • für die Gläubigen anderer Religionen, 
  • für Menschen, die Verantwortung für andere tragen,
  • für die Toten und die Trauernden.

Schließen Sie mit einem ‚Vater unser‘.

Karsamstag

Kennen Sie schon den Ritus der Speisesegnung? Tragen Sie dafür verschiedene Speisen für das Osterfrühstück in einem geschmückten Korb zusammen:

  • ein Osterbrot – das lässt sich auch mit Kindern zusammen backen – ;
  • etwas Wurst und Käse;
  • Eier, gerne auch gefärbt und aus Schokolade;
  • was Sie sonst noch so gerne essen.

Beten (oder singen) Sie aus Psalm 145:

„Aller Augen warten auf dich und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.“

und/oder

„Herr, du bist nach deiner Auferstehung deinen Jüngern erschienen und hast mit ihnen gegessen. Du hast uns zu deinem Tisch geladen und das Ostermahl mit uns gefeiert. Segne + dieses Brot, die Eier, das Fleisch und all die anderen Speisen und sei auch beim österlichen Mahl in unseren Häusern unter uns gegenwärtig. Lass uns wachsen in der geschwisterlichen Liebe und in der österlichen Freude und versammle uns alle zu deinem ewigen Ostermahl, der du lebst und herrschst in alle Ewigkeit.“

 

Osternacht

Vielleicht hatten Sie in den vergangenen Tagen Zeit, eine Osterkerze zu gestalten. Wenn nicht, dann nehmen Sie einfach eine Kerze zur Hand, sagen zu ihr: „Du bist meine Osterkerze.“ Voilà: Sie haben eine Osterkerze!

Sobald es in der Nacht von Samstag auf Sonntag dunkel ist, können Sie Ihre Kerze entzünden. Stellen Sie die Kerze in ein Glas und gehen Sie damit auf den Balkon, auf die Terrasse oder in den Garten. Sie können beten:

„Allmächtiger, ewiger Gott. Du hast durch Christus allen, die an dich glauben, das Licht deiner Herrlichkeit geschenkt. Segne dieses neue Licht, das die Nacht erhellt, und entflamme in uns die Sehnsucht nach dir, dem unvergänglichen Licht, damit wir mit reinem Herzen zum ewigen Osterfest gelangen. Darum bitten wir durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen“

Anschließend gehen Sie an Ihren Küchentisch, stellen die Kerze dort ab. Sie können den kurzen Osterhymnus singen: „Christ ist erstanden“ (GL318/19 bzw. EG 99).

Wählen Sie einen „Halleluja“-Gesang aus, der Ihnen gefällt, z.B. GL 174/175 bzw. EG 181. Anschließend lesen Sie das Osterevangelium: Mt. 28, 1-10. Was sagt Ihnen dieses Evangelium in der Situation, in der Sie sich gerade befinden?

Es kann ein Gebet folgen, z.B. angelehnt an das katholische Messbuch:

„Gott. Du bist deinem Volk nahe, das wachend und betend diese Osternacht feiert. Du hast uns wunderbar geschaffen und noch wunderbarer wieder hergestellt. Wir denken an deine großen Taten und bitten dich: …“

– für alle Christinnen und Christen auf der Welt, besonders für jene die in diesem Jahr keine Osterliturgie feiern können: wg. der Corona-Pandemie, weil es in ihrem Land keine Religionsfreiheit gibt, weil Konflikte das soziale Leben lähmen.

– für die Familie, die Nachbarn, Freunde und besonders für die Älteren und Einsamen unter uns: dass die Osterfreude vor keinem Halt macht;

– für die Menschen in den Krankenhäusern: dass die Kranken genesen und die, die sie pflegen und versorgen, geschützt sind;

– für Menschen, die in Kriegsgebieten leben: dass sie Frieden erfahren;

– für Menschen, die besonderen Trost benötigen: nennen Sie gerne Namen;

– für unsere Toten.

Schließen Sie mit einem Vater unser.

Sprechen Sie gemeinsam das Segensgebet, das Paulus in seinem 2. Korintherbrief formulierte:

„Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen“

Genießen Sie jetzt gerne die hereinbrechende Nacht bei einem Glas Wein, einer Limo und schauen Sie Ihrer Osterkerze zu, wie sie herunterbrennt. Haben Sie Kinder im Haus? Vergessen Sie dann nicht die Ostereier zu verstecken für den Ostermorgen. Freuen Sie sich auf das Osterfrühstück.

