„Die Kirche ist keine Demokratie“ – über einen politisch-theologischen Fehlschluss

Das Statement „die Kirche ist eine Demokratie“ hört man immer wieder. Dazu lässt sich unter anderem sagen:

Als Tatsachenbehauptung ist das Statement korrekt. Ja, die (katholische) Kirche ist keine Demokratie. Sie gleicht eher einem konsultativen Absolutismus. Sie ist eine Herrschaftsform, die von der Satzung her streng hierarchisch geordnet ist, wobei die höheren Stellen (Bischöfe inkl. dem Papst) in ihrem Jurisdiktionsbereich umfassende, wenn nicht sogar unbeschränkte Macht besitzen. Die Ausübung dieser Macht wird durch verfasste Konsultationsorgane ohne Entscheidungsfunktion begleitet, aber nicht formal eingehegt bzw. kontrolliert. Diese Form der hierarchischen Herrschaftsausübung – auch dies gehört zur Tatsachenbehauptung zwingend dazu – ist geschichtlich gewachsen und hat im 19. Jahrhundert ihre bis heute gültige Form erhalten (vgl. Michael Seewald 2021: Dogmatische Versuche über die Demokratie als Organisationsprinzip der katholischen Kirche, in: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft, Jg. 62, Nr. 1, S. 27). 

Im Sinne eines Fehlschlusses wird diese Tatsachenbehauptung oft vermischt mit einer impliziten normativen Aussage. Es gilt also, dass die Kirche keine Demokratie im empirischen Sinne ist; hinzu kommt,  dass die Kirche im normativen Sinne auch keine Demokratie sein darf. So wie die Formalstruktur der Organisation zur Zeit empirisch aussieht, so ist sie auch normativ richtig; wird auf jeden Fall behauptet. Die Argumente, welche diese normative Aussage stützen sollen, können unterschiedlicher Natur sein: biblisch, systematisch, geschichtlich. In jedem Fall sind diese Argumente Anzeichen einer impliziten politischen Theologie bei jenen, die diese Argumente vorbringen: In die geschichtlich gewachsene und damit kontingente politische Verfasstheit einer Organisation werden Argumente hinein getragen, welche die höhere, absolute Natur dieser spezifischen Form von Organisation schlagkräftig begründen sollen. Es geht also auch um einen rhetorischen Schachzug im Gewand einer theologischen Argumentation. Oder anders ausgedrückt: Es handelt sich um einen politisch-theologischen Fehlschluss.

Wer sagt, die Kirche sei keine und dürfe auch keine Demokratie sein, dem unterläuft aber nicht nur dieser Fehlschluss. Diese Aussage ist auch empirisch betrachtet mehr als unscharf. In weiten Zügen ist die Kirche – rein synchron betrachtet – in der Tat ein konsultativer Absolutismus; doch diesem Absolutismus wird auch in der verfassten Organisation an entscheidenden Stellen eben von dieser Organisation nicht getraut! Das heißt: Die Kirche zweifelt an entscheidenden Punkten selbst an ihrer absolutistischen Organisationsform, und rekurriert auf das klassische demokratische Mittel einer (Mehrheits-) Wahl zur Entscheidungsfindung; freilich ohne dadurch zu einer Demokratie zu werden. Einige Beispiele:

  • der unfehlbar titulierte Papst wird in einem hoch formalisierten Akt von einer Gruppe von – zugegebenermaßen stark selektierten Personen – mit Mehrheitsprinzip gewählt;
  • die Entscheidungen auf einem kirchlichen Konzil werden ebenfalls mit Mehrheitsprinzip getroffen. Freilich wird hier so lange diskutiert und nach Kompromissen gerungen bis die Mehrheiten überwältigend sind und einen weitgehenden Konsens abbilden. Nichtsdestotrotz: es wird abgestimmt;
  • viele kirchliche Orden wählen mit großer Routine ihre Amtspersonen auf Zeit und unterziehen diese Amtspersonen auch regelmäßig einer strengen Kontrolle (vgl. zu den Dominikanern: Viliam Stefan Doci 2021: Demokratie – ein Kennzeichen des Dominikanerordens, in: Wort und Antwort. Dominikanische Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft, Jg. 62, Nr. 1, S. 6-11.)

In der Kirche gibt es also an wichtigen Nahtstellen Mechanismen der Willensbildung, die demokratische Züge tragen. Wie auch sonst will man in wichtigen „Augenblicken der Entscheidung“ den Willen dessen herausfinden, der nach Lehre der Kirche, die Kirche gestiftet hat? Dieser göttliche Wille ist aus den irdischen Ordnungsmustern nicht eindeutig herauszulesen. Man kann daher bspw. losen – keine allzu schlechte Option. Oder man greift nach dem klassisch demokratischen Mittel von Diskurs als dem Austausch der Argumente und Mehrheitsentscheid als dem Ausdruck von expliziter Willensbildung.