Ostersonntag & Ostermontag

Wählen Sie einen von den vielen liturgischen Vorschläge, wie sie im Netz zu finden sind. Oder Sie lesen einfach eines der Osterevangelien, z.B. Joh. 20, 1-18, und singen dazu ein ‚Halleluja‘.

Für den Ostermontag eignet sich besonders die Emmaus-Geschichte in Lk. 24, 13-35.

Frohe Ostern!

 

Für die regelmäßige Leserschaft: Nach den Ostertagen werden hier wieder reguläre rotsinn-Beiträge erscheinen.

Ökumenisches Hausgebet in Zeiten von #Corona

Sollten Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wie ich aktuell auf dem spirituell Trockenen sitzen, da alle öffentlichen Gottesdienste bis auf weiteres abgesagt sind, dann kann man zu der Form eines Hausgebets greifen. Sonntags, werktags, alltags.

Doch mit welchen Elementen kann man ein solches Hausgebet bestreiten? Ich stelle ich hier einen möglichen Ablauf vor. Viele andere Varianten sind möglich. Diese kleine Feier kann wahlweise am Morgen oder am Abend gebetet werden, gerne auch am Familientisch oder mit einem Freund oder einer Freundin, gerne auch in ökumenischer Verbundenheit.

Die einzelnen Elemente stammen entweder aus dem katholischen Gotteslob (GL) oder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG). Die weiteren Elemente stammen aus der Bibel; in der Wahl der Übersetzung sind Sie frei.

Möglicher Ablauf:

  • Entzünden Sie eine Kerze. Legen Sie bei Bedarf ein Tischkreuz in die Mitte und stellen eine Ikone oder ein anderes passendes Bild dazu. Wenn Sie wollen, das andere mithören können, öffnen Sie ein Fenster … .
  • Sprechen Sie: „Wir beten im Namen Gottes. Wir beten gemeinsam mit Jesus Christus. Wir beten in der Kraft des Heiligen Geistes.“
  • Singen Sie ein passendes Lied oder sprechen Sie die entsprechenden Strophen. Derzeit passen aus meiner Sicht gut: Aus der Tiefe (GL 283, GL 277, EG 299), Wer nur den lieben Gott (GL 424, EG 369), Solang es Menschen gibt auf Erden (GL 425, EG 427), Von guten Mächten (GL 430, EG 65), Gott ist gegenwärtig (GL 387, EG 165).
  • Beten Sie einen Psalm aus der Bibel. Derzeit passen aus meiner Sicht: Ps. 139, Ps. 91, Ps. 23, Ps.107, Ps. 30.
  • Lesen Sie die Tageslosung oder lesen eine Passage aus der Bibel, wie sie von der Schott-Tageslesung vorgeschlagen wird.
  • Halten Sie einige Momente Stille: Welche Empfindungen, Gefühle, Gedanken kommen in mir hoch? Wenn Sie wollen: Tauschen Sie sich über die Passage aus der Bibel aus. Kommen Sie nicht so sehr ins Diskutieren. Lassen Sie stehen, was der/die andere sagt.
  • Singen Sie ein einfaches Kyrie (Erbarme Dich Gott), z.B.: GL 154, 155, 157; EG 178/9, 178/11.
  • Formulieren Sie ein freies Gebet als Fürbitte. Nennen Sie ruhig die Menschen, für die Sie beten wollen, mit Namen.
  • Oder beten Sie in folgenden Worten: „Gott. Wir fragen uns, wo wir stehen. Wir wissen nicht genau, was noch kommt. Gehe den Weg mit uns, der vor uns liegt. Schenke allen Menschen in unserem Land, die wichtige Entscheidungen treffen, Weisheit und Umsicht: in unserer Stadt/in unserem Dorf; in unserem Landkreis/Bezirk; in unserem Land. Schenke den kranken Menschen Deine Nähe; und allen, die sich um sie kümmern, innere Stärke und Gesundheit. Schenke allen Nachbarn, Freunden, Familien Netzwerke der Unterstützung und den Zusammenhalt, den sie brauchen. Lass die Kirchen ein Zeichen Deines Beistands für die Menschen sein. Stärke die Völker in ihrer Verbundenheit untereinander. Geh mit den Sterbenden ihren letzten Weg. Gib den Toten Deinen Frieden. Lass uns alle zum Zeichen Deines Segens füreinander werden. Heute, morgen und in Ewigkeit. Amen.“
  • Beten Sie: „Vater unser im Himmel …“
  • Sprechen Sie einen Segen, z.B.: „Der barmherzige Gott segne uns, Vater, Sohn und Heiliger Geist.“
  • Löschen Sie die Kerze … .