Kirche ist also nicht zwangsläufig eine Nicht-Demokratie. Die Organisationsform von Kirche ist nicht zufällig oder willkürlich; sie ist aber historisch-kontingent. Das heißt, man kann sich – mit guten biblischen, systematischen und historischen Argumenten – auch eine andere Organisationsform von Kirche vorstellen; eine Organisationsform, in welcher demokratische Handlungsprinzipien (Gleichheit, Mehrheit, Kontrolle, Normbindung, vgl. Michael Seewald, ebd., S. 30f.) eine wesentlich größere Rolle spielen, als sie dies in der katholischen Kirche derzeit tun. 

Zuletzt: Menschen, die normativ davon ausgehen, dass die Kirche keine Demokratie sein dürfe, vertreten letztlich ein defätistisches Demokratieverständnis. In diesem Verständnis ficht das demokratische Mehrheitsprinzip als eine Säule der demokratischen Ordnung einen ständigen Konflikt mit dem Wahrheitsprimat, das der Glaube kennt, aus. Die Wahrheit wird hier der Demokratie diametral gegenüber gestellt, was – die erwähnten Beispiele aus der kirchlichen Praxis zeigen es – in keiner Weise plausibel ist. Es gibt Wege und Mittel der Wahrheitsfindung, die bewusst auf demokratische Partizipation setzen und darin auch die Wege des Heiligen Geists erkennen lassen mögen; wie es dann so schön heißt. 

Fasten mit der fremden Feder

„Fremde Feder“ – ein Ausdruck dafür, dass jemand anderes zu Wort kommt. Nicht ich spreche. Eine andere Stimme ist zu hören. Ich selbst schweige. Ich halte mich zurück und höre zu, was andere zu sagen haben. Ich gebe der fremden Meinung Raum. So möchte ich es in den nächsten sieben Wochen bis Ostern halten. Ich gebe nicht eigene Gedanken zum Besten, sondern gebe hier wieder, was andere vorgedacht, vorgeschrieben, vorgedichtet, vorgelebt haben.  Die von mir ausgewählten Stimmen bringen natürlich auch etwas von mir selbst zur Darstellung. Ich wähle aus, was mich anspricht. Indirekt komme ich also doch zur Sprache. Aber eben nur das: indirekt. Und die indirekte Mitteilung schießt immer auch über das hinaus, was ich selbst ausdrücken könnte oder wollte.  Wer also bis Ostern sich immer wieder ein Zitat, einen poetischen Vers, einen Gedanken abholen möchte, der komme auf diese Seite zurück. Fremde Federn bereichern die Fastenzeit.

(Die neuesten Beiträge stehen jeweils an oberster Stelle.)

 

(31.3.2021)

„Im Herzen der dominikanischen Spiritualität liegt die Disziplin und Askese, selbst dann eins zu bleiben, wenn wir in unseren Meinungen nicht übereinstimmen. Wenn wir debattieren, müssen wir unsere Intelligenz und Vorstellungskraft nutzen, um zu verstehen, warum Brüder Meinungen vertreten, mit denen wir nicht übereinstimmen. Das verlangt intelligente Liebe: Wir lieben einen Bruder, indem wir versuchen zu verstehen, warum er eine andere Sicht hat; und wir versuchen zu verstehen, weil wir gerufen sind, einander zu lieben.“

(Timothy Radcliffe OP 2021: Die Spiritualität dominikanischer Ordensleitung, in: Wort und Antwort, Jg. 62, Nr. 1, S. 15)

 

(20.3.2021)

Herr, deine Lust, dass eins zum anderen passe,

Lust, eine Form, der anderen zuzuneigen:

Eichkaters Pfoten zu der Nuss, Schweins Zahn

zur Eichel, Spechts Hammerklang zum Stamm

und alle Worte zu dem Schweigen.“

(Uwe Kolbe 2017: Das Nährende, in: Psalmen, 67.)

 

(15.3.2021)

At the most basic level, no one decides to start talking. In a crucially important sense, language is not an invention, a way of solving a problem. The very idea of a problem to be solved assumes language. This is why it is difficult to theorise about the origins of language and why philosophers have often come to grief trying. The myth that language is something  revealed by the divine solves nothing, but it should be possible to see why it is attractive, when the alternative seems to chase its tail so frustratingly.“

(Rowan Williams 2003: Lost Icons. Reflections on Cultural Bereavement, London, 72.)