Machen Sie andere Menschen auf diese oder andere Formen des Hausgebets aufmerksam. Danke!

Und: Bleiben Sie auch nach dem Abklingen der momentanen Situation am häuslichen Gebet dran!

 

(Für meine regelmäßigen Leserinnen & Leser: Mir sei diese Art des nicht-wissenschaftlichen Fastenbrechens verziehen. Danke für das Verständnis.)

 

 

 

Das Schweigen als absichtsvolle Nichtkommunikation

In dem Buch eines Sozialwissenschaftlers lese ich, dass Schweigen „absichtsvolle Nichtkommunikation“ ist.[1]

Wer schweigt ist nicht einfach still, sondern er oder sie wählt die Stille als eine Form des besonderen Ausdrucks. Mit Bedacht schweigen wirkt nämlich nach. Oder wie geht es uns, wenn unser Brief oder eine Email unbeantwortet bleiben? Gewiss, es gibt auch Unachtsamkeit und das Vergessen. Aber es gibt eben auch die Möglichkeit, dass jemand absichtsvoll nicht kommuniziert. Dass eine Angelegenheit verschwiegen wird. Die dadurch vermittelte Botschaft ist vage und unbestimmt, aber gerade darum voller Hinterfragung.

In der Fastenzeit bereiten wir uns auf Ostern vor. Für viele Menschen gehört zu dieser Vorbereitung zumindest auch der Versuch, etwas Besinnung zu finden. Die Kirchen unserer Städte und Dörfer laden dazu ein, inmitten des inneren und äußeren Trubels einige Augenblicke in Stille zu verharren. „Sieben Wochen ohne inneren und äußeren Lärm“ könnte man sich zum Beispiel wünschen.

Aber eine Zeit der „absichtsvollen Nichtkommunikation“ ist auch die Fastenzeit nicht. Der berufliche und private Alltag nimmt keine Rücksicht auf unser Fasten-Bedürfnis. Die Chefin meldet sich mit ihren Wünschen. Wir planen den Osterurlaub und feiern weiterhin Geburtstage. Wer sich durch sein Schweigen und seine Abwesenheit all dem verweigert, zieht sich den Unwillen seiner Mitmenschen zu.

Trotzdem eignet sich die Fastenzeit dazu, sich auch selbstkritische Fragen zu stellen. Gibt es bei mir überhaupt Zeiten, zu denen ich absichtsvoll den Mund halte? Muss ich zu allem und jedem meine Meinung sagen? Wie viel Geschwätz von mir müssen meine Mitmenschen eigentlich ertragen? Wäre es nicht gesünder, ich schwiege manchmal?

„Es gibt eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden.“ So lese ich es im Buch Kohelet (3, 7) im Alten Testament der Bibel. Die Balance, das Gleichgewicht, das rechte Maß zwischen Schweigen und Reden macht es also. Und das Wissen, wann das eine und wann das andere dran ist.

Ich nehme diese Fastenzeit also zum Anlass, mich um ein gutes Gleichgewicht zwischen der absichtsvollen Kommunikation und der absichtsvollen Nichtkommunikation zu bemühen. In diesem Sinne bleiben mein Blog und mein Twitter-Kanal für die nächsten sieben Wochen stumm.

 

[1] Peter Fuchs 1989: Die Weltflucht der Mönche. Anmerkungen zur Funktion des monastisch-aszetischen Schweigens, in: Niklas Luhmann & Peter Fuchs 1989: Reden und Schweigen, Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 22.

Überarbeiteter Text einer Radioandacht aus dem Jahr 2012.

Über Rituale und Routinen

Als Reaktion auf meinen Beitrag zum Ritualdesign werde ich gefragt, was der Unterschied zwischen Ritualen und Routinen sei. Ein spontaner Versuch der Unterscheidung:

Rituale und Routinen haben gemeinsam:

  • ihren Wiederholungscharakter: Beide leben von einem Wiedererkennungsmerkmal, wobei ich den Verdacht hege, dass Routinen sich in höherem Tempo wiederholen als Rituale. Rituale können auch nur einmal jährlich – zum Beipiel zu Weihnachten – abgerufen werden; von Routinen würde man erwarten, dass sie häufiger – täglich, wöchentlich – vorkommen.
  • ihre Regelhaftigkeit: Rituale und Routinen unterliegen beide einem gewissen Schema der Abfolge und des Ablaufs. Ich stehe morgens auf, schaue in den Spiegel, wasche mir das Gesicht: eine klassische Routine. Hier macht sich aber auch ein Unterschied bemerkbar: Die Regeln der Routinen sind weniger ausdrücklich als die Regeln von Ritualen. Auch können die Regeln von Routinen schneller und spontaner verändert werden. Überhaupt würde man auch nicht von Regeln im normativen Sinne sprechen, sondern nur von Regeln im Sinne einer Regelhaftigkeit. Eine bestimmte Handlungsfolge kehrt immer wieder, sie muss aber nicht so wiederkehren.

Und so sind wir bei einigen Unterschieden:

  • Die Regeln der Rituale sind starrer als die Regelhaftigkeit von Routinen. Wie im vorangegangenen Text zum Ritualdesign angemerkt, sind aber auch die Ritualregeln keineswegs starr. Nichts auf der Welt ist unveränderlich, auch Rituale nicht. Routinen schon gar nicht.
  • Die Ritualregeln sind starrer, da sie oft auf einer – manchmal auch nur impliziten – Absprache im Kollektiv beruhen. Wenn Rituale spontan verändert werden, erzeugt dies im Kollektiv eine Irritiation und generiert Reaktionen, da die Erwartbarkeit des Regelablaufs unterlaufen wird. Routinen beziehen sich weniger auf Kollektive. Von Routinen spricht man eher mit Bezug auf das Handeln und Verhalten von einzelnen Menschen bzw. kleinen Gruppen.
  • Rituale – religiös wie mundan – fügen den regelmäßigen Handlungen eine übergeordnete Sinnebene hinzu bzw. sie streben diese Ebene an. Man praktiziert Rituale nicht nur, weil sie so schön sind und Spaß machen. Rituale beanspruchen, Bedeutung mit sich zu tragen. Routinen strukturieren zwar den Alltag in hohem Maße, tragen in sich aber keinen höheren Sinn.

Bei allen Unterschieden: Rituale und Routinen sind durch ein Kontinuum miteinander verbunden: Routinen können zu Ritualen sich auswachsen. Aber auch Rituale können so routinenhaft daherkommen, dass man ihre höhere Bedeutungsebene umsonst sucht.

Macht das Sinn? Nutzen Sie gerne die Kommentarfunktion!

Aus dem Leben eines Ritualdesigners

Ich sei ein Ritualdesigner, sagte man mir die Tage einmal.

Das Wort blieb bei mir hängen. Ich frage mich: Was tue ich genau, was mit Ritualen und ihrem Design zu tun hat? Warum handle ich so, wie ich es tue?

Rituale prägen unterschiedliche „Anlässe und Zwecke“, wie ich in einem Lexikonartikel nachlese (Bernhard Lang: Ritual/Ritus, in: Cancik/Gladigow/Kohl: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Band IV, 1998: 450). Rituale können zyklisch also wiederkehrend vorkommen oder einmalig sein (ebd. 451). Solche Anlässe oder Zwecke von Ritualen können mit Erinnerung zu tun haben oder persönliche und kollektive Übergänge biografischer Natur markieren. In dem erwähnten Artikel werden eine Reihe weitere Anlässe aufgeführt.

Ich bin kein Religionswissenschaftler oder Ethnologe. Doch anekdotische Alltagserfahrungen haben mich gelehrt, dass überall dort, wo ich mich eines gewissen Ereignisses erinnere – entweder im individuellen/familiären Kontext oder als Teil einer größerer Gemeinschaft – Rituale ins Spiel kommen. Beispiele sind: Geburtstage, Namenstage, Hochzeitstag, Allerseelen, Weltkriegsgedenken, Nationalfeiertag. Ritualisierung geschieht auch bei absehbaren Übergangserfahrungen, bei den Schwellen zwischen dem einen und dem anderen biografischen Stadium. Meiner Erfahrung nach überlappen sich hier oft individuelle Sphäre und kollektive Sphäre. Man bleibt bei diesen sog. „rite du passage“ also nicht unter sich, sondern feiert den Übergang als Teil einer Gemeinschaft: zum Beispiel Taufe, Erstkommunion, Firmung/Konfirmation, Hochzeit, Bestattung. In anderen Kontexten auch Jugendweihe, Beschneidung, Bat Mizwa usw.