 

(12.3.2021)

Die Leute predigen auch heute noch die Ehe, auch wenn sie der Sexualität offiziell weniger Schranken auferlegen. Sie predigen die Ehe, und die Schriftsteller schreiben von der Unmöglichkeit der Liebe. Die Leute predigen von Partnerschaft und Gleichberechtigung und vergessen den alten Begriff des Verstehens. Verstehen als Grundlage möglicher Liebe.“

(Undine Gruenter 2004: Der verschlossene Garten, München, 174)

 

(2.3.2021)

Man kann, ohne Übertreibung fürchten zu müssen, behaupten, dass der Geist der Wahrheit vom religiösen Leben heutzutage beinahe abwesend ist. Das lässt sich unter anderem auch aus der Art der Argumente erkennen, die zugunsten des Christentums vorgebracht werden. Viele davon sind wie Reklame für Kräftigungspillen.“

(Simone Weil 2011: Die Verwurzelung, Zürich, 231)

 

(24.2.2021)

Zu laut ist die Rhetorik von Erfolg und Mißerfolg, von Sieg und Niederlage, von Wettbewerb und Ranglisten – und das auch dort, wo sie nichts zu suchen hat. Die Kultur, wie ich sie mir wünschte, wäre ein leisere Kultur, eine Kultur der Stille, in der die Dinge so eingerichtet wären, daß jedem geholfen würde, zu seiner eigenen Stimme zu finden.“

(Peter Bieri 2011: Wie wollen wir leben, München, 34)

 

(23.2.2021)

„Diesmal sei zur Einleitung nur ein Kleines über die Theologie des Alltags im allgemeinen zu sagen: Das erste ist dies: Solch eine Theologie (des Alltags, BC) darf nicht meinen, sie können den Alltag zum Feiertag machen. Laß ruhig den Alltag Alltags sein, sagt solche Theologie zuerst. (…) Das zweite aber ist dies: Die schlichte und ehrlich angenommene Alltäglichkeit birgt selber das ewige Wunder und das schweigende Geheimnis, das wir Gott und seine heimliche Gnade nennen, gerade dann, wenn sie Alltäglichkeit bleibt.“

(Karl Rahner 1965: Alltägliche Dinge, Einsiedeln, 7f.)

 

(21.2.2021)

„Perhabs/ We pirouette// Under the stars,/ Under the sun,// For a d,/ay,/ For a year,// Frenetically,/ Gravely;// And nothing then.“

(Pádraig J Daly from „Qoheleth“)

(17.2.2021)

Where shall the word be found, where will the word/ Resound? Not here, there is not enough silence/ Not on the sea or on the islands, not/ On the mainland, in the desert or the rain land/, For those who walk in darkness/ Both in the day time and in the night time/ The right trime and the right place are not here/ No place of grace for those who avoid the face/ No time to rejoice for those who walk among noise and deny the voice“

(T.S. Eliot „Ash Wednesday“)

(16.2.2021)

And it proves how remarkable a lesser light can be when a greater has departed. Here simply & naturally the moon presides- tis true she was eclipsed by the sun-but now she acquires an almost equal respect & worship by reflecting & representing him-with some new quality perchance added to his light-showing how original the disciple may be-who still in mid-day is seen though pale & cloud-like beside his master. Such is a worthy disciple-  In his masters presence he still is seen and preserves a distinct existence-and in his absence he reflects and represents him-not without adding some new quality to his light-not servile & never rival-  As the master withdraws himself the disciple who was a pale cloud before begins to emit a silvery light-acquiring at last a tinge of golden as the darkness deepens.“

(Henry David Thoreau, Journal, July 11, 1851)

 

Eine Politische Theologie der Demokratie: Besprechung von Luke Bretherton „Christ and the Common Life“

Die folgende Buchbesprechung erscheint in Kürze in der Dominikanischen Zeitschrift für Glauben und Gesellschaft „Wort und Antwort„.

Die politische Theologie gibt es inzwischen in vielen unterschiedlichen Gestalten und Ausprägungen. Es gibt sie ordnungspolitisch, befreiungstheologisch, in der Form einer öffentlichen Theologie, auch postmodern oder als Rekonstruktion vergangener religionspolitischer Konstellationen. Längst ist es für Einzelpersonen unmöglich geworden, die vielen Neuerscheinungen wahrzunehmen, die sich Jahr für Jahr den unterschiedlichen Aspekten der politischen Theologie widmen. Die politische Theologie ist eine Forschungsdisziplin wie jede andere auch. Bei dieser „Politischen Theologie“ handelt es sich freilich um eine akademische Disziplin mit einer ausgeprägt fiebrigen Diskussionskultur!


Luke Bretherton, Professor für theologische Ethik an der US-amerikanischen Duke University, legt nun eine umfangreiche Studie vor, die auf besonders anregende Weise zweierlei versucht: Zum einen informiert Bretherton gekonnt über den Stand der Forschung auf dem weiten Feld der Politischen Theologie. Beeindruckend ist die Breite der politisch-theologischen Traditionsstränge, die der Autor zusammenführt, z.T. auch aus eigenen Publikationen früheren Datums. Im rekonstruktiven Teil der Arbeit („Case Studies) treffen „Black Power“-Bewegung auf Katholische Soziallehre, anglikanisches Denken auf pfingstkirchliche Aufbrüche. Im systematischen Teil („Sustaining/Forming a Common Life“) werden Fragen der Wirtschaft, des Klassendenkens und der Gemeinwohlorientierung ebenso behandelt wie die Säkularisierungsdebatte, der Gedanke der christlichen Gastfreundschaft und der kontrovers diskutierte Souveränitätsbegriff. Brethertons Studie beweist eindrucksvoll, dass das politisch-theologische Nachdenken vor kaum einem Politikfeld Halt macht. Ihm gelingt ebenso – wenn auch nicht an jeder Stelle in gleicher Gründlichkeit und Tiefe – eine Gesamtschau auf die Politische Theologie als Disziplin.


Als Leser bekommt man dabei nicht das Gefühl vermittelt, dass Bretherton politisch-theologische Gehalte in die jeweiligen Felder bzw. Diskurse nur hineinliest. Hier macht sich nämlich Brethertons zweites, dezidiert normatives Anliegen bemerkbar: Seine Darstellung der politisch-theologischen Fragestellungen und Diskussionsstränge verfolgt das Ziel, die christliche Theologie als eine Motivationsgrundlage für das demokratische Leben herauszustellen. Es geht um die Frage „why Christians should be committed to democracy as a vital means for pursuing a flourishing life“ (1). Dabei identifiziert der politische Theologe Bretherton als eine wichtige demokratische Tugend das Hören bzw. das Aufeinanderhören („listening“). Er schreibt: „In a democracy, wisdom is not seen to rest with the one or the few or even with the many. It is discerned by listening to the whole, so finding it needs everyone’s contribution.“ (430).


Wenn Bretherton auch mehrmals betont, dass auch die Demokratie einem eschatologischen Vorbehalt unterliegt (389 bzw. 413) und nie nach Perfektion streben soll, so ist er dennoch davon überzeugt, dass ein gemeinwohlorientiertes demokratisches Handeln dem christlichen Glauben in großem Maße entspricht. Ausweisen lässt sich dies, so Bretherton, auch mit Hilfe der systematischen Traktate christlicher Theologie, die man auf eine politische Theologie des guten Lebens anwenden kann: die Pneumatologie, die Christologie und immer wieder auch: die Eschatologie. Dabei gehen theologische Reflexion und geistliche Haltung bei „Christ and the Common Life“ Hand in Hand. Politische Theologie ist hier also ein durch und durch affirmatives, spirituell grundiertes Projekt. In Brethertons Worten: „Political theology, as I see it, is an interpretive art for discovering faithful, hopeful, and loving judgements about how to act together in response to shared problems“ (6).

Bretherton schlägt mitunter einen Ton an, der im hiesigen Diskussionskontext irritiert. Wenn er z.B. aus biblischen und historischen Praktiken des Exorzismus einen befreiungstheologischen Impetus der politischen Theologie ableitet (107ff.), dann ist das eine auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig Denkfigur. Gleichzeitig entlarvt Bretherton auf diese Weise kulturell eingeengte Lesarten einer inzwischen deutlich global und plural aufgestellten Denktradition. Der Chor der politischen bzw. politisierenden Theolog_innen und – umgekehrt auch – der theologisierenden Politikwissenschaftler_innen ist inzwischen vielstimmig geworden. Diese Stimmen bedienen sich auch ganz unterschiedlicher sprachlicher und rhetorischer Jargons, von wissenschaftlich bis spirituell, von rational bis emotional. Bretherton nimmt hier eine Mittelstellung ein.


Wenn man also weiß, dass Bretherton ein ausgeprägt christlich-theologisches Anliegen verfolgt, dann kann man seinen Band durchaus als eine allgemeine Einführung in die Politische Theologie lesen. Bei „Christ and the Common Life“ bestätigt sich aber auch der Eindruck, dass man über politische Theologie kaum schreiben kann ohne selbst politische Theologie zu treiben.