Das Interessante an diesen Ritualen ist: Sie erwecken den Anschein einer großen Selbstverständlichkeit und Formalität. Rituale unterliegen bestimmten Regeln, die ihnen eine Orientierungsfunktion in Phasen größererUngewissenheit verleihen sollen. Rituale wirken ehrwürdig, alt, bewahrenswert. Doch auch diese konventionellen, regelhaften Rituale sind historisch gewachsen, haben sich weiterentwickelt, unterliegen wie alles historisch Gewachsene einem mehr oder minder bewussten Design. Rituale fallen nicht vom Himmel.

Historisch lässt sich dies gut an dem Beispiel der sogenannten Ritualisten sehen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der anglikanischen Kirche bewusste Ritualneuerung betrieben. Dies taten sie aber immer mit dem Selbstverständnis und dem Selbstbild, dass sie auf alte kirchliche Traditionen zurückgreifen würden. Die neuen/alten Rituale sorgten in der anglikanischen Kirche zeitweilig dann auch für gehörigen Wirbel. Denn an den äußeren Ritualen vermutete man den inneren Geist einer Person ablesen zu können. Ritualpraxis und Ritualpolitik liegen gelegentlich eng beieinander.

Ritualdesigner geben sich also gerne als Traditionalisten aus, sind dabei aber sehr innovativ unterwegs. Normatives und Kontingentes gehen bei dieser „Arbeit am Ritual“ (ebd. 458) Hand in Hand. Es gibt die Ritualdesigner innerhalb der Religionsgemeinschaften. Aber auch außerhalb von Religionen werden weiterhin viele Rituale erfunden, designed, in die Welt gesetzt. Das macht ein Sammelband aus dem Jahr 2012 zum Thema deutlich. Wer Rituale bewusst designed, intendiert einen Zuwachs an Sinn und Bedeutung für Erfahrungen der empfundenen Erinnerung, des empfundenen Übergangs, der Wiederholung. In der Religion und außerhalb der Religion.

Ritualdesign ist dabei immer auch Alltagsgestaltung. Das macht sie auch für Laien wie mich interessant. Denn im Alltag bewährt sich das, was das Ritual in Erinnerung rufen möchte. Und das Ritual hilft dem Alltag zu einer gewissen Struktur. Designte Rituale entstammen also dem Bedürfnis, dem Alltag an gewissen Nahtstellen Sinn und Bedeutung zuzuschreiben: in Worten, in Handlungen, in sich wiederholender Performanz. Eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen, auf die Knie gehen, ein Lied singen u.v.a.m. Das Leben eines Ritualdesignern überbrückt ständig den Graben zwischen alt und neu, Tradition und Innovation. Gut ist, wenn man sich dessen bewusst ist.

Die ewige Mangel an wahren Intellektuellen

In unseren westlichen Gesellschaften scheint ein ewiger Mangel an wirklichen Intellektuellen zu herrschen. Auf jeden Fall werden in regelmäßigen Abständen entsprechende Diagnosen ausgesprochen. Erst jüngst las ich in einer Buchanzeige den offenbar verkaufsfördernd gemeinten Aufruf: „Neue Intellektuelle braucht das Land.“ Nach Intellektuellen ist eine Gesellschaft anscheinend immer auf der Suche. Man erhofft sich von ihnen Orientierung, weise Worte und Klarheit für die Zukunft eines Landes. Und da in unseren Gesellschaft es offenbar notorisch an Orientierung fehlt, muss es wohl so sein, dass es keine eigentlichen Intellektuellen mehr gibt, denn diese könnten ja für Klarheit sorgen.

Man kann diesen Ruf nach den Intellektuellen bzw. die Klage nach dem Verlust der wahren Intellektuellen fast schon einen Topos der gesellschaftlichen Selbstverständigung bezeichnen. Der Theologe Jaroslav Pelikan (1923-2006) konnte schon 1966 davon berichten, dass es zwischen den Intellektuellen und der Gesellschaft zu einer Entfremdung gekommen sei: „The alienation  between all intelltuals and their culture is a recurring theme of books published in recent years.“ (in: The Christian Intellectual, London:1966, 18). Die Zeit eines paradiesischen Urzustands einer mit der Gesellschaft versöhnten und in ihr zahlreich beheimateten Intellektuellen gehört der Vergangenheit an. Früher, so möchte es der Topos, früher gab es sie noch, die Intellektuellen. Heute jedoch machen sie sich rar.