 

Luke Bretherton, Christ and the Common Life. Political Theology and the Case for Democracy, William B. Eerdmans, Grand Rapids 2019, 522S., € 38,-

Vom Geruch des Lesens und der Sehnsucht nach den Büchern

Der unten stehende Tweet aus einer komplett unromantischen, aber mir lieb gewordenen Bibliothek weckte in mir die Sehnsucht: nach der Haptik von Büchern und dem Geruch des Lesens.

Diese Sehnsucht resultierte in einem spontanen poetischen Blitzlicht als Antwort auf besagten Tweet. In der Hoffnung, dass sich bald wieder die Tore – und zwar nicht nur die digitalen – unserer Büchereien und Bibliotheken öffnen!

Was ist anekdotisches Wissen und wozu kann es dienen?

Das anekdotisches Wissen hat in der Wissenschaft einen schlechten Ruf. Und es findet dennoch dauernd Anwendung.

Als „anekdotische Evidenz“ wird das anekdotisches Wissen in dem entsprechenden Eintrag von Wikipedia bezeichnet. Der Eintrag gibt wertvolle Hinweise hinsichtlich der Struktur solchen Wissens:

Anekdotisches Wissen unterliegt einer gewissen Informalität und Alltagsnähe. Es ist nicht abgesichert, unterliegt keiner formalen, geregelten Argumentation oder basiert nicht auf einer statistischen bzw. empirischen Erhebung. Das anekdotische Wissen wird auch nicht systematisch dokumentiert und nachgehalten.  Anekdotisches Wissen zeichnet sich also durch das aus, was es nicht ist: systematisches Wissen. Das anekdotische Wissen kann zudem gegen dieses systematische Wissen in Stellung gebracht werden. Es gibt zwischen den beiden aber keine Gegnerschaft per se. Systematisches Wissen in seiner empirischen Gestalt enthält auch Anekdoten; enthält deren aber viele und bringt diese vielen Anekdoten miteinander in Beziehung. Systematisches Wissen in seiner theoretischen Gestalt ist da schon weiter weg von der anekdotischen Evidenz; in der wissenschaftlichen Praxis wird die Anekdote aber gerne als Ausweis der Relevanz von Theorien genutzt.

Anekdotisches Wissen und Wissenschaft schließen sich also nicht aus. Das anekdotische Wissen begegnet einem gerade bei mündlich vorgetragenen, mit Spontanität behafteten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dann nämlich muss die vortragende Person hemdsärmelig und schnell antworten, kann nicht lange nach empirisch validen Daten suchen oder Statistiken aus dem Hut ziehen. Dann gilt die eigene Anschauung bzw. Erfahrung plötzlich als ein unterstützendes Moment im wissenschaftlichen Gespräch. Die Anekdote – meine konkrete, aber ungesicherte Erfahrung – soll dann beispielhaft gelten für die These oder Theorie, die ich damit untermauern möchte. Nicht im Sinne eines Fallbeispiels, was schon wieder einen hohen Grad der systematischen Forschung bedeuten würde. Aber durchaus im Sinne eines Beispiels mit – zugebenermaßen – begrenzter argumentativer Reichweite. Das geht, wie gesagt, in mündlichen Beiträgen; in Aufsätzen und Büchern ist diese Art des en passant geäußerten Arguments eher weniger gern gesehen.

Das anekdotische Wissen kann – sehr produktiv – auch auf ein Forschungsdesiderat hinweisen. Quasi zeichenhaft hat man eine erste Ahnung davon, was die eigene Hypothese praktisch bedeuten könnte bzw. wo sie sich in der Wirklichkeit zeigen bzw. als wahr offenbaren könnte: „Vor drei Wochen war ich einen ganzen Tag alleine im Wald spazieren. Da habe am eigenen Leib erfahren, dass mir Stille gut tut; eine systematisch abgesicherte Aussage aber, ob Stille dem Menschen an sich gut tut, steht noch aus.“ Es wird auf dem Weg des anekdotisch vorgetragenen Wissens also eine Hypothese in den Raum gestellt, deren Vorläufigkeit gleich mit unterstrichen wird, verbunden mit dem Appell an die community, hier doch weiter zu forschen. Denn das Zeichen der Anekdote könnte einen wichtigen Weg weisen.

 

Der Augenblick: Phänomen und Fetisch

Immer wieder wird das Interesse am Augenblick geweckt. Das Phänomen des Augenblicks regt offenbar die Geister an, die konservativen wie die poststrukturalistischen. Im Augenblick vermutet man die Kraft zur Umwältzung, das revolutionäre Potential oder einfach nur ein rätselhaftes Konundrum. Der Augenblick ist die Zeit der Epiphanie, der Elevation, der Offenbarung, der Konversion oder auch das herausragende ästhetische Moment, der absolute Nullpunkt und Uranfang. Vorbildlich werden die verschiedenen Dimensionen des Augenblicks und des Zeitpunktes in einem Sammelband aus dem Jahr 1984 besprochen:  Augenblick und Zeitpunkt. Studien zur Zeitstruktur und Zeitmetaphorik in Kunst und Wissenschaften, Darmstadt, hrsg. von Christan W. Thomsen & Hans Holländer).

Dabei ist die Beschäftigung mit dem Augenblick nicht ungefährlich. Das Phänomen des Augenblicks mit seinen mal philosophischen, mal theologischen Tiefenschichten verführt den Betrachter dazu, aus einem Phänomen der Beobachtung einen Fetisch der Vergötzung zu machen. Aus dem Gesprächsstoff wird so ein Gegenstand, dem eine höhere Kraft und Macht zugeschrieben wird. Man starrt solange auf den Augenblick bis er sich in ein durch und durch geheimnisvolles Wesen mit reichlich intellektuellem Eigenleben verwandelt. Der Autor dieser Zeilen ist sich dieser Gefahr bewusst, da er selbst im Rahmen einer längeren Studie dem Augenblick der Entscheidung auf die Spur – man könnte auch sagen: auf den Leim – gegangen ist.

Mit großem Interesse las dieser gleiche Autor in den letzten Tagen das kleine Büchlein von Malte Oppermann mit dem Titel Der Augenblick (Karolinger 2020), welchem die Wochenzeitung „Die Zeit“ eine positive Besprechung widmete. Malte Oppermann vollzieht in seinen kurzen philosophischen Meditiationen Tiefenbohrungen, um den Augenblick in dessen quantitativen und qualitativen Schattierungen zu entschlüsseln, freilich unter der gleich zu Anfang zitierten Qualifizierung, dass der Augenblick an sich kaum zu entschlüsseln ist. Gleich zu Beginn schreibt Oppermann daher von der „Ungreifbarkeit und Widersprüchlichkeit“ (9) des Augenblicks. Gleichzeitig gesteht Oppermann dem Augenblick zu „eine Metapher für die Fülle der unmittelbaren Gegenwart“ (11) zu sein. Beim Augenblick handelt es sich also, das ist festzuhalten, um eine Metapher, um ein Sprachspiel, das ein beobachtetes Phänomen oder auch einen Gemütszustand auf den sprachlichen Punkt bringen möchte. Gibt es überhaupt den Augenblick an sich?

Oppermann ist aber nicht nur metaphorisch unterwegs, sondern mitunter auch durch und durch essentiell. Über den Augenblick sagt er zum Beispiel: „Die Fülle der Gegenwart liegt in ihrer Einmaligkeit“ (ebd.). Da ist er dann auch schon: der Augenblick, der Anstalten macht, vom Phänomen zum Fetisch zu werden. Dabei hat das Sprachspiel der „Fülle“ mit Blick auf das Phänomen Augenblick durchaus Tradition. Die Erfahrung der Fülle oder auch der gefühlten „Vollendung“ (23) ist im menschlichen Empfinden immer nur vorübergehender Natur. Die Erfahrung der Fülle ist ein Versprechen. In ihr drückt sich eine Hoffnung aus, dass die Dinge gut werden. Er ist also vergänglich, dieser Augenblick der Fülle. Er kommt, zieht vorüber und verschwindet wieder in einer „unendlichen Mannigfaltigkeit“ (13).

Aus dieser Vergänglichkeit versucht Oppermann aber den Augenblick zu retten, indem er dessen „Einmaligkeit“ (38) und „Individualität“ (36) betont . In Spannung dazu steht, dass die Erinnerung an den Augenblick der Fülle, die Erfahrung auch, dass sich der vollendete Moment durchaus wiederholen kann. Gibt es nicht eine Wiederholung des Augenblicks, die natürlich nichts gemein hat mit einer fabrizierten Reproduktion von Fülle und Vollendung? Freunde des Augenblicks werden hier – evtl. in Rückgriff auf Kierkegaard – sogleich Einspruch erheben. Doch – zum Glück – stellt sich die Fülle nicht nur einmal im Leben ein.

Ein Augenblick kommt selten allein. Er ist eingebettet als fast zufälliger Beobachtungspunkt in ein Geflecht der kontinuierlichen Abläufe und Prozesse. Viele, ungezählte Augenblicke, Akte, Sprachbilder, Gesten formen die Geschichte aus. Ja, wir nehmen ab und an einzelne Augenblicke besonders wahr. Sonst existieren wir aber fröhlich in einem Kontinuum der Gegenwart. Oppermann weiß das: „Stets ist nur ein winziger Ausschnitt des Geschehens Gegenwart. Trotzdem zerspringt die zeitliche Existenz nicht in einzelne Augenblickssplitter“ (26). Ganzheit kann man diese Erfahrung mit Oppermann nennen; muss diese Erfahrung aber gleich eine „verborgene Ganzheit“ (26) sein? Geht es manchmal nicht vielleicht auch ohne Mysterium und Geheimnistuerei? Da ist er wieder: der Augenblick als Fetisch.