Diesem Topos hat der britische Intellektuelle  Stefan Collini ein ganzes Buch gewidmet. In „Absent Minds. Intellectuals in Britain“ aus dem Jahr 2006 folgt Collini dem Topos des verlorenengegangen Intellektuellen durch das britische 20. Jahrhundert. Sein Buch beginnt mit der treffenden Diagnose: „Perhaps the most common assumption about any book announcing ‚intellectuals in Britain‘ as its theme is that it will be short.“ (ebd.: 1). Collini identifiziert in den britischen Debatten eine, wie er es nennt, „tradition of denial“ (12), also eine Konvention, die Existenz von Intellektuellen in der britischen Gesellschaft überhaupt zu verneinen.

Wer nicht ganz so weit gehen will, die Existenz von Intellektuellen gänzlich abzustreiten, der wird dennoch häufig eine Lagebeschreibung vernehmen, welche Collini ebenfalls diskutiert: Heute sei es kaum noch möglich, dass ein einzelner Mensch den Status eines oder einer Intellektuellen mit Rang und Namen erreicht. Zum einen, so Collini, habe es den Anschein, dass die zunehmenden fachliche Spezialisierung dies unmöglich mache. Wer kann sich denn noch erdreisten, von dem eigenen, fachlich eingeschränkten Standpunkt aus allgemein gültige  Äußerungen über dieses oder jenes Thema an die Öffentlichkeit zu richten. Collini urteilt richtig, wenn er über die Spezialisierung und Ausdifferenzierung der Fachdiskurse schreibt: „It is one of those processes which, classically, each generation feels has gone too far in its own time“ (452). So kommt dann auch jede Generation neu zu der Erkenntnis, dass die Intellektuellen dieser Spezialisierung nichts mehr entgegen zu setzen haben und folglich abgedankt haben.

Der zweite Prozess, welcher den Ruf nach der Rückkehr der wahren Intellektuellen anfeuert, sei, so Collini, der wachsende Einfluss von „celebrity“ (473). Man bewegt sich (scheinbar) weg von der Autorität des bildungsbürgerlich sozialisierten Intellektuellen hin zu einer alles durchdringenden egalitären Populärkultur, die allen zugänglich ist. Influencer kann ja letztlich jede/r werden, der einen Internetzugang hat. Dieses kulturpessimistische Argumentationsmuster ist in Bildungdiskursen sehr häufig  anzutreffen, da wundert es nicht, dass der Mangel an wahren Intellektuellen ebenfalls mit dem vermeindlichen Verfall der Autorität des Wissens und des informierten Urteils begründet wird.

Noch lebt Jürgen Habermas. Aber wenn er einmal nicht mehr da sein sollte, dann werden hierzulande sicher auch die Stimmen erschallen, die davon sprechen werden, dass nun der letzte wahre Intellektuelle deutscher Sprache von uns gegangen sei. Denn die wahren Intellektuellen gibt es immer nur im Präteritum. Oder sie gibt es nur jenseits der eigenen Landesgrenzen. Auf jeden Fall immer: anderswo. Die wahren Intellektuellen lebten einst in diesem bildungsbürgerlichen Garten Eden, aus dem wir schon lange mit dem Schwert von Pisa-Studien, Bolognareformen usw. vertrieben wurden. Einem Garten Eden, den niemand je selbst mit eigenen Augen gesehen hat, von dem aber alle in Verzückung sprechen. Unter uns Normalsterblichen gibt es nur noch die Epigonen, die kleinen Lichter, die unserem Bedürfnis nach Orientierung und Klarheit nicht abhelfen können. Das taugt dann auch wieder für eine nächste Buchpublikation aus dem Sujet der Gegenwartsdiagnostik.

Über Resonanz und Horizontverschmelzung oder: Was Hartmut Rosa und Hans-Georg Gadamer gemeinsam haben.