Unbestreitbar regen Oppermanns Meditationen an. Sie schreiten aber auch haarscharf am Grad der Fetischisierung des Augenblicks entlang. Hier und da schlittert der Tonfall ins Geraune ab. Spätestens seit Augustinus bekannter Bestimmung von Zeit („Was ist also Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemanden auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“) weiß man, dass es schwer ist, über die Zeit und das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schreiben, ohne dabei viele Fragen zu stellen. Vielleicht ist das Fragen auch die beste Weise, dem Phänomen des Augenblicks beizukommen ohne es zu fetischisieren.

 

Ein geistlicher Jahresrückblick. Rowan Williams über Glaube, Hoffnung und Liebe in Zeiten der Pandemie.

Was hat das Jahr 2020 in spiritueller Hinsicht geprägt?

Man könnte nun erstens einen Blick auf das werfen, was in Zeiten der Pandemie geistlich oft nicht möglich war: das Osterfest und – an vielen Orten auch das Weihnachtsfest – ohne öffentliche Präsenzgottesdienste, der Ausfall vieler Begegnungen, Feierlichkeiten, Bildungsveranstaltungen, fehlende Beratungen und Hilfen, finanzielle Einbrüche bei den Einrichtungen, die Glaube, Hoffnung, Liebe in die Welt hinaus tragen möchten. Diesen ersten Blick möchte ich den „Wirklichkeit als Mangel“ – Blick nennen. Um die gewaltigen Verwerfungen wahrzunehmen, welche die Pandemie auch in spiritueller Hinsicht schon verursacht hat, ist dieser Art ‚realistische‘ Wirklichkeitswahrnehmung wichtig.

Es gibt aber auch einen zweiten, anders gerichteten Blick. Diesen möchte „Wirklichkeit als Überfluss“ – Blick nennen. Wirklichkeit fließt – trotz allem – über mit guten Erfahrungen, Beziehungen, Augenblicken von Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Da ist die erhöhte Wahrnehmung  zu nennen, die Menschen für das Leben der Natur im Laufe des Jahres entwickelt haben. Da ist die Aufmerksamkeit zu nennen, die Menschen anderen Menschen selbstlos zeigten und zeigen, sicherlich noch befeuert durch eine Erfahrung akuter Körperlosigkeit in vielen unseren Beziehungen. Da ist die Kreativität  zu nennen, die in den Glaubensgemeinschaften aufgebrochen ist, um die Weiterverbreitung von Glaube, Hoffnung und Liebe unter veränderten Vorzeichen zu ermöglichen.

Wer die Wirklicheit nur als Mangel wahrnimmt, verfällt leicht in eine Rhetorik des Untergangs, des Dammbruchs, des Niedergangs. Wer die Wirklichkeit nur als Überfluss liest, wird eine allzu rosiges Bild von der Realität malen. Unser Realitätssinn muss – um ins Handeln zu kommen – den Sensus für beides haben: Wo erfahren wir Mangel in der Wirklichkeit und wie können wir diesem Mangel begegnen? Wo gibt es aber auch ein Überfließen von Wahrheit in der Wirklichkeit zu entdecken und wie können wir sicherstellen, dass möglichst Viele an diesem Überfluss teilhaben?

In seinem kleinen 2020 geschriebenen und soeben veröffentlichen Büchlein unter dem etwas gefühligen Titel „Candles in the Dark“ wirft Rowan Williams einen geistlichen Rückblick auf dieses Jahr der Pandemie. Er macht sich auf die Suche nach – wie es der Untertitel ausspricht – „Faith, hope and love in a time of pandemic“. Die 26 kurzen Meditationen  sind von März bis September im Rahmen einer Andachtsreihe entstanden, die Rowan Williams für eine Kirchengemeinde schrieb. Die Andachten haben daher einen deutlichen Zeitkern; gerade deshalb funktioniert der Band so gut als geistlicher Jahresrückblick 2020. Themen wie der Protest gegen historische Statuen im öffentlichen Raum, das Chaos beim diesjährigen universitären Zulassungsverfahren britischer Universitäten, Diskussionen um das Lied „Rule Britannia!“ und immer wieder die Pandemie – das Maskentragen, die digitalen Gottesdienste usw. – werden Williams zum Anlass für kurze, in sich abgeschlossene Betrachtungen mit zum Teil erhellenden geistlichen Wendungen.