Zufällig lese ich Hartmut Rosas Essay „Unverfügbarkeit“ aus dem Jahr 2008 unmittelbar im Anschluss an Hans-Georg Gadamers Buch „Wahrheit und Methode“ aus dem Jahr 1960. Dieser Zufall ermöglicht mir sozusagen eine der unverfügbaren Resonanzerfahrungen, von denen Rosa in seinem Essay schreibt.

Beim zufälligen Nacheinander-Lesen der beiden ungleichen Bücher fällt mir folgendes auf:

Die Erfahrung von Resonanz, von welcher Hartmut Rosa schreibt, ist der Erfahrung von Horizontverschmelzung, die Hans-Georg Gadamer thematisiert, nicht unähnlich. Man könnte sagen, dass Resonanz und Horizontverschmelzung begriffliche Geschwister an unterschiedlichen diskursiven Orten sind.

Hans-Georg Gadamer interessiert sich in „Wahrheit und Methode“ für die Grundlinien unseres Verstehens von Texten, Worten, Kunstwerken oder allgemein: Erfahrungen. Das meint der Untertitel seines Werkes: „Grundzüge einer philosophischen Hermeutik“. In diesem hermeneutischen Kontext nutzt Gadamer die Metapher von der Horizontverschmelzung und meint damit folgendes:

Die Erfahrungen, welche wir mit den uns umgebenden Personen, Dingen, Phänomenen unserer (Um-)Welt machen resultieren bei genauer Betrachtung in der Erkenntnis, dass sich die saubere Unterscheidung in Subjekt und Objekt, ich und Welt so nicht halten lässt. In vielfacher Weise sind diese vermuteten Pole aufeinander bezogen und miteinander verflochten. Auch erleben wir unser Leben und die Geschichte als solche, die sich uns in der Überlieferung zeigt, nicht als viele einzelne, in sich abgeschlossene Ereignispunkte, sondern als ein Kontinuum von ineinander fließenden Erfahrungshorizonten. Gadamer schreibt in „Wahrheit & Methode“ (hier zitiert nach der 6. Auflage, Tübingen, 1990):

Jedes Erlebnis hat implizierte Horizonte des Vorher und Nachher und verschmilzt zuletzt mit dem Kontinuum der im Vorher und Nachher präsenten Erlebnisse zur Einheit des Erlebnisstroms. (249)

Der Verständnishorizont, in welchem ich mich als Verstehender bewege, ist also niemals fix und fertig. Dieser Horizont, als „der Gesichtskreis, der all das umfaßt und umschließt, was von einem Punkt aus sichtbar ist“ (307), bewegt sich mit mir mit. Der Horizont endet nie, ist nicht vollendbar und damit auch in Rosas Sinne unverfügbar. Wenn ich ein historisches Ereignis oder einen Text verstehen möchte, muss ich mich, so Gadamer, mitsamt meinen Vorverständnissen und Vorurteilen in den Horizont dieses Ereignisses oder Textes hineinversetzen lassen. Mein Horizont und der Horizont dessen, das oder den ich verstehen möchte, müssen miteinander überlappen bzw. verschmelzen. Nur so kann ich verstehen bzw. zu verstehen beginnen. Verstehen, was der Text oder das Ereignis mir sagen möchte.

Solch eine Horizontverschmelzung kann einem, so Gadamer, die „ganze Würde der hermeneutischen Erfahrung“ (492) vermitteln, welche darin besteht, „daß hier nicht unter Bekanntes eingeordnet wird, sondern daß, was in der Überlieferung begegnet, uns etwas sagt“ (ebd.). Und weiter. Verstehen ist eine „echte Erfahrung, d.h. Begegnung mit etwas, das sich als Wahrheit geltend macht“ (493). Die Begegnungen und Erfahrungen, die mir zustoßen, haben also eine Bedeutung, vermitteln einen Sinn und öffnen sich in meine Richtung mit einer Aussage; der Inhalt dieser Aussage bleibt oft genug diffus oder äußert sich als ein intrinsisch geborener Auftrag. Die Aussage tritt also nicht einfach von außen an mich heran, sondern wird vielmehr durch meine Offenheit von mir, dem Verstehenden, mit konstituiert. Erst so macht der Inhalt der Aussage Sinn für mich.