Ja, das Jahr war von der Pandemie geprägt; wer aber genau hinschaut, der entdeckt in der Wirklichkeit trotz der offensichtlich „großen Erzählung“ eine Vielfalt anderer, relevanter Begebenheiten. Rowan Williams schaut also genau hin. Die deutsche Leserin würde im Rückblick sicherlich auch auf andere Begebenheiten von Belang stoßen. Williams Buch hat also nicht nur einen Zeitkern, sondern auch einen (kulturellen) Kontextkern. Gerade das aber ist die Spitze: Die Schule der Aufmerksamkeit ist eine Schule des Blicks für das, was hier und jetzt, in Raum und Zeit an Wirklichkeit und Wahrheit sich zeigt. Im konkreten Alltag – auch politisch, gesellschaftlich, religiös, kulturell, wirtschaftlich –  ereignen sich öfters als erwartet Epiphanien, Augenblicke der Offenbarung. Diesen Offenbarungen ist Rowan Williams mit seinen kurzen Texten auf der Spur.

Die Markierungen des liturgischen Kirchenjahres – Ostern, Corpus Christi, Festtage der Heilige & Märtyrern – tauchen bei Candles in the Dark neben tagespolitischen Ereignissen in großer Regelmäßigkeit auf. Darin offenbart sich Williams spirituelle Prägung, die reformatorische, katholische und auch orthodoxe Einflüsse aufzeigt. Darüber hinaus wird einem aber auch klar, was für einen Schatz das liturgische Kirchenjahr darstellt. Es rhythmisiert das Leben von Außen, was gerade in dem zu Ende gehenden Jahr als Segen erfahren werden konnte. Auch wendet das liturgische Jahr immer wieder den Blick von einem selbst, von der eigenen Situation weg, hin zu einem größeren Rahmen, wenn man so will: hin zu einer noch größeren Erzählung, einer Art Geschichte noch größerer Aufmerksamkeit und Zugewandtheit. Der Gedenktag des heiligen – aber weitgehend unbekannten – Matthias motiviert Williams bspw. zu einem Lob der unscheinbaren, vertrauensvollen Zeitgenossenschaft, einer „undramatic routine of kindness“ (26), die Rowan Williams an allen Ecken und Enden in diesem Jahr feststellen konnte. Und das Fest der Verklärung Christi am 6. August – engl. transfiguration – das in diesem Jahr gleichzeitig der 75. Gedenktag des Atombombenabwurfs von Hiroshima war, führt Williams zu dem Gedanken: „We can turn from greedy self-interest, we can say no to the glamour of violence and domination, we can listen to God’s Son and follow his way of hope-full vulnerability“ (69). Im Verlauf eines Jahres begegnen einem also andauerend Anlässe, die einladen, über das eigene Leben und das Leben unserer Gesellschaft nachzudenken.

Überhaupt bedeutet „spirituell“ bei Williams nicht „individuell“. Es geht nicht um die Vervollkommnung persönlicher Heiligkeit. Es geht um eine Dezentrierung des persönlichen Blicks auf Wirklichkeit und Wahrheit, damit sich mit mir auch mein Umfeld verändern kann. Die Pandemie hat persönlich wie gesellschaftlich zu einer großen Verunsicherung geführt, eine Verunsicherung, die sich aus einer geteilten Erfahrung von Verwundbarkeit speist. Diese individuelle und kollektive Verunsicherung kann nur auf dem Weg der gesellschaftlichen und globalen Solidarität überwunden werden. Es gibt in dieser Wirklichkeit und Wahrheit etwas für uns alle zu entdecken, und zwar, so Rowan Williams, „the possibility of discovering real community on the far side of recognizing a vulnerability in which we’re all involved“ (95). Die Erfahrung von Schwäche und Verwundbarkeit leitet über nicht in Egoismus, sondern in eine Praxis der Solidarität und Gemeinschaft.

Wirklichkeit und Wahrheit: Aus der Sicht eines christlichen Autors wie Rowan Williams sind sie keine abstrakten Größen. Vielmehr steht uns im Rückblick auf ein dunkles Jahr eine freilich schwierige Möglichkeit offen: Die Wirklichkeit und Wahrheit des gewachsenen Glaubens, der weiter reichenden Hoffnung und der heller scheinenden Liebe wahrzunehmen. So kann man 2020 auch abschließen, die prägende Kraft des vergangenen Jahres anerkennen, aber auch weitergehen in Vertrauen, denn: „We have learned; we have grown. The past is never over, but it is not everything“ (89).