Und hier setzt Hartmut Rosa mit seinen Begriffen „Resonanz“ und „Unverfügbarkeit“ an. Beide Begriffe beziehen sich auf „meine“ Beziehung mit der Welt. Der Soziologe Hartmut Rosa interessiert dabei besonders dafür, wie diese Beziehung zwischen ich und Welt sich in der modernen Gesellschaft Stück für Stück verschoben hat. Nicht normativ gemeint, daber durchaus mit einem kulturpessimistischen Unterton schreibt Rosa in „Unverfügbarkeit“ (5. Auflage, Salzburg: 2019):

Nach meiner Lesart besteht die Kulturleistung der Moderne gerade darin, dass sie die menschliche Fähigkeit, Welt auf Distanz und in manipulative Reichweite zu bringen, nahezu perfektioniert zu haben. (37)

Dieser instrumentelle Weltbezug, welcher in Rosas Lesart bei dem idealtypisch umschriebenen modernen Menschen überwiegt, macht es eben diesem Menschen schwer(er), Resonanzerfahrungen zu machen. Erfahrungen von Resonanz beinhalten dabei eine Art von Zwiesprache zwischen mir und der Welt. Resonanz bedeutet: Eine Begegnung, ein Gespräch, ein Gegenstand, ein Bild: allgemein gesprochen: eine Welterfahrung spricht mich auf unvorhergesehene Weise an, berührt mich, entlockt mir eine Antwort und verändert mich (38ff.). Ich beginne zu hören auf Welt und beginne ihr zu antworten (40). Subjekt und Objekt beginnen miteinander zu kommunizieren; sie offenbaren ihr Wesen – Rosa würde diese essentialistische Kategorie nicht nutzen, Gadamer schon eher – ihr Wesen als resonante, kommunizierende Röhren. Nur vermeindlich sind Subjekt und Objekt/Welt unterscheidbar. ‚Je schon‘ stehen sie miteinander im Dialog.

Man kann die Bedingungen der Möglichkeit solcher resonanter Erfahrungen so beieinflussen, dass Resonanz wahrscheinlicher wird bzw. nicht von vorne herein verhindert wird. Letztlich bleiben solche Erfahrungen aber überraschend, unverfügbar. Sie stellen sich ein oder auch nicht. Unsere Versuche, diese Erfahrungen uns verfügbar zu machen – Rosa führt diverse Beispiele an – weist uns letztlich als die ohnmächtige Menschen aus, die wir trotz moderner Allmachtsphantasien geblieben sind. Resonanz entgegen bedarf der Unverfügbarkeit. In anderen Worten: Glück lässt sich nicht planen. Es stellt sich ein.

Resonanz ist also, wie die Horizontverschmelzung, eine Metapher für eine Erfahrung, in welcher sich die vermutete Kluft zwischen Subjekt und Welt schließt und die beiden Pole miteinander auf sinnvolle Weise miteinander zu kommunizieren beginnen. Beide Metaphern teilen auch eine gewisse Unschärfe miteinander (sonst wären sie ja auch keine Metaphern …). So schreibt Rosa von der  Resonanzerfahrung: „Wann immer wir mit der Welt in Resonanz treten, bleiben wir nicht diesselben. Resonanzerfahrungen verwandeln uns, und eben darin liegt die Erfahrung von Lebendigkeit“ (41). Ähnliche Formulierungen lassen sich bei Gadamer mit Bezug auf das Verstehen und das Verständnis finden. Man merkt, dass beide eine fundamentale Erfahrung ins Wort bringen möchte, die das menschliche Leben wert- und sinnvoll macht, die aber letztlich auch im begrifflichen Sinne unverfügbar bleibt. Rosa schreibt dazu:

Wir sind niemals fertig mit der begegnenden Welt, aber wir begegnen ihr oft und in zunehmenden Maße so, als wären wir es. (…) Das gilt sogar für das Nachdenken über Unverfügbarkeit. Tatsächlich fällt es mir nicht immer leicht zu erklären, wovon dieser Essay handelt. (114)

Was wir von der Wissenschaft, von der Bildung, von der Kirche, der Politik und Verwaltung usw. erwarten, sie mögen doch für Eindeutigkeit und Bestimmtheit, für Vorhersehbarkeit und Planbarkeit sorgen: Das ist die Falle des modernen Denkens, die, so Rosa, zu immer mehr Komplexität und destruktiver Unzugänglichkeit (vgl. 124ff.) führt. Es lebt nur, wer beim Verstehen der Welt und beim Kommunizieren mit der Welt offen ist für die Überraschung, die neue Erfahrung, die Unbestimmtheit, welche die Macht hat, das Leben zu verändern.